Sebastian Bartoschek – Verschwörungstheorien – eine empirische Grundlagenarbeit (Rezension)

Als ich Ende letzten Jahres ein kleines Wattpad-Projekt zu Verschwörungstheorien startete, stellte ich etwas frustriert fest, dass es empirische – datengestützte – Arbeiten dazu fast nur im englischsprachigen Raum gab. Auf Deutsch gab und gibt es dazu zwar jede Menge Texte und Gedanken sowie auch historische Untersuchungen, aber leider sehr wenige psychologische Studien. Die Ehre seiner Zunft rettete da der Psychologe Sebastian Bartoschek mit seiner Doktorarbeit zum Thema „Bekanntheit und Zustimmung zu Verschwörungstheorien – eine empirische Grundlagenarbeit“. Also bestellte ich diese gleich vor – und wurde nicht enttäuscht.

BartoschekVerschwoerungstheorien

Bartoscheks Arbeitsmaterial sind 1. sein breites Wissen über populäre Verschwörungstheorien (VTn), nicht zuletzt aufgrund seines jahrelangen Engagements bei GWUP und anderen Skeptiker-Bünden, 2. die Kenntnis bestehender, psychologischer VT-Theorien von Graumann & Mosovici (1987) über Thomas Grüter (2006) bis zu Whitson & Galitsky (2008) – und schließlich vor allem 3. ein ausführlicher (und in Testversionen vorbereiteter) Fragebogen, mit dem Bartoschek die Kenntnis und Zustimmung zu VTn mit anderen Faktoren in Beziehung setzen konnte. Letztlich konnte der Psychologe für seine Arbeit auf über 1.500 Antworten zurückgreifen.

Hohe Fachlichkeit

Die Arbeit von Bartoschek erfüllt die deutschen Standards von Wissenschaftlichkeit – ist also sehr kompliziert verfasst und ohne Grundkenntnisse in Psychologie und Statistik kaum zu verstehen. Dafür zieht der Autor sein Programm aber auch gnadenlos durch und hat bis zum Ende kein Problem damit, Hypothesen für gescheitert zu erklären oder „Probleme“ bei Fragenformulierungen oder Stichprobenauswahl einzuräumen.

In der Summe…

…kommt Bartoschek zu fünf Faktoren, die mit durchschnittlich (signifikant) erhöhtem Glauben an VTn einhergehen:

1. Politischer Extremismus

2. Religiosität

3. Jüngeres Alter

4. Formal geringere Bildung

5. Weibliches Geschlecht

In der Summe ergibt sich so eine deutliche Unterscheidungung zwischen (häufiger männlichen & religiös-weltanschaulich skeptischen) „Kennern“ von VTn einerseits sowie von (häufiger weiblichen & auch religiös gläubigen) „Zustimmenden“ zu VTn. Dies läßt ihn vermuten, dass Religiosität & Verschwörungsglaube gemeinsame, evolutionäre Ursachen – wie die Bedürfnisse nach Mustererkennung, Sinn- und Strukturstiftung – haben könnten (vgl. Grüter auf scilogs). Spannende Befunde ergeben sich auch daraus, dass Bartoschek die Zustimmung zu VTn nicht einfach mit Ja-Nein-Fragen abruft, sondern den Befragten die Möglichkeit von Wahrscheinlichkeiten gab. So konnte er im Vergleich zu „groberen“ Umfragewerten aufzeigen, dass Befragte im Sinne „sozialer Erwünschtheit“ dann stärker mit „Ja“ antworteten, wenn die jeweilige VT gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

Hier auch ein Vortrag Bartoscheks vor den Rhein-Ruhr-Skeptikern (über deren Mailinglisten auch Fragebögen versandt wurden) zu seiner Forschungsarbeit:

(M)ein Lieblingszitat

(S. 193-194)

Schon allein unter dem Aspekt der realen Existenz von Verschwörungen erscheint eine Forderung nach der Überwindung des Glaubens an VT wenig sinnvoll. Bezieht man zudem mit ein, dass der VT-Glaube wohl letztlich evolutionären Ursprungs ist, erscheint eine Überwindung zudem wenig durchführbar.

Vielmehr erscheint ein gesundes, mittleres Maß an Skepsis und Misstrauen vernünftig, um sich vor realen Verschwörungen zu schützen. Doch sollte stets beachtet werden, dass eine Theorie nur solange Anspruch hat, ernst genommen zu werden, wie sie falsifizierbar bleibt.

Kritik: „Probleme mit der Stichprobe“

Den Hauptkritikpunkt an den Befunden seiner Arbeit benennt Bartoschek selbst – es sind „Probleme mit der Stichprobe“. Obgleich die Zahl der Befragten recht groß ist, ergibt sich ein klar nicht-repräsentatives Bild der Beteiligten. So befinden sich nur wenig Menschen mit formal geringerer Bildung (3% Hauptschule, 9% Mittlere Reife, aber 82,3% (Fach-)Abitur), nur wenige Verheiratete und sage und schreibe 69,8% Kinderlose unter den Antwortenden, ebenso nur 7,4% CDU-Wählende. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass er einerseits den (dominant männlichen) Skeptiker-Kreis und andererseits an Psychologie & Populärkultur besonders interessierte Frauen erreicht hat und befragen konnte. Tatsächlich weisen seine gefundene Schwerpunkte interessante Überschneidungen zu den (2 von 5) Gruppen der „undifferientated sceptics“ und „undifferentiated believers“ einer neueren Studie aus Neuseeland auf – was ich (bei allen Einschränkungen im Hinblick auf allgemeine Repräsentativität) für durchaus spannend halte!

Bewertung

In der Gesamtbewertung komme ich zu dem Ergebnis, dass Bartoschek eine hervorragende, empirisch-wissenschaftliche Arbeit vorgelegt und damit auch fehlende Forschungen gerade auch im deutschsprachigen Raum aufgezeigt hat – ohne dabei Schwächen und noch offene Fragen zu leugnen. Wer etwa an der Repräsentivität seiner Stichprobe mäkeln möchte, kann das tun – muss sich dann jedoch auch die Frage gefallen lassen, warum es bislang kaum größere und schon gar nicht bessere empirische Studien zu diesem (auch z.B. politikwissenschaftlich) relevanten Feld gibt. Bartoschek hat einen ersten, wuchtigen Stein in den Fluß geworfen. Nun braucht es Andere, die mit gleichem Drang & Mut auf diesen steigen und den nächsten werfen. Dann – erst dann – wird es irgendwann möglich sein, dass Phänomen der Verschwörungstheorien auch psychologisch besser zu verstehen. Ich finde, dafür wäre es höchste Zeit und Bartoschek hat einen wichtigen Schritt dazu getan. Künftige Forschungen dazu im deutschsprachigen Raum sollten an ihm nicht vorbeigehen.

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

46 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nur ergänzend, vielleicht auch hierzu:

    (…) fünf Faktoren, die mit durchschnittlich (signifikant) erhöhtem Glauben an VTn einhergehen:

    1. Politischer Extremismus

    2. Religiosität

    3. Jüngeres Alter

    4. Formal geringere Bildung

    5. Weibliches Geschlecht [1]

    Verschwörungen und entsprechende Theorien gibt es nur in „westlichen“ Systemen, die gesellschaftlich den Ideen und Werten der Aufklärung folgend implementiert haben.
    Es macht ansonsten kaum Sinn dementsprechend zu theoretisieren, weil in nicht von der Menge bestimmten Gesellschaftssystemen bestimmte („verschwörerische“) Vereinbarungen Usus sein müssten oder sein müssen.

    Insofern gilt es VTn zuvörderst unter genannten Einschränkung zu bearbeiten, vielleicht auch das Konzept der sogenannten Vierten Macht („Presse“) hervorzustellen, vielleicht auch das sogenannte Whistleblowertum und das Faktum, dass diesbezüglicher Geheimnisverrat im genannten Zusammenhang eher dem Ansehen und dem Vermögen Einzelner zuträglich ist, als dass abgestraft wird, gar die Sippe meinend.

    Der Schreiber dieser Zeilen ist insofern dem sicherlich bestens angelegten Vortrag des Herrn Bartoschek nicht en dé­tail gefolgt, wird dies noch nachholen, sondern nur im Ansatz; Feedback soll ja immer auch zeitnah erfolgen, im Web zumindest, hmm, die „Ruhrbarone“, also dort wo Herr Bartoschek zumindest gelegentlich publiziert, gelten jedenfalls als tendenziell solid.

    MFG
    Dr. W (der insofern auch nur dann VTn pflegt oder Theorien, die diesem Ansatz nahe kommen, wenn bspw. auf supranationaler Ebene vertragsbrüchig geworden wird und wenn erkennbar unzureichend demokratisch, von Nicht-Gewählten, agiert wird – wie zunehmend im EU-Kontext bedauerlicherweise der Fall)

    [1]
    Die Grob-Zusammenfassung, sollte sie zutreffend wiederspiegeln wie von Herrn Bartoschek gemeint, scheint jedenfalls nicht „politisch richtig“ zu sein, also erfrischend.
    An sich lohnen sich Verschwörungen in o.g. „westlichen“ Gesellschaftssystemen aber bekanntlich nicht, eben wegen Erpressungspotential und ähnlichem, wenn die Akteure politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlich exponiert stehen.

    • Michael Blume

      @Webbaer

      Klarer Widerspruch. Der Glaube an verschwörerische Hexen & Hexer findet sich beispielsweise in den verschiedensten Kulturen auf allen Kontinenten – mit oft verheerenden Folgen für die Beschuldigten, aber auch für vermeintliche Hexerei-Opfer (vgl. Nocebo).

      Ebenso haben verheerende VTen wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ vom russisch-zaristischen Ursprung über mitteleuropäische Nationalsozialisten bis zur arabischen Welt usw. Kultur- und Systemgrenzen übersprungen und Abermillionen „vergiftet“. VTen sind m.E. ganz klar eine menschliche Universalie…

      • @ Herr Dr. Blume :
        Gemeint war weiter oben, dass es nicht offen gelegte illegitime Kooperation in nicht-aufklärerischen Systemen geben muss, weil natürlich, dass sie aber in aufklärerischen Systemen zwingend Erpressungspotentiale generiert, die illegitime Kooperation der genannten Art also wenig erfolgsversprechend oder nachhaltig ist.
        Dass es sie aber auch dort, Nixon, Strauß und so, geben kann.

        Es könnte hier vielleicht zugestimmt werden, muss aber nicht.

        Ansonsten, mit einiger Mühe hat der Schreiber dieser Zeilen im Vid noch eine angebliche Verschwörungstheorie gefunden, die keine sein muss, nämlich die „kalte Sonne“, für den Schreiber dieser Zeilen auf Vahrenholt zurückzuführen.
        Also es könnte schon sein, dass Leistungsschwankungen die Sonnen-Strahlung betreffend vorliegen und die terrestrische Klimavariablität damit direkt zusammen hängt, auch wenn Klimatologen die Milanković-Zyklen als erklärend bevorzugen; diese sind aber nicht ganz klar, gerne mal reinschauen.

        MFG
        Dr. W

        • Ich würde mal bezweifeln, dass wir in einem „aufklärerischen System“ leben tun. Aber okay…, jeder hat das Recht auf seine Verschwörungstheorie. 😉

    • PS:
      Dies hier – ‚Verschwörungen und entsprechende Theorien gibt es nur in „westlichen“ Systemen, die gesellschaftlich den Ideen und Werten der Aufklärung folgend implementiert haben.‘ – wird sozusagen offiziell zurückgenommen und durch die Aussage ersetzt, dass kriminelles Handeln vorliegen kann, auch als Verschwörung, dass es aber keinen Sinn macht in aufklärerischen-„westlichen“ Systemen tendenziell mit dem Vorhalt einer Verschwörung oder Verschwörungstheorie zu hantieren.
      Kriminalität gibt es dort, im Speziellen, als Verschwörung, sehr selten, und es ist dem Schreiber dieser Zeilen kein Fall bekannt, in dem bestimmte und von Herrn Bartoschek gemeinte Verschwörungstheorie sich im Nachhinein als zutreffend erwiesen hat.

      MFG
      Dr. W

      PS:
      Bei der „kalten Sonne“ könnte vielleicht noch ein wenig fachwissenschaftlich nachgearbeitet werden, unter Püschologen.
      >:->

  2. Bartoschek hat Recht , man sollte die VTn nicht so negativ sehen.

    Sie tragen zur Unterhaltung bei , aber nicht nur das – unfreiwillig liefern sie auch Hinweise darauf , hinter welchem Ereignis eine echte Verschwörung stecken könnte und hinter welchem nicht.

    Die Wahrscheinlichkeit einer echten Verschwörung korreliert dabei umgekehrt mit der Zahl und Intensität , mit der dieses Ereignis von VTn umlagert ist.

    Kennedy , Barschel , Oktoberfest , keinerlei VTn.
    Mond , 9/11 , Lady Di ,Elvis , haufenweise Theorien.

    • Michael Blume

      @DH

      Ich sehe das etwas kritischer: So haben Zehntausende weltweit (und z.T. bis heute) unter dem VT-Vorwurf von Hexerei gelitten, dem maßgeblich von VTen getriebenen Antisemitismus fielen Millionen zum Opfer und weiterhin werden politische Diskurse durch VTen vergiftet.

      Aber ich erkenne auch an, dass „Cheater Detection“
      evolutionspsychologisch tief verwurzelt und auch weiterhin notwendig ist. M.E. gilt es auch damit einen aufgeklärten, verantwortungsvollen Umgang zu erlernen. Die Wissenschaft kann und sollte dazu mehr Beiträge leisten.

  3. Interessant wäre es, ob man einen psychologischen Schnelltest (Multiple choice vielleicht) entwickeln könnte, ob man selbst an einem VT-Glauben leidet. Was nutzt es, wenn ich feststellen kann, dass ein anderer unter VT-Glauben leidet? Ich muss es über mich selbst wissen. Die genannten fünf Punkte sind für einen Test offenbar noch zu unscharf.

    Dazu ein Witz:
    Ein Mann kommt zum Psychiater und sagt: „Es geht nicht um mich, sondern um einen Freund, der denkt, er wäre eine Orange.“
    Psychiater: „Haben Sie denn Ihren Freund mitgebracht?“
    Mann: „Ja, natürlich“ und holt eine Orange aus der Manteltasche.

    • Der Wahrheitsgehalt einer Verschwörungstheorie ist eine Frage, die andere, für mich wesentlich interessantere Frage ist die, was der Glaube an Verschwörungen über die Weltsicht eines daran Glaubenden aussagt. Denn, wenn eine Person oder gar eine ganze Gruppe oder Schicht der Bevölkerung an Verschwörungen glauben, an Verschwörer, die ihr Leben bedrohen, dann leben diese Personen, Gruppen und Bevölkerungsschichten gefühlsmässig nicht in einer friedlichen Welt.

      • Der Wahrheitsgehalt einer Verschwörungstheorie ist eine Frage, die andere, für mich wesentlich interessantere Frage ist die, was der Glaube an Verschwörungen über die Weltsicht eines daran Glaubenden aussagt.

        Das zieht die Erörterung vom sachlichen ins psychologische. Mithin besteht die gefahr, Vorurteile zu verbreiten statt wirklich aufzuklären (Wer an Verschwörungstheorien glaubt, ist ungebildet usw.).

        Man muss die psychologische und die logisch-sachliche Dimension immer getrennt betrachten. Es gibt auch eine psychologische Ebene im Glauben, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Vielleicht wäre es interessanter, zu verstehen wie diese Aufgebaut ist, bevor man eine offenbar dysfunktionale Form (die allgemein als falsch gilt) wählt.
        Ich erinnere mich an die Werke von offenbar von jeder Empire befreiten Masenpsychologen…

        Denn, wenn eine Person oder gar eine ganze Gruppe oder Schicht der Bevölkerung an Verschwörungen glauben, an Verschwörer, die ihr Leben bedrohen, dann leben diese Personen, Gruppen und Bevölkerungsschichten gefühlsmässig nicht in einer friedlichen Welt.

        An dieser Stelle zitiere ich einmal Wikipedia:
        „Sie [der paranoide Symptomkomplex] zählen auch zur Symptomatik von Menschen, die lange unter echter oder gefühlter Verfolgung leiden mussten, aber nicht eigentlich psychotisch oder persönlichkeitsgestört sind.“
        Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Paranoia&oldid=141443757#.C3.9Cberblick

        Das Mobbingopfer, die Person aus einer gescheiterter Familie und Leute, die einen falschen Einblick in die Spiele der Politik nehmen mussten, leben bald nicht mehr in einer völlig friedlichen Welt. Diese Leute entwickeln dann entweder persönliche Utopien, an denen sie mit festen Glauben hängen, oder werden irgendwann zynisch.
        Diesen Menschen gewissermaßen vorzuwerfen, nicht in einer friedlichen Welt zu leben ist meines Erachtens ein großer Fehler – weil er Opfer zu Tätern macht.

        • Verschwörungstheorien muss man primär psychologisch/soziologisch betrachten, denn sachlich stehen meist ( unbegründete) Vermutungen dahinter. Dies zu ihrem Kommentar „Das zieht die Erörterung vom sachlichen ins psychologische. Mithin besteht die gefahr, Vorurteile zu verbreiten statt wirklich aufzuklären „
          Dem Vorurteil, das sie nennen:„Wer an Verschwörungstheorien glaubt, ist ungebildet usw.“ stimme ich übrigens überhaupt nicht zu. Nicht die Bildung entscheidet über die Bereitschaft an Verschwörungstheorien zu glauben, sondern die innere „Paranoia“, das Gefühl man sei irgendwie bedroht und hinter jedem dunklen Fenster stehe jemand, der einen beobachtet. Dazu kommen noch Projektionen der eigenen finsteren Seite auf den behaupteten Verschwörer.
          Bei den meiste Verschwörungstheorien geht es zudem um den Aubau eines Feindbilds und um die Unterstellung einer bösen Absicht. Bösartige Unterstellungen haben deshalb für mich eine Beziehung zu Verschwörungstheorien. Als Beispiel einer bösartigen Unterstellung mit Verwandtschaft zu einer Versschwörungstheorie sehe ich die 2012 geäusserte Unterstellung Günter Grass‘ Israel wolle mit seinen Atomwaffen einen unprovozierten Erstschag auf den Iran ausüben. Grass ist sicher nicht ungebildet. Doch er baut Israel zu einer Gefahr für den Weltfrieden auf, zu einem Agressor, der keine Menschlichkeit kennt und Millionen von Menschen seinen finsteren Zielen opfert. Damit knüpft Grass an die antisemitischen Einstellungen und Unterstellungen an, die in seiner Jugendzeit verbreitet waren und die ihn wohl veranlasst haben sich freiwillig bei der SS zu melden. Grass hat dazu gesagt, er sei ein Rebell gewesen und habe sich deshalb der SS angeschlossen. Rebelliert habe er gegen die Eltern. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er die Entscheidung für die SS vor seinen Eltern gerechtfertigt hat: „Ihr glaubt also es genüge nicht mehr beim Juden einkaufen zu gehen? Nein, der Jude muss vernichtet werden,,deshalb gehe ich zur SS.“ 2012 warf dann Grass Israel einen Vernichtungswillen vor.

  4. Scheinbar hat Sebastian Bartoschek nur den Glauben an Verschwörungstheorien in Deutschland empirisch untersucht.Doch es gibt grosse Unterschiede von Land zu Land sowohl in der Häufigkeit als auch in der Art der Verschwörungstheorien. Ich vermute, dass die Verbreitung von Verschwörungstheorien ein Ausdruck der Stimmung in einem Land ist und mit dem Bedrohungsgefühl zusammenhängt. In Griechenland und Russland scheinen Verschwörungstheorien stark verbreitet zu sein und die Verschwörer, die die Griechen und Russen erkennen, sind oft Ausländer.
    Dieser Zusammenhang von Verschwörungstheorien mit einem diffusen Bedrohungsgefühl erklärt mit, warum der reale Gehalt solcher Theorien oft nicht einfach bestimmbar ist.
    Wenn sogar bedeutende Persönlichkeiten eines Landes Verschwörungstheorien anhängen, dann weist das darauf hin, dass der Rückhalt für solche Theorien in Teilen der Bevölkerung gross ist.
    Hier ein Beispiel dazu: Mikis Theodorakis, der bekannte griechische Komponist und Schrifsteller, bezichtigte Politiker und Banken der Verschwörung gegen das griechische Volk. Zitat Mikis Theodorakis

    Es gibt eine internationale Verschwörung mit dem Ziel der Vollendung der Zerstörung meines Landes. Sie begannen 1975 mit Ziel die neugriechische Kultur, sie fuhren mit der Perversion unserer neueren Geschichte und unserer nationalen Identität fort und versuchen jetzt, uns mit Arbeitslosigkeit, Hunger und Verelendung auch biologisch auszulöschen.

    Das scheint mir ein gutes Beispiel, weil darin ein Bedrohungsgefühl zum Ausdurck kommt und es durchaus einen realen Hintergrund gibt, wenn auch die Zuspitzung “ internationale Verschwörung mit dem Ziel der Vollendung der Zerstörung meines Landes“ in Richtung Verschöwrungstheorie geht.

    Wenn Bartoschek auf diesen Aspekt – also die soziopyschologische Komponente – von Verschwörungstheorein nicht eingeht, dann hat seine Arbeit trotz Befragung bei deutschen Interviewpartnern, einen zu engen Fokus.

    Um noch einmal auf Mikis Theodorakis Äusserungen einzgehen. Das meiste davon nimmt Bezug zu realen Vorkommnissen und realen Bedrohungen. Der Verschwörungstheoriecharakter kommt hier dadurch zustande, dass er den Akteuren die Absicht unterstellt, Griechenland und die Griechen nicht nur zu schaden, sondern ihnen bis gar zu biologischen Auslöschung schaden zu wollen. Das Unterstellen von bösen Absichten bei den „Verschwörern“ konstruiert einen Feind oder – falls dieser Feind wirklich existiert – so dämonisiert es seinen Feind. Die wirklich gefährlichen Verschwörungstheorien tun das regelmässig: Sie dämonisieren die Verschwörer. In diesem Bereich gibt es ein Kontinuum von nachvollziebaren Unterstellungen von bösen Absichten bis zur bösartigen Unterstellung ohne jeden realen Hintergrund.

    • @ Herr Holzherr :

      Scheinbar hat Sebastian Bartoschek nur den Glauben an Verschwörungstheorien in Deutschland empirisch untersucht.
      Hier liegt der Mops, wenn er nicht schon anderswo lag; schwierig, ethnozentrische [1] Sichten könnten hier vorliegen, das Sein bestimmt das Bewusstsein, auch lokal, regional oder national oder sprachlich oder ethnisch.
      Insofern fehlt auch dem Schreiber dieser Zeilen die Gesamtumschau oder das Globale, ein wenig.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      gemeint hier im Sinne von ‚egozentrisch‘, andere, Altvordere, haben dies auch so gemeint

    • @ Herr Holzherr v2.0:

      Scheinbar hat Sebastian Bartoschek nur den Glauben an Verschwörungstheorien in Deutschland empirisch untersucht.

      Hier liegt der Mops, wenn er nicht schon anderswo lag; schwierig, ethnozentrische [1] Sichten könnten hier vorliegen, das Sein bestimmt das Bewusstsein, auch lokal, regional oder national oder sprachlich oder ethnisch.
      Insofern fehlt auch dem Schreiber dieser Zeilen die Gesamtumschau oder das Globale, ein wenig.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      gemeint hier im Sinne von ‚egozentrisch‘, andere, Altvordere, haben dies auch so gemeint

    • Michael Blume

      Ja, es wäre selbstverständlich wünschenswert, wenn es weit mehr, auch international und interkulturell vergleichende, empirische Forschungen zum Thema gäbe! Aber das kann kein Einzelner leisten – und ich finde es etwas bizarr, Bartoschek den Vorwurf zu machen, endlich mal Daten vorzulegen!

      Besserwisser sind herzlich eingeladen, es selbst auch besser zu machen! Oder wenigstens weitere Forschungen zu fördern. Aber vom heimischen Sofa aus abschätzig über Arbeiten zu urteilen, die man selbst noch nicht mal gelesen hat, bringt weder Wissenschaft noch Motivation voran.

      Ich finde ja, im deutschsprachigen Raum wird eher zu viel geschwafelt und eher zu wenig empirisch geforscht. Hoffe, das ändert sich irgendwann…

  5. Unternehmen Capricorn (‚Operation Capricorn‘ im Transskript), das Fachwort: ‚Capricorn One‚, war nicht „aus den Achtzigern“, sondern von 1978; vom Pluralis Majestatis würden vielleicht einige auch absehen wollen.
    Ansonsten wäre allgemein vielleicht darauf acht zu geben gewesen möglichst zweifelsfreie Verschwörungstheorie vorzustellen. [1]
    MFG
    Dr, W
    [1] was fast durchgehend gelang

  6. Mindestens eine „Verschwörungstheorie“ hat es zu einem Wikipediaeintrag gebracht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bielefeldverschw%C3%B6rung

    Die Dissertation halte ich für bemerkenswert. Und mal ganz ehrlich: In welchem stecken nicht zumindest noch „Restanteile“ von Verschwörungstheoretikern, welche sich mit steigendem Stresspegel auch eher bemerkbar machen?

    Die „Perspektive“ bestimmt (selektive) Wahrnehmung und Richtung der Wirkung. Die „Nähe“ (Intentionalität und Identifikation) bestimmt Intensität und die reine Subjektivität übersteigende Wirkung. Das Verlangen nach Authentizität und Integrität bestimmt in einer VT Rückzug und Abgrenzungen. Die Sehnsucht nach Ästhetik und Harmonie bestimmt in einer VT auch den Grad ihrer eigenen Komplexität.

    Ziel und Zweck von Wahn und Wirklichkeit scheint mir dasselbe: ein individuelles und kollektives Überleben zu ermöglichen. Einzig der Abwesenheit von Wahn bescheinige ich höhere Erfolgschancen – als tradierte oder „neue-erfundene“ Wahngeschichten. Deshalb frage ich mich, ob der Kampf gegen VT’s nicht auch immer ein Kampf gegen Windmühlen ist, weil wir „die Wirklichkeit“ eben nicht umfassend genug erkennen können. Und wer dies behauptet möglicherweise Opfer seiner eigenen VT geworden ist.

    Wenn du einem Hund einen Knochen entreißen willst, halte ihm ein Schnitzel hin. Andernfalls wirst du gebissen.

    Vielleicht wäre noch anzumerken, dass aus wenig Sinn macht aus den fünf genannten Faktoren welche mit einer signifikant erhöhte Anfälligkeit für den Glauben an VT korrelieren können Kausalitäten zu konstruieren welche selbst zum VT werden.

    D.h. eine junge religiöse Frau aus der Unterschicht, welche in einem totalitären Staat aufwächst ist prinzipiell genauso anfällig für VT wie ein gelangweilter junger atheistischer Mann aus der Oberschicht in einer Demokratie. Das Gegenteil der fünf Faktoren führt eben nicht automatisch zu einer Immunisierung gegenüber VT. Stellt doch der „Glaube“ daran es sei möglich einen absoluten Maßstab zu definieren um Wahn von Wirklichkeit zu unterscheiden – zumindest eine mögliche VT dar.

    Mir erscheinen weitere andere Einflussfaktoren außen vor zu bleiben. Über den Zweck und das Ziel von VT lassen sich sicher weitere (subjektive, intersubjektive, objektive und interobjektive) Faktoren ausfindig machen.

    Die Frage nach dem Unterschied von Wahn und Wirklichkeit, bzw. der davon ausgehenden Gefahr für individuelles und kollektives Überleben im subjektiven, kognitiv-emotionalen Selbsterleben, innerhalb intersubjektiven Kultur- und Wertüberzeugungen, in den Mechanismen nicht länger kontrollierbar, erscheinender Organisationen und im Bereich objektiv möglicher Weltwahrnehmung kann m.E. nur mit hilfe von empirisch-rationalem und(!) empathisch-relationalen Prozessen und immer nur „vorläufig“ beantwortet werden.

    Spannend finde ich die Frage: Was können wir von den klügsten VT’s lernen? Wie können VT’s selbst verschiedene Kategorien zugeordnet werden: z.B. in solche welche „zuviel“ und „zuwenig“ Rationalität zu überwinden trachten und jene welche „zuviel“ und „zuwenig“ Intuition überwinden wollen.

    VT’s dienen vielfältiger Bedürfnisbefriedigung. Neben Muster- Sinn- und Strukturerkennung vielleicht auch die nach Komplexitätskontrolle, zur Steigerung der Selbstwirksamkeit gegenüber orthodoxen „Kultur-Geschichte(n)“, als Kritik des Ohnmächtigen gegenüber der Mainstreammeinung scheinbarer Eliten, zur (Über-)Kompensation beschämenden Ohnmachtserlebens, zur Stressreduktion und Harmonisierung der Emotionalen Balance, um „Gott“ begegnen, erfahren oder „gehorsam“ sein zu können usw.

    Der Unterschied von Wahn und Wahrheit ist eben nicht immer sofort offensichtlich, wie in Witzen. Die Fähigkeit Witze zu machen gegenüber übertriebenen Konstruktionen erscheint mir da schon eine zutiefst gesunde (selbstironische) Reaktion.

    Zwei Witze steuer ich noch hinzu:
    Der Erste erzählt ob und wie „Verschwörungstheoretiker“ von ihrem Irrtum überführt werden 🙂
    „Jemand ist überzeugt, dass er selbst bereits tot sei. Alle Überzeugungsversuche eines befreundeten Arztes schlugen fehl. Dabei hatte er auf die Körpertemperatur, auf die Atemfunktion und vieles andere hingewiesen. Schließlich sagt er zum VT: „Sag mal, bluten Leichen eigentlich?“ Der VT sagt: „Natürlich nicht.“ Der Arzt nimmt eine vorbereitete Nadel und sticht dem VT in die Hand. Es beginnt zu bluten. Der Arzt fragt: „Was sagst Du jetzt.“ Der VT antwortet: „Ich hab mich getäuscht. Leichen bluten doch.“

    Im zweiten verursachte Unlogik eine Konfusion um als Sieger mit dem letzten Wort dazustehen:
    „Ein Mann sitzt im Kaffeehaus und bestellt eine Schwarzwälder Kirschtorte. Er ruft die Bedienung, da die Torte nicht frisch genug ist. Die Bedienung entschuldigt sich und bringt statt dessen eine Käsesahnetorte. Der Mann ißt, steht auf und geht. Die Bedienung läuft ihm hinterher und sagt: „Sie müssen noch ihre Käsetorte bezahlen.“ Der Mann: „Ja, wieso denn? Dafür habe ich doch die Schwarzwälder zurückgegeben.“ Die Bedienung: „Ja, die haben Sie aber auch nicht bezahlt.“ Der Mann: „Ja, wieso denn? Die habe ich doch auch nicht gegessen.“…

    • Michael Blume

      Das ist ein sehr guter Punkt, @Ingo D. Wir wissen ja auch aus der Religiositätsforschung, dass existentielle Unsicherheit zu einer instinktiven Verstärkung gruppen- und religionsbezogener Wahrnehmungen führt. Ich würde davon ausgehen, dass diese Verstärkung „sozialer Mustererkennungen“ auch VTen betrifft. Weitere, empirische Forschungen in diesem Bereich wären sehr, sehr spannend & relevant!

    • Ihr überdehnter Begriff einer Verschwörungsteorie verharmlost dieses Phänomem, bei dem es im Kern darum geht Vorhaltungen zu erfinden um eine Gruppe von Menschen zu Feinden zu machen, indem man Ihnen eine geheime Agenda unterstellt.
      ich erfinde jetzt mal aus dem Händsärmel eine typische Verschwörungstheorie um klarzumachen, was ich darunter verstehe. Meine VT:

      Eine Gruppe von hochgestellten deutschen Beamten, Bankern und Industrieführern verfolgt zusammem mit deutschen Parlamentariern das Projekt des Euro seit den 1980er Jahren mit dem Ziel, ein viertes Reich, ein Europa unter deutscher Herrschaft zu errichten. Mitterands Forderung nach dem Euro war in Wirklichkeit manipuliert und das Resultat einer von vielen geheimen Operationen dieser Gruppe, die ihre wahren Ziele und ihre Urheberschaft verbirgt

      • Sie müssen bei einer VT immer fragen, wer wird zum Feind gemacht, wer führt die geheime Agenda. In meinem Beispiel wäre der konstruierte Fein Deutschland oder mindestens eine Gruppe Deutscher.

      • Frage: Wer von den Lesern ahnt oder weiss, dass Ingo D. zur Viertes-Reich Verschwörertruppe gehört?

        • 🙂 Sehr gutes Beispiel Herr Holzherr!

          Allein ihre Fragestellung zeigt, dass sie verstanden haben, wie niederschwellig VT’s entstehen können und mit welchen unterschwelligen Unterstellungen VT’s arbeiten. Ihre Frage selbst ist natürlich unzulässig, da sie bereits einen Wirklichkeitsgehalt beansprucht und eine inhaltliche Wahrheit voraussetzt.

          Sobald ich anfangen würde auf den Inhalt ihrer Frage „wie auch immer“ zu reagieren, gäbe es für mich daher kaum ein Entrinnen. Denn durch die unterschwelligen Unterstellungen sind sowohl Art des Spiels, die Spielregeln, sowie Anfang und Ende dieses VT-Spiels definiert – vom Spieleröffner – in obigem Fall sie Selbst. Sie haben es in der Hand in welche Schublade sie mich stecken, ob und wann ich da wieder raus darf und kann selbst nichts dazu tun, den Status zu verändern. Ich wäre also von Anfang an ganz in ihrer Hand! Ich denke, sie können das sehr gut verstehen.

          Insofern geht es also mitnichten, darum das Phänomen VT zu verharmlosen indem ich den Begriff „überdehne“. (Was ich im Grunde auch nicht für möglich halte). Es sind die destruktiven, projektiven innerpsychischen Mechanismen selbst, welche selbst- und fremdschädigend wirken. Sobald(!) darauf eingegangen und reagiert würde, gewinnen diese Energie, Autorität, Glaubwürdigkeit und Eigendynamik! Der Teufelskreis unhinterfragter Setzungen und Voraussetzungen beginnt und wird solange „gespielt“ solange es Mitspieler gibt.

          Dadurch würde jeder die dahinter liegenden Spielregeln vom Spielmacher unhinterfragt akzeptieren. Ähnliche Dilemmasituationen finden sie z.B. bei Mobbing, in Shitstorms, bei Propaganda usw.

          Projektionen von Wirklichkeitskonstruktionen zu bekämpfen bleiben für mich ein „Kampf gegen Windmühlen“. VT werden genährt sobald darauf reagiert wird. Das hat nichts mit Verhamlosung von VT zu tun, sondern mit der konstituierenden und konstruktiven Wirkung von Kommunikation selbst.

          Im Übrigen wissen Sie sicher auch Herr Holzherr, dass jene VT die Beste aller VT ist, welche gar nicht als solche erkannt wird. Mein Filmtipp hierzu: Die Matrix 😉

          Herzliche Grüße
          Ingo

          • Verschwörungstheorien als soziopsychischen Prozesse, als Spiel zu sehen, wie sie hier das tun, scheint mir im Nachhinein doch eine lohnende Denkrichtung. Ich möchte deshalb meine vorgängie Kritik „Überdehnung des Begriffs VT“ wieder zurücknehmen.

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  8. „In der Summe ergibt sich so eine deutliche Unterscheidungung zwischen (häufiger männlichen & religiös-weltanschaulich skeptischen) „Kennern“ von VTn einerseits sowie von (häufiger weiblichen & auch religiös gläubigen) „Zustimmenden“ zu VTn.“
    Was durchaus den Schluss zulässt, dass Religion den Geist benebeln kann und da „Theorien“ schafft, wo keine sind.

  9. Was ist wenn an jeder „Verschwörungstheorie“ etwas wahres dran ist? So wie in jedem Witz ein Fünkchen Ernsthaftigkeit steckt. Man muss nur selbst herausfinden was es ist und wieviel Wahres dran ist, anstatt sich zurückzulehnen und zu sagen: „Ahhh, das wird als Verschwörungstheorie bezeichnet, DANN brauch ich da ja nicht mehr drüber nachdenken.“

    Meiner Meinung nach sind die Menschen nicht dumm. Und in Bauernweisheiten steckt bisweilen mehr nützliche und wahre Information als in wiss. Studien.

    • Ihr Einwand lenkt davon ab, dass es bei VT’s um die Konstruktion von Feindbildern geht. Wahrheit stört in einer VT überhaupt nicht, belegt sie doch für jeden die böse Absicht des im Verborgenen operierenden Verschwörers.

      • um die Konstruktion von Feindbildern geht es in den vorgefertigten Massenmeinungen noch viel eher als in VT’s – das nur mal so nebenbei. Mit dem nämlichen Unterschied, dass diese tatsächlich die Massen bewegen und kein Nischendasein fristen, wie bei den „original“ VT’s. Darum halte ich diese für ungleich gefährlicher.

        • Wenn Massenmedien Feindbilder konstruieren und insoweit Verschwörungstheorien gleichen, dann müsste man als nächstes fragen, wer diese Feindbilder für die Massenmedien aufbaut, wer die Verschwörer sind, die dahinter stehen.
          Liege ich mit diesem Ansatz richtig, jade?

          • Michael Blume

            Ganz ehrlich: Das Zeitalter der „Massenmedien“ halte ich für längst vorbei. Heute verbreiten sich Verschwörungstheorien nicht zuletzt deshalb, weil jede(r) von uns sich mit wenigen Klicks eine Medienblase erschaffen kann, in der sich fast nur noch Gleichgesinnte tummeln und die sich gegen Widerspruch und Dialog abschottet. Verschwörungstheorien werden „nicht“ nur von oben herab „verordnet“, sie wachsen durchaus auch „von unten her“ heran. Als ein konkretes Beispiel dafür benenne ich Ken Jebsen, der wegen der Verbreitung von VTen von seinem Radiosender RBB ja gerade entlassen wurde und seitdem als „freischaffender Reporter“ das Netz nutzt…
            http://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Jebsen

            Zum Thema neue Medien & Medienblasen hier auch ausführlicher:
            http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/BlumeefMedienblasen0415.pdf

          • yes, ich denke damit liegen Sie richtig. Und nein, das ist keine Verschwörungstheorie. Es sind keine Vermutungen sondern Fakten. Das es Propaganda gibt ist offenkundig. Zu glauben dies würde nicht über (über-) regionale Zeitungen passieren ist in meinen Augen naiv.

  10. Ich hätte da mal eine grundsätzliche Frage: Ist es richtig, dass Verschwörungstheorien vorrangig dazu dienen, eigene Probleme so zu begründen, dass kein persönliches Versagen erkennbar wird? (Selbstlüge)

    Ein Beispiel: In den Bewertungen einer Backgammon-App wird hauptsächlich kritisiert, das Programm habe deutlich mehr Paschs als der Spieler. Tatsächlich lässt sich nachweisen, dass dies nicht zutrifft. Trotzdem bin ich selber immer wieder geneigt, dem Programm Gaunereien zu unterstellen, wenn ich gerade verliere …

    Wenn dies so zutrifft, wäre es dann nicht sinnvoller, zunächst diese kleinen, allgegenwärtigen Verschörungstheorien zu erfassen und psychologisch zu klären, bevor man sich an die weltumspannenden macht?

    • Menschen sind Meister des Selbstbetrugs. Kein Mensch räumt gerne einen Irrtum oder Fehler ein. Also erfindet man Geschichten, um sich selbst im besseren Licht zu präsentieren. Die Psychologie kennt dazu viele Experimente und Beobachtungen, z.B. das Thomas-Theorem.

      Das Thomas-Theorem besagt, dass jedes menschliche Handeln reale Konsequenzen zur Folge hat, ganz gleich wie irreal die Situationsdefinition war, die zu der entsprechenden Handlung geführt hat. Es geht also um die Differenz zwischen subjektiver Wirklichkeit und objektiver Realität.

      Aus der Kriminalistik ist bekannt, dass besonders ältere Menschen einen Betrüger noch verteidigen, weil sie sich nicht eingestehen wollen, leichtgläubig betrogen worden zu sein. Deshalb haben viele Menschen Probleme, sich von der Religion, oder von früheren Ideologien zu lösen. Man will sich nicht eingestehen, lebenslang einem Irrtum gefolgt zu sein, an Lügen oder Dummheiten geglaubt zu haben. Also fabuliert man sich lieber eine nette Geschichte zusammen, zum Beispiel eine Verschwörung der bösen Welt.

    • Wenn dies so zutrifft, wäre es dann nicht sinnvoller, zunächst diese kleinen, allgegenwärtigen Verschörungstheorien zu erfassen und psychologisch zu klären, bevor man sich an die weltumspannenden macht?

      Zunächst wäre es wichtig, solch alltägliche und allgegenwärtige Verschwörungstheorien zu erkennen oder zu entlarven. Das ist eben nicht immer so einfach wie bei exotischen, eindeutig ersichtlichen VTn von „Spinnern“. Dazu ein passendes Zitat von Jean-Noel Kapferer „Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt.“

      Wir glauben nicht an unsere Kenntnisse, weil sie wahr, begründet oder bewiesen wären. Bis zu einem gewissen Grad verhält es sich umgekehrt: unsere Kenntnisse sind wahr, weil wir an sie glauben. Das Gerücht beweist noch einmal, falls das notwendig sein sollte, daß alle Gewissheiten gesellschaftlich bedingt sind: Wahr ist, was die Gruppe, zu der wir gehören, als wahr ansieht. Gesellschaftliches Wissen beruht auf Glauben und nicht auf Beweisen.

      Man denke an die Mollath-Affäre, den Expräsidenten Wulff, an rassistische Justizirrtümer in USA mit Todesfolge, an Verleumdungen gegen Juden und Zigeuner.

      Das Grundprinzip von VTn ist die logische Abduktion. Es ist das Gegenstück zur Deduktion. Von einem Phänomen wird auf eine Ursache geschlossen, wobei die Ursache aber schon als Vorurteil vorgegeben ist. Beispielsweise sollen die Freimaurer oder die Bilderberger für ökonomische oder gesellschaftliche Problemphänomene die verantwortliche Standardursache sein. Alternativ mögliche Ursachen werden kategorisch ausgeschlossen. So kann man bequem eigene Verantwortung oder eigenes Versagen leugnen. Die Psychologie spielt dabei natürlich eine große Rolle.

      • Zunächst wäre es wichtig, solch alltägliche und allgegenwärtige Verschwörungstheorien zu erkennen oder zu entlarven. Das ist eben nicht immer so einfach wie bei exotischen, eindeutig ersichtlichen VTn von „Spinnern“.

        Nicht immer, aber manchmal hilft Hanlon. (Never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity.) Dabei muss die Dummheit gar nicht immer objektiv Dummheit sein – meist reicht es schon, sich klarzumachen, dass die andere Seite möglicherweise eine Sicht der Dinge hat, die ich nicht verstehe (und deshalb für dumm halte). Wer in der Ukraine- oder Griechenland-Krise Verschwörungen sieht, ist wahrscheinlich nur nicht in der Lage, Verständnis für die Positionen der Gegenseite zu entwickeln.

        • Kein Widerspruch. Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass die Wissenschaft immer komplexer, abstrakter und schwerer durchschaubar wird. Manche Menschen wollen oder können das nicht akzeptieren und lehnen die Erklärungen der Wissenschaft ab. Als Ersatz schaffen sie sich eigene Erklärungen oder passen traditionelle Lehren und Mythen an eigene Vorstellungen an. Im Internet sind hunderte eigenwillige Welterklärungen zu finden, zu allen Bereichen der Wissenschaft. Dabei ist durchaus auch manches Fachwissen dabei, aber mit idiosynkratischen Interpretationen und Auslegungen.

          Meist geht es bei VTn um Erklärungen bestimmter Sachverhalte, Vorgänge, Ereignisse, Phänomene mit Zuordnung von Ursachen oder Verursachern und um das Festmachen vermeintlicher Absichten, Konsequenzen oder Ziele. Oftmals steht dahinter ein exklusiver Wahrheitsanspruch und ein Missionseifer zur Aufklärung oder Warnung der Mitwelt, was bis zum Fanatismus gehen kann. Da sind auch Gemeinsamkeiten zu Religionen oder politischen Ideologien zu erkennen.

  11. Ich vermute, dass die Datenerhebung das Problem hat, dass möglicherweise vor allem solche Leute sich die Arbeit machen, den Fragebogen auszufüllen, die an VTs interessiert sind. Damit möchte ich die Arbeit nicht schlecht machen, aber die Selektion der Ausfüller könnte das Ergebnis natürlich deutlich beeinflussen. Ich würde, außer ich würde persönlich darum gebeten, so einen Fragebogen vermutlich nicht ausfüllen, weil ich das Thema VT eher uninteressant finde.

  12. @Michael Blume

    Es gibt , grob gesagt , zwei Sorten von VTn , die eine ist die , die Sie zurecht ansprechen , z.B.Antisemitismus.
    Richtig , es gibt immer eine etwa gleichbleibende Klientel , die an die Zuweisungen ernsthaft glaubt , die beispielsweise den Juden unterstellt werden , aber um als Masse gefährlich zu werden , braucht es andere Faktoren wie einen kollektiven Massenwahn , der verschiedene Gründe haben kann, seinen Ursprung aber nicht im Vorhandensein der VT hat.

    Die Theorien spielen da sogar eine eher untergeordnete Rolle , will sich der Antisemitismus seine Bahn brechen , findet sich nachrangig auch ein Grund dafür , vorhandene Theorien sind dabei kaum relevant ,was man auch an der oft unvereinbaren Verschiedenheit erkennen kann , die antijüdische Unterstellungen an den Tag legen können.
    Anders gesagt , ohne einen latent schwelenden Antisemitismus hätte es nicht weniger Pogrome gegen Juden gegeben.

    Das , was heute zumeist als VTn bezeichnet wird , ist aber aus einer anderen Ecke , das kommt häufig von eher querulatorischen Leuten , die ganz grundsätzlich die Exklusivität der Minderheit suchen und die pogrombezogen ungefährlich sind.
    Die wollen nicht Mehrheit sein , würde die Mehrheit denken , 9/11 wäre von der US-Regierung inszeniert , würden diese Leute behaupten , daß es Islamisten waren .

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