Digitale Hausarbeiten – wie mich Studierende des KIT Karlsruhe begeisterten

Mitte des Monats endete mein Seminar für Medien- und Berufsethik am KIT Karlsruhe – abschließend noch mit der Moderation eines Fachpodiums, zu dem auch viele Studierende gekommen waren. Und ich muss ehrlich schreiben: Das Lehren macht mir ja ohnehin immer wieder sehr viel Freude – doch die Erfahrungen in Karlsruhe waren noch einmal herausragend!

1A-Vorbereitung – Der einführende Gastvortrag war per Plakat angekündigt, es gab eine Wegbeschreibung digital vorab und real Kaffee und Kekse zum Vortrag.
Foto: Michael Blume

Dies hing zum einen mit der Aufgabenstellung zusammen: Als Religionswissenschaftler bin ich ja eigentlich kein Experte in normativen Fragen (dafür sind Theologinnen und Philosophen da), aber den Anfragenden ging es ausdrücklich um meine medienbezogenen Arbeiten einerseits (wie z.B. „Wildbeuter im Web 2.0“) und meine eigenen Erfahrungen als Blogger, Publizist und Buchautor andererseits. So konnte ich mich für die Vorbereitung auch in völlig neue Themengebiete einlesen und entschied mich zudem, statt der Verkündigung einer bestimmten Moral lieber die persönliche Begegnung und den Austausch in den Mittelpunkt zu stellen. Ich wollte die Studierenden dazu animieren, das Ganze als Chance für ihre eigene Entwicklung zu nehmen – denn wenig ärgert mich mehr als der Trend an unseren Universitäten, die Hochschule als verlängerte Schul-Oberstufe mit Punktejagd und Bulimie-Lernen auszurichten. Entsprechend entschied ich dann auch, statt einer klassischen „Hausarbeit“ (mindestens 12 Seiten DIN A4, Arial 12, Blocksatz, wählen Sie aus der beigefügten Literaturliste…) die Studierenden zu digitalen Beiträgen auf YouTube, Blogs o.ä. einzuladen – zu Themen, die sie weitgehend selbst wählen durften. Dazu gab es dann noch eine Klausur zum Seminar-Studienbrief (pdf hier), den ich nach der Amtsübernahme Trumps in einem langen Wochenende mit kurzen Nächten überarbeitete.

Für viele Studierende war dieser sehr „freie“ Ansatz zunächst eine Herausforderung, zumal die Zeit von knapp zwei Wochen wirklich sehr kurz bemessen war. Aber dann entstanden doch Online-Beiträge von oft hervorragender Qualität, die dann im Seminar auch präsentiert und – stilistisch wie inhaltlich – diskutiert werden konnten. Von Video-Filmrezensionen („Er ist wieder da!“) und tierethischen Fragen in Thailand über Lady Gagas viel (und medial!) diskutierten Auftritt beim US-Superbowl 2017 bis zur Mediengeschichte des westdeutschen „Waldsterbens“ (Buchrezension dazu folgt!) bot sich eine Fülle starker Themen, so dass fast noch ein Seminartag mehr drin gewesen wäre. Sobald die Studierenden „entfesselt“ waren, entwickelten sie eine starke Kreativität. Hier kam zur Geltung, dass sie am KIT nicht „irgendwas mit Medien“ studieren, sondern nach einem oft natur- oder kulturwissenschaftlichen Bachelor den Masterstudiengang Wissenschaft – Medien – Kommunikation bewusst gewählt und ein Bewerbungsverfahren durchlaufen hatten. Von einigen der Absolventen dieses Studienganges werden wir mit Sicherheit in Zukunft Interessantes und Gutes Hören, Lesen und Sehen!

Gerne hätte ich noch mehr der gelungenen Digitalbeiträge verlinkt, doch beschränke ich mich im Folgenden auf jene, für die mir die Studierenden per Mail ausdrücklich ihr OK gegeben haben (und nehme auch die teilweise sehr gelungenen Facebook-Beiträge hier nicht herein, da sie doch Extra-Anmeldungen erfordern würden). Bitte beachten Sie, dass die Digitalbeiträge dabei je nur Teil einer Präsentation und Diskussion waren – sie konnten und sollten kein Thema „erschöpfend“ behandeln, sondern zur Debatte und Reflexion einladen. Und das gelang ihnen, und wie!

So bloggte Franziska Schäfer in einem sorgfältig komponierten Stück zu „Fake News, Big Data und Medienkompetenz“.

Mit einer Kombination von Text und Datengrafiken überzeugte Anika „Akastisch“ Aßfalg in ihrem Blogpost zu „schwarz-weißen oder kunterbunten“ Fakten.

Zu einer Einführung zum seitdem medienethisch hoch diskutierten „Gladbeck-Geiseldrama“ (1988) fragte Sina Masino: „Voyeurismus und Sensationsgier – Wie weit dürfen Journalisten gehen?“.

Über Verschwörungstheorien und -glauben bloggte und diskutierte Daniel Heinold – und setzte sich dabei keinesfalls unkritisch mit meinen Vor-Arbeiten auseinander. (Und genau so (!) soll es doch auch sein!)

Über Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern im Berufsleben bloggte Ludwig Kasten – und erreichte damit eine sehr bewegte und erhellende Diskussion darüber, dass es nicht nur darauf ankommt, „was“ gesagt wird – sondern auch, „wer“ es sagt. An diesen Fragen hätten einige Studierende gerne noch weiter debattiert…

Julia Goldstein zeigte auf, wie Trump und sein Team Aussagen zu Abtreibungen im Wahlkampf revidierten und eröffnete damit auch eine ethische Perspektive auf die (wiederum verkürzt!) „Pro Life“ und „Pro Choice“ genannten Lager.

Und Simone Hess präsentierte lesenswert und mit einem „knalligen“ Böhmermann-gif zur Debatte um „postfaktische Zeiten“. Überhaupt spielten Begriffe wie faktisch, postfaktisch und alternativ-faktisch im Seminar immer wieder eine zentrale Rolle, wurden philosophische Positionen der Erkenntnistheorie immer wieder aufgerufen.

So darf ich am Schluss hoffen, dass Sie meine Begeisterung für das erlebte Seminar – vor allem für die kreative Kompetenz und das Engagement der Studierenden – doch etwas nachvollziehen können. Ich wollte mit diesem Blogpost auch einfach noch einmal deutlich machen, dass sich Wissenschaft nicht nur über das Forschen und Schreiben, sondern gerade auch über das Lehren entfaltet. Und dass idealerweise der Dozent auch selbst zum Lernenden wird – wie ich es hier erleben durfte.

Mein persönlicher Dank geht also an alle Teilnehmenden, an Prof. Annette Leßmöllmann, Stephanie Lomuscio, Claudia Pinkas-Thompson, Philipp Schroegel und Nicolaz Groll für eine organisatorisch, fachlich, aber eben auch menschlich großartige Begleitung. Ich bedauere es jetzt schon, dass in den kommenden Monaten mal kein Lehrauftrag mehr ansteht. 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Digitale Hausarbeiten,
    schnelle vorzeigbare Erfolge haben auch ihre Schattenseiten.
    Die Studenten werden bequem.
    Es ist sehr einfach sich die Informationen aus dem Netz zu besorgen. Es ist sehr einfach Gegenargumente zu finden und das Fazit als Eigengewächs anzubieten.
    Die positive Seite soll nicht unerwähnt bleiben.
    In kurzer Zeit können sich Studierende einen großen Überblick verschaffen. Ob da noch Platz für originäre Ideen bleibt?

    • @Bote17

      Nun ja, Medienkritik ist ja auch so alt wie neue Medien selbst. So schimpft schon Platon im Phaidron (das uns natürlich nur schriftlich überliefert ist), über die Erfindung der Schrift…

      „(…) diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses hast du gefunden. Und von Weisheit gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: wenn sie vieles gehört haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu verstehen sich einbilden, da sie doch größtenteils nichts verstehen und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu Dünkelweisen geworden und nicht zu Weisen“
      Zitiert und kommentiert hier: https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-28/medienkritik.htm

      Meines Erachtens habe alle (alten und neuen) Medien je ihre Licht- und Schattenseiten. Und gerade auch in Studiengängen im Bereich Wissenskommunikation und Medien sollten Studierende mit verschiedensten Medien experimentieren und arbeiten können. 🙂

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