Engel als Zauberer, Sauron als Dämonenfürst – Reichlich Angelologie in Tolkiens Herrn der Ringe

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Mein letzter Blogpost über die christlich-religiösen Hintergründe von Tolkiens Fantasy-Verständnis hat insbesondere auf Facebook eine Vielzahl von erfreulichen Reaktionen ausgelöst. Besonders oft wurde diskutiert, dass C.S. Lewis seine “Chroniken von Narnia” sehr eng an der Christusüberlieferung ausgerichtet habe, Tolkiens “zweite Schöpfung” jedoch bewusst unabhängiger gestaltet worden war.

Das stimmt, ist jedoch nicht die ganze Story. Schaut man sich die vor allem im Silmarillion verewigten Schöpfungserzählungen zu Mittelerde an, so wird deutlich, dass sich Tolkien sehr stark an der christlichen Angelologie orientiert hat (die wiederum aus jüdischen und zoroastrisch-dualistischen Traditionen erwuchs):

Auf der einen Seite stellt Tolkien den guten Urschöpfer Eru Iluvatar (“Allvater”) vor, der unter anderem die engelartigen Valar ins Leben rief. Sie wiederum entsandten die zauberkundigen Istari, fünf niedere Erzengel, als Wächter und Kämpfer in die Welt, darunter Gandalf und Saruman. Dem guten Schöpfer gegenüber wirkt der finstere Melkor (Quenya-Elbisch für “Er, der in Macht ersteht”), ein gefallener Valar, der aus ebenfalls gefallenen Maiar (niederen Engeln) die dämonenhaften Balrogs sowie aus verirrten Elben die Orks formte. Auch Sauron stieg als Maiar zur rechten Hand Melkors und nach dessen Niederlage zum Erzbösen von Mittelerde auf. In einem dynamischen Vier-Minuten-Video stellte CGP Grey die Mythologie von Mittelerde gekonnt dar.

Es gehört zur hohen Kunst Tolkiens, dass diese mythologischen Hintergründe in den Romanen nur angedeutet werden – beispielsweise in Gedichten, einzelnen Äußerungen der Charaktere oder im (Engel!-)Kampf zwischen Gandalf und dem Balrog von Moria. Und doch trug auch der Erfolg seiner Bücher dazu bei, dass seitdem fast alle Fantasywelten über “angelologische” Hintergrund- und Schöpfungsgeschichten verfügen. Die religionssoziologisch faszinierende “Wiederkehr der Engel” hat auch fantastische Wurzeln.

Engelkunde, sciebooks.de 2013
Credit: sciebooks.de Engelkunde, sciebooks.de 2013

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

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