Die Biologie der Zehn Gebote und die Natur des Menschen von Wolfang Wickler (Rezension)

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Vor sechs Jahren sprach und veröffentlichte ich über Die Bio-Logik der zehn Gebote” (Sammelband-Artikel hier) – und war entsprechend elektrisiert, als ich nun die Neuerscheinung von Wolfgang Wickler sah, einem ehemaligen Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie (inzwischen nur noch Ornithologie) in Seewiesen. Der vielversprechende Titel: “Die Biologie der Zehn Gebote und die Natur des Menschen. Wissen und Glauben im Widerstreit.”

BiologieZehnGeboteWickler

Wow, dachte ich – das wird meine letzte Rezension des Jahres 2014!

Evolutionstheorie und katholische Theologie

Doch auf die großen Hoffnungen folgte eine erste Ernüchterung: Für Wickler sind “die zehn Gebote” (in katholischer Zählung) einfach ein Symbol für kulturell bewährte Regeln, an denen er das Verhältnis von Evolutionsforschung und katholischer Theologie diskutiert. Von den empirischen Arbeiten der letzten Jahre z.B. durch Jesse Bering, Ara Norenzayan, David Sloan Wilson, Richard Sosis u.v.m. weiß er gar nichts – er nennt und reflektiert keine einzige Arbeit aus dem Bereich der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen. Stattdessen setzt er einfach als selbstverständlich voraus (S. 142):

Regeln, die sich bewährt haben oder von deren Nützlichkeit man überzeugt ist, lassen sich leichter durchsetzen, wenn sie als Gottes Gebote ausgegeben werden.

Welche kognitiven und sozialpsychologischen Grundlagen der Glaube an höhere Wesen hat, interessierte den Autor verblüffenderweise ebenso wenig wie die Frage, wer die bewährten bzw. nützlichen Gebote identifiziert und als göttlich ausgibt. Auch zum Beispiel neuere Befunde zur Evolution des Sterbens kennt Wickler nicht. In der Summe macht sein Buch den Eindruck, als habe ein verdienter Forscher bis etwa zur Jahrtausendwende intensiv empirische Evolutionsforschung betrieben und sich danach ebenso intensiv auf Fragen der Philosophie und katholischen Theologie geworfen.

Sprachliche und gedankliche Präzision

Doch auf die erste Ernüchterung – und ja, auch Enttäuschung – folgte eine Phase der Bewunderung. Tatsächlich gelang es Wickler, sozusagen das “klassische Besteck” der interdisziplinären Evolutionsforschung außerordentlich tief zu durchdringen und sprachlich präzise und schnörkellos darzustellen. Dabei verwendet er einen Evolutionsbegriff mittlerer Reichweite und klärt von daher ohne Schnörkel Begriffe wie Stammbaum, kulturelle Evolution, Genom-Kultur-Koevolution, Selbstorganisation, Emergenz u.v.m. In oft nur wenigen, außerordentlich durchdacht komponierten Seiten führt Wickler von der Diskussion biologischer Konkurrenz und des Altruismus bis zum Seelenbegriff des Aristoteles, zur Soziosexualität (bei der nicht Fortpflanzung, sondern Beziehungspflege im Vordergrund steht) und der katholischen Erbsünde-Lehre. Manchmal steigert er sich geradezu in Sprach- und Gedankensturm, die den Leser hin und her wirbeln (S. 39):

Gene breiten sich durch Zeugung aus, Ideen durch Überzeugung; im ersten Fall entstehen Junge, im zweiten Jünger; neben leiblichen Geschwistern entstehen Brüder und Schwestern im Geiste. Bei Tierarten kommen in verschiedenen Populationen unterschiedliche, einander funktionell vertretende, sozial erlernte Verhaltensweisen vor (tradierte Gesänge bei Vögeln, Ernährungstechniken bei Menschenaffen) und kennzeichnen die kulturelle Ableitung aus je einer gemeinsamen Stammform. Ebenso kennzeichnen übereinstimmende Sprachversionen, Ideen und Gebärden beim Menschen die Zugehörigkeit zu einer eigenen kulturellen Gemeinschaft. Theologen wissen, dass die Jünger Jesus nach Ostern nicht an seinem genetischen Körper erkannten, wohl aber an seinem kulturell-rituellen Handeln und an seinen Worten: die Jünger bei Emmaus (Lk 24, 16) und am See Tiberias (Joh. 21,5), und als er übers Wasser ging (Matth. 14, 26), sowie Maria Magdalena (Joh. 20,14).

Alles klar!? 🙂

Theologiekritik mit dem Skalpell

Vor allem gegen Ende steigern sich die Ausführungen Wicklers in eine ebenso wertschätzende wie heftige Kritik katholischer Lehren wie der Erbsünde, der Sexualethik oder auch der Ablehnung des Klonens. Evangelische, orthodoxe oder gar jüdische bzw. islamische Positionen diskutiert er dabei überhaupt nicht. Aber während andere Religionskritiker mit groben Vorschlaghämmern auf die römisch-katholische Kirche eindreschen, beherrscht Wickler das Skalpell und fürchtet weder Thomas von Aquin noch Kant oder päpstliche Enzykliken der letzten zwei Jahrhunderte. Dabei verspottet er das katholische Lehramt nicht, verlangt jedoch eine Theologie auf der Höhe der Zeit und wissenschaftlichen Erkenntnisse. Für ihn ist es klar, dass der Mensch als vorausplanendes Wesen mehr als seine biologischen Instinkte braucht, zum Beispiel kulturell evolvierte und religiös beglaubigte Gebote. Schließlich erkennt er sogar Grundfragen der Anthropodizee, da sich aus der Natur alleine kein Sollen und also auch kein “Imperativ der Arterhaltung” abzuleiten sei. Aber Wickler ist dennoch nicht bereit, gegenüber der katholischen Theologie auf gedankliche Schärfe zu verzichten und erwartet vom Lehramt “seiner” Kirche eine ehrliche Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften.

Fazit

Als ich es zuklappte, hatte ich ein komplett anderes Buch als erwartet und erhofft gelesen. Über mein Fachgebiet, die empirische Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen, hatte ich faktisch nichts Neues erfahren; aber eine mutige und präzise formulierte Auffrischung klassischer Begriffe entdeckt. Ehrlich gesagt will ich “den Wickler” zukünftig sogar als Nachschlagewerk und Zitatquelle nutzen.

Daher komme ich zu der Empfehlung: Wer etwas zu den zehn Geboten oder der konkreten Evolution von Religion(en) wissen möchte, wird hier nicht fündig werden. Aber wer sich für den aktuellen Werkzeugkasten der interdisziplinären Evolutionsforschung sowie für die Auseinandersetzung zwischen Biologie und katholischer Theologie interessiert, der wird hier Seite für Seite anregende Aha-Erlebnisse erwarten dürfen. Ich hoffe, Wicklers “Zehn Gebote” finden ihren Weg unter manchen Weihnachtsbaum!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

10 Kommentare

  1. Regeln, die sich bewährt haben oder von deren Nützlichkeit man überzeugt ist, lassen sich leichter durchsetzen, wenn sie als Gottes Gebote ausgegeben werden.

    So war es wohl einmal und Vertreter des Religiösen scheinen dies immer noch so zu sehen, zumindest, was die Fortpflanzung betrifft.

    Die Zehn Gebote sind natürlich als revolutionär zu betrachten, als Abkehr vom Faustrecht und als Kollektivierung, die bestimmte Herrschaftsformen nicht benötigt.

    MFG
    Dr. W (der schon einmal schöne Weihnachtstage wünscht und ganz am Rande auf ein fehlendes T in einem Zitat verweist: beim ‘en(t)stehen’)

  2. Die zehn Gebote werden überschätzt. Sie bestehen zum einen aus Trivialitäten, wie “Du sollst nicht töten” oder “Du sollst Deinem Kumpel nicht die Freundin ausspannen” und zum anderen aus Geboten der Art “Wenn ihr mich nicht anbetet, dann werde ich Euch, Eure Kinder und Eure Kinderskinder und Eure Kinderkinderkinderskinder und Eure Kinderkinderkinderkinderskinder” töten.
    Erstere Kategorie beherzt der Mensch sowieso, sonst wäre er als Art längst ausgestorben. Auch bei anderen sozialen Tieren sind die Geobte dieser Kategorie eine Selbstverständlichkeit. Außer natürlich bei der innerartlichen Aggression, wenn es zum Beispiel darum geht, jemand anderem fruchtbares Land wegzunehmen. Da vergisst Gott seine Gebote und hilft seinem Volk bei der grausamen Vernichtung von Menschenleben. Alles was wir aus dem Alten Testament lernen können, ist, dass der Sinn der Religion darin besteht eine abgegrenzte Gruppe zu definieren, die sich dann aggressiv nach außen verteidigt. Pegida lässt grüßen. Gott hätte sein Gefallen an diesen Leuten.
    Die zweite Kategorie dient nur der Implementierung eines alten Wettergottes als einzige Gottheit. Etwas was wir heute nicht mehr brauchen und auf den Müllhaufen der Geschichte darf.
    Übrigens: Da “unser” Gott es offensichtlich für nötig hält, extra ein Gesetz zu implementieren, das andere Götter ausschließen soll, ist sein Eingeständnis, dass er eben gerade nicht der einzige Gott ist. Im Übergang von der Vielgötterei zum Monotheismus erkenne allerdings ich auch einen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte.

    • Das Faustrecht ist ‘trivial’, Stefan, oder die Rache, die Abstrafung des Feindes bis ins Unerkenntliche, nicht aber das Verhältnismäßigkeitprinzip.

      Zudem darf ja im Sinne der Zehn Gebote getötet werden, nicht aber gemordet, Luther, der ansonsten schon sehr streng war, ist hier ein kleiner Übersetzungsfehler unterlaufen, die semitischen Quellen sind klar,
      MFG
      Dr. W

    • @Stefan

      Religiöse Gebote eröffnen Potentiale…

      …zur Abgrenzung zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern. (1.)
      …zur Kooperation nach innen. (2.)
      …der Motivation (Gebote von höheren Wesen, Lohn und Strafe). (3.)

      Klar können auch religiöse Bewegungen fehlgehen und scheitern. Aber zugleich sind bisher “alle” menschlichen Populationen ohne die Achtung religiöser Gebote auch demografisch verebbt.

      Und so zittern auch bei Pegida überwiegend Konfessionsfreie vor der Dynamik religiöser Minderheiten… (Sowohl Sprecher der Kirchen wie des Zentralrats der Juden haben sich i.Ü. gegen diese Verfalls-Abendländer verwehrt.)

      • Aber zugleich sind bisher “alle” menschlichen Populationen ohne die Achtung religiöser Gebote auch demografisch verebbt.

        Welche denn, Herr Dr. Blume?

        Greifen Sie hier nicht vielleicht doch vor, wenn Sie derart konstatieren, wenn weitgehend areligiöse Völker oder Bevölkerungen derart nicht hinreichend empirisch beobachtet sind?

        MFG
        Dr. W

        • Ganz und gar nicht, @Webbaer. Wir haben die gesamte Geschichte durchforstet und keinen Fall gefunden, in dem eine nichtreligiöse Population auch nur ein Jahrhundert wenigstens die demografische Bestandserhaltungsgrenze hätte halten können. (Vom sehr viel höheren Kinderreichtum einiger religiöser Gruppen ganz zu schweigen.)
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/online-interviews-zu-religion-und-demografie/

          Es gilt das klassische Prinzip empirischer Forschung: Wer die Existenz schwarzer Schwäne (nichtreligiöser und dennoch kinderreicher Populationen) behauptet, hat mindestens ein Exemplar überprüfbar zu benennen. Wenn Sie oder sonstwer entsprechende Belege haben – wäre die o.g. These falsifiziert. 🙂

          • @ Herr Dr. Michael Blume :

            Wir haben die gesamte Geschichte durchforstet und keinen Fall gefunden, in dem eine nichtreligiöse Population auch nur ein Jahrhundert wenigstens die demografische Bestandserhaltungsgrenze hätte halten können.

            Haben wir nicht, Ihr Kommentatorenfreund schätzt bekanntlich Ihre diesbezügliche Arbeit, auch von der Idee her, abär gibt es für derartige Aussage eine halbwegs geeignete empirische Grundlage?`

            A: :
            Nein, die liegt nicht vor, der Hauptgrund besteht darin, dass es weitgehend areligiöse Gesellschaften nicht gibt, jedenfalls nicht für die beanspruchten Analysen belastbar.

            Die tschechische Gesellschaft [1] würde dem Anspruch vielleicht am ehesten entsprechen, abär auch hier gilt es noch: abzuwarten.

            MFG
            Dr. W

            [1] dort ist man weitgehend areligiös, am “weitestgehenden” areligiös, wie Ihnen anzunehmenderweise bekannt ist

          • @Webbär

            Das ist doch genau der Punkt: Es gab und gibt keine nichtreligiösen und dennoch kinderreichen Populationen! Die niedrigen Geburtenraten auch in Tschechien bestätigen das.

            “Oben ohne” hat bislang nirgendwo geklappt – das ist der eindeutige, empirische Befund… 🙂

          • Vom Blogger: Wegen persönlicher Verunglimpfungen und wirrer Unsachlichkeit gelöscht. Ich verstehe, dass das Thema anspruchsvoll ist. Aber ich hatte wirklich genug Geduld, Sie lesen es nicht einmal ernsthaft.

            Ihnen besinnliche Feiertage!

            M.B.

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