Die großen Fragen – Das Geheimnis der Hundertjährigen

Heute diskutieren wir von 12 bis 15 Uhr die letzte der großen Fragen von Leserinnen und Lesern von ZEIT Online: “Könnten wir unsterblich sein?” Eine Spurensuche nach denen, die diesem Ziel am nächsten kommen. Der bisher älteste Mensch war die Südfranzösin Jeanne Calment. Sie fuhr noch mit 100 Jahren Fahrrad und starb 1997 mit 122. Ihr ganzes Leben lang erfreute sie sich guter Gesundheit. Dabei rauchte sie sogar, wenn auch nur mäßig, bis ins fortgeschrittene Alter. Auch wenn Jeann Calment das Glück langlebiger Eltern hatte, war das sicher nicht alles. Nun ist Jeanne Calment schon seit 20 Jahren tot und keiner konnte ihren Rekord übertreffen. Warum?

Die Gene werden überschätzt!

Die sogenannte dänische Zwillingsstudie zeigte, dass der genetische Einfluss auf unsere durchschnittliche Lebenserwartung nur 10 Prozent beträgt. Auf Gene haben wir wenig Einfluss, auf unseren Lebensstil schon.

Schauen wir uns die Haupt-Todesursachen in der westlichen Welt an: Während in jungen Jahren die Unfälle dominieren, sind es in mittleren Jahren vor allem Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ab 65 Jahren übernimmt dann die Rate der Herz-Kreislauferkrankungen die Führung. Hiermit sind vor allem Durchblutungsstörungen des Herzens (Myokardinfarkt) und der gehirnversorgenden Gefäße (Schlaganfall) gemeint.

Bei all diesen Krankheiten versagen die körpereigenen Reparaturmechanismen. Deswegen ist es auch so schwer, sie mit einer symptombezogenen Medizin kurieren zu wollen.

Nun gibt es viel Verwirrung über die richtige Lebensweise. Zu viele selbsternannte Gurus haben dieses Gebiet besetzt und sorgen für Verwirrung und Skepsis. Leider lebt auch das Gesundheitssystem in Deutschland nicht von der Gesundheit seiner Kunden. Ich schreibe darüber ja immer wieder hier im Blog.

Die “Blue Zones” der Langlebigkeit

Ein langes und gesundes Leben – an einigen Flecken der Welt scheint dies besonders häufig vorzukommen. Es gibt mehrere wissenschaftliche Projekte, die den Weisheiten der über 100-Jährigen auf die Spuren kommen wollen.

Eines der wohl populärsten ist wohl die von National Geographic organisierte Reise des Autors Dan Buettner mit einem Team von Wissenschaftlern in die sogenannten “Blue Zones” – Gebiete, in denen überaus häufig alte Menschen leben.

Dabei konnte das Team einige Mythen entlarven.

Mythos Nr. 1

Man kann 100 Jahre alt werden, wenn man sich nur richtig bemüht. In den USA erreicht nur einer von 5000 Menschen das Alter von 100 Jahren. In Deutschland liegt die Zahl knapp darunter. Auch wenn es die Bevölkerungsgruppe ist, die momentan am meisten anwächst, ist die Chance also relativ gering. Doch leider wurden wir nicht dazu programmiert, besonders alt zu werden. Für die Evolution reichte es, wenn wir den Zeugungs-Erfolg erfüllten, d. h. Kinder bekamen und noch eine Generation für sie sorgen konnten.

Mythos Nr. 2:

Es gibt Behandlungen, um das Altern zu verlangsamen. Tatsache ist, dass es zu viele Krankheiten gibt, die nicht heilbar sind. Am besten hilft Vorbeugung, um chronische Leiden möglichst zu vermeiden oder den Beginn so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Doch es gibt immer noch hunderte verschiedener Möglichkeiten, um krank zu werden. Die Arterien können verstopfen, Müll kann sich im Gehirn ansammeln, Zellen können entarten und zu bösartigen Tumoren heranwachsen, wir können Diabetes oder Alzheimer bekommen oder von Viren und Bakterien dahingerafft werden.

Wer mehr als hundert Jahre alt wird, leidet interessanterweise selten an all diesen gefürchteten chronischen Gebrechen. Die in deutschen Studien Befragten (Heidelberger 100-Jährigen Studie I und II) hatten zwar alle Beschwerden. Dies waren aber am häufigsten Hör- und Sehstörungen, gefolgt von Stürzen. Das größte Problem in dieser Gruppe war der Erhalt der Mobilität und Alltagskompetenz – oft auch als Folge fehlender altersgerechter Lebensräume. Hundertjährige leben so selten wie möglich in Heimen.

Wenn also der Genpool ein Alter von 120 als durchaus machbar vorgibt, warum sterben dann die Menschen in Westeuropa im Schnitt mit 79 Jahren (Männer) bzw. 84 (Frauen)?

Auch mit nicht ganz perfekter genetischer Ausstattung sollten 90 Jahre für die meisten Männer bereits heute zu schaffen sein, für sogar Frauen etwas mehr. Dabei geht es nicht um Jahre mit mehr Krankheit, sondern um Jahre mit mehr Leben. Warum sterben die meisten aber trotzdem rund 10 Jahre vorher?

Das Problem der Zellalterung

In der griechischen und römischen Mythologie war der Lebensfaden Symbol für das menschliche Leben. Gesponnen von den Schicksalsgöttinnen, bestimmt er nicht nur die Länge, sondern auch die Qualität des Lebens.

Ein Erwachsener besteht aus 100 Billionen Körperzellen. Von diesen 1014 Zellen sterben in jeder Sekunde rund 50 Millionen ab. Nach durchschnittlich acht Jahren hat sich der Körper einmal runderneuert, von einigen Ausnahmen abgesehen. Doch bei jeder Zellteilung entstehen Schäden und diese Schäden steigen exponentiell an mit dem Alter.

Telomerase – die Seide der Schicksalsgöttinnen

Vor einigen Jahren gelang es nun der Arbeitsgruppe der Molekularbiologin Elizabeth Blackburn von der University of California in San Diego, diesen Lebensfaden in der Zelle nachzuweisen. 2009 wurde sie dafür mit dem Nobelpreis geehrt.

Bei jeder Zellteilung verlieren die Chromosomen, die Träger der Erbinformation in der Zelle und damit die Lebensfäden, ein Stück. Werden die Telomere zu kurz, stirbt die Zelle.

Weihnachten 1984 fand die damalige Doktorandin Carol Greider einen Stoff im Zellkern von Wimpertierchen (Tetrahymena thermophila), der die Chromosomenenden wieder aufbauen kann: die Telomerase. Sie ist die innere Uhr der Zelle. Diese Substanz hilft, auf dem Chromosom wieder eine Art Schutzkappe zu errichten – das Telomer.

Wimpertierchen sind unsterblich

Wimpertierchen müsste man also sein, wollte man ewig leben. Vielleicht haben sie nicht so ein Bewusstsein wie wir Menschen, aber dafür sicher mindestens und wenn nicht noch mehr Spaß. Sie können sich ungeschlechtlich vermehren, indem sie sich einfach verdoppeln. Dennoch haben sie sieben Geschlechter, die paarweise Nachwuchs bekommen können. Unabhängig vom Geschlecht stehen jedem Wimperntierchen wiederum sieben verschiedene Arten zur Paarung zur Wahl. Wie langweilig geht es da bei den Menschen zu!

Die ältesten Männer der Welt sind Sarden

Das Team um Dan Buettner reiste also dorthin, wo die Menschen auf diesem Planeten besonders oft alt werden. Die erste Station war Sardinien und zwar ganz speziell die bergige Nuoro-Provinz im Landesinneren. Hier leben mehr als zehnmal so viel Hundertjährige wie in den USA. Auf Sardinien wohnen die ältesten Männer der Welt.

Die Nuoro-Provinz ist dabei kein riesiges Altersheim, ganz im Gegenteil. Die alten Leute sind noch äußerst vital. So fahren sie mit dem Moped zur Arbeit. Da das Land so karg ist, leben sie hauptsächlich als Hirten mit regelmäßiger, nicht zu harter körperlicher Aktivität. Sie ernähren sich hauptsächlich von Pflanzen und Lebensmitteln, die sie mit hinaus auf die Felder nehmen können – ungesäuertes Brot, Käse von ihren Weidetieren (reich an Omega-3-Fettsäuren) und einen Wein, der besonders viele Polyphenole enthält. Doch das wahre Geheimnis ist weder Ernährung noch Bewegung, sondern wie ihre Gesellschaft aufgebaut ist – vor allem wie sie alte Menschen behandelt.

In Deutschland wollen zwar alle alt werden, aber kaum jemand will alt sein. In Sardinien steigt dagegen der Marktwert mit jedem Jahr. Je älter, desto angesehener. Statt irgendwelcher neuer Top-Models wird dort der nächste Top-Hundertjährige geehrt. Die Alten bleiben in ihren Familien. Von diesem “Großmutter-Effekt” profitieren auch die Kinder, Enkel und Urenkel.

Okinawa: Ikigai – der Grund, für den man morgens aufwacht

Eine weitere “Blaue Zone” befindet sich in Japan auf der Inselgruppe Okinawa. Der Archipel besteht aus 161 Inseln. In seinem Norden wohnen die ältesten Frauen der Welt. Die Menschen haben hier das längste Leben ohne Gebrechen. Es gibt fünfmal mehr Hundertjährige als in den USA. Sie leben mehr als sieben gute Jahre länger im Vergleich zum Durchschnittsamerikaner. Dabei weisen sie nur ein Fünftel der Brustkrebs- und Darmkrebsraten im Vergleich zu den USA und nur ein Sechstel der Herz-Kreislauferkrankungen auf.

Wie schaffen sie das? Wieder dominiert hier eine pflanzenbasierte Nahrung mit viel Gemüse und achtmal mehr Tofu als auf dem Speiseteller eines US-Amerikaners.

Doch noch wichtiger als was sie essen, ist wie sie es essen: Sie haben viele Strategien, um nicht zu viel zu essen, was eines der Hauptprobleme in den USA und in Deutschland ist. Die Menschen in Okinawa benutzen kleinere Teller für ihr Essen. Auch lassen sie das Essen oft in der Küche und nehmen nur das mit zum Esstisch, was sie auch tatsächlich verzehren. So vermeiden sie ein gedankenloses Überessen (warum unser Bewusstsein uns hier im Stich lässt, habe ich am Mittwoch hier erklärt). Die Bewohner Okinawas folgen den Empfehlungen des Konfuzius, nur 80 Prozent zu essen, um Völlerei zu vermeiden.

Was ist Ruhestand?

Auch in dieser “Blauen Zone” sind die sozialen Strukturen ausgesprochen gut. Von Geburt an bekommen sie eine Handvoll Freunde mit auf die Lebensreise, was sie “Moai” nennen. Jeder, der Teil eines Moai ist, darf sein Glück freigiebig teilen. Im Fall von Unglück gibt es immer die Gruppe, die hilft und unterstützt. Das ist ein starker Kontrast zu vielen westlichen Ländern, wo die Leute für gewöhnlich erst arbeiten und dann irgendwann in den Ruhestand gehen.

In der Sprache der Okinawa gibt es nicht einmal ein Wort für “Ruhestand”. Stattdessen haben sie “Ikigai”, was soviel bedeutet wie: “der Grund, für den man morgens aufwacht”. Da ist beispielsweise der 102-jährige Karate-Meister, der jeden Morgen für seinen Sport aufwacht. Oder der 100-jährige Fischer, der immer noch drei Tage in der Woche für seine Familie Fische fängt und dessen Bizeps kräftiger wirkt als der manch eines 50-Jährigen. Oder die Ur-Ur-Ur-Oma, die glücklich ihre kleine Enkelin im Schoß wiegt.

Was sind die Gemeinsamkeiten der Alten und Weisen?

  • Natürliche Bewegung. Das Leben wird so organisiert, dass viel Bewegung darin vorkommt. Sport, wie wir ihn kennen, gibt es bei den Alten nicht. In Okinawa sitzen die Menschen auf dem Fußboden. Das bedeutet, dass sie mindestens 30 bis 40 Mal pro Tag vom Boden aufstehen. Die Sarden wohnen in Häusern mit steilen Treppen. Auch sie bewegen sich oft, nutzen Fußwege, wo es nur geht, benutzen keine elektrischen Hilfsmittel, wenn sie z.B. einen Kuchen backen. Und wenn sie sich sportlich betätigen, dann mit Dingen, die ihnen Spaß machen. Sie machen gerne Spaziergänge. Die meisten haben einen Garten.
  • Die Hundertjährigen haben gelernt, ihr Leben so auszurichten, dass sie die richtige Perspektive haben.
  • Sie können sich auch mal entspannen. Damit vermeiden sie Stress und chronische Entzündungsreaktionen. Täglich 15 Minuten können schon helfen.
  • Sie haben einen ausgeprägten Sinn für ihr Dasein: Ikigai.
  • Ihre Ernährung ist natürlich, nicht zu üppig und meist vorwiegend pflanzlich.
  • Sie haben einen Glauben, was ihnen zwischen vier und 14 Jahren mehr Leben schenkt, wenn sie viermal im Monat beten. Die Sarden beten regelmäßig, in Okinawa werden die Vorfahren geehrt.
  • Ihre Basis ist ihre Einbindung in die Gemeinschaft. Sie haben eine gute und starke Bindung zu ihren Kindern und Freunden.
  • Doch das Wichtigste ist, dass sie alle zum richtigen Stamm gehören. Entweder hatten sie Glück und wurden in die richtige Umgebung hineingeboren oder sie umgeben sich bewusst mit den richtigen Leuten. Aus der Framingham-Studie wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit für Fettleibigkeit bei mehr als 50 Prozent liegt, wenn die drei besten Freunde stark übergewichtig sind. Wer also immer mit kranken Leuten zusammen ist, hat ein größeres Risiko, auch irgendwann krank zu werden. Wenn aber die Freunde Interesse an körperlicher Aktivität haben, ein gegenseitiges Vertrauen besteht und ab und an vielleicht auch mal ein Glas Wein zusammen getrunken wird, dann hat das langfristig den größten – positiven – Einfluss.

Diäten funktionieren nicht. Sie helfen höchstens einem kleinen Teil der Bevölkerung. Wenn es um Langlebigkeit geht, gibt es keine Abkürzungen. Pillen bringen da nichts. Letztendlich sind es die Freunde, die ein Leben gut und lebenswert machen.

Die “Heidelberger Hundertjährigen”

Aus den Heidelberger Studien wissen wir: Menschen im äußerst fortgeschrittenen Alter profitieren noch von speziellem Krafttraining für einen gezielten Muskelaufbau und um die Gleichgewichtsfähigkeit zu trainieren. Durch Erhalt der Mobilität und Vermeidung von Stürzen kann die häufig hierdurch bedingte Abwärtspirale vermieden werden.

Trotzdem die kognitive Leistungsfähigkeit bei deutlich mehr Hundertjährigen heute nicht oder kaum eingeschränkt ist, zeigten immerhin noch knapp die Hälfte mittelmäßige oder starke Einschränkungen.

Verbesserte Integration und Unterstützung

Depression ist ein Thema, das oft von Ärzten ignoriert und als “normal im Alter” verkannt wird. Allein die Diagnose “hohes Lebensalter” sollte niemanden von einer Therapie ausschließen.

Vier von fünf Hundertjährigen benötigen Leistungen der Pflegeversicherung.

Der eingeschränkte Gesundheitszustand erfordert eine starke Unterstützung. Vor allem die Familie und Angehörige werden dabei gefordert. Hier müssten Pflegeangebote und Unterstützung der Angehörigen dringend verbessert werden. Alte Menschen brauchen oft viel Zeit bei ihren Aktivitäten, was im Pflegealltag meist nicht gewährt werden kann und dann ebenfalls in eine Abwärtsspirale führt.

Weitergabe des Wissens

Viele der Hundertjährigen möchten sich auch in dem hohen Alter noch in die Gesellschaft positiv einbringen. Nicht als Pflegefälle, sondern als Zeitzeugen, von denen wir Jüngeren lernen können, z.B. im Rahmen von Friedensforschung und Völkerverständigung.

Alte Menschen sollten verstärkt die Möglichkeit erhalten, ihre Lebenserfahrung zu teilen. Dafür sollten sie auch gesellschaftlichen Respekt erfahren. Die Anzahl der Hundertjährigen wird in den nächsten Jahren vermutlich exponentiell ansteigen. Sie verfügen über einen Schatz an Erfahrung und Wissen, der beispielsweise im Rahmen von Schul- und Universitätsprogrammen, aber auch durch das Einberufen von “Ältestenräten” genutzt werden sollte.

Hundertjährige sehen den Austausch mit jüngeren Generationen als sinnstiftend. Gerade wer selbst auf Hilfe angewiesen ist, möchte auch etwas zurückgeben. Hier können Mentorenprogramme Jung und Alt zusammenbringen. Dieses Konzept praktiziert beispielsweise französische, emeritierte Professorin Anne Ancelin Schützenberger seit Jahren. Junge Studierende helfen ihr im Haushalt und lernen dabei gleichzeitig Psychologie.

Studien zeigen, dass Menschen, die besonders alt werden, meist außergewöhnlich aktiv in ihrem Leben waren.

Den Tod integrieren

Hundertjährige haben meist keine Angst vor dem Tod. Einige der Befragten hatten Angst vor dem Sterbeprozess, vor Schmerzen oder dass sie dabei Angehörigen zur Last fallen würden. Der Tod wurde von den Befragten als genauso wenig bedrohlich empfunden wie das Zubettgehen am Abend. Knapp ein Viertel der Befragten wünschte sich auch, irgendwann einfach für immer einzuschlafen.

Todessehnsucht hatten aber nur 12 Prozent, was angesichts des hohen Alters erstaunlich ist. Vor allem, wenn die alten Menschen keinen Lebenssinn mehr sahen und ihr Dasein von Schmerzen bestimmt war, wünschten sie sich den Tod herbei. Die meisten der Befragten hätten sich allerdings mehr Gespräche über das Thema Tod und Sterben mit den Angehörigen oder Bezugspersonen gewünscht.

Unsterblichkeit

Menschen möchten Erfahrungen machen, Wissen erwerben, es weiterentwickeln und dann an die nächste Generation weitergeben. Auf diese Weise wird der Lebensfaden weitergesponnen. Um diese symbolische Unsterblichkeit zu erlangen, brauchen sie jedoch Möglichkeiten zur Kommunikation, um auch im Alter ihr geistiges Potenzial zu erhalten und zu entfalten.

Resilienz

Von diesen hundertjährigen Frauen und Männern können wir vor allem eins lernen – wie psychische Widerstandsfähigkeit oder Resilienz entsteht. Alle Studien mit Menschen in solch hohem Alter zeigen, dass die Eingebundenheit in ein vertrauensvolles, seelisch und geistig förderndes Netzwerk eine bedeutende Rolle spielt. Daraus ergibt sich ein schöpferische Potential, das trotz oder gerade wegen der körperlichen Einschränkungen oft beachtlich ist.

Zitate der Weisen

Einige Zitate der Hundertjährigen, die in der Heidelberger Studie zu ihren Lebenszielen befragt wurden:

Familie: “Hochzeit des Enkels am 1. September, da steuere ich drauf zu.”

Tod: “Ich sehe jetzt dem Ende entgegen und das ist mir wichtig, dass es in Ordnung verläuft. Kein Gedöns machen, wenn ein alter Mensch stirbt.”

Freizeit: “Wir gehen gern in Konzerte.”

Telefongespräche: “Telefongespräche mit Menschen, die jünger sind als ich.”

Unabhängigkeit: “In meiner Wohnung bleiben. Nicht ins Heim!”

Gesundheit: “Meiner Frau nicht zur Last fallen. Sie wünscht sich ja immer, dass ich noch länger lebe… Da versuche ich auch noch vernünftig zu leben.”

Oder wie Winnie Puuh sagte:

Wenn du 100 Jahre lebst, dann will ich 100 Jahre minus einen Tag leben – damit ich niemals ohne dich leben muss.

Gibt es ein schöneres Lebens-Elixir als die Liebe? Mit ein wenig Glück bei der Genlotterie und den richtigen Menschen um uns müssen wir uns dann noch nicht einmal einfrieren lassen wollen.

Quelle / weiterführende Literatur:

    • Dan Buettner: Wie wird man älter als 100? TEDxTC 2009
    • Dan Buettner: The Blue Zones. National Geographic 2010. ISBN 978-1-4262-0948-2
    • Herskind AM, McGue M, Holm NV, Sørensen TI, Harvald B, Vaupel JW.
      The heritability of human longevity: a population-based study of 2872 Danish twin pairs born 1870-1900.Hum Genet. 1996 Mar;97(3):319-23.
    • Jopp DS, Rott C, Boerner K, Boch K, Kruse A. 2013. Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie: Herausforderungen und Stärken des Lebens mit 100 Jahren. Studie in der Reihe “Alter und Demographie” 84 S. Robert-Bosch-Stiftung. ISBN 978-3-939574-35-4
    • Jopp DS, Park M-P, Cavanagh A, Meschian Y, DeFeo M, Paggi M, Tropea M & Raghavan. 2012. Predictors of well-being in centenarians: preliminary results from the Fordham Centenarian Study. Vortrag gehalten auf dem 65. Wissenschaftlichen Jahrestreffen der Gerontological Society of America, San Diego, CA.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine Tante von mir wurde 101, ein Onkel meiner Frau 104. Die hatten kein Geheimnis.
    Die Tante war immer lebenslustig und hatte sogar Parkinson. Der Onkel war Fischhändler. Vielleicht kam es daher.

  2. Die richtige Beschäftigung, eine positive Lebenseinstellung und ein gutes Umfeld haben wohl die größte Bedeutung für ein langes Leben. Wer so leben kann, dem fällt es leichter, gut für sich zu sorgen und gesund zu leben.

    Die komplette Diskussion zum Thema „Könnten wir unsterblich sein?“ kann auf ZEIT Online noch einmal in Ruhe nachgelesen werden.

  3. Amüsant ist folgendes (Zitat):

    Aus der Framingham-Studie wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht bei 50 Prozent liegt, wenn die drei besten Freunde übergewichtig sind. Wer also immer mit kranken Leuten zusammen ist, hat ein größeres Risiko, auch irgendwann krank zu werden

    . Wer also übergewichtig ist, ist gemäss obiger Aussage krank. Doch 60% aller Amerikaner sind übergewichtig und damit krank (33% sind sogar fettleibig/adipös).

    • Ergänzung: 60% aller Amerikaner sind übergewichtig, aber die Wahrscheinlichkeit übergewichtig zu sein ist nur 50%, wenn man drei übergewichtige Freunde hat. Folgerung: Wer 3 übergewichtige Freunde hat reduziert sein Risiko selbst übergewichtig zu sein.
      Halt: Wahrscheinlich löst sich das Rätsel einfach dadurch, dass zur Zeit der Framinham-Studie noch viel weniger Amerikaner übergewichtig waren oder aber dadurch, dass die Autorin dieses Blogbeitrags Übergewicht mit Fettleibigkeit (Adipositas) verwechselt hat.

      • Ergänzung: Die Framingham-Studie: The Spread of Obesity in a Large Social Network over 32 Years spricht tatsächlich von „obesity“- also Fettleibigkeit – und nicht von Übergewicht. Das heisst, dass im obigen Artikel folgende Korrektur vorgenommen werden muss:

        Aus der Framingham-Studie wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit für {falsch:Übergewicht} Fettleibigkeit bei 50 Prozent liegt, wenn die drei besten Freunde übergewichtig sind. Wer also immer mit kranken Leuten zusammen ist, hat ein größeres Risiko, auch irgendwann krank zu werden

  4. Martin Holzherr,
    Krankheit steck an. Das ist richtig. Wenn jemand übergewichtig ist, dann hat das ja eine Ursache. Und nach dem Motto, wer Sorgen hat, hat auch Likör, sind Übergewichtige unglücklich. (nicht immer)
    Die Lebensfreude leidet darunter. Dazu brauch es keine Studien, das weiß sogar die Ina Müller vom Fischmarkt.

    • @Robert: wenn doch 60% aller Amerikaner übergewichtig sind – also mehr als die Hälfte – dann ist Übergewicht die neue Normalität und man müsste nach den Ursachen des Normalgewichts, nicht des Übergewichts, fragen. Oder anders formuliert: weiss die Ina Müller vom Fischmarkt – die ja selber übergewichtig ist als Repräsentation des Durchschnitts und des Volkes – warum die Lebensfreude des Normalgewichtigen leidet?

  5. MH,
    die Ina leidet wenn sie vor dem Spiegel steht. Mit Normalität meine ich keine statistische Normalität, sondern eine biologische. Wenn du dir nicht mehr die Schuhe zubinden kannst, weil der Bauch im Wege ist, dann ist da nicht mehr normal.
    Zurück zu den 100 jährigen. In Japan soll es ja die meisten geben. Ich denke, das liegt am Verzehr von Fisch. Wir stammen aus dem Meer, die Fische auch.

  6. @ Robert: Übergewicht hat natürlich oft seelische Ursachen. Aber nicht alle Übergewichtigen sind deswegen unglücklich oder krank. Ich kann gern auf das Thema zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal genauer eingehen.

    Was wir von den Japanern auf Okinawa lernen können:
    Die Bewohner essen wenig, aber dafür gut. Sie nennen das „Hara hachi bu“ – „Fülle deinen Magen nur zu 80 Prozent“. Größtenteils essen sie Pflanzenkost mit vielen verschiedenen Gemüsesorten (Bitterkürbis, Süßkartoffeln), Kräutern und Algen. Fisch steht natürlich auch ab und an auf dem Speiseplan, ist aber nicht Hauptnahrungsmittel.
    Am wichtigsten sind aber Zielsetzung und Sinnsuche („Ikigai“), reichlich Bewegung im Alltagsleben und eine starke Vernetzung mit Familie und Freunden („Moai“). Tief verwurzelt in der Kultur auf Okinawa ist auch die gegenseitige Hilfe („Yuimaru“).

  7. @Martin Holzherr: Vielen Dank fürs aufmerksame Lesen und den Literaturverweis. Es geht natürlich um starkes Übergewicht (BMI von 30 und mehr). In der Eile für die Vorbereitung des Liveblogs war ich da wohl etwas zu ungenau. Ich habe den Artikel entsprechend korrigiert. Auch wenn ich das Thema Gewichtsprobleme schon früher im Blog hatte, werde ich das Thema gern etwas ausführlicher in zukünftigen Artikeln behandeln. Im hohen Alter wird ja meist Untergewicht zur Gefahr.

    Das Interessante an der Arbeit über das Ansteckungspotential von Fettleibigkeit ist, dass sie zeigt, wie sehr uns soziale Netzwerke beeinflussen – zum Guten wie zum Schlechten. Würde dies bei der Behandlung chronischer Krankheiten berücksichtigt, hätten wir sicher mehr Therapieerfolge.

    Mittlerweile wissen wir ja auch (und nicht nur aus der Framingham-Studie), dass Glück ebenfalls ansteckend wirken kann: Christakis NA & Fowler JH Social contagion theory: examining dynamic social networks and human behavior. Stat Med. 2013 Feb 20;32(4):556-77. doi: 10.1002/sim.5408. Epub 2012 Jun 18.

    • Zitat:

      Im hohen Alter wird ja meist Untergewicht zur Gefahr.

      Ja – und ist meist ein Zeichen schlechter Gesundheit. Kauschwierigkeiten oder eine Art Verwahrlosung im Alter kann zu Mangel- und Fehlernährung führen. Nicht wenig der Betroffenen sind auch im Alters- oder Pflegeheim.

  8. Karin Schumacher,
    der Schlüssel zum gesunden Leben liegt auch in der Bewegung. Wenn du einem Hund, der kaum Bewegung hat, zu fressen gibst, dann frisst der “bis der Bauch den Boden berührt.”
    Wir hatten einen Jagdhund, der hatte jeden Tag so viel Bewegung, dass er aus Erschöpfung schlief. Dieser Hund frass relativ wenig und er hörte auch auf , bevor der Napf leer war.
    Ich denke, so ist das bei den Menschen auch. Wer isst um einen Sinnengenuss zu haben oder um die Zeit rumzubringen, der isst falsch. Wir sollten essen, weil wir Hunger haben, weil wir den Kalorienbedarf decken müssen, also gehaltvolle Kost aber wenig.

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