Her mit den Wurzeln! Wie eBooks zur Neuentdeckung von Geschichte(n) und Kunst führen

„Ein Notfall, ein Notfall – ich habe alle meine Bücher ausgelesen!“, ruft meine Tochter (11 J.) fröhlich und herausfordernd. Doch meine Frau bleibt gelassen: „Schieb mir mal bitte kurz den Computer rüber, Micha.“…

Staunend beobachte ich, wie sich die beiden auf der Seite der Stadtbibliothek einloggen und sich neun (!) eBücher auf den Tolino ziehen: Vor allem Jugendromane in fantastisch-historischen Welten des alten Rom und Ägypten, der Steinzeit sogar. Ausgeliehen für zwei Wochen, nach denen sie von selbst erlöschen, um neu verliehen werden zu können. Was für ein seltsamer Brückenbau zwischen der Freude an Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Fantasie und Technik, denke ich. Für die Auswahl entscheidet nun weniger der schon berühmte Name oder der prominente Platz im Buchhandel – sondern das Thema, die narrative Welt.

TolinoSteinzeit

Beispiel 2: Die Wiederentdeckung klassischer Gemälde und Skulpturen

Ein zweiter Effekt ist mir vor einiger Zeit – gerade auch beim eigenen eBook-Schreiben – aufgefallen: Klassische Gemälde und Skulpturen werden wieder entdeckt. Früher war es mühsamer zu erkunden, wie Themen und Personen künstlerisch wahrgenommen und dargestellt worden waren. Und es war sündhaft teuer, entsprechende Drucke – mitunter gar in bunt – in Bücher aufzunehmen! Also blieben Gemälde und Skulpturen im Wesentlichen auf teure Schmuckbände und Museen beschränkt, jeweils fast nur für das gehobene Bildungsbürgertum zugänglich.

Durch die eBooks (selbst in ihren Taschenbuchversionen) hat sich diese Situation grundsätzlich gedreht: Das Einbinden von Grafiken verursacht kaum noch Zusatzkosten und sehr viele Darstellungen klassischer Gemälde und Skulpturen sind gemeinfrei. Als ich beispielsweise über die Angst vor der „weiblichen Lesesucht“ im europäischen Bürgertum des 18. Jahrhunderts schreiben wollte, konnte ich dazu das Gemälde „La Lecture“ von Baudouin einbinden, das buchstäblich sehr viel mehr sagt als tausend Worte!

Rainer Neu veröffentlichte sogar neulich einen ganzen eBook-Band zu Caspar David Friedrich als Maler der Romantik mit dessen Werken für EUR 2,99 – was so ein Werk früher gekostet hätte! (Ja, ich hoffe, Neu bald einmal dazu interviewen zu können.)

Schon jetzt liegen ja große Textbände zu den Werken bedeutender Klassiker von Platon über Kant bis Goethe vor – ich halte es für möglich, dass ebenso Kunstbände mindestens zu den großen Künstlern bzw. zu besonders bedeutenden Kunst- und Bauwerken günstig erhältlich sein werden. Auch hier also könnte es sein, dass gerade die neuen Medien eine Neuentdeckung kultureller Wurzeln ermöglichen.

Beispiel 3: Die Old Order Amish statt Die Neuesten Theorien

In Vorträgen erlebe ich immer wieder ein großes Interesse an lebendig dargestellten, religionswissenschaftlichen Theorien und Daten. Ganz anders aber bei eBooks: Hier wird z.B. mein sciebook über die Old Order Amish stärker nachgefragt als alle theoretischen Sachbücher (etwa zur Psyche & Fantasie des Menschen, zur Sehnsucht & Suche nach außerirdischem Leben, sogar zur Evolution von Sexualität und Liebe usw.) zusammen! Dabei ist es doch schon interessant, dass also gerade moderne Medien genutzt werden, um sich über eine Religionsgemeinschaft zu informieren, die eben solche neuen Medien entschieden ablehnt! In einigen Fällen folgte auf das Lesen des eBooks auch das Verschenken des Taschenbuches, also offensichtlich ein auch soziales Interesse.

Aus den Rückmeldungen und Rezensionen von Leserinnen und Leser entnehme ich, dass viele gerade auch angesichts von Globalisierung und Vermassung (der Kehrseite werbetechnisch bearbeiteter Individualisierung) die Faszination des „Gewachsenen“ und „Ganz Anderen“ suchen. Meine Befürchtung, das Aufzeigen auch der problematischen Seiten des Amish-Lebens (also das Hinterfragen des Idealbildes vom „edlen Wilden“) würde dabei von „Fans“ übelgenommen, haben sich dabei gerade nicht erfüllt: Die meisten Leserinnen und Leser scheinen es zu schätzen, wenn ihnen keine fertige Antworten, sondern „Reibeflächen“ angeboten werden. Sie wollen sich die Geschichte(n) selbst aneignen, keine fertige – nur lobende oder nur verdammende – Moral vorgesetzt bekommen.

 

Beispiel 4: Serien & Storytelling im Fernsehen und eBooks

Ob „Die Sopranos“ oder „Kampfstern Galactica“, „Games of Thrones (deutsch: Das Lied von Eis und Feuer“), „The Wire“, „Castle“ oder natürlich „Homeland“ – mit dem Aufkommen von Bezahlsendern und automatisch programmierbaren Aufnahmegeräten haben sich Serien ganz neu etablieren können. Mehr und mehr Menschen wollen offensichtlich nicht einfach nur gelangweilt „umherzappen“, sondern sich auch über langere Phasen („Staffeln“) hinweg mit faszinierenden Charakteren, Welten und Geschichten verbinden. „Storytelling“ heißt das Zauberwort, das Autorinnen und Autoren, Schauspielerinnen und Schauspielern ganz neue Perspektiven eröffnet.

Eine ähnliche Entwicklung sehe ich im Bereich der eBooks: 800-Seiten-Schwarten haben es schwerer als Buchserien, denen es gelingt, die Leserinnen und Leser anzusprechen. Das Risiko dabei ist enorm: Wenn der erste Band nur kostengünstig ist, aber inhaltlich nicht überzeugt, werden auch die Bände 2 bis 6 nur noch wenige erreichen. Wo es aber gelingt, die Menschen mitzunehmen, entstehen neue Bindungen zwischen Lesenden und Schreibenden, die weniger auf Prominenz und mehr auf den konkreten Stories aufbauen.

Fazit: Die neuen Medien und die neue Suche nach Wurzeln

Mir scheint, dass meine Tochter in einer Welt aufwächst, in der die fortschreitende Globalisierung die Wiederentdeckung von „Heimat“ und die fortschreitende Technologisierung die Wiederentdeckung von Identität stiftenden „Wurzeln“ mit sich bringen. Es wird eben nicht alles schlechter und oberflächlicher, sondern die Leserinnen und Leser werden freier in der Auswahl der Themen, Kunstwerke und Geschichten, die sie interessieren. Die Rolle von Autorinnen und Autoren wandelt sich von ehrwürdigen Verkündern hoher Wahrheiten zu Wegbegleitern, die sich im Dialog mit den Menschen befinden, die ihnen Zeit und Interesse schenken. Bibliotheken werden auch online zu Fundgruben und Kunstschätze machen sich auf neue, digitale Wege.

Klar hat auch meine Tochter besonders geschätzte Autorinnen und Autoren, vor allem aber spricht sie mit mir über Themen, Charaktere und Geschichten, die sie fesseln. Sie wächst in einer anderen Lesewelt auf, als ich sie kannte – aber das muss nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten, sondern kann auch seine Neuentdeckung meinen.

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Jede neue Technik muss von den Menschen angenommen werden damit sie sich verbreitet. Deshalb bestimmt Technologie unseren Alltag immer stärker, denn die angenommenen Technologen entsprechen oft Bedürfnissen, die man vorher nicht befriedigen konnte. Im Zusammenhang mit der Gefängnisstrafe von Ulrich Hoeness las ich beispielsweise Aussagen anderer kürzlich vorübergehend weggesperrter Prominenter der Art: „Nein das wird kein Zuckerschlecken, allein schon der fehlende Internetzugang bedeute einen schwer bewältigbaren Entzug.“

    Und viele neue Technologien eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Wie oben im Artikel beschrieben. Und trotzdem verschwindet kaum etwas völlig, was die neue Technologie angeblich ersetzt. Gedruckte Bücher wird es weiterhin geben. Halt nur noch für ein paar Bibliophile ähnlich wie bei den Schallplatten, die ebenfalls nicht völlig verschwunden sind.

  2. Das Beispiel mit der Zusatz-Strafe des fehlenden Internetzuganges ist stark! Es zeigt, dass neue Medien eben immer auch in unsere intimsten Selbsterfahrungen eingreifen (vgl. Welche Bücher würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen?). Danke für das gute Beispiel, Herr Holzherr!

    Was wäre Ihre Einschätzung zur künftigen Rolle von Autoren? Sie könnte sich ja einerseits auflösen, da nach Themen, Suchbegriffen gesucht wird und der Texturheber verblasst (z.B. bei Wikipedia). Oder es könnten sich neue Dialog- und Interaktionsformen ergeben, wie ja z.B. gerade hier im Blog-Dialog. Wie sehen Sie das? Wäre es z.B. völlig egal, wenn dieser Blog anonym bestückt würde?

    • Die Zuordnung von Äusserungen zu einer Person sind recht wichtig. Sogar ein Anonymous kann als Person durchgehen, wenn es erkenntlich konsistente Äusserungen sind, die er von sich gibt.
      Dass die Person völlig zurücktritt oder ein Werk gar von einem Kollektiv geschaffen wird, ist zwar denkbar, doch es geschieht äusserst selten obwohl es den Wunsch nach einem Gemeinschaftswerk durchaus geben kann. Mindestens in der Literatur und bei den visuellen Künsten sind Kollektivleistungen die Ausnahme. Sogar Kinofilme tragen die Handschrift des Regisseurs obwohl es Gemeinschaftsproduktionen sind.
      Die Wikipedia dagegen ist ein Kollektivprodukt und am CERN weden immer wieder Artikel mit dutzenden von Autoren veröffentlicht. Dann gibt es solche Dinge wie den Wohnungstausch über die Ferien oder Crowdfunding und Open Source. Eigentlich gibt es aber für solche Gemeinschaftstätigkeiten bereits historische Vorbilder. Den Bau von Domen und Burgen beispielsweise. Schwierig wird es bei echter Autorschaft. Kann ein Werk wie „Herr der Ringe“ von mehreren Autoren geschrieben werden? Bis jetzt nicht, weil mehrere Einzelpersonen nicht zu einer Kollektivperson verschmelzen können.

      • Kann ein Werk wie „Herr der Ringe“ von mehreren Autoren geschrieben werden? Bis jetzt nicht, weil mehrere Einzelpersonen nicht zu einer Kollektivperson verschmelzen können.

        Vorsicht, Groschenromane und SciFi wird auch gerne von einem Autorenkollektiv geschrieben. Die haben dann Handbücher für die einzelnen Figuren und Gegenden, lol.

      • Kann ein Werk wie „Herr der Ringe“ von mehreren Autoren geschrieben werden? Bis jetzt nicht, weil mehrere Einzelpersonen nicht zu einer Kollektivperson verschmelzen können.

        Nun ja, ich kenne aber einen Roman, bzw. eine Trilogie, die von 3 Autorinnen geschrieben wurde. Wenn man deren eigene Werke nicht so gut oder nicht alle kennt, dann kann man auch schlecht beurteilen, welche der 3 Damen welchen Teil der Reihe geschrieben hat. Eine davon hat mir in einer newsgroup nämlich mal verraten, dass die es so gemacht haben und auch, wer welchen Teil geschrieben hat. Die haben dabei so ähnlich gearbeitet, wie Wissenschaftler, die an einem gemeinsamen Paper arbeiten.
        Ach ja, falls es noch jemanden interessiert: Die Reihe heisst: „Die Chroniken des Goldenen Schlüssels“, oder im Original: „The Golden Key“ und wurde von Jennifer Roberson, Melanie Rawn und Kate Elliott geschrieben. Wen diese Namen was sagen, wird vermuten, dass es sich dabei um Fantasy handelt, und liegt völlig richtig. Allerdings wird man die Romane in Deutschland nur noch im Antiquariat oder auf Flohmärkten kriegen, weil sie schon ein paar Jahre alt sind… – (C) 1996 im Original und 1998 die Übersetzung, wie ich gerade noch mal nachgesehen habe.

    • Wäre es z.B. völlig egal, wenn dieser Blog anonym bestückt würde?

      Anonym wäre schlecht, pseudonym wäre gut, auch weil dann der Inhalteträger nicht so im Mittelpunkt stände. Die formale Qualifikation spielt ja oft keine Rolle.
      MFG
      Dr. W

  3. Ich bin zwar nicht Herr Holzherr, aber ich glaube, wenn dieser Blog annonym wäre, würde er anders aufgenommen. Als Mensch hat man doch immer die Eigenart, den Dingen Namen zu geben, und so würden Sie, wenn Sie hier annnym posten würden, von Ihren Lesern entsprechende Namen bekommen, mit denen sie das charakterisieren, was sie in Ihnen oder Ihren Beiträgen sehen oder daraus entnehmen.
    Ein Beispiel: In unserer Kirche ist mir mal ein Küster aufgefallen, der es anscheinend immer eilig zu haben schien; jedenfalls machte er auf mir diesen Eindruck. Ich hab seinen richtigen Namen nie erfahren, trotzdem hab ich ihn für mich selbst immer „Mr. Hektik(er)“ genannt, einfach weil er mir so hektisch erschien. So ähnlich entstehen wahrscheinlich auch Spitznamen, die man von seinen Mitmenschen verpasst bekommt.

  4. @Hans

    Vielen Dank für die Einschätzung! Ja, ich denke auch, dass Anonymität den Blog verändern würde – ich würde das auch nicht wollen. Aber ob er weniger erfolgreich wäre? Ich frage mich einfach, ob die Autoren hinter den Texten verschwinden – oder dies sogar anstreben sollten. Intuitiv meine ich zwar Nein, weil doch alle Texte von Menschen ausgehen, aber Wissenschaftler sollten ja auch ihre Intuitionen hinterfragen. 😉

    • Ich frage mich einfach, ob die Autoren hinter den Texten verschwinden – oder dies sogar anstreben sollten.

      Gute Frage. Ich glaube, das kommt auch auf die Inhalte an. In Ihrem Fall bringt es eher wenig, weil Sie ja auch regulär publizieren, seien es nun Ihre e-books oder wissenschaftliche Facharbeiten. Da würde man Sie früher oder später auch im Blog identifizieren, wenn Sie den annonym betreiben würden.
      Bei anderen wiederum, die zu gesellschaftlichen Randgruppen gehören, und sich einerseits mitteilen, auf der anderen Seite aber nicht sofort erkannt werden wollen, halte ich es durchaus für Sinnvoll, wenn die zunächst einmal anstreben, hinter ihren Texten zu verschwinden.

  5. Das Gemeinschaftswerk in Kunst und Literatur.
    Also ich kann da natürlich keine allgemeingültige Aussage zu treffen, aber habe dies mehrfach in der Malerei und bei „Geschichtenerzählen“ mit je einer, wenn auch verschiedenen Personen, probiert. Dazu gibt es zwei Dinge anzumerken. Der Dialog, der sich auf dem jeweiligen Medium entspannt, ist mehr als aufregend. Das wechselseitige bearbeiten höchst erregend… sowohl im beflügelnden, als auch im erzürnenden Sinne. Im Ganzen ein positives Erlebnis. Im Ergebnis geprägt von unterschiedlichen Stilen, Möglichkeiten und von Kleinteiligkeit. – Es mag den jeweiligen Paarungen geschuldet sein, aber mein Fazit ist, als persönliche Erfahrung toll, für dritte, den Leser oder Betrachter eher bedingt erhebend 🙂 – Die Personifizierung einer Werks ist ähnlich wie das Gesicht zu einer Person. – Übrigens hinter den Artikel im Brockhaus steht auch nicht der Verfasser.

    • @Weiche

      Dazu Zustimmung meinerseits. Das wohl bedeutendste Gemeinschaftswerk der Literaturgeschichte scheint mir die Bibel zu sein, deren frühe Texte ja auch über lange Zeiträume aus verschiedensten Quellen zusammen flossen. Von den Ursprungsautoren z.B. der Genesis wissen wir nicht einmal die Namen, können aus den verwendeten Themen und Begriffen jedoch manchmal Zeit und Milieu rekonstruieren (z.B. Priesterschriften).

      Mit dem Bild des individuellen Autorengenies, dem die Massen huldigen (sollen), habe ich ein Problem. Denn zum Einen greife ich als Autor doch immer auf Sprache, Kultur und Bilder zurück, die andere über unzählige Generationen hinweg geprägt haben. Zum Zweiten sind es doch lebendige Menschen wie die Amish, Haredim oder Quäker, die den Stoff weben, aus dem ich schöpfe (und auch z.B. ein Fantasy-Autor wie J.R.R. Tolkien schöpfte bewusst aus den schon gewachsenen Mythenschätzen der Menschheit). Und zum Dritten sind die Lesenden Dialogpartner, Ermutigende, Antreibende, ohne die die späteren Bücher gar nicht entstanden wären.

      Ich will also behaupten: Kein Buch ist eine reine Einzelleistung, es spricht immer auch ein „Wir“. Das bedeutet nicht, dass Autorinnen und Autoren verschwinden oder sich unsichtbar machen müssen. Aber den dankbaren und lernenden, vor allem auch anerkennenden Dialog mit ihren Leserinnen und Lesern sollten sie m.E. pflegen.

      Das wohl bedeutendste Gemeinschaftswerk der Literaturgeschichte scheint mir die Bibel zu sein, deren frühe Texte ja auch über lange Zeiträume aus verschiedensten Quellen zusammen flossen. Von den Ursprungsautoren z.B. der Genesis wissen wir nicht einmal die Namen, können aus den verwendeten Themen und Begriffen jedoch manchmal Zeit und Milieu rekonstruieren (z.B. Priesterschriften).

      Mit dem Bild des individuellen Autorengenies, dem die Massen huldigen (sollen), habe ich ein Problem. Denn zum Einen greife ich als Autor doch immer auf Sprache, Kultur und Bilder zurück, die andere über unzählige Generationen hinweg geprägt haben. Zum Zweiten sind es doch lebendige Menschen wie die Amish, Haredim oder Quäker, die den Stoff weben, aus dem ich schöpfe (und auch z.B. ein Fantasy-Autor wie J.R.R. Tolkien schöpfte bewusst aus den schon gewachsenen Mythenschätzen der Menschheit). Und zum Dritten sind die Lesenden Dialogpartner, Ermutigende, Antreibende, ohne die die späteren Bücher gar nicht entstanden wären.

      Ich will also behaupten: Kein Buch ist eine reine Einzelleistung, es spricht immer auch ein „Wir“. Das bedeutet nicht, dass Autorinnen und Autoren verschwinden oder sich unsichtbar machen müssen. Aber den dankbaren und lernenden, vor allem auch anerkennenden Dialog mit ihren Leserinnen und Lesern sollten sie m.E. pflegen.

  6. Danke für den Tip “ Caspar David Friedrich“ , wurde gleich gekauft. Auch das ist ein Vorteil innerhalb von einer Minute ist das gewünschte Buch auf dem Tablet oder Lesegrät.

    • Da wird sich Rainer Neu freuen. 🙂 Ich möchte ihn ja die Tage mal wegen eines Web-Interviews anfragen; wenn Sie eine Frage gestellt haben wollen einfach Bescheid geben! #Kunst2.0

  7. Rainer Neu ist unter den Autoren zu Caspar David Friedrich wohl ein Neuling. Weil er kein Kunsthistoriker ist, könnte seine Perspektive auf Friedrich interessant sein. Die religiöse Dimension seines Werkes wurde von manchen Kunsthistorikern nämlich heftig und recht unwissenschaftlich bestritten. Christian Scholl hat in seiner Arbeit „Romantische Malerei als neue Sinnbildkunst“ die religiöse Symbolik bei Friedrich gründlich untersucht.

    Wer vertieftes Interesse an diesen Künstler hat, sollte deswegen vielleicht auch die Sammelrezension zu Neuerscheinungen zu Caspar David Friedrich von Reinhard Zimmermann lesen, wo diese Diskussion thematisiert wird:

    Reinhard Zimmermann, Neuere Literatur zu Caspar David Friedrich, in: Journal für Kunstgeschichte, 17/2013, Heft 2-3, S. 131-165.

    Das ist aber nur „altmodisch“ gedruckt erhältlich (in Univ.-Bibliotheken vorhanden) und ohne bunte Bilder.
    Neue Medien und Datenbanken macht das kulturelle Erbe in der Tat viel leicht zugänglich als früher, ohne die Verwendung Gedrucktes geht es in eher konservativen Fächern aber nicht.

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