Digitales Fasten – Ein Lichtblick in der Netzkultur

Kein Zweifel: Ich liebe digitale Medien und denke, dass sie die Menschheit voranbringen können, wie es der Buchdruck getan hat. Doch genauso wie der Buchdruck zunächst auch die etablierten Institutionen erschütterte, Verschwörungsglauben und Hass begünstigte, warnte ich in Artikeln und Blogpost schon 2011 vor den Gefahren der Radikalisierung durch das Netz. Dass autoritäre Regime wie in Russland und der Türkei inzwischen “nach innen” das Internet streng kontrollieren und digitale Opposition verfolgen, gleichzeitig aber über Troll-Armeen, Fake-News und Social Bots die liberalen Demokratien attackieren und Wahlen manipulieren, ist die jüngste und bedrohliche Eskalationsstufe.

Dennoch werden Sie hier von mir keine Panik- und Untergangsszenarien lesen. Denn ich glaube, dass freiheitliche Gesellschaften die Herausforderungen digitaler Medien bestehen und sogar gestärkt daraus hervorgehen können. So sind, erstens, Wirtschaft und auch Wissenschaften auf verläßliche Regeln angewiesen, die ihnen populistische und verschwörungsgläubige Regime nicht bieten können – schon jetzt stürzen Russland und die Türkei wirtschaftlich ab, gebildete Eliten wandern aus und auch die Qualität und Finanzierung ihrer Militärapparate leidet. Würden wir endlich unseren Öl- und Gasverbrauch entschlossener reduzieren, so würde die Haupteinnahmequelle der meisten, autoritären Rentier-Regime versiegen.

Hoffnung gibt mir, zweitens, auch die weitere Entwicklung von Netzkultur(en). Ja, es gibt auch weiterhin ein Übermaß an Trollen und Hatern, die das Netz vor allem nutzen, um sich auf Kosten anderer selbst zu befriedigen. Und doch nehme ich auch zunehmende Diskussionen über Fragen des Umgangs im Netz wahr und Botschaften wie jene von Brendan Cox – dessen Frau Jo Cox als liberale Abgeordnete von einem Rechtsterroristen erschossen wurde -, werden millionenfach geteilt.

Digitale Pausen – digitales Fasten

Vor einigen Jahren begannen meine Frau und ich auch, gezielt Zeiten zu vereinbaren, in denen wir entweder völlig auf digitale Medien verzichteten (“Internetpausen”) oder aber bestimmte, besonders zeitraubende Portale mieden (“Facebookpausen”). Und vor wenigen Tagen erschienen auch Befunde einer wissenschaftlichen Studie mit 1.095 Däninnen und Dänen, die zum Ergebnis kam: Gerade auch intensive Nutzer konnten ihre Lebenszufriedenheit durch Zeiten des Verzichts verbessern. Manchmal ist weniger eben mehr.

Viele Religionen kannten und lehrten bereits vor Jahrtausenden, dass Zeiten des bewussten Verzichtes auch positive Effekte auf Körper, Geist und Seele haben konnten. Ostern, Pessach und Muharram, Advent, Ramadan und Nouruz (Bahai) gehörten zu den Zeiten, in denen sich Einzelpersonen, aber auch Familien und Gemeinschaften je bestimmter Speisen und Getränke (z.B. Alkohol) sowie auch Tätigkeiten enthielten. Damit einher gingen Veränderungen der Selbst- und Weltwahrnehmung. Auch das frei gewählte, körperliche oder spirituelle “Heilfasten” wurde vielfach als Möglichkeit empfohlen. (Dass dabei jede Praxis, wenn zum Exzess getrieben oder mit Zwang ausgeübt, auch wiederum schädlich sein kann, setze ich als bekannt voraus.)

Mehr und mehr Menschen übertragen dieses “alte Wissen” nun auch in die digitale Zeit und gönnen sich und einander “digitale Auszeiten”. Damit machen sie aber wiederum auch persönliche Erfahrungen, die ihren zukünftigen Umgang mit den digitalen Medien “bewusster” gestalten können. Kurz: Sie entwickeln sich selbst und andere. Dagegen scheint es selbst ultraorthodoxen Rabbinern nicht zu gelingen, die Internetnutzung ihrer Anhängerschaften (der Haredim) ganz zu unterbinden.

Nein, ich betrachte das (auch digitale) Fasten oder gar völlige, digitale Abstinenz nicht als Lösung aller digitalen Probleme. Doch das Ausprobieren verschiedener Auszeiten ist meines Erachtens schon ein Zeichen dafür, dass wir Menschen auch beim Umgang mit den sog. “neuen Medien” auf jenes große Potential zurückgreifen, von dem wir alle leben, auf das wir alle zurückgreifen und zu dem wir alle (Gutes oder Schlechtes) beitragen: Auf Kultur.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern von Natur des Glaubens einen “guden Rosch”, ein freudvolles und gesegnetes Jahr 2017! Auf Facebook werde ich eine Pause einlegen und mich auch auf dem Blog bis zu Heilige-Drei-Könige auf den Kommentarbereich beschränken. Also, denn: Bis Heilige Drei Könige (6. Jan.)! 🙂

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin nicht mal sicher, ob dieser Beitrag den Spamfilter durchschreitet, dennoch:
    Der Denkfehler liegt darin, dass die klassischen Medien (totes Holz, Radio und Glotze) ebenfalls ernsthafte Fehler machen und oft auch “Fakenews” verbreiten.
    Das kann man schon dadurch beweisen, dass die Infos von den klassischen Medien häufig selbst aus den Internet stammen. Oft sind aber auch die “Offline-Quellen” alles andere als zuverlässig und glaubwürdig.

    Es ist eine bequeme Strategie, das Internet für alle Lügen verantwortlich zu machen, aber leider absolut nicht wahr. Die Qualitäts des Journalismus war schon vorher bedroht.

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