Serendipidät – Das Erfolgsrezept von Helmut Kohl (1930 – 2017)

Helmut Kohl – die Polarisierung, die dieser Name hervorrief, gehört zu meinen frühesten politischen Erinnerungen. Obwohl der gewählte Bundeskanzler selbst einen Doktor in “Gechichte” erworben hatte, fühlten sich viele nicht nur von Links berufen, die “Birne” für dessen vermeintliche Provinzialität und geistige Armut zu verhöhnen. Anderen wiederum gefiel genau das: Wie ein Bürgerlicher wie eine Eiche stand und den Hohn wie auch die Abgesänge selbsternannter Eliten abtropfen ließ. Nach seinem Tod vor wenigen Tagen schwankt die deutsche Erinnerungslandschaft zwischen viel Respekt und der Fortsetzung der Überheblichkeit.

Aber mal trocken-politikwissenschaftich gefragt: Was war denn sein Erfolgsgeheimnis? Denn auch seine loyalsten Anhänger konnten kaum behaupten, dass Kohl ein großer Redner oder visionärer Programmatiker gewesen wäre. Er selbst äußerte immer wieder die Meinung, dass ihn seine Gegner immer wieder “unterschätzt” und gerade dadurch gestärkt hätten (Trump anyone?). Die meisten Analysten auch in den Nachrufen der vergangenen Tage betonten dagegen die Stärke seines “Netzwerkes”, das er durch täglich stundenlange Telefonate und Gespräche (auch auf Kosten seiner Familie, auch im Urlaub) gepflegt habe.

Ich schlage zum besseren Verständnis seiner Stärken und auch Schwächen sachlich und ernsthaft die Fähigkeit der Serendipität vor, die zuletzt Steve Ayan in seinem Buch “Lockerlassen – Warum weniger Denken mehr bringt” ausgearbeitet hat. Dabei geht es um die Bereitschaft, sich nicht in die eigenen Vorstellungen und Pläne zu verbeissen, sondern sie zugunsten neuer Chancen aufgeben zu können, “Wichtiges zu finden, das man gerade nicht sucht.” Die Paradebeispiele dafür stammen aus den empirischen Wissenschaften – wenn es gelingt, unerwartete Ergebnisse nicht als Ärgernis abzutun, sondern als Chance für neue Entdeckungen aufzugreifen. Laut Ayan und dem niederländischen “Serendipitologen” Pek Van Andel verdanken wir unter anderem Tesafilm, Viagra und das Internet dieser individuell unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeit.

Helmut Kohl stammte aus einer katholisch-demokratischen Familie und lehnte sowohl nationalistische Herrschaftsfantasien wie auch sozialistische Planwirtschaften zeitlebens strikt ab. Sein großes Vorbild war Konrad Adenauer (1876 – 1967), der feste Kernüberzeugungen auch gegenüber dem NS-Regime mit einer atemberaubenden Chancenausbeute kombinierte – und Kohl früh förderte. Dieser wurde bekannt dafür, Freundschaften auch über Parteigrenzen hinweg zu pflegen, auch mit ausländischen Staatschefs schnell auf eine persönliche Ebene zu wechseln. Niederlagen (z.B. gegen Franz-Josef Strauß (1915 – 1988) schüttete Kohl schnell ab und verfügte offensichtlich über die auch von Ayan entschlüsselten Kernattribute für Serendipidität: “Gelassenheit” und “eine starke Selbstwirksamkeitserwartung”.

In ruhigen Zeiten gab es bis tief in die CDU hinein Widerwillen gegen die Bräsigkeit und das sprichwörtliche “Aussitzen” des kohlschen Regierungsstils. Doch als sich plötzliche Gelegenheiten etwa zur Verwirklichung der deutschen Einheit und Europäischen Union ergaben, lief er zu Hochformen auf, die selbst Kritiker erstaunten. Sprichwörtlich wurde dabei die Formulierung, Kohl habe spontan “einen Zipfel vom Mantel der Geschichte” ergriffen.

Credit: Bundesarchiv, B 145 Bild-F064809-0010 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0 19.01.1983
CDU-Wahlkundgebung mit Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl.

Mich persönlich beeindruckt jedoch auch ein weitgehend in Vergessenheit geratenes Beispiel: Als Anfang der 80er Jahre eine Hysterie um ein vermeintliches “Waldsterben” durch Wissenschaften, Medien und Gesellschaft zog, setzte sich die Union unter Kohl entschlossen von der SPD ab, die der Kohleindustrie verhaftet war. So zogen nicht nur die Grünen in die Parlamente ein, auch die Unionsparteien profilierten sich u.a. mit der Einführung von bleifreiem Benzin, Katalysatoren und des ersten Bundes-Umweltministeriums 1986 (wenige Wochen nach Tschernobyl). Wenn heute Angela Merkel (CDU) auch international als “Klimakanzlerin” wahrgenommen wird und die damals geförderte Atomförderung aufgab, so setzt sie damit ein konservatives Erfolgsrezept fort – auf Ängste unter den Menschen nicht mit Belehrungen zu reagieren, sondern sie aufzunehmen.

Möglicherweise kann “Serendipidität” in der Politik aber auch Schwächen zumindest miterklären: Wer zu oft für unkonventionelles, schnelles Chancennutzen belohnt wird, droht sich möglicherweise auch in rechtswidrigem, demokratie- und parteischädlichem Verhalten zu verstricken (Parteispendenaffäre). Und wer das Gefühl bekommt, trotz eigener Erfolge Handlungsräume entzogen zu bekommen, droht vielleicht gerade auch dann eher zu Erstarrung und Verbitterung. Wer verabschiedet sich schon gerne von “eigenen Selbstwirksamkeitserwartungen”?

Nein, es geht hier nicht um eine kritiklose Würdigung eines bedeutenden Politikers. Aber gerade jene, die sich sonst so für besonders intellektuell und wissenschaftlich halten, könnten ja durchaus auch mal versuchen, die Erfolgsrezepte jener zu verstehen, über die allzuviel Geringschätzung und Hohn ausgegossen wurde. Und ob ein gewaltenteiliges, international verflochtenes System nicht stärker durch Serendipidität gestaltet werden kann als durch messianische Visionen, die dann blockiert werden (Obama anyone?)? Helmut Kohl hat als “Kanzler der Einheit” und großer Europäer Geschichte geschrieben – es wird Zeit, auch politikwissenschaftlich mehr jenseits der Klischees, kreativer und interdisziplinärer über ihn und seine Wege nachzudenken.

Der Buchtip zum anregenden und zunehmend interdisziplinären Konzept der Serendipidtät: “Lockerlassen” (2016) von Steve Ayan.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Je mehr Beiträge von Herrn Blume ich lese, desto deutlicher wird, wie in dieses Weltbild unreflektierte Voreingenommenheiten eingehen. Am Beispiel Kohl wohl, weil dieser dem christlich-konservativen Lager angehört. Wenn ich die positiven und die negativen Nachrufe auf Kohl vergleiche, beeidrucken mich die positiven jedenfalls mit ihrer Substanzlosigkeit.
    Ich schlage zum Überdenken unseres Gesellschaftssystems hier mal die Lektüre eines Buches vor: Brand/Wissen, Imperiale Lebensweise. München 2017. Das stellt grundsätzlich Denken und Lebensweise unserer “fortschrittlichen” Gesellschaften in Frage.
    In den Texten von Herrn Blume wird mir auch zunehmend, wenn auch nicht überraschend die Vernebelungsfunktion von Religion deutlich. Da passt dann das Kohl-Bild ausgezeichnet dazu.
    Gerhard Kugler

    • Sehr geehrter Herr Kugler,

      mir war selbstverständlich klar, dass ich für eine würdigende Sicht auf unseren langjährigen, übrigens vom Volk mehrfach wiedergewählten Bundeskanzler doch wieder Schmähungen und persönliche Anwürfe würde lesen “dürfen”. Dass sich gerade auch viele vermeintlich “aufgeklärte” Menschen durch eine verblüffend hohe Arroganz und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden “auszeichneten”, hat mich schon als Jugendlicher (z.B. bei manchen Alt-68er-Lehrern) fasziniert und sicher zu meiner Weltanschauung und meinen Forschungsinteressen beigetragen.

      Wie kommt es nur, dass Ansätze für Bildung manche Menschen offener und neugieriger machen, andere aber nur selbstgerechter und spießiger? Dass sie gar nicht merken, dass sie gerade mit dieser elitären Arroganz viele Menschen abstoßen und damit auch gesellschaftlich und politisch immer wieder verlieren?

      Ein Teil der Antwort scheint mir zu sein, dass gerade auch vermeintlich säkulare Menschen bisweilen ihre eigenen Glaubensannahmen weder wahrnehmen noch reflektieren. Man ist ja gewohnt, vom vermeintlich hohen Ross herab auf andere herunter zu sehen…

      So ist schon Ihre Einteilung von Menschen in konservativ vs. fortschrittlich nicht nur allzu einfach, sondern auch zutiefst mythologisch. Waren z.B. die Sozialdarwinisten, Stalin, Mao und ihre Anhängerschaften besonders “fortschrittlich”? Sie nahmen das für sich in Anspruch, entsprechend war jeder Widerspruch lebensgefährlich…

      Und weil es sich aber so gut anfühlt, haben auch Sie gleich böse – gut und religiös – säkular auf die Achse Ihrer Weltsicht draufgepackt, die jeweils “richtigen” Aspekte natürlich stets bei sich selbst entdeckt. Es überrascht Sie selbst, wie gut Sie sind!

      Herzlichen Glückwunsch, Sie haben durch ein paar mythische Kniffe die Menschheitsgeschichte (vermeintlich) entschlüsselt und sich dabei selbst an der Spitze des “Fortschritts” verortet!

      Und damit ist selbstverständlich auch klar, dass Sie sich für viel zu intelligent und wissend halten, um von niederen Kreaturen – “Vernebelten”, also Andersdenkenden – noch irgendetwas zu lernen! Warum auch, Sie stehen doch schon auf dem Gipfel und sehen klar! Ob Marx, L. Ron Hubbard (“Dianetik”) oder Ihr Vorschlag – eine vermeintlich unfehlbare Lehre findet sich immer (wieder)…

      Deswegen sind Sie hiermit offiziell von diesem Blog “entschuldigt”. Leuten wie Ihnen, die auf religiöser oder säkularer Grundlage von ihrer eigenen Überlegenheit voll überzeugt sind, habe ich tatsächlich nichts anzubieten. Wenn Sie aber einmal ein echtes Interesse am noch Unbekannten, an Herausforderungen und den faszinierenden Rätseln und Widersprüchen aller Menschen entwickelt haben sollten, können Sie ja wieder vorbeischauen.

      Ihnen die besten Wünsche an die Spitze der säkular-mythologischen “Fortschrittspyramide”! 🙂

      • Sehr geehrter Herr Blume,

        ich gestehe ein, dass ich zu summarisch war und so gut wie nicht inhaltlich argumentiert habe. Wenn Sie es als persönlich herabsetzend empfunden haben, distanziere ich mich von meinem Ton. Mir fehlt halt auch bei Ihnen der Versuch, auch ganz anders “Gläubige” anzusprechen.
        Nein, ich bin nicht einfach sekulär. Ich habe dazu einen Text von mir ins Internet gestellt: http://www.erlebnisoffen.de/artikel/sinn_akt.pdf
        G.K.

        • Sehr geehrter Herr Kugler,

          vielen Dank für Ihre Klarstellung und die Verlinkung Ihres Papieres, das ich mit Interesse durchgesehen habe. Hier machen Sie Ihre subjektive Mythologie einer “diesseitigen Religion” ausgearbeitet deutlich und transparent. (Der Begriff “Säkularität” bezieht sich übrigens ursprünglich auf ein diesseitiges im Gegensatz zu einem jenseitigen Zeitverständnis, Ihr Entwurf wäre daher tatsächlich “säkular”.) Viele Gedanken und Formulierungen darin fand und finde ich sehr interessant und ansprechend, einiges aber auch verstörend. So wird m.E. die Crux, über die wir gestritten haben, sehr deutlich, wenn Sie schreiben:

          “Die anderen Gesichtspunkte rechtfertigen m.E. das Beibehalten des Begriffs „Religion“. Wenn sie im Diesseits bleibt, brauchen wir keine sektiereischen Glaubensbekenntnisse, Exegesen oder gar Hierarchien mit Deutungshoheit.”

          Sie erheben damit nicht nur einen Wahrheitsanspruch – was für jede religiöse und weltanschauliche Position völlig legitim ist -, sondern sprechen auch anderen religiösen Tradition schlicht die Existenzberechtigung ab. Denn jede/r, der oder die trotz allem an “jenseitiger” Religion orientiert bleiben wollte, stellt sich dem “einzig wahren Fortschritt” entgegen. (Auch ein z.B. christlicher Fundamentalist würde so argumentieren: “Wenn alle Menschen Jesus als ihren Herrn akzeptiert haben, brauchen wir keine sektiereischen Glaubensbekenntnisse, Exegesen oder gar Hierarchien mit Deutungshoheit.”)

          Zumal Sie mit Sri Aurobindo einsteigen und heute der Internationale Tag des Yoga ist 🙂 , erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass gerade auch einige hinduistische Strömungen einen “intoleranten Inklusivismus” praktizieren, der nicht nur z.B. Muslime und Christen als Nicht-Hindus ausgrenzt, sondern zum Beispiel auch Sikhs die religiöse Eigenständigkeit abspricht. Auch in seidenen Handschuhen lassen sich mythologisch eiserne Fäuste verstecken…

          Vielleicht wollen Sie über das Ganze ja auch noch einmal nachsinnen.

          Ihnen alles Gute und herzliche Grüße!

          PS: Informationen zum heutigen Weltyogatag finden sich zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltyogatag

          • Ich bewege mich im Rahmen einer pragmatistischen Erkenntnistheorie, nicht in einer ontologischen, absoluten. Damit ist für mich Wahrheit weder unabänderlich gültig noch beliebig. Mein Ansatz im von Ihnen kritisch kommentierten Text gleicht damit nicht einem traditionell religiösen, sondern versucht den Kriterien diesseitiger Wissenschaftlichkeit zu genügen. Als abstrakte Sicht kann er allerdings nicht etwa falsifiziert werden. Er kann nur fruchtbar oder unfruchtbar sein.
            G.K.

          • @Gerhard Kugler

            Das ist dann wohl der erkenntnistheoretische Knackpunkt: Seit Popper geht man eigentlich davon aus, dass sich empirische Theorien genau durch ihre Falsifizierbarkeit auszeichnen. Eine Behauptung, die das nicht ist, kann metaphysische oder mythologische Annahme sein, aber nicht gleichzeitig wissenschaftliche Theorie.

          • Michael Blume schrieb (21. Juni 2017 @ 20:45):
            > Seit Popper geht man eigentlich davon aus, dass sich empirische Theorien genau durch ihre Falsifizierbarkeit auszeichnen. Eine Behauptung, die das nicht ist, kann metaphysische oder mythologische Annahme sein, aber nicht gleichzeitig wissenschaftliche Theorie.

            Seit Popper das, was sich durch Falsifizierbarkeit auszeichnet (nämlich: empirische Modelle) “Theorien” und insbesondere “wissenschaftliche Theorien” zu nennen beliebt hat,
            scheinen manche leider davon auszugehen, dass (Systeme von) methodische(n) Annahmen, die der Gewinnung empirischer Befunde zugrundegelegt werden und die deshalb nicht selbst durch jegliche damit gewonnenen empirischen Befunde falsifiziert werden können, nicht “Theorien” genannt werden sollten, und sogar unwissenschaftlich wären.

          • Also, @Frank Wappler, ich vertrete eine solche Position ausdrücklich nicht. So gehören doch z.B. Philosophien und Theologien, Mathematik und Rechtswissenschaften klar zum Kanon jeder Volluniversität – und ein Grundbestand an interdisziplinären Kenntnissen zur Allgemeinbildung. Gerhard Kugler und ich haben doch gerade über Erkenntnistheorie debattiert – ein (wichtiger!) Teilbereich der Philosophie.

            Gerade “deswegen” lege ich so großen Wert darauf, klar zwischen empirischen Theorien, metaphysischen und mythologischen Annahmen zu unterscheiden. Sie gehören unverzichtbar zum Leben und zum Konzert der Wissenschaften – es schadet jedoch allen, wenn sie nicht unterschieden, sondern zusammengerührt und sogar verwechselt werden (vgl. zum Beispiel Kreationismus, Verschwörungsglauben u.v.m.).

            Eine Philosophin kann und soll z.B. die Annahme vertreten: “Menschen haben Würde.” – aber sie sollte dies nicht als empirisch falsifizerbare Theorie ausgeben. Umgekehrt sollten Evolutionsforscher nicht behaupten, sie könnten absolute Werte oder Wahrheiten “beweisen”.

          • @ Herr Dr. Wappler :

            ‘(Systeme von) methodische(n) Annahmen, die der Gewinnung empirischer Befunde zugrundegelegt werden’ sind nun mal ‘(Systeme von) methodische(n) Annahmen, die der Gewinnung empirischer Befunde zugrundegelegt werden’ und keine empirischen Theorien, sondern Theorien (“Sichten”, wenn nicht ’empirisch’, dann nicht auf Daten).

            Vermutlich “hängen” Sie sich daran “auf” :

            (Seit Popper geht man eigentlich davon aus, dass sich empirische Theorien genau durch ihre Falsifizierbarkeit auszeichnen.) Eine Behauptung, die das nicht ist, kann metaphysische oder mythologische Annahme sein, aber nicht gleichzeitig wissenschaftliche Theorie. [Dr. Blume]

            Verbesserung :

            Eine Behauptung, die das nicht ist, kann metaphysische oder mythologische Annahme sein, aber nicht gleichzeitig empirische wissenschaftliche Theorie. [Dr. Blume]

            Unglaublich, woran Sie sich “aufhängen” können.

            MFG
            Dr. Webbaer

          • Michael Blume schrieb (22. Juni 2017 @ 08:25):
            > […] klar zwischen empirischen Theorien, metaphysischen und mythologischen Annahmen zu unterscheiden.

            Mir ist in diesem Zusammenhang gerade ein Begriff aufgefallen …: “Methodenlehre“.

            Soll eine (so genannte) “empirische Theorie” strikt von jeglicher “Methodenlehre” unterschieden und getrennt sein ?
            (Falls so, dann erscheint die Wortwahl “Theorie” für ersteres unpassend; vorzuziehen wäre “Modell”.)

            Oder enthält eine/jede “empirische Theorie” geeignete Anteile von “Methodenlehre” ?
            (Falls so, dann beträfen eventuelle empirische Falsifizierungen nicht die gesamte so genannte “empirische Theorie“, sondern nur deren empirischen “Modell”-Anteil.)

            p.s.
            > Gerhard Kugler und ich haben doch gerade über Erkenntnistheorie debattiert […]

            Vielen Dank für diese Gelegenheit, über Erkenntnistheorie zu debattieren.

          • Dr. Webbaer schrieb (22. Juni 2017 @ 08:20):
            > ‚(Systeme von) methodische(n) Annahmen, die der Gewinnung empirischer Befunde zugrundegelegt werden‘ sind nun mal […] keine empirischen Theorien, sondern Theorien („Sichten“, wenn nicht ‚empirisch‘, dann nicht auf Daten).

            Gut gewebbrummt!, Dr. Webbaer.

            Ist die Ansicht (der sicher nicht nur ich besonders anhänge), dass

            <a href="http://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol6-doc/319?highlightText=konstatierungen&quot;

            alle unsere zeiträumlichen Konstatierungen stets auf die Bestimmung zeiträumlicher Koinzidenzen hinauslaufen, [wie z.B. von] Begegnungen zweier oder mehrerer materieller Punkte.

            also eine “Sicht auf Daten“, oder nicht ?

    • Was sind wir doch für Tölpel! Selbstverständlich konstituiert das Beobachten und daraus-Folgern und Handeln keine neurokognitive Fähigkeit, nicht wahr!? Steine tun das doch auch ständig! Es gibt da nichts zu Forschen! 😉

      Und selbstverständlich dürfen Wissenschaftler und Autoren wie Steve Ayan keineswegs über Wikipedia-Artikel hinausgehen! Wo kämen wir da hin!?

      Wie konnte ich das neue Credo des Fortschritts nur so vergessen! 🙂

      Vielen Dank für die nun vollendete Erleuchtung und Erheiterung, @G.K.! 🙂

  2. Dr. Helmut Kohl ist auf der Populismus-Elit(ar)ismus-Skala, Elit(ar)ismus ist das nicht gerne genannte Antonym zum Populismus, Politiker müssen populistisch und elit(ar)istisch sein, vielleicht mit ca. 7 : 3 auf Seiten der Populisten einzuordnen.
    Er hat dann tatsächlich, im Sinne der Serendipidät sozusagen, oft pragmatisch gehandelt und Lösungen angestrebt, die einerseits halbwegs funktionierten und andererseits halbwegs gut in der Öffentlichkeit ankamen.
    Er war auch alles andere als unverständig, die “Birne”, wie er mit diesem Wort herabgesetzt worden ist.
    Wie auch im Interview mit Jauch und Gottschalk gesehen werden konnte, Kohl hatte Anfang der Nullerjahre noch einige Interviews gegeben, die ihn in guter Form zeigten.

    Falsch war wohl das Euro-System, das unzureichend skalieren / funktionieren musste und das so auch vor der Einführung einschätzbar war, gut sein energisches Durchgreifen bei der Wende, anderswo auch Revolution genannt und sein diesbezüglicher Zehn-Punkte-Plan.

    Das mit dem sog. Waldsterben ist hier anders in Erinnerung, Kohl und Wolfgang Schäuble wussten, dass es das Waldsterben nur in der BRD (!) gab und dass eine Kollektivpsychose vorlag. Schäuble hat auch auf die für ihn typische dämonische Art in öffentlichen Diskussionen immer wieder gefragt, warum es das sogenannte Waldsterben nur in der BRD gebe.
    Kohl hat hier politischen Moden folgend gehandelt und ist nicht widerständig geblieben, so richtig prinzipientreu kann er als “7 : 3”-Populist ja auch nicht gewesen sein.

    Er hatte seine Leute bei der CDU, bei der CSU weniger >:-> , gut im Griff, er wusste wie sie denken, hatte ein feines Personengespür, insbesondere auch mögliche Gegner in eigenen Reihen erkennend.
    Er hat im Großen und Ganzen so politisch gehandelt, wie dies die CDU und die CDU-Wählerschaft erwartete, er war wertkonservativ und machte nicht wie seine Nachfolger als pol. linke Politiker anti-linke Politik (“Agenda 2010”) und als pol. konservative Politiker anti-konservative Politik.

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Politik ist “nur” ein Abbild menschlicher Eigenschaften, mit all ihren Schwächen. Politik als Gesamtes sowie Individuen, die (politisch) handeln, sind nie konsistent und konsequent in ihren Entscheidungen/Handlungen.
    Diese Schwächen mag man Individuen nachsehen, Institutionen eher weniger.

    “unkonventionelles, schnelles Chancennutzen” kann man auch als Euphemismus für puren Opportunismus auffassen; eine Eigenschaft die, die Mehrheit bei Entscheidungsträgern vermutlich eher ungern sieht.

    “ein konservatives Erfolgsrezept […] – auf Ängste unter den Menschen nicht mit Belehrungen zu reagieren, sondern sie aufzunehmen”
    Auch wenn man Demokratie als Freiheit der Bürger, Angst haben zu dürfen interpretieren kann, heißt das *nicht*, dass man Ängste bedienen muss, um poltische Handlungsfähigkeit zu demonstrieren; Asylrechtsverschärfungen (Humanismus anyone?; Schutz der Familie als konservativer Wert vs. Familiennachzug aussetzen), Überwachungsausweitungen, etc.
    V.a. bringen diese Maßnahmen häufig nicht wirklich was, wie z.B. der Vorsitzender der Polizeigewerkschaft Bund Deutscher Kriminalbeamter bestätigt:
    https://www.youtube.com/watch?v=wsOZm-gzeWs

    • Oh ja, @Name – jede Beobachtung der Realität und damit auch des menschlichen Handelns lässt sich immer unterschiedlich sehen und bewerten. Mein Lieblingsbeispiel dafür stammt vom Astronom Martin Rees, der auf das häufige Narrativ vom Menschen als “Sternenstaub” mal trocken geantwortet hat, ebenso ließe sich vom “stellaren Atommüll” sprechen. 😀
      http://www.zeit.de/2008/31/Klein-31/seite-3

      Meines Erachtens ist diese emotionale und weltanschauliche Vielfalt der Perspektiven nicht nur normal, sondern sogar wichtig und richtig. Gerade Wissenschaft sollte dann dazu beitragen, diese verschiedenen Perspektiven empirisch zu erforschen und verständlich zu machen. So ist es in einer Demokratie völlig legitim, auch Helmut Kohl abzulehnen. Es ist aber ignorant und dumm, sich nicht einmal zu fragen, wie und warum er (auch gegen starken Medienbeschuss) so oft wiedergewählt und maßgebliche Projekte umsetzen konnte.

      Die Gefahr, dass sich gerade auch Akademiker und Forschende in eigenen Milieublasen verlieren, hat Jonathan Haidt für die Psychologie (!) einmal sehr eindrucksvoll thematisiert:
      http://www.newyorker.com/science/maria-konnikova/social-psychology-biased-republicans

      Auch deswegen “gebe ich gerne zu denken”, wenn sich gebildete oder eingebildete Milieus allzu einig werden…

  4. Hier eine (natürlich nicht zwingend in allen Belangen zutreffende) Sicht aus dem Ausland:

    http://www.latimes.com/local/obituaries/la-me-helmut-kohl-snap-story.html

    Und eine familiäre:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/tod-von-altkanzler-helmut-kohl-walter-kohl-sie-sehen-einen-menschen-der-sehr-traurig-ist-1.3548856

    Ich hab ihn Mal als junger Mann (vor über 40 Jahren) bei einer Rede vor dem Rathaus in Wiesbaden erlebt – fand ihn eigentlich ganz OK (obwohl ich “rot” war).

    http://www.bild.de/politik/inland/helmut-kohl/das-letzte-foto-52235108.bild.html

  5. Für einen 1970 geborenen Deutschen war Kohl ein Begleiter von der Pubertät (als er 12 war wurde Kohl Kanzler) bis ins reife Erwachsenenalter (abgetreten ist Kohl als unser 1970 geborener Deutscher 28 war). Dass die Deutschen solange an einem Kanzler festgehalten haben und tendenziell auch heute noch Beständigkeit suchen, sehe ich positiv für Deutschland und die Deutschen: Die Bürger sind einigermassen zufrieden, müssen den Kanzler, die Kanzlerin darum nicht ständig austauschen und/oder sie glauben, dass die Bundespolitik nur einen Teil des Lebens und des politisch/gesellschaftlichen Prozesses ausmacht. Und das entspricht doch recht gut der Realität und wiederspiegelt eine überraschend zufriedene, erfolgreiche und friedfertige deutsche Nachkriegsgesellschaft.

    • @ Herr Holzherr :

      Vielen Dank für die angedeutete Selbst-Positionierung, Dr. Webbaer hat viel Übles über Dr. Helmut Kohl geschrieben, abär Schwamm drüber!
      Kohl war ein Kind seiner Zeit, er hat einige Sachen, aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen, und selbst wenn Kohl nicht allgemein politisch zugestimmt werden kann, Dr. Webbaer war auch mit Willy und Helmut Schmidt nie sonderlich zufrieden, es lagen wohl schon jeweils wohlgeformte Demokraten vor, auf die die BRD stolz [1] sein kann, sehr gut gemacht.

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Exkurs:
      Es ist möglich, wie zulässig, wie auch bedarfsweise : notwendig, auf andere und auf selbst nicht erbrachte Leistung stolz zu sein.

  6. Helmut Kohl überlebte wörtlich und im übetragenen Sinne sehr viele KonkurrentInnen, beispielsweise die 17 Jahre jüngere Grünen-Mitgründerin Petra Kelly. Dieses “Leben und Überleben – Wollen” war ein fester Bestandteil von Helmut Kohls Gemüt, gehörte – wie man heute sagen würde – zu seiner DNA.

  7. Wenn man die Regierungszeiten deutscher Politiker mit denen von Italien vergleicht, dann darf man die Neigung der Deutschen zur Nibelungentreue nicht vergessen. Wir folgen unseren “Führern/innen” solange, bis die inneren Widersprüche sie selbst beseitigen.
    Bis jetzt sind wir damit gut gefahren.

  8. Interessant: Auch der Philosoph Peter Sloterdijk kommt bei der Beobachtung Kohls zum Erfolgsfaktor #Serendipidität. Im SPIEGEL 26/2017, S. 119 formuliert er:

    “Wenn das Gewicht eines Menschenlebens an der Summe seiner Taten gemessen wird, dann kann man Kohl eine gewisse Größe nicht absprechen. Das gilt auch dann, wenn er eigentlich nicht ein Täter aus eigenem Recht war, sondern jemand, der die nötige Geistesgegenwart besaß, eine zufällige Chance zu ergreifen.

    Selbst Napoleon, den man allgemein für den mächtigsten Akteur in der europäischen Geschichte seit Alexander dem Großen hält, diktiert seinem Memoirenschreiber Emmanuel de Las Casas auf Sankt Helena den Satz: Die Wahrheit ist, dass ich niemals Herr meiner Handlungen war, sondern immer nur auf Gelegenheiten reagiert habe. Im Licht dieser Erkenntnis kann man die Leistung von Kohl erst richtig kalibrieren.”

    Ganz genau so sehe ich das auch. 😊👍

  9. @Michael Blume

    Hallo,
    es hat sich beim Sterbedatum von Adenauer ein Zahlendreher eingeschlichen, statt 1976 muss es 1967 heißen.
    Schöne Grüße

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