Das Anthropozän – von der Umwelt zur Unswelt

Ein Anthropozentriker unterscheidet sich von einem “Anthropozäniker” zwar sprachlich nur durch wenige Buchstaben, inhaltlich jedoch gewaltig. Ich bin überzeugt davon, dass wir vom Dualismus (gute) Natur versus (böser) Mensch (samt seiner Technik und Kultur) wegkommen und statt dessen den Menschen und seine Aktivitäten als Teil der Natur verstehen lernen müssen. Daraus darf jedoch keine Rechtfertigung für das bisherige Handeln der Menschheit abgeleitet werden, sondern ganz im Gegenteil ein überaus hohes Verantwortungsbewusstsein für jeden einzelnen von uns.

Die umfassenden menschengemachten Veränderungen dieser Erde im bisherigen Teil des Anthropozäns zeigen uns, dass der Mensch zu einem wesentlichen Erdsystem-Faktor geworden ist. Nun liegt es an uns, diesen enormen Einfluss auf die Natur ins Positive zu drehen und wissensbasiert, gesellschaftlich legitimiert und nachjustierbar in verantwortungsvoller Weise die Welt zukunftsfähig zu gestalten. Mit anderen Worten: es liegt an uns, ob das Anthropozän nur einen geologischen Event markiert oder zu einer erdgeschichtlichen Zeiteinheit werden kann.

Ich freue mich, von nun an bei den Wissenslogs mitzumachen. In diesem Blog soll es um ganz verschiedenen Aspekte des Anthropozäns gehen – also um die “Unswelt” (“Us world”) anstelle von Umwelt (“surrounding world”, environment). Daher sind die Wechselwirkungen zwischen Natur, Kultur, Technik und Gesellschaft von herausragender Bedeutung, aber auch deren bisherige Entwicklung und mögliche nachhaltige zukünftige Gestaltung. Insgesamt geht es den in den Startlöchern stehenden Anthropozän-Wissenschaften darum, von der Vergangenheit,  der Gegenwart und  der Zukunft (bzw. den Zukunftsszenarien) gleichermaßen zu lernen und daraus Lehren zu ziehen. Von besonderer Bedeutung sind hierbei unterschiedliche Skalen, keine einzelne ist allein als Wissensgrundlage ausreichend, in ihrer Kombination ist aber Wissen aus den Archiven der Erdgeschichte, der Menschengeschichte, der Kultur- und Technikgeschichte, aber auch der Geschichte jedes einzelnen von großer Relevanz für die verantwortliche Gestaltung des Anthropozäns.
Dieser Blog wird auch für Gastautoren zum Anthropozän geöffnet sein.

Da das Anthropozän seit einiger Zeit in aller Munde ist, soll hier keine eigene Einführung gegeben werden. Wer sich einlesen möchte, mag dies über einige der nachfolgenden Links tun:

Einiges aus der Feder des Blogautors

Ich freue mich auf Ihr Interesse und Ihre Kommentare

Reinhold Leinfelder

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat:

    Ich bin überzeugt davon, dass wir vom Dualismus (gute) Natur versus (böser) Mensch (samt seiner Technik und Kultur) wegkommen und statt dessen den Menschen und seine Aktivitäten als Teil der Natur verstehen lernen müssen. 

    Das klingt vielversprechend. Dann mal los… 🙂

  2. Ist der Mensch dem Anthropozän gewachsen

    ? Vorerst wohl nicht. Er wurde hineingestossen. Wie ein Neugeborenes in die Welt gestossen wird.

  3. Oberflächengrammtik

    @ Reinhold Leinfelder schrieb:

    “Ich bin überzeugt davon, dass wir vom Dualismus (gute) Natur versus (böser) Mensch (samt seiner Technik und Kultur) wegkommen und statt dessen den Menschen und seine Aktivitäten als Teil der Natur verstehen lernen müssen.”

    In biologischen Fachbeiträgen taucht der Begriff “Natur” ja heute bekanntlich maximal noch im Vor- oder Nachwort auf. Würde mich interessieren, mit welchen Naturbegriff Sie eigentlich arbeiten, wenn Sie schreiben, dass ‘Menschen und seine Aktivitäten Teil der Natur sind’.

    Früher wurde Ihr Credo in naturschützerischen Publikationen übrigens wie folgt fortgeführt:

    “Der Mensch ist Teil der Natur, von der er lebt”!?!?

    Ich habe das immer Geschwafel auf Ebene der Oberflächengrammatik der Begriffe genannt.

  4. Anthropozän

    Ich muss gestehen, dass mir das Wort noch nicht bewusst begegnet ist, und das, obwohl ich dachte, die Biologie-Sektion von Nature jede Woche ganz besonders aufmerksam zu lesen. 😉

    Mir ist nicht ganz klar, inwiefern der Begriff etwas völlig Neues beschreibt oder z.B. auch an ältere ökologische Ideen anknüpft, die dem Menschen eine bestimmte Verantwortung im System der Natur einräumen.

    es liegt an uns, ob das Anthropozän nur einen geologischen Event markiert oder zu einer erdgeschichtlichen Zeiteinheit werden kann.

    Philosophische Nachfrage: Was genau wären denn die Unterscheidungskriterien dieser beiden Alternativen?

  5. Geologisches Event oder Zeitabschnitt

    @Stefan Schleim: Ich interpretiere den Abschnitt
    Nun liegt es an uns, diesen enormen Einfluss auf die Natur ins Positive zu drehen und wissensbasiert, gesellschaftlich legitimiert und nachjustierbar in verantwortungsvoller Weise die Welt zukunftsfähig zu gestalten. Mit anderen Worten: es liegt an uns, ob das Anthropozän nur einen geologischen Event markiert oder zu einer erdgeschichtlichen Zeiteinheit werden kann.
    folgendermassen: Es liegt an uns das Anthropozän zu einem einmaligen Ereignis oder zu einem längeren Zeitabschnitt zu machen. Ein Ereignis vergleichbar mit einem Impact eines Asteroiden/Meteoriten wäre das Anhropozän, wenn die menschliche Zivilisation und damit der Einfluss des Menschen auf die Erde schon bald verschwinden würde, weil wir uns selbst das Grab schaufeln. Es liegt ein gewisser trockener, versteckter Humor hinter dieser Formulierung, wenn man es so interpretiert wie ich.

  6. @Martin Holzherr: Ich stimme Ihrer Interpretation zu.

    Aber @Stephan Schleim fragt als filosoof. Von daher: Wenn das Anthropozän ein kurzes geologisches Event bleibt (wegen Selbstauslöschung der Menschen), dann haben sich auch die “Erdzeitalter” erledigt.

    @Leinfelder:

    Da das Anthropozän seit einiger Zeit in aller Munde ist, …

    In meinem Munde war es bislang nicht. Aber offenbar ist man ja bereits dabei, eine Art neue Wissenschaftsdisziplin, die Anthropozän-Wissenschaft(en), zu installieren. Why not?

  7. @ alle: vielen Dank für Ihr Interesse und die vielen Kommentare!

    @ Balanus: Ja, das Thema möchte ich gerne weiter ausbauen. Die Wirtschaft muss in Kategorien wie industrieller Metabolismus denken bzw. die systemischen Auswirkungen des Wirtschaftens besser mitdenken und mitbepreisen.

    @ Martin Holzherr: ja, gut auf den Punkt gebracht 😉 Wir müssen also von einem durch uns “geschehenen” zu einem von uns wissensbasiert gestalteten, nachhaltigen Anthropozän kommen. Dazu demnächst (hoffentlich) mehr.
    Welchen geologischen Abdruck die “Menschenzeit” hinterlassen könnte, ist übrigens in dem lesenswerten Buch von Jan Zalasiewicz gut beschrieben: “Die Erde nach uns: Der Mensch als Fossil der fernen Zukunft” (podcast interview des Verlags mit Jan siehe hier http://www.youtube.com/watch?v=BG1yZ8Gg-eE ) oder Auch Curt Stagers Buch: Deep Future: the Nest 100.000 Years of Life on Earth.

    @ Geomann (siehe auch Replik @Balanus).
    Mensch als Teil der Natur, als Erdsystemfaktor. Ja, das ist der Kern des Anthropozän-Konzepts. Die Zahlen sprechen für sich: nur noch 23% des eisfreien Festlands echte Wildnis, 50% des Süßwassers durch Menschen genutzt, Atmosphäre anthropogen verändert, Staudämme und Flussregulierungen haben natürlich Filtersysteme und Sedimentationsmuster verändert, der Mensch verfrachtet 30x mehr Gestein und Sediment, als es natürlichen Prozessen entspricht, die Aussterberate ist vermutlich 100-1000x höher als in den normalen Zeiten des Phanerozoikums (also ohne Aussterbeevents). Es ist wichtig zu verstehen, welchen Einfluss wir tatsächlich haben, das müsste doch wissensbasiert auch zum positiven wendbar sein, so der Ansatz. Also, Anthropozän-Ansatz bzgl. Umwelt: kein biozentrischer Ansatz, kein anthropozentrischer Ansatz, sondern eben ein anthropozäner Ansatz, mit einem Selbstverständnis, in welcher Weise wir mit der Natur verknüpft sind, bzw. eben Teil von dieser sind.

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