Eine Berliner Yoga-Variante – Rezension zu “Spirit Yoga” von Patricia Thielemann

Während sich die westliche Welt im 19. Jahrhundert unter großem Streß weiter industrialisierte, säkularisierte und beschleunigte, wuchs auch die Sehnsucht nach Gegenentwürfen. Gefunden wurden sie nicht zuletzt in den Berichten von Reisenden, Missionaren und Kolonialherren aus dem “Fernen Osten”, die im wachsenden Bildungsbürgertum eine bis heute wirkende Begeisterung für China und insbesondere Indien weckten. Hier schienen sich den Träumenden idealisierte Schlichtheit (Armut!), tiefe Spiritualität (aber auch das Kastenwesen) und Zeitlosigkeit (politisch unkorrekt: Bildungs- und Entwicklungsrückstände) zu offenbaren. Auch die Religionswissenschaft selbst verdankt ihre Entstehung maßgeblich den Übersetzungen und Vergleichen “heiliger Schriften” aus dem damals noch “fernen Osten” – und bis heute finden sich manche, die in der Philologie (Sprachkunde) den tiefsten oder gar einzigen Sinn finden und andere Forschungsperspektiven wie beispielsweise die interdisziplinäre Evolutionsforschung vorschnell als “reduktionistisch” und “funktionalistisch” abtun. Dabei lohnt es sich m.E. gerade auch umgekehrt, religionswissenschaftlich darauf zu schauen, was Menschen in Yoga suchen, finden und (re-)konstruieren, wie sich Angebote und Nachfrage in verschiedenen Kontexten entfalten.

Unter den aus Indien in den Westen importierten Konzepten zählt Yoga (aus dem Sankrit yuj für “zusammenbinden, anspannen”) zu den bekanntesten und erfolgreichsten – und entwickelt sich in den USA und in Europa in immer neuen Varianten. Seit einigen Jahren boomt von Berlin ausgehend das “Spirit Yoga”, dessen Begründerin Patricia Thielemann auf dieser Basis ein mittelständisches Unternehmen mit mehreren Zentren und über 200 festen und freien Mitarbeitenden (S. 53) aufgebaut hat. Im folgenden Film stellt sich “Spirit Yoga” vor:

Im gleichnamigen Buch präsentiert die Gründerin ihre Autobiografie, ergänzt durch Interviews mit Kulturprominenten wie Daniel Kehlmann, Pater Christoph Kreitmeir und Prof. Joachim Bauer (Neurobiologie, Freiburg) und die Vorstellung einiger Yoga-Übungen im Schlussteil.

Patricia Thielemann wurde 1967 in Hamburg als Kind einer jüdischen Holocaust-Überlebenden geboren und verlor früh beide Eltern. Nach einer turbulenten Jugend versuchte sie sich in den USA als Schauspielerin – bizarrerweise mit häufigen Rollenangeboten für die eiskalte “blonde Deutsche” – und entdeckte dabei Yoga. Sie ließ sich zur Yogalehrerin ausbilden und fand in diesem Beruf mehr und mehr ihre Berufung, stieß sich jedoch an manchen Aspekten der US-Kultur. Schließlich entschieden sie und ihr damaliger Ehemann sich, in Berlin ein Yoga-Studio zu eröffnen. Dass sie davor einen mehrmonatigen Aufenthalt in Indien einlegte, begründet sie dabei erfrischend ehrlich mit den deutschen Erwartungen an Authentizität (“Es wäre undenkbar, in Deutschland eine Yogaschule zu eröffnen, ohne jemals Yoga im Ursprungsland studiert zu haben. Was ich dort erlebt habe, erzähle ich im sechsten Kapitel.” S.44-45).

Stilistisch haben wir es mit einem tatsächlich klassisch deutschen Bildungsroman mit amerikanischen und indischen Anreicherungen zu tun, in dem Patricia Thielemann durch wiederkehrende Phasen von Krise – Wachstum – Sinnfindung geht und so rückblickend auch die Rückschläge biographisch deuten kann. Und tatsächlich leitet sie zum Beispiel aus der fehlenden Angebotspalette von yogischen Übungen für Schwangere nicht einfach Ärger ab, sondern eine Marktlücke – die sie dann auch prompt mit eigens entwickelten Seminaren füllt. Zeiten beruflicher Überforderung, die Trennung vom Ehemann, Herausforderungen beim Heranwachsen der beiden Söhne und auch eine gewisse Härte im Urteil werden mal direkt angesprochen, mal zwischen den Zeilen deutlich, machen das Buch aber auch glaubwürdig.

Inhaltlich versucht Thielemann Yoga zu definieren als “die Vereinigung von Körper, Geist und Seele” (S. 57) und deutet ihn als “einen sinnvollen Weg”, um “mit andauernder Übungspraxis gelassener und souveräner durch die Komplexitäten des Lebens navigieren zu können.” (S. 59) Zugleich warnt sie jedoch davor, “das Thema zu überfrachten und einen zu hohen Anspruch zu haben.” Es gelte, die “Erwarungshaltung an uns selbst und den Yoga gründlich zu überdenken. Ob wir einen Schimmer von Erleuchtung erahnen oder doch nur um uns selber kreisen, hängt nicht nur von der Qualität des Unterrichts ab, sondern auch von unserer eigenen Haltung. Wenn wir meinen, uns andauernd optimieren zu müssen, und das ‘Jetzt’ nichts weiter ist als eine Sprosse auf der Leiter zu erfolgreichen Zukunft, dann wird auch Yoga uns wahrscheinlich nicht viel bringen.” (S. 63-64) Sie warnt vor Überforderungen der eigenen Ansprüche und des eigenen Körpers – bis hin zu Verletzungsrisiken – und plädiert gerade auch bei Lehrenden dafür, die eigene “hidden agenda” in den Blick zu nehmen. Geht es um Anerkennung, Geld, Wohlbefinden, Sex – oder doch um mehr? In einer Tagesspiegel-Kolumne wendet sie sich sogar gegen die “Radikalisierung von Yogastudios”.

Entsprechend lehnt Thielemann bei aller Dankbarkeit gegenüber ihren kalifornischen Lehrerinnen und Lehrern auch die kritiklose Übernahme US-amerikanischer Yogastile ab. Letztlich müssten sich Menschen in jeder Kultur eigene Wege zum Yoga erarbeiten. Obgleich sie die “mentale und spirituelle Seite” des Spirit Yoga konkret in der “Yogasutra des Patanjali” verortet, kritisiert entsprechend auch die “die Verbindung von Yoga im Westen zu der auf den Ursprung in Indien bezogenen Nostalgie. Das ist der Mythos, dass alles aus Indien Kommende im Yoga spirituell und alles, was der Westen im Vergleich dazu hervorbringt, doch irgendwie kalt und leer sein muss.” (S. 65) Ebenso müsse die “Bhagavad Gita” zum Verständnis des Begriffes “Dharma” in den “Philosophie-Modulen” gelehrt, aber auch “kritisch betrachtet” werden, werde es doch auch “als Beleg fanatischer Ideologien missverstanden und missbraucht.” (S. 99) Stattdessen plädiert Thielemann dafür, selbstbewusst auch aus den Quellen der eigenen, europäischen Kultur und “unserer Kirchen” zu schöpfen und macht weiterwirkende Bezüge zum evangelischen Christentum deutlich. “Und da wusste ich irgendwann, Gott für sich neu erfinden zu wollen, indem man kleine Ganeshas und glitzernde Shiva-Statuen aufstellt, weil das gerade so trendy ist, das funktioniert für mich nicht. Ich möchte mich mit meiner eigenen religiösen Herkunft, Identität und Kultur auseinandersetzen, denn ich versuche ja, mit dem Yoga eine Annäherung zu finden.” (S. 125)

In der Summe bietet “Spirit Yoga. Aufrecht, stark und klar im Leben” nicht nur eine interessante Autobiografie, sondern auch ein inhaltliches Ringen zwischen historisch konstruierten und idealisierten Wurzeln, US-amerikanischen Businessmodellen und Berliner Gutbürgerlichkeit. Wer leicht verdauliche Esoterik ohne kritische Rückfragen erwartet, wird hier also eher enttäuscht – wer sich jedoch inhaltlich mit den neueren Entwicklungen von Yoga und den Prozessen von Inkulturation befassen möchte, wird hier reichlich fündig. Als Yogini, als Lehrerin und Unternehmerin ist Patricia Thielemann für viele zum Vorbild geworden; und sie weiß das.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt…

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