Hanami oder: Das Leben ist eine Kirschblüte

In Japan ist die Sakura genannte Kirschblüte die schönste und wichtigste Zeit des Jahres. Doch auch in Deutschland können wir das kostbare Spektakel genießen – beispielsweise auf dem früheren Todesstreifen der ehemaligen DDR-Grenze. Warum sich keiner dieses Spektakel entgehen lassen sollte und was es uns über das Leben sagt. (Zur spanischen Version dieses Artikels geht es hier.)

Sakura in Deutschland

Dort, wo früher Menschen für die Freiheit starben, erfreut uns heute die Japanische Blütenkirsche (Prunus serrulata). Dank des Mauerfalls können wir nun auch in Deutschland diese wunderschönen “Blüten betrachten” – Hanami, wie die Japaner sagen. Dank einer Spendenaktion des japanischen Fernsehsenders TV Asahi kurz nach dem Mauerfall, die 1 Million Euro erbrachte, fanden über 9000 Japanische Kirschbäume eine neue Heimat, vorwiegend in Berlin und Brandenburg. Die ersten Bäumchen wurden im November 1990 an einem der symbolträchtigsten Orte der Deutschen Teilung gepflanzt: der Glienicker Brücke.

Japanische Zierkirschen sind wirklich etwas Besonderes. Für knapp zwei Wochen bezaubern sie uns ab Mitte April mit ihren seidenweichen, zartrosafarbenen Blüten. Es ist (fast) wie im Traum. Selbst die Berliner Innenstadt, wo sonst der Duft der Autoabgase regiert, wird für eine kurze Zeit von einem zarten Blütenduft durchströmt.

Sakura – ein nutzloser Zauber?

Doch die Zeit der Blüte ist kurz. Nicht einmal zwei Wochen dauert sie. Dann ist es vorbei mit der Magie. Nicht einmal Früchte tragen die Bäume! Welchen Sinn soll diese Spielerei der Natur haben?

Japanische Kirschbäume fallen nach ihrer kurzen Zeit des Rausches wieder zurück in ihren unscheinbaren Zustand. Rund 350 Tage Ferien sozusagen. Zeit scheinbarer Nutzlosigkeit. Erholung zur Vorbereitung auf das nächste Spektakel. Jedes Jahr aufs Neue. Und mit zunehmendem Alter der Bäume wird die Blütenpracht immer reicher und schöner.

In Japan steht die Kirschblüte (Sakura) für die Vergänglichkeit, Schönheit und Reinheit des Lebens. Das Leben eines jeden Einzelnen ist vergleichbar mit einer Kirschblüte: Beide blühen nur für einen kurzen Augenblick. Und auch bei den Blüten gibt es Unterschiede. Bei schönem Wetter bleiben sie länger am Baum. Wer dagegen im Regen erblüht, liegt bald am Boden.

Der Wert der Kirschblüte

Wie wäre es, wenn 365 Tage im Jahr Sakura wäre? Das würde wohl keiner aushalten – weder die Bäume noch wir. Denn Blühen kostet viel Kraft und Energie. So erinnert die kurze Zeit der Kirschblüte unsere Riechzellen Jahr für Jahr auch daran, wie essentiell und kostbar gute Luft für unser Überleben ist auf diesem Planeten.

Nichts kann ewig wachsen. Nicht einmal der bösartigste Tumor, denn durch sein Verhalten zerstört er früher oder später seine Lebensgrundlage. Erst aus dem Tod kann Neues entstehen. Kein Frühling ohne Herbst, kein Glück ohne Unglück, keine Freude ohne Leid.

Das Leben ist wie eine Japanische Kirschblüte. Im Sein finden wir unser inneres Glück und damit auch Hoffnung und Ikigai, den Grund, für den wir morgens aufstehen. Bis sich der Kreis schließt. Der Wind verweht die Blüten wie Schneeflocken.

Der Lyriker Christoph Meckel (1935 in Berlin geboren) dichtete:

Schöne Zeit

 

Es ist eine schöne Zeit, wenn der Kirschbaum blüht.

Weg mit den Mottenkugeln, Schränke auf.

Die Kleider kommen ans Licht

und die Flügel

werden ins Freie gehängt (Gefieder

des letzten Engels, der barfuß verschwand).

Die Kinder fliegen durch die Bäume

und wenn eins runterfällt, liegt es im Graben

Mit blauen Flecken, das ist die ganze Tragödie…

 

Klageweibchen! Willst du uns nicht verlassen

und bei anderen Leuten dein Glück versuchen.

Reizendes Krokodil – deine Tränen

werden überall willkommen sein

außer in diesem Haus, wo die Motten tanzen

und die Untröstlichkeit heiter ist.

In der Zeit der Kirschblüte werden wir daran erinnert, dass die Kinder nicht von Raben gefressen werden und selbst das “Untröstliche heiter ist”. So wurde selbst der einstige Todesstreifen zum Ort des Lebens und der Freude.

Achtung! Freundschaft ist eine Pflanze

Der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar (1873 – 1955) wusste:

„Freundschaft ist keine Nutzpflanze, sondern eine Zierpflanze.“

Mein bester spanischer Freund (er war mehr wie ein Bruder) blühte an einem ganz besonderen Kirschbaum. Nicht nur dass er übersetzt tatsächlich so hieß. Für die kurze Zeit seines Lebens erfreute er uns mit bedingungsloser Freundschaft – eine der schönsten Erfahrungen, die es auf dieser Erde gibt. Vor allem, wenn sie reziprok ist, wenn jeder das Beste für den anderen möchte.

Nun hat er seine Mission hier beendet. Einige Blütenblätter wollten endlich zu ihren eigenen Träumen fliegen. Doch das wird eine andere Geschichte…

Sakura en flor -ein Haiku für meine Freunde. Deutsche Version: Sakura - Blüten / Kirschen - Bäume der Freundschaft / mehr als nur geträumt.

Sakura en flor – ein Haiku für meine Freunde. Deutsche Version: Sakura – Blüten / Kirschen – Bäume der Freundschaft / Mehr als nur geträumt. Credit aller Fotos: Karin Schumacher

Gracias, mi amigo. Descansa en paz durante ese viaje de transformación.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Dort, wo früher Menschen für die Freiheit starben, erfreut …”

    Nicht für Freiheit, sondern für Kapitalismus, für Unwahrheit, für eine andere Ausbeutung, für eine andere Unterdrückung, für eine Bewusstseinsbetäubung die wohl mit der Kirschblüte mehr vergleichbar ist – der schöne Schein lockt und lässt mehr vergessen als …!?

    • Hallo hto, völlig unabhängig davon, ob Deine Aussagen richtig oder falsch sind, ist es eine Tatsache, dass die Menschen der andere Seite flüchtende Menschen erschossen haben.

  2. @Bednarik

    “Das Leben ist eine Kirschblüte”

    Ob nun Menschen erschossen werden, oder die Umweltzerstörung zur Katastrophe wird, für den Gewohnheits- und Wohlstandsmensch ist jegliche Schönheit des Sehens und Hörens wie “Perlen vor die Säue”, jedenfalls solange …!? 😎

      • Auf beide Fragen, gibt’s eine “grundlegende” Antwort: Weil der “Sozialismus” damals und immernoch in der bewusstseinsschwachen wie bewusstseinsbetäubenden Symptomatik des nun “freiheitlichen” Wettbewerb gedacht und umgesetzt / gepflegt wurde / werden soll!!

  3. Das Leben wäre wie der Garten Eden, wenn Mensch OHNE Wettbewerb, bzw. OHNE Steuern zahlen, OHNE “Sozial”-Abgaben, OHNE manipulativ-schwankende “Werte”, OHNE irrationalem Zeit-/Leistungsdruck zu einer Karriere von Kindesbeinen, usw., wirklich-wahrhaftig zusammenleben würde 😎

    • Weil der Sozialismus gepflegt wurde, wurde auf vor dem Sozialismus flüchtende Menschen geschossen.
      Irgendwie scheint sich da ein irrationaler Leistungsdruck eingeschlichen zu haben.

  4. Nach der “Wende” wurde nicht mehr auf die flüchtenden Menschen geschossen. Um es mit dem Lieblingswort / von Michael Blume zu beschreiben: Die Evolution des “normalen” Denkens hat die herkömmlich-gewohnte Ordnung der Unwahrheit wieder zur systemrationalen Ruhe gebracht. Die Flucht in eine Bewusstseinsbetäubung fern wirklich-wahrhaftiger Vernunftbegabung, hat nun offensichtlich ihr unerschütterliches Gleichgewicht in “normaler” Bewusstseinsschwäche wieder 😎

    • Es gibt tatsächlich einen Konflikt zwischen Vernunftbegabung und Bewusstseinsschwäche.
      Dieser kann nicht durch Gewalt gelöst werden.
      Das liegt daran, dass sich Gewalt schlecht dazu eignet, Informationen zu vermitteln.

  5. Richtig. Aber ist es nicht so, dass alle Gewalt aus dem gepflegten Zustand der Unwahrheit ensteht, wobei perfideste Gewalt die Verhinderung von menschenwürdiger Kommunikation ist, was wiederum Gewalt provoziert???

  6. “Das Leben ist eine Kirschblüte”

    Ja, auch das Leben trägt nur den “schönen” Schein, denn Mensch und … bedeutet, der Vernunftbegabung faktisch entsprechend, alle, seit der “Vertreibung aus dem Paradies”, nicht nur die Gewinner, nicht “die Guten”, nicht “die Gläubigen”!

    Wir sind alle im selben Maße “durchströmt” vom Geist der … ist. Nichts gehört dem “Einzelnen” allein, sogar die Gedanken nicht, denn auch diese wachsen immer abhängig geprägt von Geist und sonstwie gearteter Gemeinschaft!

    Seit ca. 2000 Jahren basiert die Realität des Lebens nun auf der Unwahrheit des “Christentums”. Und jetzt, wo dieses daraus resultierende “Recht des Stärkeren” logischerweise zunehmend unbequem wird, ist es sogar immernoch profitabel diese Unwahrheit wie eine Fruchtsaftfabrik zu nutzen, anstatt … 😎

    Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch (Anthropologie).
    Als Mensch aber anfing auch daraus ein GESCHÄFT zu machen, war alles für’n Arsch, bzw. war alles in leichtfertiger / verkommener Kompromissbereitschaft zur Symptomatik des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung” und der damit verbundenen Unwahrheit MANIFESTIERT 😎

    • Bis vor rund 500 Jahren hat das Christentum große Teile der Erde gar nicht beeinflusst.
      Dennoch gab es auch in diesen Teilen der Erde das Recht des Stärkeren und zahlreiche Kriege.
      Ähnlich verhielt es sich in der Zeit von vor wesentlich mehr als vor 2000 Jahren.

      • Das frühe Christentum das wirklich für Gewaltlosigkeit stand wurden von Scheinchristen Missbraucht. Wer Verständnis anstrebt weiß und sieht durch Lügenkonstrukte des modernen Christentums welche verschlüsselt mit Urwissen verübt wurde. Die frühchristlichen Bewegungen so wie Andere wurden umgebracht. Macht, Intelligenz und Wissen, was bringts denn wen davon nix in Menschen selbst bleibt? Jeder Wahn der ohne beseelte Vernunft eintrifft um vorhandenes Urwissen zu missbrauchen zahlt den Preis mit dem Leben. Sekten bzw alternative Gruppen gibts auch in der Gnosis und Wissenschaft. Jeder beseelte Mensch kennt seine Grenzen, Furcht und Schrecken… Klar… Wohl Eher Respekt und Verantwortung damit Leben bestehen kann überhaupt. Es wäre ratsam unwissende Hoffnung zu machen damit sie sich selber erkennen anstatt es einem Sündenbock wie Gott oder einem Weisem wie Buddha, Jesus, Krishna, Osiris oder auch ein Nikola Tesla die ihren Weg gingen daher, sich selbst erneut berichtigen müssten evtl durch Missverständnisse und Abænderungensonstwer die wenn Menschen wie sie oder sie selbst nochmal Leben würden als Menschen, sich darin nicht von Menschen verurteilte erkennen würden. Daher was bringt es das eigene Leben oder Anderer aufs Spiel zu setzen wenn Alles darunter leidet?

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