Ist Sterben adaptiv? Die Evolution des Todes

Vielleicht haben Sie sich ja schon einmal gefragt, warum Sie eigentlich sterben müssen. Bestärkt denn der Evolutionsprozess nicht "survival of the fittest – das Überleben des Fittesten"? Antworten aus dem Bereich der intuitiven Biologie laufen meist darauf heraus, dass nun einmal leider Fehler in jedem Organismus aufträten, die irgendwann eben zum Zerfall und Tode führten. Die Wirklichkeit ist aber noch viel spannender!

Vor einer Weile hatte ich ja schon hier im Bezug auf einen Artikel von Eckart Voland auf den hervorragenden Sammelband "Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur" von Herausgeber Jochen Oehler hin gewiesen. Mit der Evolutionsforschung zum Tod befasst sich darin auch der Biologie und Didaktiker Prof. Bernhard Verbeek (Dortmund) in dem Artikel:

Sterblichkeit: der paradoxe Kunstgriff des Lebens – Eine Betrachtung vor dem Hintergrund der modernen Biologie

 

Während Verbeek die Todestrieb-Thesen von Sigmund Freud (und auch vermeintliche Tötungshemmungen, die Konrad Lorenz vermutete) als inzwischen empirisch widerlegt zurück weist, zitiert er Johann Wolfgang Goethe, der bereits 1783 beobachtet hatte: Die Natur "scheint alles auf Individuen angelegt zu haben und macht sich nichts aus Individuen." Im gleichen Text habe Goethe angemerkt:

Der Tod ist der Kunstgriff der Natur, viel Leben zu haben.

Und tatsächlich weist Verbeek darauf hin, dass eine ganze Menge von Einzellern sowie auch einige Mehrzeller (bis hin z.B. zu Süßwasserpolypen) potentiell unsterblich sind. Auch seien quer durch Flora und Fauna jede Menge an Reparaturmechanismen evolviert, die nicht nur einzelne Zellen, sondern auch ganze Gliedmaßen wieder herstellen können.

Apoptose – Der altruistische Zelltod

Dagegen wiesen zahlreiche Varianten von Körperzellen "Selbstmordprogramme" auf, die etwa beim Fadenwurm Caenorhabditis elegans auch schon lebensverlängernd manipuliert werden konnten. Dieser "gelenkte Tod", der schließlich unweigerlich alle komplexeren Organismen betrifft, wirft schließlich die Frage auf, warum er überhaupt evolviert ist. Verbeek findet die Antwort bei einem mathematisch arbeitenden Kollegen:

Die unsterblichen Eltern blockieren das Leben ihrer Nachkommen, weil sie potentielle Plätze besetzen. […] Unsterblichkeit behindert also die Evolutionsfähigkeit ihrer eigenen Nachkommen. Ausgerechnet ihre Unsterblichkeit führt zu ihrem Aussterben. So paradox kann das Leben sein – vermutlich nicht nur das im Computer simulierte. Nach seinen mathematischen Experimenten konstatiert Hans-Paul Schwefel (1990), es sei wahrscheinlich nicht Unvermögen der Natur, höhere Organismen als potenziell unsterblich zu programmieren, sondern das Ergebnis eines evolutionären Optimierungsprozesses.

Entsprechend bilde die "Spannung zwischen Todeszwang und Lebenszwang" ein "Erfolgsrezept in der Evolution" – gerade auch im Hinblick auf die Natur und Kultur des Menschen. "Seit das Gehirn des Menschen aber so leistungsfähig ist, dass ihm seine eigene Sterblichkeit unvermeidbar bewusst wird, wurde der Tod zum Problem, zum Leitmotiv von Kulten, zur Ursache von Religion."

Neue PLoS-Studie zu Altern und Tod

Mir fiel der eindrucksvolle Text Verbeeks wieder ein, als ich auf die (Open-Access-)Studie

Martins ACR (2011) Change and Aging Senescence as an Adaptation. PLoS ONE 6(9): e24328. doi:10.1371/journal.pone.0024328 

stieß. Andre Martins hatte hier in Simulationsrechnungen unsterbliche (d.h. nur aufgrund von Zufallsereignissen erlöschende) und sterbliche (auch nach bestimmten Zeitspannen erlöschende) Arten gegeneinander antreten lassen. In nicht-evolvierenden Szenarien gewannen die "Unsterblichen" immer: Sie besetzten die verfügbaren Plätze, da ja weniger Eltern durch Tod verloren gingen. Fügte man jedoch den Faktor Mutation (also eine Variation in der Fitness von Nachfolgegenerationen) hinzu, begann sich das Bild zu wandeln: In einigen Fällen gewannen nun bereits die Sterblichen, da fitness-höhere Nachkommen seltener gegen Vertreter der eigenen Vorgängergenerationen antreten und die Art also insgesamt dynamisch adaptiver werden konnte. Und wenn nun auch Wandel (wie z.B. Klima- und Umweltveränderungen, Parasiten etc.) durch eine im Zeitverlauf absinkende Fitness bereits bestehender Generationen in die Modelle eingebaut wurde, kippte das Bild endgültig: Nun waren es die sterblichen Arten, die sich gegenüber Konkurrenz und Wandel viel schneller, variantenreicher und also besser behaupten konnten als die "Unsterblichen", bei denen nachrückende Generationen immer auch von Vorgängergenerationen teilblockiert wurden.

Fazit

Zwar stimmt es nicht, dass das Nachdenken über den Tod der einzige Auslöser religiöser Erfahrung und Vergemeinschaftung gewesen sei – es gab und gibt religiöse Bewegungen, die auch völlig ohne Jenseitsverheißungen ent- und bestanden. Aber in einem noch tieferen Sinn ist der Tod – wie die Sexualität – tatsächlich Ursache (auch) von Religiosität und Religionen: Beide Merkmale waren und sind evolutionär vorteilhaft, um Vielfalt hervor zu bringen. Nur als Liebende und Sterbende konnten wir zu (auch potentiell glaubenden) Menschen evolvieren.

Sogar der Tod lässt sich evolutionär erschließen. Und da behaupte noch jemand, Befunde der Evolutionsforschung seien kultur- und geisteswissenschaftlich belanglos…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

44 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Unerwartet!

    Dass man sogar DEN TOD mit Mitteln der Evolutionsforschung erkunden kann, hätte ich nicht gedacht!!! Gibt es schon Reflektionen zum Beispiel von Theologen oder Philosophen? Einen Roman, der diese ‘Funktion des Alterns’ thematisiert?

  2. @Kasslerin: Alters- u Todes-Fragen

    Leider kenne ich noch keine Reflektionen in Theologie(n), Philosophie(n) oder (nichtwissenschaftlichen) Literatur(en) über die Evolutionsforschung zu Altern und Tod. Und wenn sich das nicht bald ändert, werde ich wohl selbst mal wieder zum Buchautor werden müssen… *Drohung* 😉

  3. Sigmund Freud vs. Goethe -@ Blume

    “Und wenn sich das nicht bald ändert, werde ich wohl selbst mal wieder zum Buchautor werden müssen… *Drohung* ;-)”

    Können Sie folgendes entkräften?

    Ein Anteil von Selbstzerstörung verbleibt unter allen Umständen im Inneren, bis es ihm endlich gelingt, das Individuum zu töten, vielleicht erst, wenn dessen Libido aufgebraucht oder unvorteilhaft fixiert ist. So kann man allgemein vermuten, das Individuum stirbt an seinen inneren Konflikten

    (Abriß der Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt/M, 1972, S.13)

    Ich kann es nicht entkräften, denn ich gebe der Empirie die Ehre. Und dennoch zweifle ich an mir selbst. Gibt es Menschen, die über eine höhere Sensibilität verfügen? Ich mag Menschen sehr, die gegen ihre Interessen aussagen. Daher liebe ich die Atheisten, denn sie stehen “Gott” näher als mancher Theist. Ich liebe auch die Theisten, denn sie stehen “Gott” ferner und haben manches in der Welt entdeckt. Egal. Wahrscheinlich habe ich nicht mehr alle Latten im Zaun.

  4. Nachfragen

    Nur zu, Dr. Blume, ich lese gerne mehr!! ^_^

    Aber zwei Nachfragen habe ich doch:
    1. Menschen leben doch ziemlich lange, oder!?
    2. Frauen leben durchschnittlich länger als Männer, oder!?

    Lässt sich beides denn mit der Evolution des Todes erklären?

  5. Tod und Religiosität

    Es gibt, sagt der Lyriker, nur drei Dinge, über die zu reden sich lohnt: Liebe, Tod und Schönheit. Die vermutlich aber eines sind:

    “Wer je die Schönheit hat geschaut mit Augen / ist schon dem Tod anheimgegeben / wird zu keinem Dients im Leben taugen / und dennoch vor dem Tode beben / wer je die Schönheit hat geschaut mit Augen…”

    (STERBEN würd’ ich dafür, so dichten zu können!)

    Ich hab’ aber eine a-lyrische, religionswissenschaftliche Frage:
    (Zitat)
    “Zwar stimmt es nicht, dass das Nachdenken über den Tod “der” Auslöser religiöser Erfahrung und Vergemeinschaftung gewesen sei – es gab und gibt religiöse Bewegungen, die auch völlig ohne Jenseitsverheißungen ent- und bestanden.”
    (Zitat Ende)

    Ich versteh’ die Logik dieses Argumentes nicht. Die An- oder Abwesenheit eines Jenseitsversprechens (oder, fast besser: einer Jenseitsandrohung) ändert ja nichts an der Faktizität des Sterben-Müssens. Und dass der Mensch sich DARAN abarbeitet – als Theist, Atheist, Buddhist, was immer – das steht doch ausser Frage, oder? Andersherum – mal angenommen, er stürbe NICHT: hätte er dann Religion?

    Oder, noch “andersherummer” (herrlich bizarrer Gedanke!): Welcher Religion hingen die unsterblichen (z.B. griechischen) Götter an? (keiner, soweit ich sagen kann…)

    Woran glaubt Gott?

  6. @Dietmar Hilsebein

    Nun, der Tod ist auf jeden Fall älter und urtümlicher als jede Art des Selbstbewußtseins und also “innerer Konflikte” in einem psychologischen Sinn. Dass solche Konflikte später auch Bestandteil von Sterbeprozessen sind ist ja durchaus denkbar.

    Und zu Ihren Zweifeln: Bedenken Sie bitte, dass Vielfalt die Bedingung für erfolgreiche, evolutionäre Innovationen und Entdeckungen ist! 🙂

  7. @Kasslerin

    Danke für die Ermutigung und Nachfragen, die sich tatsächlich aus der Evolutionsforschung zum Tod sehr schlüssig beantworten lassen.

    Bedenken Sie: Zu langes Leben behindert die Chancen nachkommender Generationen. Unter welchen Bedingungen können sich auch bei komplexen Säugetieren also dennoch lange Lebensspannen entwickeln?

    Genau – wenn die ältere Generation durch Hilfe (wie Betreuung und Bildung) den Erfolg der Jüngeren befördert! Genau das ist beim Menschen geschehen – Großeltern und insbesondere Großmütter halfen Kindern und Enkeln und verhalfen damit wiederum Genvarianten für Langlebigkeit bei der Ausbreitung.

    Hier bin ich auf das Thema Großmutterforschung schon einmal eingegangen
    https://scilogs.spektrum.de/…ionsforscherin-sarah-hrdy

    – aber ich mache das in Zukunft sicher noch einmal ausführlicher.

  8. @Helmut

    Danke für Deine Nachfrage, auf die ich gerne eingehe!

    Du schriebst: Ich versteh’ die Logik dieses Argumentes nicht. Die An- oder Abwesenheit eines Jenseitsversprechens (oder, fast besser: einer Jenseitsandrohung) ändert ja nichts an der Faktizität des Sterben-Müssens. Und dass der Mensch sich DARAN abarbeitet – als Theist, Atheist, Buddhist, was immer – das steht doch ausser Frage, oder? Andersherum – mal angenommen, er stürbe NICHT: hätte er dann Religion?

    Ja, viele Menschen arbeiten sich am Sterben-Müssen ab, andere aber verdrängen es einfach und erfolgreich. Und es gab und gibt die Hypothese, wonach religiöse Traditionen deswegen entstanden und nachgefragt würden, weil sie Antworten auf die Todesfrage versprächen. Viele verbreitete Religionen taten genau das aber nicht, z.B. der römische Polytheismus oder das frühe Judentum. Die Auseinandersetzung mit dem Tod “kann” also ein religions-produktiver Faktor sein, erweist sich jedoch nicht als notwendige oder gar hinreichende Herleitung von Religiosität.

    Wenn der Mensch nicht stürbe, hätte er m.E. sicher keine Religiosität evolviert, wäre mithin kaum Mensch geworden: Denn nur sterbliche Arten geben den jungen, variantenreichen und damit “innovativen” Generationen Raum. Ohne Liebe und Tod gäbe es also kaum Gehirne, die auch religiöse Erfahrungen machen könnten.

  9. @ Blume

    “Nun, der Tod ist auf jeden Fall älter und urtümlicher als jede Art des Selbstbewußtseins und also “innerer Konflikte” in einem psychologischen Sinn.”

    Ich möchte gerne die nächste Karte spielen. Bedenken Sie also, wenn ich schreibe, daß ich mit Gedanken spiele.

    Der “innere Konflikt” muß nicht jünger sein als der Tod. Es gab nur die Sprache nicht, um den “Inneren Konflikt” zu beschreiben.

  10. Zu glauben bekehrt

    Zuerst dachte ich, dass ich diese Logik nicht verstehe:

    “Die Auseinandersetzung mit dem Tod “kann” also ein religions-produktiver Faktor sein, erweist sich jedoch nicht als notwendige oder gar hinreichende Herleitung von Religiosität.

    Wenn der Mensch nicht stürbe, hätte er m.E. sicher keine Religiosität evolviert,”

    Zusammengefasst gilt also deines Erachtens, für das Entstehen von Religiosität: Eine nicht notwendige Bedingung ist notwendig.

    Jetzt glaube (!) ich, dass da gar keine Logik drin steckt.

    Ich glaube, weil es widersinnig ist.

  11. @Joker

    Hmmm, nein, offenbar kommt die evolutionäre Unterscheidung nicht durch.

    1. Die psychologische Auseinandersetzung mit dem Tod kann für Religion(en) wichtig sein, muss aber nicht. Die Entstehung von Religiosität erklärt sie alleine sicher nicht, wenn dies auch immer wieder intuitiv so angenommen wird.

    2. Da der Tod (wie die Sexualität) für die Entfaltung von Varianz und also die Evolutionsprozesse komplexerer Organismen zentral ist, hätte es höher entwickelte Menschen – einschließlich von Fähigkeiten wie Musikalität, Sprachfähigkeit oder Religiosität – ohne ihn sicher nicht gegeben.

    Jetzt verständlicher geworden?

  12. @ Blume

    “Aber kann es Psychoanalyse ohne Psyche und Sprache geben?”

    Die Frage verstehe ich jetzt nicht. Wenn wir Freud folgen wollen, so vermuten wir, daß der Mensch aufgrund innerer Konflikte sterblich ist. Die Sprache, die später kam, beschreibt nun diesen inneren Konflikt und nennt diese Beschreibung Psychoanalyse.

  13. @ Michael Blume schrieb:

    “Wenn der Mensch nicht stürbe, hätte er m.E. sicher keine Religiosität evolviert, wäre mithin kaum Mensch geworden: Denn nur sterbliche Arten geben den jungen, variantenreichen und damit “innovativen” Generationen Raum. Ohne Liebe und Tod gäbe es also kaum Gehirne, die auch religiöse Erfahrungen machen könnten.”

    Nicht nur Ihre Vorstellung von Evolution scheint mir ziemlich klischeehaft und schlicht zu sein, sondern auch Ihre daran gekoppelte Vorstellung des Aufkommens von Religionen. Ich glaube Sie vergleichen da Äpfel mit Birnen, um es vorsichtig zu formulieren. Die Evolution neuer physischer Merkmale und die Entstehung eines relgiösen Bewusstseins sind völlig unterschiedliche Phänomene, für deren Erklärung man ganz unterschiedliche Sprachen braucht.

    Der Schriftsteller Martin Walser schrieb schon 1979, Religion sei „ein System aus Fiktionen, die aus nichts anderem gemacht sind als aus kollektiven Antworten auf negative Erfahrungen“.

    Der Tod ist da sicherlich nur eine und nicht in jedem Fall die schlimmste negative Erfahrung des Menschen.

  14. Logik

    Herr Blume, einer der Vorkommentator meinte wahrscheinlich, dass es notwendig, aber nicht hinreichend ist. Das ist ein Unterschied. Die Logik hat’s schon in sich. 😉

  15. Hihi, Joker & Posse

    Bei Themen wie Sterblichkeit werden die ‘angry white men’ besonders biestig! ^_^ Sie sollten von den Buben nicht soviel Reflektion erwarten, Dr. Blume! ‘_^

  16. @Dietmar Hilsebein

    Okay, wenn man die Begrifflichkeiten weit genug dehnt, ginge ggf. auch das. Aber schon jetzt kriege ich hier ja Beschwerden von Leuten, die am liebsten noch restriktiver wären… 😉

    Persönlich bevorzuge ich einen mittleren Weg, wonach Begriffe zwar bereichsübergreifend benutzt werden können (z.B. biologische und kulturelle Evolution, biologischer oder psychologischer Konflikt etc.), die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dann aber sorgsam zu beachten und zu benennen sind. Sonst werden m.E. keine empirisch testbaren Hypothesen daraus.

  17. @Carlo

    Ja, und da auch wir Wissenschaftler nur Menschen sind, schließe ich auch gar nicht aus, etwas falsch erfasst oder ausgedrückt zu haben. Wenn, dann bin ich für einen konkreten und also sachdienlichen Hinweis natürlich dankbar! 🙂

  18. @Max: Potentiell unsterblich

    Sie fragten: Was heißt potentiell unsterblich?

    Potentiell unsterblich sind Lebewesen, deren Gene keinen programmierten Zelltod vorsehen. Dazu zählen viele Einzeller, aber auch z.B. Mehrzeller wie der oben erwähnte Süßwasserpolyp. Wenn sie auch nicht an Alter sterben, so können aber auch diese Lebewesen selbstverständlich gefressen werden, Unfälle erleiden u.ä. Sie sind daher nur “potentiell” unsterblich.

    Gibt es Unsterblichkeit in der Natur oder nicht?

    Theoretisch wäre es durchaus möglich, dass der eine oder andere Einzeller seit Milliarden Jahren überdauert hat – statistisch ist es jedoch extrem unwahrscheinlich. Und wenn wir davon ausgehen, dass auch unser Planet irgendwann von einer sich sterbend ausdehnenden Sonne verschluckt wird, wird man wohl sagen: Spätestens dann dürften alle Lebewesen sterben. Also: Es gibt in der uns bekannten Natur die Abwesenheit des programmierten Zelltodes bei einigen, einfachen Lebensformen. Aber auch in diesen Fällen ist mit einem Sterben “früher oder später” zu rechnen…

  19. Innerer Konflikt -@ Blume

    “die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dann aber sorgsam zu beachten und zu benennen sind. Sonst werden m.E. keine empirisch testbaren Hypothesen daraus.”

    Nun, ich könnte natürlich hergehen und vom Triebanspruch, der nach sofortiger Befriedigung verlangt, sofern er nicht sublimiert ist, um Kultur zu schaffen, einerseits, der Indoktrination, die diesen Triebanspruch zähmen will andererseits und einer Mitte, die zwischen beiden vermitteln muß, um als gesund bewertet zu werden, zu sprechen. Das ist aber irgendwie witzlos, da das schon Freud ausgeführt hat. 🙂

  20. Nachtrag

    Jetzt wird es bitter. Worin irrte also Freud? Die Überbewertung der Sexualität wurde ja schon genannt. Spannend ist es, die Indoktrination (Über-Ich) durch das “Reich Gottes” auszutauschen, dem Nazarener, der sich des Triebanspruchs (strebt nach dem Reich Gottes) bewußt war, die Ehre zu geben. Das ist Freiheit zu. Empirisch ist das freilich nicht, sondern ein Wagnis.

  21. @Dietmar Hilsebein

    Eben – Empirisch ist das freilich nicht, sondern ein Wagnis.

    M.E. sollte man Freud heute genau so lesen: Als einen genialischen Denker seiner Zeit, der sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und befreiender Literatur befand. Dann wird und bleibt sein Werk produktiv. Wer aus ihm ein Dogma gießt tut ihm dagegen keinen Gefallen – und das hat er selbst, der eine tiefe Faszination für die Biologie zeigte, auch selbst so gesehen.

    Ich nehme übrigens an, dass Ihnen der Jung-Film von Rüdiger Sünner sehr gut gefallen könnte!
    https://scilogs.spektrum.de/…ahrten-von-r-diger-s-nner

    Herzliche Grüße!

  22. Betreff: Religion und Tod

    @ Michael Blume:

    Also ich fand den Einwand von Helmut Wicht (s.o., 12.11., 13 Uhr 30) sehr treffend, denn ich meine auch, daß sich aus der Hypothese über die zentrale Bedeutung des Todes für die Genese von Religion noch keineswegs schon konkretere positive Bestimmungen und Ausgestaltungen religiöser Systeme ableiten lassen. Das Urproblem des Todes bzw. der biologisch-evolutionär herleitbaren Todesangst gibt gewissermassen nur den überhistorisch-anthropologischen Stoff vor, an dem sich religiöse Traditionen abarbeiten bemühen. Deren symbolisch-fiktiven, widersprüchlichen und hochgradig ambivalenten Antwortversuche sind dabei keineswegs der Weisheit letzter Schluss sondern begründen in ihrer spekulativen Brüchigkeit ganz im Gegenteil die extreme Veränderungsdynamik der gesamten Religionsgeschichte, sogar bis hin zur fundamentalen Abwendung von Religion in der säkularen Moderne. Das etwaige Fehlen von expliziten Jenseitsvorstellungen innerhalb einzelner religiöser Traditionen wäre daher prinzipiell auch noch kein hinreichendes Gegenargument gegen die Ausgangsthese zur zentralen Stellung des Todes beim Ursprung von Religion, wobei zumindest Ihre beiden angeführten Gegenbeispiele – Judentum und römischer Polytheismus – in dieser Hinsicht sowieso nicht überzeugen:

    Die jüdische Religion beginnt schon mit einem universalen, transzendenten Ewigkeitsprinzip – genannt “Gott” – auf das hin sich das gesamte religiöse und praktische Leben des jüdischen Volkes orientiert, und mit einem unsterblichen Menschenpaar im Garten Eden, das durch den Sündenfall seinen Ewigkeitsstatus verliert. Damit begründet es aber eine Geschichte und eschatologische Hoffnung, in der durch den kommenden Messias die paradiesisch-ewigen Zustände wiederhergestellt werden sollen.

    Der römische Polytheismus dagegen beherbergte, wie der Name schon andeutet, eine Unzahl an religiösen Vorstellungswelten, die auch eine Vielzahl von Jenseits- und Transzendenzmodellen miteinschlossen, allein schon über die assimilierten religiösen Gebräuche und Gottheiten der vom römischen Imperium besiegten Völker (altägyptische, persische oder andere vorderasiatische Kulte, griechische Mysterienkulte, keltische und germanische Kulte, Judentum, Christentum usw.) aber auch durch mehr original römisch geprägte Traditionen wie z.B. der Mithras-Religion. Im Wikipedia-Artikel zur römischen Religion heisst es dazu:

    “Die Annahme von überall wirksamen Geistern, oft Dämonen, blieb das ganze Altertum über höchst lebendig, Zauberei war selbstverständlich und wurde auf recht alltägliche Art vollzogen. Es gab eine endlose Zahl von Bräuchen im Verkehr mit dem Transzendenten; das Vertrauen in menschliche und tierische Wunderkräfte konnte extreme Formen annehmen. Gerade der sogenannte „Volksglauben” zeigte, von welch hoher Notwendigkeit ihre Religion den Römern war und in welch verschiedener Form sie mit den höheren Mächten kommunizierten.”

    http://de.wikipedia.org/…/R%C3%B6mische_Religion

    Götter-, Geister- und Dämonenvorstellungen jeglicher Art repräsentieren dabei generell transzendente Mächte und Seinsebenen, die dem irdischen Schicksal der Sterblichkeit tendenziell entzogen sind, wobei insbesondere den unterschiedlichsten Systemen der Ahnenkulte (aus denen sich wahrscheinlich die antike polytheistische Götterwelt ursprünglich entwickelte) die Idee einer autonomen Seele zu Grunde liegt, die den Tod überlebt. Die individuelle Sterblichkeit und damit auch die eigene Todesfurcht ist mit einem rituellen Götter- oder Ahnenbezug aber immer schon fundamental relativiert, zumindest auf subjektiv-psychologischer Ebene, und das kollektive religiöse Bezugssystem damit ein symbolisch-sozialer Garant für die eigene Fortdauer.

    Wenn Sie in Ihrer Entgegnung an Helmut Wicht im Anschluß an ihr Fazit im Blogbeitrag daher schreiben, daß “viele verbreitete Religionen” keine Antworten auf die Todesfrage versprächen, um damit die These von der zentralen Bedeutung des Todes für die Religionsbildung zurückzuweisen (oder sie zu einem nebensächlichen, nicht-notwendigen Faktor zu verkleinern) und schon Ihre beiden angeführten Beispiele dies meiner Meinung nach überhaupt nicht belegen, dann bitte ich wenigstens um weitere Beispiele. Aber wie eingangs schon angedeutet: nicht auf die “Antworten” kommt es hier primär an, sondern auf das existentielle Ausgangsproblem!

  23. Von Spezialisten und Generalisten

    “Denn nur sterbliche Arten geben den jungen, variantenreichen und damit “innovativen” Generationen Raum.”

    Das mag die geringe Lebenserwartung der Eintagsfliege und ähnlicher Arten erklären, deren einziges erfolgreiches Konzept der Anpassung an die Umwelt in der Evolution durch Mutation und “Natürliche Zuchtwahl” besteht.
    Diese Arten spezialisieren sich auch auf die evolutionäre Nische, die sie aufgegabelt haben und werden sich daher nur deshalb extrem schnell anpassen, weil sie ggf. eine neue finden müssen.

    Der Mensch und wenige ähnliche Lebewesen dagegen sind eher “Generalisten”, die sich durch ihre besonderen Eigenschaften – beim Menschen vor allen die Intelligenz, sonst ist er eigentlich kaum fähig, die ganze Welt zu besiedeln – in ihrer jetzigen Form schon in möglichst vielen Nischen breit machen können. Hier lohnt sich dann auch eine größere Lebenserwartung, weil man in ihr mehr Erfahrung über die Umwelt sammeln kann. Mit anderen Worten: Ich würde die Gültigkeit des obigen Satzes für Menschen in Zweifel ziehen.
    Spätestens sobald das Lernen durch Erfahrung die (vergleichsweise) langsame evolutionäre Anpassung ersetzt ist eine längere Lebensspanne sogar förderlich, denn eine lange “Kindheit” erlaubt bereits in dieser Phase wesentliche Fähigkeiten zum Überleben von den Erwachsenen zu erlernen, so dass auch komplexe Verhaltensweise wie Lesen und Schreiben weitergegeben werden können statt nur einfache wie im Herbst nach Süden fliegen. Und es gibt durchaus Wissenschaftler, die in dieser Fähigkeit den Schlüssel zur überlegenen menschlichen Intelligenz sehen.

    Der einzige Haken bei der Sache ist, dass der Tod als evolutionäres Prinzip bis zur Entwicklung von Intelligenz sehr wichtig ist und man ihn nachher nicht mehr einfach aus den Genen bekommt. 😉

    Lange Rede, kurzer Sinn: Für intelligente Wesen dürfte eine lange Lebensspanne sogar von Vorteil sein.

  24. @Lothar Michael Muth

    Von mir kommt da kein grundsätzlicher Widerspruch, sondern der Hinweis auf Nuancen. Wenn Sie die Hypothese über die zentrale Bedeutung des Todes für die Genese von Religion vertreten, dann kann ich da durchaus noch mitgehen. Auch in “Gott, Gene und Gehirn” haben wir Fragen der Todesfurcht als für die Religionsgenese wichtig und zentral beschrieben. Nur: “Zentral” heißt eben gerade nicht, dass Todesfurcht der einzige oder gar allein-auslösende Faktor wäre. Nur gegen “diese” psychologisierende Verkürzung wende ich mich. Wie bei anderen biokulturellen Merkmalen (Sprache, Musik etc.) auch, sehe ich auch bei Religion die Emergenz aufgrund verschiedener, interagierender Faktoren.

    An den genannten Beispielen lässt sich das wunderbar aufzeigen: Ja, der römische Polytheismus bestand aus einer Vielzahl oft konkurrierender Glaubensangebote. Attraktive Jenseitsangebote waren dabei lange Zeit marginal und werden erst in Krise und Endzeit der griechisch-römischen Antike als “Mysterienkulte” neben den monotheistischen Religionen dynamisch. Neulich war genau das übrigens EPOC-Titelgeschichte!
    http://www.spektrum-direkt.at/…808&_z=798890

    Ebenso das Judentum: Zwar wird Gott als überzeitlich und ewig angesehen, noch Jesus muss aber seine (und die pharisäische) Jenseitshoffnung gegen den Spott der Sadduzäer verteidigen. Zu meinem Staunen sehe ich, dass es genau dazu sogar schon einen recht guten Wikipedia-Eintrag gibt, der sogar die Querverbindung zur Sexualität sieht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sadduz%C3%A4erfrage

    Weitere Beispiele wären die neuzeitlichen UFO-Religionen, bei denen Fragen nach Tod und Leben oft keine oder nur eine randständige Rolle spielen, in einigen Gemeinschaften (wie den Raelianern) aber durchaus aufgegriffen werden.
    https://scilogs.spektrum.de/…-des-glaubens/ufo-glauben

    (Hier auf den Scilogs kommentiert ja auch immer wieder der UFO-Verkündende @Klaus Deistung. Herr Deistung, darf ich fragen, was Sie über Tod und Jenseits denken bzw. glauben?)

    Auch der Buddhismus wäre zu nennen, der als höchstes Ziel ja gerade keine weitere Weiterexistenz, sondern die Entwerdung ins Nirvana benennt.

    Dennoch, noch einmal: Die psychologische Todesfrage kann man meines Erachtens durchaus als zentralen und wichtigen Faktor der Religionsgenese betrachten, nicht aber als einzigen.

    Auch im Hinblick auf Ihre Forschungsperspektive darf ich Ihnen das neue Buch von Jesse Bering “Die Erfindung Gottes” empfehlen, der u.a. psychologische Experimente zur Ermittlung von Jenseitsannahmen bei Kindern in säkularen und religiösen Kindergärten durchgeführt hat und das Thema intensiv diskutiert:
    http://www.science-shop.de/…40-9579-28957e1c9fbb

    Das ist m.E. noch viel zu entdecken und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mit am Ball blieben!

  25. @IchDenke

    Sehr spannende Gedanken, die ebenfalls belegen, was sich alles aus dem Thema machen ließe! Wo bleiben die begabten Science-Fiction-Autoren!? 😉

    Verbeek argumentiert in o.g. Artikel übrigens genau anders herum: Er befürchtet, dass unsterbliche Herrschende ihre Intelligenz nutzen würden, um ewige Schreckensregime zu errichten. Als Beispiel dient ihm Stalin, der nicht nur sein Land und auch seine Partei mit Terror überzog und nicht gestürzt oder gestoppt werden konnte, bis er eines natürlichen Todes starb…

  26. @IchDenke

    Ich glaube von Planck stammt (sinngemäß) dieser Ausdruck:
    “Neue Theorien setzen sich nicht durch Überzeugung aller Fachleute durch, sondern durch das Aussterben derjenigen, die die alte Theorie für richtig hielten.”

    Ich halte das zwar für ziemlich pessimistisch, aber es ist etwas dran: Menschen halten sehr widerstandsfähig und unter Umständen gegen ihre Vernunft an ihren Überzeugungen und Traditionen fest. Dementsprechend hat der Tod wohl auch bei intelligenten Lebewesen noch seinen Sinn – bei der kulturellen Evolution und mindestens rückwirkend darüber auch bei der biologischen Evolution 😉

  27. Sterblichkeit und Fantasy/SF

    Hochspannendes Thema – der Artikel hat mich richtig umgehauen. Etwas, das zunächst grundsätzlich schlecht erscheint, bekommt plötzlich einen Sinn.

    Mir musste sofort an einen Fernsehauftritt von Manfred Lütz denken (Manuskript), in dem er von Würmern erzählte, die praktisch unbegrenzt leben können und dabei nichts oder nur Körner essen. Man kann sich über Lütz natürlich streiten, aber mir gefiel die Bemerkung sehr, dass ein solches Leben trotz seiner Länge doch wohl wenig erstrebenswert wäre.

    Aber noch etwas zu Fantasy und Science Fiction. Mir fielen tatsächlich zwei bemerkenswerte Motive ein:

    Zum einen “Blade Runner”. Hier ist das andere Extrem zu finden: Künstliche Menschen, die übermenschliche Kräfte und sonstige Fähigkeiten haben, aber nach 4-5 Jahren kaputt gehen. Sie suchen nach Wegen, diese Zeitspanne zu verlängern. Menschlich wirkt jedoch jedoch einer von ihnen erst kurz vor seinem Tod, als er selbstlos einen normalen Menschen rettet.

    Zum anderen wird in verschiedenen Fantasy-Erzählungen die Frage behandelt, warum sich ausgerechnet die Menschen (in der jeweiligen Welt) so gut durchsetzen, obwohl sie noch so kurzlebig und jung sind im Vergleich zu Zwergen, Elfen und Drachen. Eine Antwort lautet, dass sie sich anpassen können an die sich ändernden Umstände, während alte Wesen sich nur schwer auf neue Zeiten einstellen. (Das ist natürlich nicht der Kanon aller Fantasygeschichten, sondern nur eine Sichtweise – aber eine sehr interessante.)

  28. @Kunar

    Vielen Dank für die liebe Rückmeldung! Ja, ich bin auch immer wieder neu fasziniert, wo sich Evolutionsforschung überall anwenden lässt und welche Querverbindungen sich ziehen lassen.

    Den Vergleich zwischen den unsterblichen, aber gerade auch deswegen leider verdrängten Elfen bzw. Elben sowie den sterblichen, aber auch dadurch so dynamischen Menschen hatte ich als langjähriger AD&D-Spielleiter im Blick, das “BladeRunner”-Beispiel ist mir aber neu – und super! (Es war bzw. ist halt ein großartiger Film.)

    Es gäbe noch so viel zu entdecken und zu forschen…

  29. UInsterblichkeit in der SciFi

    Ein sehr interessantes Beispiel, wie eine intelligente, humanoide Spezies Unsterblichkeit evolvieren könnte, sind in Larry Niven’s Ringwelt-Universum die “Pak”, die bis zum Alter von ca. 40 Jahren (wenn die Familienpklanung dann abgeschlossen ist) kaum von Homo habilis zu unterscheiden sind, dann aber einen unwiderstehlichen Appetit auf “Lebensbaumwurzeln” entwickeln. Beim Verzehr dieser Wurzeln infizieren sie sich mit einem symbiotischehn Virus, der alle typisch menschlichen Alterszipperlein in Vorteile ummünzt: die Geschlechtsteile verkümmern, dafür entwickelt sich genau dort, wo bei Männern die Prostata und bei Frauen die Gebärmutter sitzt, ein zweites Herz, das venöses Blut von den Beinen zum normalen Herzen hochpumpt und so Krampfadern verhindert; die Gelenke verdicken sich wie der schlimmste Fall von Arthritis, behalten aber ihre volle Beweglichkeit und entwickeln durch breitere Sehnenansatzflächen und günstigere Hebel mehr Kraft; die Zähne fallen aus und machen Platz für einen lederartigen Schnabel; der Schädel wächst und das Gehirn vergrößert sich. Aus dem “Brüter” wird ein “Protektor”. Evolutionär adaptiv wird diese Veränderung dadurch, daß dieser Protektor danach nicht nur übermenschliche Intelligenz und Kraft besitzt, sondern auch einen ausgeprägten Beschützerinstinkt gegenüber allen direkten Nachfahren, die er (oder sie) vor seinem 40sten gezeugt (oder geboren) hat. So ein Protektor lebt dann so lange, bis er entweder von einem anderen Protektor getötet wird, oder bis alle seine direkten Nachfahren (z.B. in einem Krieg) um’s Leben kommen (im letzteren Fall verliert der Protektor seinen Lebenswillen und seinen Appetit)

    … das einzige, was Niven nicht erklärt, ist, welchen Nutzen der Virus davon hat, seinen Wirt einer derart aufwendigen Metamorphose zu unterziehen.

  30. Virus

    Der Nutzen des Virus besteht natürlich darin, einen langlebigen und starken Wirt zu erhalten.

    Viele reale irdische Parasiten sind vermutlich ebenfalls versteckte Symbionten.

    Die Religion oder der Glaube der Pak-Protektoren ist natürlich der Schutz ihrer Familie, und in ganz seltenen Fällen der Schutz der gesamten Pak-Rasse.

    Metaphysisch bedeutet, dass sich das individuelle Gehirn den Richtlinien der Gene unterordnet, die es aufgebaut haben.

  31. Metaphysisch

    Die meisten angeborenen Steuerprogramme für das Gehirn dienen der Erhaltung des eigenen Gehirns und des eigenen Körpers.

    In der Evolution haben sich aber auch angeborene Steuerprogramme bewährt, die der Erhaltung anderer Artgenossen, wie zum Beispiel der eigenen Kinder, dienen.

    In solchen Fällen gehen diese angeborenen Steuerprogramme über die Erhaltung der Existenz des eigenen Gehirns hinaus, und sind daher metaphysisch.

  32. Symbionten

    Auch Symbionten verhalten sich scheinbar metaphysisch.

    Das ist aber bei den Symbionten ein Trugschluss.

    Wenn ein Symbiont seinem Wirt hilft, dann unterstützt er nur die Sicherheit seiner eigenen Behausung.

  33. Unvollständige Verdauung

    Dass Symbiose nix mit mit Metaphysik zu tun hat, zeigt sich darin, dass Endosymbiose metaphorisch als Genomerwerb durch unvollständige Verdauung bezeichnet wird.

  34. Pak-Protektoren

    Zum Wesen von Religionen gehört es, Gebote zu verkünden; ein Protektor braucht keine Gebote, um zu wissen, was gut und richtig ist, denn sein einziger “moralischer” Maßstab ist in seinen Instinkten “hart verdrahtet”: gut und richtig ist, was denjenigen Brütern nützt, die den gesunden und unverfälschten Nestgeruch meiner Blutlinie tragen.

    Eine “Suche nach dem Sinn des Lebens” gibt es für einen Protektor nur, wenn entweder keine “richtig riechenden” Nachfahren mehr da sind (“falsch riechende” betrachtet er als “gefährliche Mutanten”, die sich angesichts der Strahlungslevel und Mutationsraten im Galaktischen Zentrum, wo die Heimatwelt der Pak liegt, besser nicht fortpflanzen sollten) oder er sich des Geruchs nicht mehr vergewissern kann, weil er während einer insterstellaren Reise jahrhundertelang räumlich von seinen Nachfahren getrennt ist.

    Die Brüter auf “pakhome” brauchen keine Religion, weil ihre “machtvollen und weisen Ahnen” buchstäblich gegenwärtig und greifbar, also empirisch vorhanden sind.

    Brüter auf einer Welt ohne Lebensbaum, wo keine Protektoren entstehen können, evolvieren dagegen recht schnell zu den uns bekannten Hominiden, wie man sie auf der Erde und auf der Ringwelt findet. Die kollektive Erinnerung an die Protektoren trägt hier erheblich zur Legendenbildung bei.

    Am ausführlichsten hat Niven die Pak im Buch “Protector” (deutsch: “Brennan’s legende”) beschrieben: http://www.amazon.de/…eltuniversum/dp/3404242580

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