Die Sprache der Bilder. Gastbeitrag von Alexandra Lux, Weitblick Köln

Bei einem Universitätsseminar in Bacharach vertrat ich die These, dass wir die Rolle von erzählten Identitäten, sowohl sozialer wie individueller Mythenschöpfung, noch immer unterschätzen. Eine sehr aktive Studentin und Mitarbeiterin am Lehrstuhl, Alexandra Lux, berichtete daraufhin von einem Projekt von Weitblick Köln, in dem Geflüchtete und Einheimische „Bilder zum Sprechen bringen“. Und tatsächlich versuchen neuere Ansätze der Religionsästhetik gerade auch unter Einbeziehung von Evolutions- und Neuropsychologie über die reine Beschreibung von Glaubenslehren und daraus abgeleitetem Verhalten hinauszugehen. So entstand die Idee, dieses schöne (!) Projekt von Weitblick einfach einmal in einem Gastbeitrag auf dem Blog vorzustellen.

Die Sprache der Bilder
Diskussion über Flucht und Kunst ermöglicht Kunstkurse für Geflüchtete

Gastbeitrag von Alexandra Lux, Studentin Universität Köln, ehrenamtlich aktiv bei Weitblick Köln

Schon 1921 schrieb der Werbefachmann Fred R. Barnard, was noch immer stimmt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte („One Look is Worth A Thousand Words“).

Als der Künstler Gara Rasul der Studierendeninitiative Weitblick Köln e.V., in der ich tätig bin, eines seiner Gemälde schenkte, da machte mich dieses Bild sogar sprachlos. Gara selbst stammt aus dem Irak und war 1986 nach Deutschland gekommen. Er hatte von unserer ehrenamtlichen Arbeit mit Geflüchteten gehört und wollte unsere Projekte unterstützen, ließ uns eines seiner Bilder aussuchen, gab es für uns zur Auktion frei.

Aber was kam dann? Eine simple Versteigerung des Bildes wurde dieser Geste nicht gerecht, und eigentlich war sie sogar so groß, dass sie ein eigenes Projekt verdiente. Aber wie kann eine Auktion mit Geflüchteten zusammenhängen?

Dieser Gedanke zeigte uns, dass wir selbst uns über den Zusammenhang zwischen Kunst und Flucht nicht wirklich im Klaren waren. Gibt es Künstler, die ihre Arbeit ganz der Fluchtthematik widmen und hat die Fluchtthematik vielleicht die Kunst selbst beeinflusst?

Nachdenken an der Uni Köln. Foto: Alexandra Lux

Wir sehen täglich Bilder von Geflüchteten in Zeitungen, dem Fernsehen und den sozialen Medien. Selbst die Metaphern und Worte im Radio zeichnen uns Bilder der Flucht in unsere Köpfe.
Aber welchen Einfluss hat die mediale Präsenz der Debatte eigentlich auf ihre Rezeption? Können wir all diese Eindrücke eigentlich zu einem objektiven Bild zusammenfassen? Welche Intentionen stecken eigentlich hinter dem Erzeugen von Bildern, die Geflüchtete zeigen? Sind diese Bilder eine Möglichkeit, dem Unaussprechlichen eine Stimme zu verleihen?

Viele derartige Fragen wurden in unseren Köpfen laut und drängten uns dazu, ihnen eine eigene Plattform, eine eigene Vortragsreihe zu widmen. Wir fanden tolle Referent_Innen aus der Kunstgeschichte, der Sozialpsychologie, der Interkulturellen Bildungsforschung, der Europäischen Ethnologie und der Literatur, die uns über verschiedene Zugänge einen Einblick in den Zusammenhang zwischen Flucht, Kunst und Medien gewähren wollten: Die dokumentarische Fotografie, die Pressefotografie, die Psychologie, die Ausstellung und das Theater.

Plakat Vortragsreihe von Weitblick Köln, mit freundlicher Genehmigung

Momentan findet diese Vortragsreihe noch bis Ende Februar statt und jeder Einblick ermöglicht uns neue Einsichten. Es ist bereichernd endlich eine Diskussionsplattform an der Universität zu Köln zu haben, die sich mit der Fluchtthematik auseinandersetzt und mehrfach wurde an uns herangetragen, dass dies längst überfällig war.

Diese vielen verschiedenen Zugänge zur Kunst inspirierten uns, ganz besonders, weil jede von ihnen auch Kommunikation ermöglicht und brachten und dann auch endlich auf eine Idee für ein Projekt, das aus den Einnahmen finanziert werden soll:
Neben unseren bisher bestehenden Projekten mit Geflüchteten (Deutschkursen, Kochtreffen und dem „Freundeskreis“) wollten wir Integration auf eine ganz andere Ebene ziehen: eine Ebene, die keiner Sprache bedarf. Kreativität ist unabhängig von Sprache, Herkunft oder Religion ein wichtiges Mittel, um Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen und anderen Menschen mitzuteilen, was mit Worten allein nicht ausgedrückt werden kann. Und hat nicht jeder oft ein Gefühl, dass er nicht ausdrücken kann oder einen Gedanken, der sich einfach nicht in Worte fassen lässt?

Prof. Birgit Mersmann beim Migrationsästhetik-Vortrag im November. Foto: Alexandra Lux

Aus diesem Anlass wird der gesamte Gewinn aus der Benefiz-Vortragsreihe und der Gemäldeaktion in kreative Kurse für Geflüchtete fließen, die die Bereiche Malerei, Fotografie, Theater und Musik abdecken sollen und zwischen Frühling und Sommer beginnen werden.

Ich möchte Jeden herzlich zu den Vorträgen und auch zu der Auktion des Gemäldes einladen und freue mich über Rückmeldungen zu unserem Projekt. Gerne kann man uns auch über betterplace unterstützen und das Projekt auf unserer Homepage verfolgen.

Auch das von Gara Rasul gespendete Bild wird für mich immer mehr als tausend Worte sprechen. Einige wenige davon möchte ich verraten:
Aus der Geste einer einzigen Person kann ein unerwartet großes Projekt entstehen, dass viele Menschen bereichert.
Neue Perspektiven eröffnen uns neue Wege. Wege, die es sich zu gehen lohnt.

Vielen Dank lieber Michael, dass ich hier von unserem Projekt erzählen durfte. Ich hoffe, dass es Neugierde wecken und inspirieren konnte und auf meine Worte vielleicht noch Taten Anderer folgen.

  • Ich habe zu danken, liebe Alexandra. Mir hat sehr gut gefallen, dass Ihr Narrativität und Bildhaftigkeit wie auch den Austausch von Kunst und Integration durch Dialog füreinander geöffnet habt. Den Impuls nehme ich gerne auf und hoffe, dass dies auch Weitere tun. Lieben Dank & herzliche Grüße ans Weitblick-Team! M.B.

Alexandra Lux
Studentin der Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guernica von Picasso ist immer noch der Klassiker bei den Antikriegsbildern.
    Die aktuelle Wirklichkeit ist 1000x grausamer . Wann gibt es gemalte Bilder über das Ertrinken im Mittelmeer. Wann gibt es ein Bild von syrischen Städten.
    Dieses Projekt verdient Beachtung.

  2. Michael Blume,
    …..warum Glauben und Religion nicht diskutiert werden kann.
    Ihr Link hat mir die Augen geöffnet und die fehlenden Argumente geliefert bei Diskussionen mit Atheisten. Es ist nicht der böse Wille, der Menschen skeptisch gegenüber Religion macht, es ist das Unverständnis und die Unfähigkeit auch einmal emotional zu denken.
    Machen Sie weiter so, die Kunst ist ein Zugang zu den Herzen der Menschen.

  3. Michael Blume,
    ……Danke für Zuspruch. Den nehme ich gerne war, wenn mir die Luft in den anderen Blogs zu bleihaltig geworden ist. Genau so wie ich jeden Sonntag zu den Katholiken gehe um mich an der Wahrheit zu erfreuen. Ab morgen sind wir auf den Kanarischen Inseln, da werde ich auch meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, Kirchen zu bewundern und zu fotografieren. Im Februar melde ich mich dann wieder regelmäßig um mich an Ihrem blog zu erfreuen.

  4. Die Kunst der Bildersprache passt sehr gut zur Natur/Vernunft des Glaubens. Denn die Religionen müssen den Sinn des Seines, was im kreativen Sinne wesentlich und dann in Kultur geboten ist, in Bildern, meist menschlichen Gestalten ausdrücken, weil nur das die Menschen bewegt.

    Auch wenn Thomas Junker als bekennender Atheist lieber eine Kunstausstellung als die Kirche besucht. Der sich auch mit Kultur auseinandersetzende Evolutionsbiologe hat in „Die Evolution der Phantasie“ gut deutlich gemacht, wie die menschliche Kultur ohne phantasievolle Bilder keine Vergangenheit gehabt hätte und keine Zukunft hat.

    Im erstren Beitrag auf meinem Blog habe ich deutlich gemacht, warum es für die hellenistischen Literaten z.B. im Lukastext kulturvernünftig war, was dem antiken Denken als Logos heilig war, heute evtl. als Ökologie und die danach sinnvolle weltvernünftige Lebensweise wäre, im Erbe ihrer Vor-bilder zur Welt zu bringen.

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