Frühling auf der Lübarser Höhe

Stadtfrühling

Der Frühling ist ausgebrochen. In Berlin wird das “ordentlich” gefeiert. Leider nicht immer ohne Folgen für Mensch und Natur. Doch es ginge auch ohne Vandalismus. Wenn wir nur wüssten, wie.

Ein besonderer “Berg”

Am 1. April (das ist kein Scherz) war ich auf der Lübarser Höhe, Bergluft schnuppern. Okay, das mit dem Scherz sollte ich vielleicht doch noch einmal revidieren. Aber die Luft erscheint mir hier oben wirklich erstaunlich gut für Metropolenverhältnisse. Außerdem ist der Blick in die erwachende Natur und auf die Stadt echt schön, gerade jetzt im Frühling.

Die Lübarser Höhe

Die Lübarser Höhe ist der 85,3 m Kern des Freizeitparks Lübars im Norden der Stadt. Südlich angrenzend liegt das dicht bebaute Märkische Viertel – eines der sechs Großwohnsiedlungen Berlins in Stadtrandlage. Credit: Karin Schumacher

Bis in die 1980er Jahre war die knapp 90 m hohe Anhöhe West-Berlins Hausmülldeponie. Später wurde der Müllberg in einen Freizeit- und Erholungspark umgebaut. 2010 erhielt er schließlich seinen klangvollen Namen. Sogar eine Rodelbahn gibt es, mit Flutlichtanlage. Falls es hier wieder genügend Schnee im Winter geben sollte, da die globale Erwärmung vielleicht doch noch von irgendwem gestoppt werden kann…

Frühlingsgefühle

Momentan ist der Hügel jedenfalls ein idealer Ort, um selbst in einer Millionen-Metropole das Mehr an Sonne, die längeren Tage und laueren Abende im Grünen gemeinsam mit Freunden und / oder der Familie zu genießen. Vielleicht beginnen dann sogar die Nachtigallen zu singen, während der eine oder andere seine Paleo-Instinkte beim Grillen heraufbeschwört.

Nach der Party bleibt der Müll

Vandalismus und mehr im Freizeitpark Lübars – was vom Feste übrig blieb. Vielleicht sollten wir demnächst Wildschweine, Füchse, Waschbären und Ratten züchten, die auch unseren Plastikmüll vernünftig verdauen können… Credit: Karin Schumacher

Wen wundert es, dass es dann in den ersten milden Frühlingswochenenden nach solchen Gelagen schon mal etwas wüster aussehen kann. Unsere Steinzeit-Vorfahren kannten halt noch keine gelben Säcke. Aber es ist ja auch eine ehemalige Müllkippe am Rande einer riesigen Stadt. Für die Kinder der Wegwerfgesellschaft scheint es hier besonders schwer, die Folgen ihrer Abfälle zu begreifen.

Nur Mut! (Doch wofür?)

Da herrschen dann beste Bedingungen für Scherbenläufer. Und für den entsprechenden Coaching-Markt. Denn wenn Menschen bewusst mit nackten Füßen über kaputte Flaschen laufen, geht es Ihnen ja in der Regel darum, (Selbst-)Bewusstsein, Achtsamkeit und eine Prise Mut zu lernen.

Mut, auch mal nein zu sagen. Dabei ist es natürlich hilfreich, wenn das Hirn dann noch nicht zu sehr durch Alkohol, Stress oder andere Denkbremsen behindert ist. Nicht umsonst haben Kriegsherren seit Jahrtausenden Alkohol eingesetzt, um ihre Truppen erst einmal gefügig und damit einsatzfähig zu machen.

Und so manch ein moderner Arbeitgeber greift auch heute gern in die Trickkiste der Psychologie, um aus seinen Mitarbeitern das Beste, aber manchmal leider auch das Schlechte herauszuholen. Falsche Freunde übrigens auch, wenn auch vielleicht nicht immer ganz so bewusst.

Stadtgewächse

Als Kinder werden wir in eine bestimmte Umgebung hineingeboren. Wir kennen und lernen das, was wir um uns herum beobachten und erleben. Unsere Umwelt ist unsere Referenz. Sehen wir beispielsweise lauter Menschen mit Currywürsten und Pommes frites in den Händen, denken wir, es sei normal, sich so zu ernähren.

Räumt der freundliche BSR-Mensch regelmäßig den Müll weg, den wir ihm vor die Füße werfen, denken wir vielleicht, dass die Jungs schließlich für diesen Job bezahlt werden. Müssen wir bisweilen und gern mal zur Strafe den Müll hinuntertragen oder vom Schulhof aufsammeln, rebellieren wir vielleicht irgendwann gegen diese Aufgabe. Vor allem, wenn uns sonst nichts Besseres einfällt, um uns stark zu fühlen.

Doch jeder Mensch sollte ab und an die Perspektive wechseln. Die Natur verschwendet nichts. Sie gehört uns nicht einmal. Und vor allem: Die wichtigsten Dinge im Leben sind unbezahlbar.

Frühling in der Stadt - Leidenszeit für viele Allergiker.

Frühling in der Stadt – Leidenszeit für viele Allergiker. Nicht Betroffene dürfen sich dagegen über die kurze Zeit freuen, in der die Baum- und Strauchblüte den üblichen Stadtgeruch überdeckt. Credit: Karin Schumacher

Die “Freiheit, sich gut zu verhalten.”

Einer, der dies wie kaum ein anderer wusste, ist Samivel (1907 – 1992). Kein Wunder, dass sich dieser große Naturliebhaber und Künster in den Alpen am wohlsten fühlte. Mir geht es da mittlerweile übrigens ähnlich. Auch oder gerade weil ich in Berlin aufgewachsen bin. Samivels Weisheiten sind daher für mich mehr denn je Anker und wunderbare Inspiration:

Sportler, Künstler und Wissenschaftler sind die Freunde des Nationalparks.

Hier ist Platz. Hier gibt es reine Luft. Hier herrscht die Stille.

Das Königreich des intakten Lichtes und der natürlichen Tiere.

All das, was uns in den Städten fehlt, ist hier kostenlos zu Ihrer Freude erhalten.

Freie Gewässer, freie Menschen.

Hier beginnt das Land der Freiheit.

Der Freiheit, sich gut zu verhalten.

(Eigene Übersetzung)

Samivels Paradies: Die „Lacs Jovet“, eine etwa 2200 m über dem Meeresspiegel gelegene, malerische Seengruppe in den französischen Alpen (Rhône-Alpes) in der Nähe von Les Contamines-Montjoie. Wer es bis hierher schafft, hat in der Regel keine Probleme, seinen Müll auch wieder nach unten zu tragen. Hier gibt es auch einen Gedenkstein mit den letzten drei Zeilen des Zitates.

Samivels Paradies: Die “Lacs Jovet”, eine etwa 2200 m über dem Meeresspiegel gelegene, malerische Seengruppe in den französischen Alpen (Rhône-Alpes). Wer es bis hierher schafft, hat in der Regel keine Probleme, seinen Müll wieder nach unten zu tragen. Hier gibt es auch einen Gedenkstein mit den letzten drei Zeilen aus Samivels Zitat. Credit: Karin Schumacher

Wir alle besitzen diese Freiheit. Möge die frische Frühlingsenergie sie in jedem von uns (wieder)erwecken, egal wo wir uns gerade befinden.

***

Zeitlose Zugabe:

Paul Linckes Evergreen “Berliner Luft” (1904) ist so dufte wie knorke. Dieses besondere Lebensgefühl gibt es nur in dieser besonderen Stadt. Hier die Berliner Philharmoniker bei der Aufführung der inoffiziellen Hauptstadt-Hymne in der Waldbühne am 26. Juni 2005. Hierfür verzichtete Dirigent Simon Rattle auf sein übliches Werkzeug, um dennoch taktvoll mit einem Trommelschlägel die Basstrommel zu bearbeiten.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Doch jeder Mensch sollte ab und an die Perspektive wechseln. Die Natur verschwendet nichts. Sie gehört uns nicht einmal. Und vor allem: Die wichtigsten Dinge im Leben sind unbezahlbar.

    Die ‘Natur’ ‘verschwendet’ so einiges, ansonsten gäbe es keine fossilen Ressourcen.
    Der Mensch ist aus humanistischer Sicht zentral, kann diesem Prinzip kaum absprechen :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_terrae

    [Money] Can’t Buy Me Love, korrekt, ‘Mut’ bleibt wichtich.

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Das mit dem Stark-Fühlen trifft ins Mark. In der Tat, das ist eine echte Volkskrankheit geworden, kleinkarierten Mist bauen, um auch ein bißchen Macht zu spüren, anstatt mal diejenigen infrage zu stellen, die das destruktive Vorbild aus echten Machtpositionen heraus geben.
    Auch eine Form des Untertanengeists.

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