Guter Rutsch und Hals- und Beinbruch! Wo kommen diese Grüße her?

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Was wünschte uns denn da die Scilogs-Redaktion? Frohe Weihnachten und schöne Feiertage. Klar. Aber was hat es mit dem “guten Rutsch” auf sich?

Guter Rutsch aus dem Jüdisch-Hebräischen Rosch HaSchana

Der jüdische Neujahrstag heißt Rosch HaSchana (wörtlich: Haupt des Jahres, ebenso wie zum Beispiel das türkische yılbaşı). Hebräisch grüßt man dazu Schana tova, aber auch umgangssprachlich “Guten Rosch!” Die Gelehrten debattieren, ob und wann dieser Gruß aus dem Jiddischen, dem Rotwelsch oder einfach aus jüdisch-deutschem Sprachgebrauch in die Allgemeinsprache einsickerte. Dort konnte er sich wunderbar mit dem launigen “Rutschen” verbinden, das ein Hinübergleiten in neue Umstände ebenso bildhaft festhalten konnte wie auch die Zustände eisgefrorener Wege.

Und dies leitet auch gleich über zum nächsten Wunsch, den die Scilogs-Redaktion auch gleich hätte anfügen können:

Hals- und Beinbruch aus dem Jüdisch-Hebräischen Hazlacha uwracha

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gewundert, warum sich Leute gegenseitig lächelnd “Hals- und Beinbruch” wünschen, der sogar zu “Mast- und Schotbruch” (zur See) oder auch “Kopf- und Bauchschuss” (Armee) “weiterentwickelt” wurde. Sind wir Menschen etwa so mißgünstig? Und warum lächeln wir dabei?

Weil es ursprünglich ein jüdischer Segenswunsch war: Hazlacha uwracha, heißt auf hebräisch “Erfolg/Glück und Segen!” und wurde im Jiddischen zu “Hatslokhe u brokhe”, von wo es in den deutschen Sprachgebrauch übersprang. Und so “wissen” wir auch heute noch, dass mit Hals- und Beinbruch eigentlich Gutes gemeint sei, obwohl es doch eigentlich übel klingt – genau das macht ja den sprachlichen Charme aus. Und passt auch noch so gut zum “guten Rutsch”!

Die Herkunft nicht nur von Wörtern, sondern auch von Wortbedeutungen aus religiösen Traditionen erscheint Ihnen als Hokuspokus? Nun, dann besuchen wir einen lateinischen Gottesdienst!

Hokuspokus aus dem Katholisch-Lateinischen Hoc est enim corpus meum

“Hoc est enim corpus meum”, deutsch: “Dies ist mein Leib” verkündeten katholische Priester im feierlichen Moment der “Verwandlung” von Brot und Wein beim Abendmahl, bis zur Reformation selbstverständlich nur auf Latein “gültig”. Für große Teile der Gemeinde war dies ein magischer Moment (göttlicher Substanzwandel!) – zugleich aber haperte es mit Lateinkenntnissen nicht nur beim Volk, sondern auch in Teilen der Priesterschaft. Bis heute geben wir daher unserer Skepsis über nur vorgespielte Kompetenz Ausdruck, wenn wir meinen: “Da macht einer wieder seinen Hokuspokus.”

Simsalabim aus dem Islamisch-Arabischen Bismillah rahman i rahim

Das “Simsalabim” hat dagegen den Zauber des Geheimnisvollen noch etwas stärker behalten – denn wo die Christen des Mittelalters mit Anhängern des Islam in Kontakt kamen, hatten sie mit kulturell und wissenschaftlich erblühenden und teilweise auch weiter entwickelten Kulturen zu tun. So verdanken wir beispielsweise das damals unerhörte Rechnen mit der Null hinduistischen Gelehrten und der Vermittlung durch die islamische Kultur, die uns schließlich auch die arabischen Ziffern bescherte. Fromme Muslime beginnen Tätigkeiten – zu denen auch wichtige Reden, Vorträge oder Präsentationen gehören – mit der Formel “Bismillah rahman i rahim”, beim Namen Gottes, des Barmherzigen. Und so eröffnen auch heute noch mysteriöse Magier mit astronomisch-mathematischen Symbolen, spitzen Hüten und Turbanen ihr Zauberwirken mit einem “Simsalabim”…

Allen Leserinnen und Lesern, Kommentatorinnen und Kommentatoren von “Natur des Glaubens” wünsche ich einen guden Rosch und hazlacha uwracha! Mögen wir auch 2012 hinter zunächst unverstandenem Hokuspokus evolutionäre Erkenntnisse finden und über das neue spektrum.de staunen, das – Simsalabim – von einem ganz besonderen “Mitarbeiter” mit-gestaltet wurde… 😉

 

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. anrosgo

    Vielen Dank, diese guten Wünsche erwidere ich gerne! Und vielleicht gelingt es uns ja in 2012, einen konstruktiven Gesprächsfaden zu knüpfen. Würde mich freuen!

    Beste Grüße & guden Rosch!

  2. Teamplay

    Lieber Michael,

    freut mich, dass Du die Steilvorlage mit dem “Guten Rutsch” umgehend aufgenommen hast. Sehr schönes Teamplay 😉

    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein wunderbares 2012.

    Beste Grüße

    Richard

  3. Ich habe zu danken…

    …für die schöne Steilvorlage. 🙂 Auch Dir ein schönes, neues Jahr, wir sind bei Freunden wundervoll “gerutscht”. 😉

  4. Bin ich wenig damit einverstanden בְּ”הַ

    Der jüdische Neujahrstag heißt Rosch HaSchana (wörtlich: Haupt des Jahres.
    Modern Hebräisch grüßt man dazu Schanah Tovah, aber auch auf Aschkenasisch Hebräisch Schoinah Toiwah (aber auch mit andere Aussprache-Möglichkeiten).
    Dazu kommt Jiddisch mit „Gut Johr!“ oder oft auch „Gute Johr!“ ausgesprochen.

    TATSACHE IST, daß nicht nur die Termine des christlichen und des jüdischen Neujahrsfestes nicht zusammenfallen, sondern daß auch die jiddischen Beziehungen zu-, und Bezeichnungen für die jüdischen und christlichen Feiertage unterschiedlich seien.
    Juden dürfen kein Vergleich zwischen Rosch HaSchanah und 1. Januar machen. Wir leben aber, hier unter Christen und christliche Brauche, wie Januar Neujahr. Meistens kommen wir klar mit unseren christlichen Nachbarn und wollen sie auch zum Fest begrüßen, aber nicht sowie wir uns Juden an Rosch HaSchanah begrüßen.

    Deshalb haben wir ein “Guten Rosch!” (Giten Rosch, Giten Rahsch, usw nach Aussprache) gewünscht.
    Wie genau es mit Zeitablauf zu RUTSCH kam, wissen wir nicht genau. Umgangssprachlich debattiert werden, ob und wann dieser Gruß aus dem Jiddischen, jüdisch-deutschem Sprachgebrauch, oder einfach aus dem Rotwelsch in die Allgemeinsprache einsickerte. Dort konnte er sich wunderbar mit dem launigen “Rutschen” verbinden, das ein Hinüber-gleiten in neue Umstände ebenso bildhaft festhalten konnte wie auch die Zustände eisgefrorener Wege.

    • @Larry Zweig

      Ja, diese drei Varianten sind ja auch oben genannt – wobei Sprachwandel in allen genannten Sprachen sowie gegenseitige Beeinflussungen hinzu kommen. M.E. spricht aber der Hals- und Beinbruch für den (früheren) jüdisch-jiddischen Einfluss.

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