Frohe Weihnachten, christlich und interreligiös

Weihnachten ist ja – schon von seinen Wurzeln her – ein faszinierend interreligiöses Fest: Schon mindestens seit der Bronzezeit wurde auf der Nordhalbkugel unserer Erde der „Sieg der Sonne“ und damit des Lebens über den Tod um die Zeit der Wintersonnenwende gefeiert. Im Römischen Reich verschmolz dann der jüdisch-christliche Glauben an die Ankunft des von Gott gesandten Messias mit dieser Hoffnung – der christliche Advent (lateinisch: Ankunft) und auch das jüdische Chanukka wurden zu den prägenden Festen des Lichtes und der Hoffnung.

Und mit einiger Faszination beobachte ich, dass dieser Prozess weitergeht – Weihnachten wird weltweit auch zunehmend von Nichtchristen aufgegriffen. Konkret erreichte mich dieser Tage beispielsweise eine Weihnachtskarte der Alevitischen Landesgemeinde Baden-Württemberg, einer anerkannten Religionsgemeinschaft, die auch Religionsunterricht nach Art. 7 GG anbietet und sich derzeit sehr stark entwickelt und wandelt.

AlevitischeWeihnachtskarte2015

Bemerkenswert finde ich an dieser Karte nicht nur den unverkrampften Wunsch für „ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest“, sondern auch das Motto: „Wer mit Liebe zu uns kommt, wird mit Liebe von uns gehen…“ Spieltheoretisch gesehen handelt es sich dabei um eine Variante des Tit-for-Tat („Wie Du mir, so ich Dir.“), einer recht erfolgreichen Verhaltensregel, die Kooperation „belohnt“, aber Feindseligkeit auch „bestraft“.

Das Kreuz auf der Kirche von Shingal

Gleichwohl wird für mich in diesem Jahr ein weiterer Eindruck das Weihnachtsfest prägen: Das Kreuz auf der zerstörten Kirche von Shingal. Nachdem der so genannte „Islamische Staat“ – Daesh – die bis in die römische Zeit zurück reichende Kirche von Shingal gesprengt hatte, waren es yezidische und muslimische Peshmerga, die nach der Rückeroberung der Stadt aus einfachem Holz wieder ein Kreuz errichteten; auch als Zeichen der Hoffnung für die Wiederkehr der Christen. In einem REMID-Interview hatte ich meinen Eindruck dazu wie folgt geschildert:

Da standen sich die beiden Gesellschaftsentwürfe unserer Zeit schon symbolisch gegenüber – Gewalt und Intoleranz gegen Freiheit und Vielfalt.

Auch in diesem Jahr werden wir Blumes unser Weihnachten zusammen mit einer nichtchristlichen Familie feiern, die einmal das christliche Weihnachten „richtig mitfeiern“ möchte – so wie wir umgekehrt ja auch immer wieder gerne Einladungen zu den Festen anderer Religionen annehmen.

Ihnen und Ihren Lieben frohe und besinnliche Weihnachtsfeiertage und einen guden Rosch ins neue Jahr! 🙂

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was halten Sie von dem Vorschlag Ihrer Parteikollegin ?

    Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Aydan Özoğuz, hat eine besondere Willkommensgeste für Flüchtlinge ins Gespräch gebracht: Die Weihnachts- und Neujahrsansprache von Bundespräsident und Bundeskanzlerin sollten in diesem Jahr u.a. auf Arabisch untertitelt werden…

    • @fred

      1. Wie kommen Sie darauf, dass Frau Özoguz meine „Parteikollegin“ wäre? Das wäre mir neu…

      2. Den Vorschlag finde ich sehr gut. Sowohl die neu angekommenen Flüchtlinge wie auch arabischsprachige Menschen weltweit sollten sich gerne mit unseren Feiertagen, Ritualen und den Worten unserer Bundeskanzlerin auseinandersetzen. 🙂

  2. Auch dir Michael schöne Weihnachten.

    Würde mich sehr freuen du besuchst meinen neuen Blog und bewertest das dortige mit den Augen eines Religionswissenschaftlers.

    Liebe Grüße, gesegnete Weihnachten und schönes neues Jahr.

  3. Pingback: Jahresrückblick 2015: Das heftigste Jahr meines Lebens – und vielleicht auch das sinnvollste… › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  4. Es gibt in diesem Blog keine einzigen Artikel darüber, dass die Christen in mulimischen Ländern fast ausgerottet wurden ? Werden Sie in irgendeiner Weise von der ev. Kirchensteuer bezahlt ? Wenn ja, dann bin ich froh ausgetreten zu sein.

    • Lieber @Daniel,

      hmm, keine Ahnung, welchen Blog Sie gelesen haben.

      1. Die Tatsache, dass es auch heute noch Christen in Syrien und im Irak gibt, deutet eben sehr genau darauf hin, dass sie über mehr als ein Jahrtausend hinweg eben nicht „ausgerottet“ wurden (wie umgekehrt z.B. Ureinwohner in so manchem kolonialisiertem Land…). Und selbstverständlich finden Sie dennoch kritische Artikel zu Saudi-Arabien, zu islamischem Fundamentalismus und auch zu den Untiefen des Neo-Osmanismus:
      http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/stolz-eroberungen-imperialismus-ein-phaenomen/

      Und hier finden Sie sogar Bilder von mir über die Zerstörung einer Kirche und Gemeinde im Irak…
      http://www.remid.de/blog/2015/12/als-religionswissenschaftler-ein-projekt-in-kurdistan-irak-leiten-remid-interview-mit-dr-michael-blume/

      2. Nein, ich werde nicht aus Kirchensteuermitteln bezahlt – ich bezahle diese. Und das gerne. Denn ich halte es für nicht gerade sehr glaubwürdig, den Schwund des Christentums zu beklagen, sich selbst aber die Spenden zu sparen. Und wenn Sie jetzt mit der Ausrede kommen, Ihnen wären die evangelischen Landeskirchen nun einmal zu liberal – es gibt auch mehr als ausreichend konservative Kirchen, denen Sie etwas zukommen lassen könnten, z.B. die SELK. Aber es ist natürlich viel einfacher und billiger, sich selbst das Geld zu sparen und das schlechte Gewissen mit halbinformierten Online-Kommentaren wegzudrücken…

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