DENKSCHRIFT: die Universität ist krank

Die DFG wird 100 und man denkt nach, warum man sich #FürDasWissen entscheiden sollte. … Ergebnis: Wir brauchen einen “neuen Wilhelm von Humboldt”, einen Reformator, der binnen eines halben Jahres Amtszeit (als preußischer Minister) ein altbackenes System komplett umkrempelt und weltweit repräsentativ (nachahmenswert) reformiert. Unser Wissenschaftssystem leidet. Es ist krank und keucht schwer, schnappt nach Luft und röchelt, lebt aber noch. Was ist nur los, was hat es? Wie kann man ihm wieder auf die Beine helfen?

1. Soll-Zustand

Grundgesetz Art. 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine  Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

1.1 Soll-Zustand: Doc und PostDoc Phase

Die Doktorarbeit ist die Qualifikation zur selbständigen wissenschaftlichen Arbeit. Während man bei Bachelor- und Masterarbeit noch den Weisungen der Betreuenden (formal Professoren, de facto meist PostDocs) folgt, soll man in der Doktorarbeit zeigen, dass man es auch allein kann. Das geht aber nur mit zunehmender Abnabelung von den Betreuenden; Selbstständigkeit kann man nur zeigen, indem man sie lebt. 

So habe ich es auch in meinen Doktorarbeiten erlebt: Beide Themen hatte ich mir selbst gestellt. Ich hatte selbst ein Projekt konzipiert, habe bei Bedarf selbst dafür Drittmittel eingeworbenen und zwar ggf mit KollegInnen der jeweiligen Fakultät zusammengearbeitet, aber im Wesentlichen auf der Basis von Kaffeerunden-Gesprächen, also man quatscht mal über ein wissenschaftliches Problem oder holt sich Expertenrat oder fragt, wie andere etwas machen, … aber dann macht man es doch im Wesentlichen selbst. 

Unterwandert wird dieses oben genannte Idealbild freilich (scheinbar) oft dadurch, dass das Thema vieler Doktorarbeiten vom Professor/in gestellt ist und dieser folglich ein Wörtchen mitreden möchte.

Ehrlich gesagt, sehe ich hier nicht wirklich ein Problem: Der Prof, der das Problem gelöst haben möchte, also die Aufgabe stellt, hat ja (idealerweise) keine Zeit, sich darum allein zu kümmern. Also er soll (und will) die Arbeit nicht selbst machen, sondern nur beraten und aufpassen, dass man sich nicht zu sehr verzettelt – also nicht vom rechten Weg abkommt. Der Prof hat also die Aufgabe eines Projektmanagers, den Überblick zu behalten und dafür zu sorgen, dass sich Entwicklungen nicht unnötig verzögern und die nötigen Ressourcen da sind.
Als Wissenschaftler – auch Doktorand – arbeitet man selbstverständlich nicht im stillen Kämmerlein und kommt nach 3 Jahren mit einer Nobelpreis-verdächtigen Arbeit raus, sondern man arbeitet im Team – wie in jedem Beruf. Anders als ein Friseur, der (zwar vllt mal einen Rat gibt, aber) stur Kundenwünsche ausführt, egal, ob er selbst das gut findet oder nicht, soll ein Doktorand aber eigene Ideen haben und umsetzen. Bei einer Tagung hörte ich mal jemanden sagen “you go where the data takes you” und das merkt man eben erst beim Tun und kann es nicht vorausplanen. Daher sind die Ergebnisse von Doktorarbeiten nicht vorhersagbar (sonst wäre’s ja keine Forschung). In der Forschung (auch Doktorarbeiten) kann man nur am Anfang eine Frage stellen, nach den Regeln der Kunst und unter Verwendung alles vorhandenen Wissens analysieren … und dann das Ergebnis publizieren, damit auch andere sich damit beschäftigen können. 

Doktoreltern und Doktoranden müssen auch nicht einer Meinung sein. Es ist effektiv für die Bewertung einer Doktorarbeit egal, welche Meinung der Doktorand darin vertritt und ob sie ihm selbst oder den Doktoreltern persönlich gefällt: Geschmäcker spielen hier keine Rolle! Noch egaler wäre (wenn man “egal” steigern könnte), ob das Ergebnis das ist, was die Beteiligten sich am Anfang der Arbeit “gewünscht” hatten. Wichtig ist nur, dass man seine Meinung gut wissenschaftlich begründet und nach allen Regeln der Kunst abgeleitet hat. 

1.2 Soll-Zustand: Wissenschaft begründet Meinungen und hinterfragt dennoch

Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100% sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, DASS sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft “Folgt der Wissenschaft!“ hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.

Dieses Zitat von Dieter Nuhr erregte kürzlich die Gemüter, aber es ist wahr! Die DFG hat sich für dieses WissenschaftsFREUNDLICHE Statement zunächst bedankt, es aber später aufgrund einer unüberschaubaren Flut von Reaktionen vorübergehend offline genommen und nach kurzer Reflexion inzwischen wieder online gestellt

Es ist sehr richtig, was hier gesagt wird: Wissenschaft ist das, was Wissen schafft – nicht Wissen predigt. (Er)schaffen ist ein Verb, das einen Prozess beschreibt, d.h damit etwas geschaffen oder erschaffen werden kann, muss es unvollständig also noch nicht fertig sein. 

Forschung und Entwicklung gehen daher stets Hand in Hand. Entwicklung macht Wissen anwendbar und in der Forschung entwickeln wir Wissen. Doch egal wie viel wir wissen, das Nichtwissen verhält sich zum Wissen stets wie eine Dirichlet-Funktion, so dass wir immer weiter forschen und entwickeln können: Es gibt immer noch etwas mehr zu lernen, zu verstehen.

Wissen ist stets nur eine Momentaufnahme, ein Weltbild stets nur eine derzeit funktionierende Methode, einen komplizierten Sachverhalt in die Lebenswelt des Menschen zu holen. Erklären bedeutet stets auf etwas Bekanntes zurückführen. Heutigen Stadtkindern ist sicher das Wort MondSICHEL nicht mehr klar, es hat seine Anschaulichkeit verloren, weil niemand mehr weiß, was eine Sichel ist (d.i. ein möndchenförmiges Messer: siehe, wir haben die Perspektive gewechselt). Das heißt, Wissen ist zu keiner Zeit “fertig”, sondern wenn die Wissenschaft etwas lehrt – d.h ein ProfessorIn in der VL – dann ist das idealerweise der aktuelle Stand der Forschung, aber es lohnt nicht, das in Stein zu meißeln: “Wissenschaft weiß nicht alles”, weder das kollektiv aller ProfessorInnen noch – und schon gar nicht der/die einzelne – aber sie liefert eine vernünftige Basis für Einschätzungen, Entscheidungen, Meinungen und Handlungen. Möglicherweise die vernünfigste (mal abgesehen von dem EQ, den man auch braucht!). 

2. Ist-Zustand

2.1 Ist-Zustand: Professoren-Götter

Einige Professoren führen sich so auf, als wenn die Freiheit der Wissenschaft und Forschung nur für sie gelte (Helmut Wicht hatte zur Bedeutung der Professur damals-vs-heute letztes Jahr einmal geschrieben). Wenn Studierende oder Doktoranden dies kritisch hinterfragen, heißt es, Forschungsfreiheit gelte nur für WissenschaftlerInnen und nach viel Wortverdrehen heißt es dann, WissenschaftlerInnen seien nur ProfessorInnen (verschrobenes Selbstbild abermals siehe Anatomisches Allerlei-Blog, aber auch Berufseitelkeiten bis hin zum bekannten “Exzellenz-Effekt” der Auslese von drittklassigen Mitarbeitern für zweitklassige Professoren). 

Das steht aber in Art 5 Abs. (1) anders: Alle Menschen haben dieses Recht, nicht nur Professoren, denn es ist ein Grundrecht. – Alle, also auch diejenigen ohne Hochschulabschluss, wie man bspw bei JugendForscht sieht, aber natürlich auch Frisöre, Studierende und erst Recht DoktorandInnen (über die Bedeutung von Doktorarbeiten nochmals Anatomie-Blog). [Man könnte jetzt kümmelspalterisch sagen, dass da steht “jeder” und nicht “jeder und jede”, aber in einem anderen Artikel ist ja die juristische Gleichstellung der Geschlechter geregelt.]

Kürzlich (5.8.) entbrannte auf der Wikipedia eine Diskussion darüber, ob das Prinzip der Doktoreltern dem Prinzip der Wissenschaftlichkeit und Unabhängigkeit überhaupt entsprechen kann. Das gilt, wohl bemerkt, für deutsche Doktoreltern, denn 

  1. In Deutschland sind die Personen, die betreut haben, hinterher auch die Prüfer (im UK z.B. nicht). Das heißt, man könnte denken, sie bewerten quasi zum Teil auch die eigene Arbeit. 
  2. In Deutschland sind die Doktoranden oft auch finanziert von den Doktoreltern, also wer als Doktorand angestellt ist – insbes. in den Naturwissenschaften – löst eine Frage für einen Auftraggeber, der ihn dafür bezahlt. (also doch Frisör-Prinzip?)

Beide Punkte sind m.E. falsch wahrgenommen:
ad 1) Erstens heißt “betreuen” einer selbstständigen Forschungsarbeit denknotwendig, dass man berät, aber nicht jeden Handschlag vorschreibt, d.h der/die/das Kandidat muss selbst entscheiden, ob man den Rat annimmt. Zweitens, wie jemand auf Wikipedia auch schreibt, wenn Doktoreltern eine schlechte Arbeit gut bewerten, schadet das ihrer eigenen wissenschaftlichen Reputation und das wollen die meisten nicht. Die Community weiß ja (bzw denkt), dass Doktoreltern nur beraten (mein post 2019) und eben nicht die Arbeit selbst machen – sonst wäre diese ja nicht selbständig.
ad 2) Das ist auch die Antwort auf den zweiten Teil: selbst wenn die Forschungsfrage von Doktoreltern und nicht dem Kandidaten selbst gestellt wurde (was ich für legitim halte, da frisch vom Studium man zwar viel weiß und kann, aber noch nicht genau genug die offenen Fragen des Faches kennt), kennen diese ja die Lösung noch nicht, sondern muss die Lösung im Team entwickelt werden. Der/ die/ das Doktorand ist dafür angestellt, sich speziell um dieses (Teil)problem im großen Getriebe zu kümmern. 

Die Beitragenden der Wikipedia-Debatte erzählen, dass Doktoranden dadurch oft in doppelter Abhängigkeit leben: Arbeitgeber (der den Geldhahn zudrehen kann) = Prüfer (der die Arbeit schlecht bewerten und damit weitere Karriere-Chancen verbauen kann).
Die Arbeitgeber-Abhängigkeit ist in der Tat ein Problem und baut auf die Vernunft derjenigen, die auf eine Professur berufen wurden. Man unterstellt ihnen eine gewisse Weisheit im Umgang mit der Macht über die ihnen unterstellten Wissenschaftler und die Fähigkeit zum Umgang mit Menschen. – Genau hier hakt es: im klassischen Hochschulsystem lernen Wissenschaftler dies nicht und Vernunft und Weisheit sind und bleiben persönliche Gaben / Tugenden, die nicht jede Person mitbringt, die gut darin ist, im obigen System als Doktorand und PostDoc eine Weile mitzuschwimmen und sich auf eine Professur zu bewerben. Anders gesagt: Nicht jeder gute Forscher ist auch ein angenehmer Charakter oder hätte automatisch (durch Forschung) menschliche oder gar Führungsqualitäten. 

Mag sein – wie die Beitragenden auf wikipedia äußern – dass es daher oft anders gelebt wird, als es gemeint ist. Aber das legitimiert nicht das Unrecht, denn nur weil keiner Zeit hat, dagegen vorzugehen, ist es noch lange nicht richtig. Hier sehe ich auch ein Versagen der Gewerkschaften, d.i für die Wissenschaft vor allem die Bildungsgewerkschaft GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)., denn hier werden Menschen so sehr ausbeutet, dass sie mit Arbeit im Projekt und für Geld überlastet sind und keine Zeit haben, übers System überhaupt nachzudenken oder gar sich zu beschweren (Vor ihrem Tod igeln sich Unternehmen ein). 
Bsp.:

  • Während meines Studiums habe ich in 2 bzw zeitweilig 3 Nebenjobs gearbeitet (heute weiß ich, dass es verboten ist, 16 Std pro Tag, 7 Tage die Woche zu arbeiten und dass ich neben dem Vollzeit-Studium auch nicht so viele Stunden hätte arbeiten dürfen: damals wusste ich das nicht und es hat mir auch keiner gesagt; der eine Arbeitgeber wusste ja nicht, wie viel ich für den anderen arbeite und in der Nachwendezeit im Osten liefen “die großen Leute” sowieso ein bisschen kopflos herum, d.h sie wussten selbst vieles nicht über das System/ die Gesellschaftsform; einer der Profs sagte in unserem 2. Semester mal, dass es normal sei, dass man nur 5 Std pro Nacht schläft im Studium: bei mir waren’s lange nur ca 2-3 Std pro Nacht – und zwar ohne dass ich je auf einer Studi-Party gewesen wäre, sondern wirklich nur durch Studieren und für-Geld-arbeiten ::: Studium in Regelstudienzeit, aber Burnout systemisch erwünscht),
  • während der einen Doktorarbeit hatte ich eine halbe Stelle an der Uni (vertragsgemäß 80% der 20 h für Lehre und Verwaltung, d.h. 5 SWS Lehre), so dass ich meine Doktorarbeit wirklich nur in der Freizeit machen konnte, d.h. in den weiteren 40 h, die man in HomeOffice, Uni und Bib verbringt,
  • andere Dok.arbeit ein ExzellenzStipendium, d.h. eine Zeit ohne Sozialleistungen, in der man noch weniger Geld hat und immer noch mind. 12 h pro Tag/ mind 6.5 Tage pro Woche für die Wissenschaft programmierend im Büro sitzt…
    [persönliche Anm.: dies war eine der schönsten und entspanntesten Zeiten in meinem bisherigen Leben, aber a) wegen der menschlich großartigen Kollegen und b) weil ich finanziell wusste, dass es nur kurze Dürre-Zeit sein würde und wegen der Hoffnung auf Besserung danach]

Kann also mit Fug und Recht sagen, dass ich quasi alles durch habe. 

Eine der Ursachen für die oben genannte prekäre Feedback-Schleife [sich selbst verstärkendes System] ist das Prekariat des Mittelbaus, das ich als nächstes bespreche. Daraus resultieren bei manchen Betroffenen die Angst davor, gegen offensichtliches Unrecht vorzugehen (der MPIA-Fall, #astroSH). Bei anderen fehlen dazu die Möglichkeiten: entweder, weil man aus dem Ausland kommt oder weil schlichtweg im Berufsstress die Zeit fehlt, sich darüber Gedanken zu machen bzw. mit den lokalen Gesetzen zu beschäftigen. Leider kommt dann aber noch hinzu, dass positiv formulierte Veränderungsvorschläge ebenso wie Kritiken nicht gehört werden; man will sich einfach nicht verbessern/ verändern: was WILD DUECK letztes Jahr für Unternehmen beschrieb und nochmal “Das Verhalten von Konzernhauptverwaltungsexperten gegenüber Innovationen ist als haarsträubend bekannt”.

2.2 Ist-Zustand: Wissenschaftliches Prekariat im Mittelbau 

Stufe 1: Die finanzielle Abhängigkeit der Doktoranden vom Auftraggeber (Doktoreltern) wird natürlich existenzbedrohlich empfunden.

Die Doktorarbeit ist zwar eine selbständige Arbeit, wird aber im Wissenschaftssystem als letzte Stufe der AUSBILDUNG von Wissenschaftlern gesehen. Liest man bspw. die Richtlinien der DFG, dann finden sich häufig Formulierungen wie “antragsberechtigt sind Personen, die ihre wissenschaftliche Ausbildung – [in der Regel] mit der Promotion – abgeschlossen haben”. Die Ausbildung qualifiziert einen also für den Beruf, jede weitere Bildung ist sowas wie eine berufliche Weiterbildung. 

Als Doktorand (wdm) kann man allerdings unterschiedlich bezahlt werden. Oft kriegt man erstmal zu hören “Ihre Finanzierung müssen Sie sich selbst mitbringen” (aber Doktoranden sind bei der DFG noch nicht antragsberechtigt). Ein besonders schwarzes Schaf unter den Professoren hörte ich auch mal auf eine Anfrage zur Unterstützung bei Stipendien-Anträgen antworten “manche meiner Doktoranden promovieren mit Hartz IV”… das ist ganz sicher nicht im Sinn der Sache: weder der Forschung noch der Sozialleistungen, aber auch solche Fälle gibt es. 

In den Naturwissenschaften sind halbe Stellen sehr üblich, in den Ingenieurwissenschaften aber ganze. Ich begründe das immer verschmitzt damit, dass ein Ingenieur halt schon mit dem Diplom alles kann und gleich einen vernünftigen Job kriegen würde – Physiker aber, berühmt für ihre Vorzeichenfehler, müssen erst noch ein bisschen trainieren. Das ist natürlich nicht ernst gemeint: Verständlich sind diese Unterschiede oft nicht. Noch weniger verständlich ist es, warum ein Archäologie-Doktorand (der buddeln geht und Keramikmuster kategorisiert) auf einer halben Stelle angestellt ist und ein Doktorand in Wissenschaftsgeschichte, der programmiert wie ein Ingenieur, das gleiche Nettogehalt als Stipendium bekommt (also Netto=Brutto, keine Sozialabgaben oder Rentenleistungen und unterm Strich weniger wegen zu tragender Kosten für KV). Das sagt aber auf dieser Karrierestufe oft noch nicht viel – und weil die Akteure typischerweise noch jung sind, kann ein bisschen Eitelkeit, dass man qua Stipendium eine Auszeichnung erhält, die weniger Rentenpunkte noch aufwiegen: Es gibt ja den Trost in der Hoffnung auf verbesserte Karriere-Chancen bei künftigen Bewerbungen. 

Stufe 2: Zudem weiß man ja, dass man nach der Dissertation dieses “Nest” verlassen muss, also die nachteilige Sache nicht lange so geht.
Bsp.: Eine meiner Promotionen habe ich in Berlin gemacht, in der Stadt, in der ich (zufällig auch) geboren worden war. Bei einer Konferenz dort, beantwortete ich die Frage “woher bist du ursprünglich” wahrheitsgemäß und erhielt postwendend den Kommentar “na, da biste ja nich weit gekommen“: Dem lag die klischeehafte Fehleinschätzung zu Grunde, ich wäre quasi vom Elternhaus in die Uni gestolpert und da hängen geblieben. Tatsächlich war ich aber zuerst zwecks Studium aus meiner Geburtsstadt weggegangen und nach 5 Jahren erstem Studium 7.5 Jahre anderswo in der Welt in Jobs unterwegs, bevor ich die Promotion überhaupt anfing.
Der Vorfall zeigt die Erwartung: studieren zuhause, dann aber zur oder spätestens nach der Promotion weg aus der Heimat – auch, wenn es daheim eine gute Forschungslandschaft und einen renommierten Wissenschaftsstandort gibt; man darf nicht bleiben. 
Will man in der Wissenschaft bleiben, muss man weggehen, um sich auch woanders Meriten zu verdienen und andere Leute, Methoden, Führungsstile kennenzulernen – wenn man nicht weggeht, hat man keine Chance in der Wissenschaft.
Will man das jahrelange Prekariat (Stellen-Hoping, geringes Einkommen für die Ehre) nicht mitspielen und gleich in die Industrie wechseln, dann verlässt man das Nest der Dr-Eltern sowieso. 

Problem-Fortpflanzung durch Befristung: Die wenigsten Doktoranden zeigen daher Fehlverhalten ihrer Doktoreltern an.
Wer nach der Diss. sowieso Akademia verlassen möchte, der tut sich den Stress nicht an, dort etwas verändern zu wollen.
Und auch wer in der Wissenschaft bleiben möchte, hält oft lieber die Füße still (solange es nicht existenzbedrohlich ist), denn es ist ja nur für begrenzte Zeit.
Daher wissen Personalräte, Gleichstellungsbüros und andere Gremien zu wenig von dem Fehlverhalten und können dagegen vllt nicht konsequent genug vorgehen. Folge: Der nächste Problemfall lauert schon:

Die mangelnde Courage der Betroffenen stärkt die Mobber & insuffizienten Führungskräfte und schwächt das System weiter, schleichend, sukzessive.

Stufe 3: In der PostDoc-Phase geht das gleiche Problem weiter. Publish or perish heißt die Devise bzw. inzwischen sogar “publiziere und wirb Drittmittel ein“. Behindert oder verbietet ein Chef eins davon, ist das die maximale Behinderung, Exodus.

Aber auch das Klüngeln bei der Drittmittelvergabe, gute Anträge, die von zwei Fachgutachtern nachdrücklich empfohlen werden mit Begründungen wie “das kann nicht jeder, es braucht das spezielle Fachprofil der Antragstellerin” und dann doch vom Mittelgeber in eine falsche, d.h fachfremde Vergabe-Kommission weitergereicht und daher abgelehnt werden (ist mir vor einigen Jahren passiert) oder völlig unqualifizierte Gutachten (Erlebnisse wie Stephan Schleim sie in MENSCHEN-BILDER schilderte), sind leider keine Seltenheit. Die aktuelle Ausgabe 5/2020 von Spektrum Psychologie und Hirnforschung enthält mit dem Beitrag “worüber niemand gerne spricht” auch einen Artikel über das “Tabu in der Wissenschaft”, dass über “Fehlschläge” und die “dauernde Ablehnung” niemand spricht. 

3 Die Finanzierungsfrage 

Dass Arbeitsverträge in der Wissenschaft (eigentlich widerrechtlich) stets befristet sind, ist ja bekannt (DF). Formal muss man für Befristungen immer einen Grund angeben und das wird an Unis meist gemacht, indem eine Qualifizierung behauptet wird – auch dann, wenn der Prof gar nicht gewillt bzw in der Lage ist, die Person weiterzuqualifizieren oder umgekehrt die Person nicht gewillt bzw in der Lage dazu ist. So kann die studierte Ehefrau eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters (man lernt sich ja meist im Studium oder Beruf kennen, hat also das gleiche Fach), auf eine Doktorandenstelle eingestellt werden, obwohl sie gar keine Dissertation anstrebt, sondern einfach nur halbtags arbeiten möchte – aber für die Begründung der Befristung muss halt “Doktorandin” da stehen; Tricks gibt’s also genug. Neben der hanebüchenen und die Menschen zermürbenden Befristung (“Frist ist Frust”-Kampagne der GEW 2019) gibt es aber auch weitere Probleme: 

Es gibt auf allen Leveln verschiedene Modelle, die Arbeit zu finanzieren. Doktoranden sind bereits selbständig arbeitende vollwertige Team-Mitglieder, genießen aber in manchen Bereichen noch studentische Finanzvorteile (billigere Mensa- und Kino-Preise wegen Studi-Ausweis). Von manchen Drittmittelgebern kriegt ein PostDoc genauso viel oder nur 100 Euro mehr als ein Doktorand, so dass der Qualifikationsunterschied quasi unsichtbar ist. 

Egal, ob Dok oder PostDok, die Arbeit kann über eine (halbe, dreiviertel, ganze) Stelle finanziert sein oder über ein Stipendium. Bei Stipendien gibt es keine Einheitlichkeit in der Höhe, aber man schließt einen Vertrag mit dem Stipendiengeber bzw der aufnehmenden Einrichtung (Uni), dass man 40 Stunden pro Woche für das Projekt arbeitet. 

Hier kommt die Fragwürdigkeit:
Ein Doktorand, der eine halbe Stelle hat (ca 1300 € im Monat), hat einen Vertrag mit der aufnehmenden Einrichtung, dass er 50 % der Arbeitszeit (20 Stunden) am Projekt arbeitet. Für Doktoranden ist der “Deal”, dass man außerhalb der Arbeitszeit die Ressourcen der Universität nutzen darf, also arbeitet man de facto 150 bis 200 %, (60 bis 80 h/ Woche), um sich weiterzuqualifizieren, d.h für die Ehre des “Dr.” vorm Namen und kriegt 20 Stunden bezahlt. Andererseits heißt das: Da man nur 20 h für den Arbeitgeber zu arbeiten verpflichtet ist, dürfte man neben einer halben Stelle noch 30 Std. woanders arbeiten (in einer Firma), idealerweise eine Tätigkeit, die mit der Diss verknüpft ist (also bei Kaufland an der Kasse bringt’s nicht, stiehlt nur Zeit – aber man könnte in einer Firma als Programmierer arbeiten und dann eine 50seitige Doku darüber schreiben, die man beim Prüfungsamt einer Uni einreicht). 

Der normale DFG-Satz wären für Doktorandenstipendien ebenfalls 1300 € im Monat, aber da beim Stipendium Brutto=Netto, geht davon noch die Krankenversicherung ab (mindestens), ohne die man nicht arbeiten darf und da man 40 Std im Projekt zu arbeiten verpflichtet ist, darf man nur 10 Stunden woanders arbeiten und dazu verdienen. 

Manche Dok.stipendien sind aber auch nur 800 € im Monat und da wird das Bestreiten des Lebensunterhalts schon kritisch. Als PostDok liegt die Spanne von 1000 bis 2300 €… Die Höhe des Stipendiums wird allein vom Stipendiengeber festgelegt und nicht an irgendeinem Tarifvertrag der jeweiligen Bundesländer orientiert. Es geht also nicht nach Leistung oder Güte des Empfängers, sondern danach, wer bezahlt – und woher man das Stipendium hat, also wo es bewilligt wird, ist ein bisschen Glücksspiel, je nachdem, welche Gutachter gefragt werden etc. pp.

Fazit: Forschungsstipendien sind zwar inzwischen so gestaltet, dass man davon leben kann, sind steuerfrei, aber Brutto=Netto und da mindestens die Krankenversicherung in .de Pflicht ist (sonst dürfte man nicht arbeiten), geht von dem Betrag stets mindestens dies ab. Wer als PostDoc schon zu hoch qualifiziert ist oder als Dok oder PostDok zu alt ist für die studentische Versicherung (älter 30 Jahre) von ca 80 €, hat also mit dem Stipendium-minus-einige-hundert-Euro-für-Krankenversicherung einen gewaltigen Nachteil.  

Egal, ob mit Drittmitteln oder Haushaltsstellen finanziert, gilt jedenfalls der Tarifvertrag Öffentlicher Dienst, d.h. dann müsste man ja eigentlich mit mehr Berufserfahrung mehr Geld kriegen. Der Sinn der Sache ist, dass man als WissenschaftlerIn ja sein ganzes Wissen einbringt und damit die Forschung und Entwicklung voranbringt.
Hier kommt der Irrsinn: Als Berufserfahrung gilt aber nur die Zeit, die man auch vorher schon im Öffentlichen Dienst in dieser Entgeltgruppe angestellt war. Hatte man als Doktorand bereits eine TVöD.13-Stelle in Deutschland, wird dies auf eine PostDok TVöD.13-Stelle angerechnet, egal, ob die Doktorandenstelle eine 50%, 75% oder 100%-Stelle war … und vermutlich auch, wenn man irgendwas anderes im Öffentlichen Dienst gemacht hat als Wissenschaft (z.B. eine E13-Stelle als Koordinator oder Consultant?). Prinzip: Wer hat(te), dem wird gegeben.
In der Wissenschaft gilt es aber als “chic”, wenn man a) im Ausland war oder b) seine Forschung über Forschungsstipendien finanzierte. Dafür gibt’s im Lebenslauf sogar eigene Kategorien: “Auslandserfahrung” und “Stipendien und Auszeichnungen“, beides sehr positiv, Stipendien gelten als Privileg und Auszeichnung. Und da man das Stipendium ja irgendwie eingeworben hat, also eine eigene Projektidee durchgesetzt hat, ist das tatsächlich eine besondere (wissenschaftliche) Leistung, die wahrhaftig eine Auszeichnung ist (für Kreativität, Überzeugungskraft, Durchhaltevermögen, Strukturiertheit, Selbstmotivation, Engagement…). Doktorarbeit via Stipendium, also eigenem Projekt ist also näher an dem Idealbild von freier Wissenschaft als die Arbeitssklaven bei ausgeschriebenen Themen.

Wer also zu den besonders Ausgezeichneten gehört, als geistige Elite gefördert vom Steuerzahler ein Forschungsstipendium erhält, über einen Exzellenz-Cluster der DFG oder einen Mittelgeber, der sogar ein ganz konkretes Fach oder Themenfeld fördert, so dass es eine besondere Auszeichnung ist, dass dieser Spezialist (wdm) einen für das Themenfeld als würdig erachtet… der hat letztlich die Arschkarte, denn
 a) er/sie/es hat weniger Geld als die Kollegen, die im öffentlichen Dienst angestellt sind und am Schreibtisch nebenan die gleiche Arbeit machen, 
 b) von dem (meistens eh schon weniger) Geld muss man dann noch die Krankenversicherung (~15%) selbst zahlen, 
 c) im Gegensatz zu dem TVöD-Einkommen wächst das Stipendium nicht mit den Jahren; es ist unabhängig von (vorheriger oder laufend erworbener) Berufserfahrung
 d) und in die Rente zahlt niemand ein… also die Auswirkungen merkt man lebenslang. 
Als wenn das alles noch nicht genug wäre, also man dadurch noch nicht genug (finanziell und vorsorgetechnisch) benachteiligt wäre, heißt es dann beim nächsten Job auf einer TVöD-Stelle: 
 e) ätschebätsch: das zählt nicht als Berufserfahrung: weder stipendium-finanzierte Zeiten noch Arbeiten im Ausland (egal, ob dort im öff. Dienst, privatwirtschaftlich angestellt oder als Stipendiat): das Wissen und die Erfahrungen aus dieser Zeit soll man einbringen, aber fürs Einkommen zählt es einfach nicht.
Sie können zwar genauso viel wie (oder mehr als) der Kollege, sind besser qualifiziert, bereichern die Gruppe/ das Institut mehr … und das Stipendium ist ja (zusätzlich zu guten Noten) eine Auszeichnung, also zusätzliches Gütesiegel, das Sie vor Mitbewerbern besser stellt,… aber der Kollege, der bisher schon im Öffentlichen Dienst gearbeitet hat und sich fachlich oberflächlich – d.h. mit 60% der geforderten Leistung – durchgehangelt hat, kriegt (wieder) mehr Geld: Beamtenmikado schon vor der Verbeamtung.

Für Daueraufgaben wie den Betrieb von Spezialgeräten, z.B. Laboratorien, Sternwarten, Computerpools, Großrechnern und anderem wissenschaftlichen Groß-Equipment könnte seltenst mal ein wissenschaftlicher Mitarbeiter fest angestellt werden – ganz im Sinn der Gewerkschaftsparole “Dauerstellen für Daueraufgaben”. Der hat sich dann um die technische Funktionsfähigkeit zu kümmern, also darf nur noch eingeschränkt selbst wissenschaftlich tätig sein. Weil er aber eine Dauerstelle hat und natürlich in die Entgeltgruppen als PostDoc eingestuft wird, steigt er dort in der Gehaltsstufe alle paar Jahre auf – wie Beamte (egal, ob man wirklich verbeamtet ist oder nicht). 

Das Tarifsystem sieht ja verschiedene Entgeltgruppen vor, die vom Aufgabenfeld / der Verantwortung oder Einstiegsqualifikation abhängen und innerhalb einer Gruppe steigt man mit der Zeit die Stufen hoch. Ein PostDoc wird bspw nach E13 bezahlt, ein Arbeitsgruppenleiter nach E14 oder E15 und je länger man jeweils dabei ist, wird aus E13 Stufe 1 eben Stufe 2, dann Stufe 3 usw.
Nun kann es aber sein, dass ein PostDoc auf Dauerstelle, der schon lange dabei ist und eine ruhige Kugel schiebt, weil seine Aufgabe in Routine-Wartungsarbeiten besteht, durch das Erreichen von einer höheren Stufe in E13, mehr Geld monatlich auf dem Konto hat als der zielstrebige, fleißige, frisch gebackene Juniorprof in der ersten Stufe von E14 oder 15 [können Sie bei der DFG in den Leitfäden nachlesen: isso].

Wir lernen:
Die Einkommenshöhe sagt überhaupt nichts über Status, Verantwortungsbereich oder Qualität der Arbeit einer Person aus. 

ABER Unsere Gesellschaft funktioniert so, dass wir denken, sie sollte dies widergeben. Ein Techniker an der Uni denkt also “Prof = höhere Gehaltsklasse” (ist ja auch erstmal so, aber wenn man genauer hinguckt, hakt’s eben). 

Einschub: Wegen Finanzierung 

Studieren und wissenschaftlich arbeiten ist ja sowieso eher etwas für Reiche: Es geht schon in der Schule los. Nach der 10ten Klasse abgehen, eine Ausbildung machen und schon bezahlt werden sowie anschließend vom Betrieb übernommen werden oder leicht etwas anderes finden – steht gegenüber dem Studium, d.h. erst 3 Jahre Abitur, dann mindestens 5 Jahre Studium, also weitere 8 Jahre nicht unbezahlt lernen, um hinterher mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in dem Beruf zu arbeiten, den man studiert hat. Muss man sich leisten können – oder extrem ambitioniert sein. 

4. Ist-Zustand oben auf der Karriereleiter

4.1 Ist-Zustände bei und nach der Berufung

Stufe 4: Nach ein bisschen PostDoktorieren (oder auch ein bisschen mehr), bewirbt man sich dann auf Professuren – und der Irrsinn geht weiter: Man darf sich nicht an der Uni bewerben, an der man gerade ist und vermutlich seit einigen Jahren einen Namen gemacht, ein Netzwerk aufgebaut hat, außer-universitär engagiert und bekannt ist… Hausberufungsverbot! Das heißt, die besten Leute aus der eigenen Uni sind an anderen Orten erfolgreich, kriegen ihre Professur irgendwo, Hauptsache nicht hier. 

Jedes gute Unternehmen mit Weltklasse würde sich da an den Kopf fassen: Die besten Leute will man natürlich selbst behalten. Wenn die zweit- und drittbesten sich weg-bewerben, um woanders doch noch erster und mithin erfolgreich(er) zu sein, dann ist das schade, aber fürs Unternehmen verkraftbar und umgekehrt gut für die Reputation. Aber an der Universität heißt es: unsere Besten schicken wir weg (ins Ausland zu besseren Bedingungen) und die Zweit- und Drittbesten werden im Inland durchgetauscht oder von einem Drittmittel-Dreijahresvertrag zum nächsten bis zur Rente im Prekariat durchgehangelt. 

Die Ursache für das Hausberufungsverbot ist, wie Stephan Schleim im Kommentar richtig ergänzt, natürlich, dass man Vetternwirtschaft unterbinden wollte. Helmut Wicht hatte letztes Jahr den bösen Witz zitiert, dass man früher Professor (maskulin!) wurde “per anum sive per vaginam”, also … das mit dem Tochter-heiraten fällt für mich z.B. aus, aber auch aus anderen Gründen war es nötig, das alte System zu reformieren. => Das wäre mal wieder ein Fall für das WILD DUECK-Blog: Es wurde eine Regel geschaffen, die an sich mal gut begründet war, aber deren Grund vergessen wurde und jetzt wird die Regel in die Unsinnigkeit weitergeturnt (WILD DUECKs ironisches “Einsicht ist gut, Regeln sind besser”). 

Stufe 5: Hat man dann eine Professur, ist man endlich auf der festen Stelle und muss sich keine Sorgen mehr um Altersvorsorge machen oder wovon man im nächstes Jahr die Miete zahlt… Aber die Einkommensregelung ist immer noch unverständlich: 

Wie schon Helmut Wicht schrieb, das Lehrstuhl-Prinzip wurde in den 1970er Jahren abgeschafft. Seither sind an deutschen Universitäten formal alle Professoren gleichgestellt: Das ist in den Landesgesetzen geregelt. Alle Professoren einer Uni haben einen gemeinsamen administrativen Vorgesetzten, d.i. der Präsident/Rektor der Universität, und sie haben keinen fachlichen Vorgesetzten, denn sie wurden ja dafür berufen, ein bestimmtes Fach zu vertreten. Aber die Einkommen sind sehr unterschiedlich, obwohl sie die gleiche Qualifikation erfordern und den gleichen Job machen. 

4.2 Was ist eigentlich eine Professur

Früher war es so, dass es pro “Lehrstuhl” einen “Häuptling” gab, den sog. Ordinarius = ordentlichen Professor. Der konnte de facto sehr schlampig und gar nicht ordentlich sein, aber hatte formal (hierarchisches Ordnungsprinzip) die Hoheit über das Fach. Diesem imaginären (im Mittelalter wahrhaftigen, hölzernen hochgestellten) LEHRSTUHL waren mitunter aber mehrere “kleinere” Professoren (Subordinarien) angegliedert, denen auch das Recht zu gebilligt wurde, dieses Fach zu lehren, d.h. auch diese (früher eigentlich immer) Herren durften auf dem knöchernen Stuhle Platz nehmen und zu den Hörern sprechen.
Im Rundfunkzeitalter vergleicht man das am besten mit den Moderatoren der MorningShow im Radio, die “Ordinarien”, die zur Hauptsendezeit reden und denen, die übern Tag verteilt auch das gleiche Mikrophon benutzen dürfen.

Dieses LEHRSTUHLprinzip wurde aber in den 1970ern ABGESCHAFFT, d.h. es gibt keinen Professor mehr, dessen Lehre gegenüber einem anderen Prof Vorrang hat und kein Professor steht mehr über einem anderen – mit Ausnahme des Uni-Präsidenten, der die Macht hat, administratives Fehlverhalten zu strafen, z.B. gegen Mobbing vorzugehen und disziplinarische Maßnahmen zu ergreifen (Lehrstuhl-Begriff bei wikipedia).

Das hat folgende Konsequenzen:
1. Ein Professor hat nur einen administrativen, aber keinen fachlichen Vorgesetzten. Das heißt aber nicht, dass Professoren entscheiden, was richtig und falsch ist! Über den oben von Dieter Nuhr zitierten wissenschaftlichen Findeprozess und die nicht in Stein gemeißelte Erkenntnis haben schon Scharen von Wissenschaftstheoretikern geschrieben. Richtig ist vielmehr, dass die Professoren die fachlichen Richtungen und Fragestellungen definieren, d.h. ein Prof der für Biologie berufen ist, wird unwahrscheinlich Astronomie-Fragestellungen bearbeiten. Er hat die Aufgabe zu erkennen, dass dies seine fachliche Expertise, für die er qualifiziert und berufen ist, übersteigt und dass man einen Experten aus einem anderen Fach hinzuziehen muss. 

2. Niemand darf ins Fach eingreifen, denn dafür wurde ja der Professor berufen: An einer großen Uni, wo es zahlreiche Professuren in einem Teilgebiet gibt, wird ein Prof. sehr sorgfältig darauf achten, nicht einem Kollegen ins Fach zu reden. Es kann an großes Instituten mit hoher Spezialisierung (~20 Profs) vorkommen, dass ein alter Prof., der dort seine zweite Professur bekommt, in der Teilrichtung A ausgebildet ist und jahrelang woanders dieses Fach gelehrt hatte. Wenn er hier aber die Professur für Teilrichtung B hat und ein anderer Prof. die Professur A, dann darf Prof B dieses Fach dort nicht lehren, weil eben A dafür zuständig ist. Idealerweise werden die sich dann irgendwie einig, aber formal ist das so. Daher kommt die Redewendung “ich bin nicht dafür berufen … zu tun”, wenn man etwas für einen Kollegen machen soll und nicht will, obwohl man könnte. 
Das ist effektiv das gleiche wie die Tatsache, dass natürlich ein Prof auch sein Büro selbst putzen könnte, aber er soll gefälligst nicht der Reiningungskraft die Arbeit wegnehmen. 

3. Einen Professor, der wissenschaftlichen Unsinn oder Pseudowissenschaft publiziert, kann also die eigene Universität also kaum daran hindern, es sei denn, er/sie/es verstößt gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, also arbeitet nicht lege artis. Das Recht auf freie Meinungsäußerung (GG Art 5) beinhaltet auch, dass man Falsches publizieren darf, alle dürfen das, also auch Professoren: Man darf natürlich nicht Falsches über andere Menschen verbreiten, das wird laut Strafgesetzbuch mit Geld- u/o Freiheitsstrafen geahndet, aber Wissenschaftler sind auch nur Menschen und dürfen sich in Bezug auf die Ergebnisse ihrer Forschung irren – bzw manchmal gibt es mehrere Deutungsmöglichkeiten für eine Beobachtung oder ein Experiment, die zunächst alle legitim erscheinen und von denen sich erst künftig eins als richtig, das andere als falsch erweist.
(Allerdings ist Wissenschaft ein selbstregulierendes System: Fachpublikationen werden von einem oder mehreren Fachgutachtern fachlich geprüft, die irgendwo auf der Welt arbeiten also sicher nicht am eigenen Institut und anonym bleiben dürfen, so dass sich die Wissenschaft mit diesem Peer-Reviewing ein Organ der Selbstkontrolle auferlegt hat, das das Publizieren von Falschem zumindest in Fachzeitschriften unterbindet oder zumindest stark einschränkt. Ganz unterbinden kann man es nicht, denn viele Sachen publiziert man ja, um sie in der wissenschaftlichen Community zu diskutieren. Vielleicht wird sich dann nach einigen Jahren oder Jahrzehnten herausstellen, das eine Meinung “richtiger” ist als eine andere: Das gehört zum Forschungsprozess dazu.) 

HEUTE wird der Begriff des Lehrstuhls eher metaphorisch genutzt: Er steht für die Gesamtheit der Mitarbeiter eines Professors (wdm). Zwei Professoren mit ähnlichen Fächern – an manchen Unis sah ich so einfallslose Bezeichnungen wie “Experimentalphysik I” und “… II” oder sowas – werden sich auch heute noch in “Instituten” oder “Arbeitsgruppen” organisieren, gemeinsame Vorlesungen anbieten oder zumindest ihre Vorlesungen fachlich aufeinander abstimmen. Aber diese Hochschul-Lehrer sind und bleiben untereinander gleichberechtigt (egal, welche Gehaltsklasse). 

Auch heute noch geben sich Institute einen “Sprecher” (wdm), der dann formal mit dem Titel “Institutsdirektor” angeben darf und natürlich gibt es auch immer noch Fakultäten mit Dekanen an der Spitze der jeweiligen Verwaltungseinheit (wie bei römischen Legionen). Logisch, weil sich – Binsenweisheit – kleinere Menschengruppen besser verwalten lassen als große, aber die einzelnen Wissenschaftler haben in ihrer Forschung viel mehr Freiheit als noch vor 100 Jahren. Innerhalb einer Verwaltungseinheit sind alle Professoren einander gleichgestellt. SINNVOLL bis hierher

ABER Warum kriegen dann nicht alle Professoren gleich viel Geld? Diese Frage gehört zu den Mysterien des Systems: Wie viel Geld ein Prof bekommt, das hängt nicht nur der Berufserfahrung ab (die den gleichen unverständlichen Regeln unterliegt wie oben für PostDocs geschildert), sondern die Ursache liegt bereits vor der Ausschreibung einer solchen Stelle im Stellenplan der Universität fest: 
W2-Profs (früher C3, noch früher Subordinarien) und W3-Profs (früher C4, noch früher Ordinarien) haben die gleichen Freiheiten, Rechte und Pflichten – und müssen daher auch die gleiche Art von Berufungsverfahren bestehen, aber die die W3-Profs kriegen mehr Geld. 

Jenseits dieser zwei Kategorien gibt es noch apl Profs, die mitunter wissenschaftliche Mitarbeiter sind, denen man ein Schildchen “Prof.” umgehängt hat – also Titel ohne weitere Rechte oder höhrere Bezahlung. Zudem gibt es durch die Einführung von Juniorprofessuren inzwischen auch unter den Profs viele befristete Stellen. Das hat ja Helmut Wicht bereits erklärt: Eine Professur ist nicht mehr denknotwendig eine feste Stelle, aber wenn man eine feste Stelle hat, dann ist es mit großer W’keit eine Professur, denn im Mittelbau gibt’s sowas (so gut wie) nicht.

4.3 Unterschiede zwischen Elfenbeinturm und der realen Lebenswelt

Wir halten fest: In der Industrie ist es so, dass ein Top-Manager an der Unternehmensspitze viel mehr Geld kriegt als ein Abteilungsleiter und der als ein Mitarbeiter und der als ein Assistent und der als ein Azubi … Da ist es so, dass je höher auf der Karriereleiter, je mehr Verantwortung und je höher der Bildungsgrad und die Berufserfahrung, desto mehr Geld bekommt die Person. 
NICHT SO an Universitäten: Jemand, der auf eine Professur berufen wird, die vor 1970 ein “Subordinarius” war, kriegt weniger Geld als einer, dessen Stelle früher “Ordinarius” war. Alle haben heute die gleichen akademischen Freiheiten, Hoheiten, Pflichten und Verantwortungen, aber sie werden in verschiedenen Besoldungsgruppen eingestuft. Es ist also ein Glücksspiel und hat nichts mit Qualität der Arbeit, Rang oder Verantwortung zu tun. Es beruht allein auf einer Tradition, die eigentlich vor einem halben Jahrhundert abgeschafft wurde. 

Ein Institutsleiter oder Dekan wird alle paar Jahre neu festgelegt, denn es handelt sich um ein Mehr an Verwaltungsaufgaben, zu deren Gunsten die Lehrverpflichtung reduziert werden kann. Manche möchten das, andere gehen in Lehre und Forschung voll auf… 
Wer z.B. auf eine Professur (als Hochschul-LEHRER) berufen, aber für Lehre untauglich ist, sucht sich gerne solche Ämter, weil das für die Studierenden, den Ruf der Universität wie für ihn selbst besser ist. Zum Problem wird die Sache erst, wenn die Person für beides ungeeignet ist, was natürlich auch passieren kann, weil man auf eine Professur ja (zumindest bis ca 2005) berufen wurde aufgrund von rein fachlichen Leistungen. Solche Fälle von doppelter Insuffizienz sind glücklicherweise aber rar. 

Unter Beachtung all dieser Fakten:

#FürDasWissen entscheiden? Forschung, ja, wer verantwortungsbewusst, kreativ und strategisch genug dafür ist: gerne – nichts lieber als das! Aber machen Sie mal guten Leuten auf jeder Karrierestufe klar, warum sie an Universitäten und in Deutschland bleiben sollten:
 (i) Schon ein Doktorand kriegt an einem außeruniversitären Institut mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen als an der Uni, die Uni muss ja nur zum Schluss den “Zettel” mit dem Renomée förderlichen Namensvorsatz ausstellen. Und das macht sie (Verwaltungsakt) auch ohne, dass man dort gearbeitet hat – nach bestandener Prüfung. 
 (ii) Als PostDoc gilt das gleiche… 
 (iii) … und was genau macht den Beruf des Professors attraktiv? – Man muss schon sehr edelmütig sein und dringend Forschung und Lehre verbinden wollen (oder wie ich ein sehr breites u innovatives Fächerprofil haben, mit dem die Industrie überfordert ist), um das nachdrücklich anzusteuern. 

3. Möglicher Ausweg: UniversitätsREFORM

Leider habe ich wohl kaum das Nonplusultra-Wunder-Rezept, aber ich denke, dass ein paar Maßnahmen, die in der Industrie längst üblich sind und sich als gute Praxis bewährt haben, könnte/ sollte man auch im Universitätssystem adaptieren. Ich schreibe hier ein paar Beispiele zum Nachdenken auf:

  1. Neuregelung des Besoldungssystems: Einführung von leistungsbasierten Entgelten und Ressourcenvergabe.  Nachvollziehbare und an allgemeine (in der Industrie übliche) Vergütungssysteme angelehnt: je nach Verantwortung und Karrierestufe.
    Wer aus Steuergeldern (also von der Gesellschaft) bezahlt wird, sollte sich auch für die Gesellschaft interessieren & engagieren und nicht nur für sich selbst.
  2. Änderung der Wege zur Professur [wird schon gemacht].
    Vor ca 15 Jahren wurden in .de die Gesetze geändert, die die Berufbarkeit regeln. In den vergangenen Jahrhunderten war der Weg dort hin die Habilitation, in der DDR wohl auch B-Promotion genannt, weil sie eine weitere Forschungsarbeit war. Man machte also eine Doktorarbeit bei einem Prof und habilitierte sich dann bei einem anderen. Man reichte dafür eine weitere Forschungsarbeit bei der Fakultät ein, meist umfangreicher als die Diss, die nochmals das selbständige Forschen unter Beweis stellte, nochmals einem (anderen) Prof “reflected glory” bescherte und nach deren erfolgreicher Verteidigung man bei der Universität die Lehrbefähigung beantragen durfte. Also man forscht – mindestens 3 Jahre Diss, mindestens 5 Jahre Habil – und dann darf man lehren, also eine andere Tätigkeit ausüben. Der Sinn erschließt sich nicht nur nicht, sondern ist nicht vorhanden. Daher gab es die Reform, dass man eine “Habilitationsäquivalentleistung” (steht in allen Landeshochschulgesetzen in .de) erbringen kann, also auf befristeten Stellen als “Leiter einer wiss. Arbeitsgruppe” oder gar mit dem Titel “Juniorprofessor” (ohne Stellen für Mitarbeiter) schon mal so tun darf, als wäre man Prof und damit die praktische Tätigkeit dieses Berufs kennenlernt, damit stellt man ganz praktisch unter Beweis, dass man für diesen Beruf geeignet ist und da man an der Uni Forschung und Lehre zu vereinbaren hat, stellt man auch die Fähigkeit zu eigenständiger Forschung (wie gehabt) und Lehre automatisch unter Beweis. 
  3. Änderung des Selbstverständnisses und öffentlichen Meinungsbildes über die Rolle des Professors in das, was sie ist: Lehrer, Projektmanager und Coach – nicht “Fleischwerdung von Gottes Weisheit” (siehe Nuhr-Debatte bei der DFG).
    Wäre ich Professorin, würde ich es gern anders machen als die Träger imaginärer Talare. Als Management-Zertifizierte mit nachgewiesenen Fähigkeiten als Führungskraft, habe ich erst nach solchen Tätigkeiten meine akademischen Meriten erworben: das ist ein bisschen umgekehrt zum gewöhnlichen Prof-Werdegang. Mit der Problemsicht als Führungskraft bzw Consultant [siehe WildDueck-Blog] und dem sokratischen Wissen über die eigene menschliche Unzulänglichkeit würde ich meine Arbeitsgruppe organisieren und nicht – wie es in der wikipedia-Debatte heißt – mit Doktoranden als stumme Sklaven, die meine Kommandos auszuführen haben: für sowas nutze ich den Computer. 
  4. Änderung der Struktur und Verbesserung der Ressourcen/ Ausstattung für den Mittelbau: Teilweise hat sich das schon gebessert, denn inzwischen (im Gegensatz zu den 70ern, wo es nur Profs durften) kann ein PostDoc schon eigene Projektanträge stellen und Doktoranden sich ihre Arbeit über selbst eingeworbene Stipendien finanzieren. 
    Dennoch: Die Ressourcenknappheit an Haushaltsmitteln sorgt weiterhin für Grabenkämpfe. Im Gegensatz zu den Ichlingen verstehe ich nach meinen Ausflügen in andere Welten [hoffe, das halte ich durch!] eine Arbeitsgruppe als Team, in dem man gemeinsam ein gewisses Themenfeld bearbeitet. Jedes Teammitglied sollte daran Interesse haben, dass das Team als Ganzes international erfolgreich ist: also wenn ein Kollege (mwd) ein gutes Paper veröffentlicht oder zu einem Vortrag eingeladen wird, dann freue ich mich für den anderen, denn es weist unsere Gruppe positiv aus. Faktisch ist diese Reaktion an Unis aber eher selten, sondern die meisten grämen sich, dass der Kollege und nicht man selbst den Erfolg hatte. Dieses Kindergarten-Prinzip bin ich bestrebt zu bekämpfen, wo ich kann – aber man ändert schwer die Gepflogenheiten gesetzter Charakter, man kann es nur für die nächste Generation ändern. Die Schwierigkeit liegt z.T. in der Ressourcen-Knappheit, d.h. alle Kollegen auf nichtfesten Stellen sehen alle anderen auf nichtfesten Stellen als natürliche Fressfeinde an. Man kann das nur auf festen Stellen bekämpfen und durch flächendeckende Aufklärung über modernes Arbeiten.
    Die Phantasievorstellung, dass man nach einem Studium an der Alma Mater bleiben könne oder überhaupt lange an einem Ort, muss dringend bekämpft werden – aber auch das inzwischen überbordende Job-Nomadentum.
    Fazit: in jungen Jahren mehrfach den Ort wechseln, ist gut, aber dann sollte es auch mal feste Stellen geben für die, die nicht Prof werden wollen oder die die charakterliche Eignung nicht aufweisen; die können ja trotzdem gute Wissenschaftler sein, so dass man sie auf unbefristeten nichtprofessoralen Stellen einstellen möchte … wenn es solche gäbe; DF, FAZ
  5. Charakterliche Eignungsprüfungs und Schulungen von WissenschaftlerInnen in Führungspositionen für eine solche.
    Meine Empfehlung wäre, dass insbesondere diejenigen, die nachwievor die Habil als Weg zur Professur wählen, im Berufungsfall dringend lernen müssen, wie mit der Verantwortung umzugehen ist. Sie müssen das lernen, was Führungskräfte außeruniversitär lernen: wie man mit Menschen umgeht und was Projektmanagement, Mitarbeiterführung etc. mit sich bringen bzw wie das geht. Wissenschaftliche Selbstverwaltung in allen Ehren: Wer diese Art von Tätigkeit machen soll, sollte auch dafür ausgebildet sein – und das scheint mir viel schwieriger zu sein als die Wissenschaft selbst.  
    Charakterliche Eignungstests: Menschen sind ein sehr sensibles Gut. Sie sind kein Spielzeug für Choleriker, Ichlinge oder Fachidioten, die es irgendwie geschafft haben, zwei Forschungsarbeiten zu schreiben. Wer Menschen verwalten und führen darf, der sollte sich darüber im Klaren sein, was für empfindliche Wesen seiner Obhut und Verantwortung übergeben wurden – auch wenn es sich um hochdekorierte WissenschaftlerInnen handelt. 
  6. Verpflichtung zu regelmäßiger fachlicher Weiterbildung von Professoren (wie es auch für Lehrkräften in Schulen verpflichtend sein sollte, aber nicht in allen Bundesländern ist). 
    Eine Professur ist eine unbefristete Stelle zur Lehre (die etwa die Hälfte der Arbeitszeit ausmacht) und die Spitze dessen, was man erreichen kann, die höchstmögliche Position. Aber heißt das auch, dass man sich ab hier nicht mehr qualifizieren muss? NEIN, natürlich nicht.
    (i) methodisch: Wer sich mit zwei Forschungsarbeiten (Doktorarbeit und Habilitation) formal für eine Professur qualifizierte, ist doch nicht automatisch ein guter Wissensvermittler, nur weil er/sie/es es fachlich drauf hat. Didaktik und Methodik (die in den Landesgesetzen geforderte “pädagogische Eignung”) kann man teilweise lernen und spätestens im Berufungsfall (idealerweise vorher) sollte man das auch. 
    (ii) fachlich: Man muss zwar keine weiteren Doktorarbeiten mehr schreiben, aber man darf auch nicht in der Entwicklung stehen bleiben, sonst ist man ~5 Jahre später nicht mehr nah an der aktuellen Forschung (im eigenen Fach) dran, lehrt veraltete Methoden und das ist genau das Gegenteil von dem, was die Einheit von Forschung und Lehre an der Universität bezwecken soll. 
    [Das steht zwar im Grunde schon in den Leitlinien für gute wissenschaftliche Praxis, Leitlinie 2, aber wenn mir ein Prof sowas schreibt wie “Dropbox mach ich nicht…” oder “LibreOffice mach ich nicht: da müsst’ ich ja was neues lernen”, klappt es offenbar noch nicht]
  7. Angelsächsisches System der Trennung von Prüfer und Betreuer, d.h. dass die Doktorprüfung von externen Gutachtern vorgenommen wird.
    Dieses System scheint mir ideologisch klüger zu sein, weil das für Doktorarbeiten zumindest die doppelte Abhängigkeit vermeidet. Klüngel und Absprachen gibt es freilich überall, das ist menschlich, und daher vermag ich nicht zu sagen, ob es sich in der Praxis auch als besser bewährt; ich kenne es nicht aus eigenem Erleben, sondern nur von Erzählungen, was man unter Kollegen so austauscht. daher bin ich nicht sicher, ob es wirklich schon das Nonplusultra ist, stelle es hier aber mal zur Diskussion.
  8. Reform des Bezahlungssystems: leistungsbasiert und lebensreal-wahrhaftig nach Berufserfahrung, Qualifikation und Ehrwürdigkeit und nicht nach vorheriger Gehaltsklasse (der Person oder derer die bis vor 50 Jahren die Stelle besetzten).
  9. Vergabe von Forschungsgeldern an wirklich gute und innovative Projekte. Die Auswahlkriterien sind oft hanebüchen, z.B.
    (i) ist es völlig egal, ob das Literaturverzeichnis im Antrag vollständig ist (Hauptsache, man berücksichtigt die dann relevante Literatur in der Arbeit, aber Vollständigkeit ist etwas, das unmöglich erreichbar ist: erstens kommt quasi täglich etwas neues dazu, zweitens sind die ca 2-3000 Jahre Forschungsgeschichte kaum in einem einzigen Paper/ Antrag zitierbar), sondern es ist wichtig, dass die Forschungsidee gut ist, die Frage konkret genug und doch unbeantwortet ist und dass die beantragende Person fachlich und menschlich in der Lage ist, die Aufgabe in endlicher Zeit zu bewältigen.
    (ii) Es gibt Antragsformate, die ein explizit stark risiko-behaftetes Projekt fördern sollen, d.h. eines, bei dem man noch nicht genau weiß, ob was rauskommt, weil es ja noch niemand so gemacht hat. Wenn mir dann ein Gutachter schreibt, dass das vorgeschlagene Projekt zu risikoreich sei, ist das einfach eine unzulässige Begründung, die zeigt, dass der Gutachter (mwd) die Richtlinien bzw Politik dahinter nicht verstanden hat: Was soll das?
    Wer die Gutachteritis hat, verliert offenbar mitunter den Überblick, wofür er/sie/es gerade gutachtet. 
    (iii) Nicht immer nur diejenigen mit Projektmitteln ausstatten, die seit Jahrzehnten stets den gleichen Stiefel fahren, sondern insbesondere die Innovativen unterstützen. Hanns Ruder sagte mir dereinst einmal, dass die DFG seinen Projekten zuerst sehr skeptisch gegenüber gewesen sei, aber irgendwann habe man sinngemäß gesagt “wir glauben zwar nicht dran, aber Sie machen es ja sowieso, also können wir es auch bezahlen”. Genau das ist der richtige Weg! Wenn so ein kreativer Wissenschaftler mit innovativen Ideen, der nachgewiesenerweise weiß, was er tut oder tun will – nur dies nicht jedem Gutachterhirn perfekt klar machen kann, dann könnte das Verständnisproblem einfach auf Seiten des Gutachters liegen, der so innovativ nicht denken kann (sonst hätte er die Idee vllt selbst gehabt). Das heißt aber, dass die Innovation gut ist und gemacht werden sollte; sie darf nicht durch das Unverständnis der Traditionalisten blockiert/ aufgehalten werden. 
  10. Regelmäßige Schulung und charakterliche Eignungstests 😉 für GutachterInnen in dem, was sie tun (sollen) und Änderung der Grundhaltung. Besonders Deutschland ist ja das Land der Meckerer, also der Schlecht-Ächter statt Gut-Achter (also weder finden sie es gut noch achten sie es): Wissenschaftliche Gutachter sollten den Fortschritt bejahend, positiv denkend und offen für neue Ideen sein (Design Thinking!). Etwas schaffen, z.B. Wissen in der Wissenschaf(f)t, kann man nämlich nur, indem man Methoden/ Wissen transportieren/ übertragen und transformieren sowie neue Ideen umsetzen darf. 
    Dass diese motivierende, positive Grundhaltung nicht alle “Leute auf der Straße” haben, ist schade, aber lässt sich so schnell vermutlich nicht ändern. Gutachtende in wissenschaftlichen Projektanträgen und Forschungsarbeiten auf allen Qualifikationsstufen, inklusive Peer-Reviewing, sollten dies aber zur Pflicht erheben: runterziehen und schlecht machen is nich! 

Der neue Humboldt – also die Reform 

  1. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.
    a) Alle Universitätsprofessoren bekommen das gleiche Grundgehalt. 
    b) Alle Mitarbeiter einer bestimmten Qualifikationsstufe bekommen das gleiche Grundgehalt und die gleichen Sozialabgaben und Rentenpunkte – auch als Stipendiaten. 
    c) Auszeichnungen sollten Prämien sein und nicht bloß schöne Worte. 
  2. Leistungsanreize schaffen, z.B.
     a) geldwerte Prämien für gute Lehre (Lehre ist ein unliebsames Geschäft, denn nur die Forschung bringt einen Wissenschaftler weiter/ höher auf der Karriereleiter und ein Uni-Mitarbeiter mit Lehrverpflichtung, der weniger Paper hat als ein MPI-Mitarbeiter ohne, haben logischerweise unterschiedlich viel Zeit zum Schreiben von Fachpublikationen, stehen dann aber vor der Berufungskommission “nebeneinander”),
     b) inner-universitäre Transparenz der Forschung (Studis wissen ja meist gar nicht, wo ihr jeweiliger Prof oder anderer Dozent fachlich steht; sie kommen direkt von der Schule und das ist für sie halt “auch nur ein Lehrer”) 
    [in der Wissenschaft selbst sind m.E. keine Leistungsanreize nötig, denn das macht man ja, weil man selbst etwas finden bzw der/die erste sein möchte – aber für alle Zusatzaufgaben in der akademischen Selbstverwaltung]
  3. Weiterbildungspflicht (Nachweispflicht) für fest Angestellte, auch akademische Räte und Professoren. 
  4. Drittmittel einwerben schon früher und gleichberechtigt ermöglichen. 
  5. inner-universitäre Ehrenämter wie Einheiten-Leitungen (eine Fakultät oder ein Institut verwalten, also Dekanat, Institutsleitung etc.) wird mit Entlastung – z.B. in Lehre oder sonstwo – ausgeglichen. 

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

11 Kommentare

  1. Knapp 50.000 Zeichen für die Wissenschaft. Respekt!

    Ich schreibe später nebenan bei MENSCHEN-BILDER einen angelehnten Artikel mit ein paar eigenen Gedanken (v.a. zur Abhängigkeit). Ein paar spezifische Gedanken zu deinen Ausführungen aber hier schon einmal:

    Bei dem Punkt mit den Renten musste ich schmunzeln. Wer glaubt denn heute noch, als junger Mensch in Deutschland, an das Rentensystem? Fakt ist, dass das System so kaputtreformiert wurde, dass immer weniger dabei herauskommt (anders als z.B. in Österreich). Die drei, vier Jahre während der Promotion sollten also kaum ins Gewicht fallen. (Ein etwas zynisches Argument, stimmt.) Meines Erachtens wird es darauf hinauslaufen, dass die Politik irgendwann einräumen muss, dass das öffentliche Rentensystem bankrott ist, und man es dann privatisieren wird (lang lebe die Allianz, Blackrock usw.).

    Wenn man, wie du korrekt zusammenfasst, Doktorandinnen und Doktoranden auf Stellen nach Tarifvertrag setzt, dann aber nur 50% oder bestenfalls 75% bezahlt, während man 150-200% Arbeit erwartet, ist das schlicht Ausbeutung. Und zwar Ausbeutung durch einen öffentlichen Arbeitgeber, also den Staat, was es noch schlimmer macht. (Denn wenn der Staat sich schon nicht an die Gesetze hält, wie kann er es dann vom Bürger erwarten?) Hier versagen in Deutschland auch die Gewerkschaften (Verdi?).

    Bei uns in den Niederlanden gibt es nur Vollzeitstellen für Doktorandinnen und Doktoranden, nach Tarifvertrag. Das sind 2.325, 2.709, 2.835 und 2.972 Euro (brutto; Stand 1. Februar 2019) im ersten bis vierten Jahr auf der Promotionsstelle, übrigens inkl. Sozialleistungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, also rund 30.000 bis 40.000 Euro brutto pro Jahr.

    (Allerdings wird dies in jüngeren Jahren von ein paar Unis durch die Vergabe von Promotionsstipendien unterlaufen; dagegen klagen Doktorandinnen und Doktoranden aber mit großem Eifer vor Gericht.)

    Der Gedanke hinter dem Hausberufungsverbot rührt natürlich daher, dass man der Vetternwirtschaft damit Grenzen setzen wollte. Es gibt übrigens Ausnahmen, wenn man z.B. einen Ruf an eine andere Uni hat. Insgesamt stimme ich dir aber zu und sollte man sich hier am angelsächsischen Tenure Track-Modell orientieren: Das heißt, vielversprechende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bekommen frühzeitig eine Stelle, die sie, wenn sie bestimmte Leistungskriterien erfüllen, letztlich zur festen Stelle führt.

    Bei meiner Beförderung zum Associate Professor mussten übrigens insgesamt 13(!) Professorinnen und Professoren ihr placet geben. Die Kriterien zur Berufung meiner neuen Chefin zur Universitätsprofessorin waren deutlich bescheidener als die meines Tenure Track-Vertrags. Es ist also darum noch lange kein Zuckerschlecken.

    Leider ist es so, dass auch immer mehr Universitätsprofessuren in Deutschland befristet werden. Bei meiner Professur an der LMU München war das natürlich von vorne herein klar. Damals sah ich aber, dass die LMU W2-Professuren prinzipiell befristete. Und ich kenne ein paar hart arbeitende Kollegen, die nach vielen erfolgreichen Jahren auch nur so eine befristete W2-Professur haben. Bis weit in die 40er kann so noch über einem das Damoklesschwert schweben. Das ist ein Skandal!

    Was man bei den Gehältern noch erwähnen sollte, sind die Zulagen. Beim Umstieg von den C- auf die W-Besoldungen wurde gewitzelt, das “W” stehe nicht für “Wissenschaft”, sondern für “weniger”. Tatsächlich kann man nach der entsprechenden Anzahl an Dienstjahren als Gymnasiallehrer mehr verdienen als ein Junior- oder W2-Professor. Gemäß der Marktlogik funktioniert das aber so, dass man der Masse im Mittel weniger bezahlt (W1/2/3), ein paar Stars aber über Zulagen ein viel höheres Gehalt bezahlen kann, als das mit C3/C4 möglich gewesen wäre.

  2. Wagen wir einen Blick ins Ausland. In vielen Mittelmeeranrainerländern gibt es promovierte Wissenschaftler, die aber keine Arbeit finden.
    Bei der Berufswahl muss man sich überlegen, finde ich anschließend eine Arbeit .
    Der Staat selbst sollte hier transparenter werden und zeigen, in welchen Berufen brauchen wir promovierte Fachleute. Das betrifft auch die Lehrer. In welchen Fächern brauchen wir Lehrer.
    Und die Studenten sollten sich an den Zukunftsaussichten orientieren.
    Also, was beklagen wir ?
    Dass Lehrer vor der Ferienzeit entlassen werden und nach der Ferienzeit wieder eingestellt werden.
    Befristete Arbeitsverträge, das ist nicht richtig, so kann man keine Familie gründen.
    Mehr Gleichheit ist gefordert und mehr langer Atem bei der Bildungspolitik. Es geht nicht, dass ein Kultusminister /ministerin nur rudimentäre Erfahrung in Bildung gemacht hat. Das scheint mir ein Hauptproblem zu sein.
    Die Politik spricht und entscheidet über Dinge, die sie nicht versteht.
    Also, mehr Autonomie, auch finanziell für den Bildungsbereich.

  3. Danke Stephan für den schnellen Kommentar! Die Gewerkschaft für Wissenschaft in .de ist nicht so sehr ver.di, sondern eher GEW (oben nachgetragen). ver.di auch, d.h die haben diese Sparte, aber die sind nicht für Wissenschaft spezialisiert, sondern da sind wir nur eine Branche unter vielen.

    Ja, den Grund fürs Hausberufungsverbot habe ich zu nennen vergessen; nachgetragen.

  4. Mein Kommentar war mehr als Ergänzung gemeint denn als Kritik…

    …aber mal auf den Punkt gebracht: Würdest du jungen Leuten empfehlen, in die Wissenschaft zu gehen, Susanne, oder nicht?

    • Würde ich jungen Leuten empfehlen, Wissenschaft als Beruf zu wählen: … hm, das kann man so nicht sagen; ich finde, das sollte wohl überlegt sein. Ich würde es wirklich nicht jedem/r empfehlen.
      Persönlich habe ich die Entscheidung getroffen, wollte es unbedingt und möchte es noch, weil man ein extrem hohes Maß an Eigenverantwortung, Kreativität (ohne Anarchie), logischem Denken zum Erkenntniszweck sowie Entwicklungsfähigkeit … in den Dienst der Gesellschaft-als-Ganzes stellt.

      Ich erkundigte mich (schon vorm Studium) und erfuhr recht bald, dass die Berufs-Chancen in der Wissenschaft nicht besonders rosig sind – aber für mich wegen meines Charakters und der Verteilung meiner Fähigkeiten und Mankos ist es der perfekte Beruf und könnte ich meinem jüngeren Ich einen Rat geben, würde ich raten genau das und nichts anderes anzustreben (weil damit dem Individuum und der Gesellschaft am besten geholfen ist).
      Was ich kritisiere ist aber, dass ich meinem jüngeren Ich nicht sagen kann “lern das, dann hast du einen Beruf”, denn egal, wie gut und fleißig man ist, gibt es eben keine Möglichkeit zu kalkulieren oder gar zu steuern, ob man in der Wissenschaft wirklich einen Job kriegt: und dabei meine ich wirklich irgendeinen Job in Forschung (oder/und Lehre), irgendwo auf der Welt. Es wäre ja auch schon geholfen, wenn man sagen könnte: naja, vllt musst dein Land verlassen, weil gerade auf Hawaii eine Stelle für dich als Astronom frei ist oder du eine Professur in Boston bekommst statt in Berlin. Aber nicht einmal das ist garantiert: Man studiert, studiert nochmal, promoviert, promoviert nochmal, aber es ist nicht sicher, dass man mit Mitte 30 seinen Beruf ausüben kann. Wenn du, jüngeres Ich, das akzeptierst, dann ja, nutze deine Talente optimal und versuch’s. Aber zwischen Schulabschluss mit Abi und dem doppelten Alter (in welchem man VIELLEICHT eine Professur haben könnte) könnte ja irgendwann mal die Puste ausgehen: dann bitte nicht verzagen, es ist keine Schwäche, wenn man seine Ziele im Lauf des Lebens ändert. Im Augenblick würde ich sagen: Wenn du nicht ein Vermittlungstalent (für Lehre) mitbringst, lass es, denn mit hoher W’keit kriegst du, wenn überhaupt einen Job, dann als Prof und da muss man lehren können.

      Außerdem: Um eigenverantwortlich kreativ arbeiten zu können, muss man allerdings ein paar Talente mitbringen und trainieren, z.B. Selbstdisziplin: Nach meiner Erfahrung wollen das viele Menschen gar nicht, sie wollen geführt werden, d.h. im Job das Arbeitspaket vorgegeben bekommen. Das ist ja auch ok und gut so!
      Dann gibt es andererseits gute Lehrkräfte: ich hatte einen ganz fantastischen Lehrer in der Schule, an dem mich vor allem faszinierte, dass alle Schüler (egal, wie sehr sie sein Fach, Physik, thematisch hassten) begeistert waren. Er kannte sein Fach und konnte es gut vermitteln – aber auf die Frage, warum er nicht in die Wissenschaft gegangen war, antwortete er, ihm fehle die Kreativität.

      Das ist auch gut: Dann hat die Welt einen großartigen Lehrer mehr!

      Ich kenne auch mehrere Lehrer, die es geschafft haben, neben der Schule noch eine Doktorarbeit zu machen oder großartige (JugendForscht o.ä.) Forschungsprojektchen mit ihren Schülern (oder ohne). Wenn man das möchte, auch gut. Der Möglichkeiten gibt es viele.

  5. Vielen Dank für diese Denkschrift! Ich kann der Lage-Beschreibung von Frau Hoffmann nur zustimmen. Manche Kritikpunkte erscheinen mir etwas überzogen, an vielen anderes Stellen sehe ich die Situation als noch viel schlimmer an. In 72 Lebens- und fast 50 Forscherjahren habe ich verschiedene Wissenschaftsbereiche kennengelernt, von der DDR-Akademieforschung über die Fraunhofergesellschaft bis zuletzt 15 Jahre als Selbständiger. Ich habe den Übergang von der sparsam finanzierten und stark regulierten DDR-Forschung in das bundesrepublikanische Wissenschaftssystem als echte Befreiung erlebt, musste dann aber beobachten, wie die Freiheiten und Möglichkeiten immer weiter eingeschränkt wurden. Mittlerweile beobachte ich, wie bei meinen früheren Kollegen und Freunden es zur Haupttätigkeit geworden ist, Anträge zu schreiben, die nur noch dann überhaupt eine kleine Chance auf Erteilung haben, wenn sie ausreichend mit den jeweils aktuellen Schlagworten gespickt sind. Freiheit der Wissenschaft ist das nicht mehr. Der Analyse von Frau Hoffmann kann ich nur zustimmen – mit den Vorschlägen zur Verbesserung tue ich mich etwas schwer. Ich habe doch selbst beobachtet, das die offensichtlich Abwärtsbewegung nicht aus Bosheit oder reiner Wissenschaftsfeindlichkeit entstanden ist, sondern dass die einzelnen Prozesse meist aus gut nachvollziehbaren Gründen ausgelöst wurden.

    “Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.”

    Ein paar Beispiele:
    Gute Forschung ist sehr teuer, die Mittel sind begrenzt, also kann man von jedem Forscher verlangen, dass er seine Forschungsziele und den Finanzbedarf gut und strukturiert begründet und dass auch jemand darauf achtet, dass die Mittel möglichst effektiv und sparsam eingesetzt werden. Was man jetzt hat ist aber ein kleinteiliges und kleingeistiges Antragssystem, dass kaum noch Zeit für Forschung lässt, aber vor allem bedingungslosen Konformismus fördert.

    Internationale Kooperation ist Grundvoraussetzung für qualitativ hochwertige Forschung, das hat auch der Vergleich mit dem DDR-System gezeigt. Die Einführung international vergleichbarer Abschlüsse war eigentlich gut gemeint – was dabei raus gekommen ist kennen wir.

    Beweglichkeit der Forscher ist wichtig – geistig und räumlich. Historische Vergleiche zeigen, dass manch einer durch prekäre Lebensumstände zu Höchstleistungen stimuliert wurde – aber das funktioniert nur dann, wenn durch hohe Leistungen Aussicht auf Besserung besteht. Ansonsten erzeugen sie nur Apathie. Aber in einem weitgehend bürokratischen System kann man mit Apathie ein ganzes Leben aussitzen.

    Nützlichkeit der Forschung ist sehr wichtig. Unser ganzes technisches und geistiges Umfeld ist ein Ergebnis der Forschung früherer Generationen. Jedes kleine Teilprojekt auf seine Nützlichkeit zu prüfen ist sinnlos und totale Mittelverschwendung. Die Antragsteller lernen aber schnell, dass es hilfreich ist, sein Bekenntnis z. B. zur Energiewende möglichst oft und laut zu wiederholen (so wie es in der DDR nützlich war, sein Bekenntnis zur Partei- und Staatsführung immer wieder zu erneuern).

    Es ist Irrsinn, dass es für unqualifizierte und oft auch wenig motivierte Mitarbeiter einen Mindestlohn gibt, für hochmotivierte Studenten aber gar nichts bzw. für (Jung-)Wissenschaftler kaum mehr als diesen unter prekären Bedingungen und endlos fortgesetzten Teilzeitverträgen. Man kann sich nicht beliebig darauf verlassen, durch Nutzung der Motivation Geld zu sparen.

    Korruptionsverhinderung ist für eine gute Verwaltung wichtig. Dass die selben Maßnahmen die Forschung extrem behindern zeigen z. B. das Verbot von Hausberufungen und das immer komplexer werdende Bestellverfahren im öffentlichen Dienst (3 Angebote, Nebenbedingungen an Lieferanten, …).

    Unser Wissenschaftssystem ist auf dem Weg zur Hölle, aber wie kommen wir aus diesem System von guten Vorsätzen wieder heraus? Wir brauchten wohl ein Genie wie Humboldt mit mindestens den gleichen Befugnissen um wieder zu einem effektiv funktionierenden Wissenschaftsstandort zu werden.

    Als Mindestforderungen sehe ich einen drastischen Rückbau der Bürokratie und viel mehr (finanzielle, aber auch inhaltliche) Eigenverantwortung der Wissenschaftler, angemessene soziale Bedingungen an Universitäten und Forschungseinrichtungen und natürlich die vielbeschworene Freiheit der Forschung praktikabel zu machen.

  6. Ja, Stephan Schleim und Peter Siemroth, ich bin auch der Meinung, dass meistens gute Gründe vorlagen, dass irgendeine Regel / ein Gesetz geschaffen wurde/ wird … typischerweise macht man Gesetze zum Schutz von irgendwem oder etwas. Erst in der Praxis bzw nach einer Weile merkt man dann, wo es hakt – dann macht man ein nächstes Gesetz und so geht es weiter bis man einen überbordenden Apparat hat, der sich selbst blockiert.

    Man kann Menschen am besten mit dem Vorwand ihres Schutzes behindern: Freiheiten setzen aber ein gewaltiges Verantwortungsbewusstsein voraus.

    Idealistisch gesprochen: Wären alle Menschen “edel, hülfreich und gut” und übernähmen Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen, könnten wir unglaublich viele Freiheiten für alle einräumen. Je mehr Ichlinge und Bösewichte es gibt, desto weniger davon – und desto mehr leiden die Vernünftigen. Darum wäre eine flächendeckende Schulung in Vernunft, Umsicht/ Rücksicht und Verantwortung das beste … aber da sind wir bei Charaktereigenschaften, die man nicht wirklich ändern kann, zumindest nicht bei anderen, sondern nur bei sich selbst. d.h dafür gibt es keine Pädagogik. …

    Der Ausweg müsste also sein: Mehr Freiheit mit Schulung (Bewusstsein) für die damit einhergehende Verantwortung und harte Strafen für Verstöße gegen das Gemeinwohl. – So weit, so idealistisch: Ich habe keine Ahnung, wie das in praxi umsetzbar wäre. Falls gute Psychologen und Juristen dafür Ideen haben: bitte, lassen Sie’s uns probieren.

  7. Susanne M. Hoffmann schrieb (22. Aug 2020):
    > […] Zitat von Dieter Nuhr

    “Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100% sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, DASS sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft “Folgt der Wissenschaft!“ hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

    Nein, nein! (Und danke für diese Gelegenheit, Dieter Nuhr Barriere-frei widersprechen zu können) —

    Wissen bedeutet, dass man sich zu 100 % sicher ist. Jeder Fakt ist ein Stück Wissen; und Wissenschaft ist die Lehre, wie Fakten einvernehmlich zu gewinnen und von bloßen Meinungen, Vermutungen oder Erwartungen zu unterscheiden sind. Deshalb ist sie so wichtig. Wer bloß ruft: “Orientiert Euch an den Fakten!” ohne begriffen zu haben, auf welcher Grundlage solche gewonnen und behalten werden könnten, beleidigt die Wissenschaft und diejenigen, die sie vertreten.

    • Das sehe ich anders, aber hier geht es nur um Vokabeln: Schule vermittelt Wissen. Beim Wissen gibt es das “knowing how” und das “knowing that”. KnowingHow ist ein Handwerk, das man gezeigt bekommt und trainieren muss: Schnürsenkel binden z.B. oder Schreiben mit dem zeitgenössischen Werkzeug und Verfahren. KnowingHow mit Worten (quasi am Telefon oder im Buch) zu erklären wird kompliziert. Das KnowingThat kann man in Bücher schreiben und da steht dann sowas wie “1 ist eine Zahl”, aber auch sowas wie “Hipparch hat die Präzession entdeckt”. Die erste Aussagen ist sicher wahr (gesichertes Wissen), aber niemand weiß, ob Hipparch der erste war, der die Präzession entdeckt hat (d.i. eine LehrMEINUNG): Es braucht bloß eine Tontafel oder ein Papyrus gefunden zu werden, die belegt, dass Hipparch dieses Wissen von den Babylonien kopiert hat (Kidinnu hatte diese Präzession auch entdeckt und zwar ca 100 Jahre früher, keine Ahnung, ob Hipparch das wusste). Wir wissen (in Ihrem Sinn des Wortes Hr Wappler) also nur, dass die Präzession entdeckt wurde und zwar sicher vor der Niederschrift des Almagest (+2.Jh) und Hipparch, dessen Sterbedatum wir nicht kennen, wäre ein terminus ante quem. Trotzdem wird im Unterricht das Wissen abgeprüft “wann wurde die Präzession entdeckt? – 2.Jh. BCE”. So ähnlich geht’s mit vielen Beispielen: Im ganzen 19. Jh. war Schulwissen relativitätslos, bis heute ist es relativitätsarm, also ein unvollständiges Wissen.

      Der langen Rede kurzer Sinn: 100% sicher geht bei Wissen fast nicht. Es gibt Sorten von Wissen, für die das geht (bis man die Definition ändert), aber es gibt sehr viele weitere Sorten von Wissen, für die das nicht geht.

      • Susanne M. Hoffmann schrieb (25.08.2020, 17:10 Uhr):
        > […] hier geht es nur um Vokabeln

        … und dass anstatt der Phrase “ich weiß” (bzw. “ich hab schon mal”) ggf. auch Formulierungen wie “ich vermute”, “ich erwarte”, “ich plappere nach, was mir der Lehrer eingebimmst hat” (bzw. “ich würde gern mal”) usw. usf. zu gebrauchen sind. Also lassen wir doch denjenigen ihren Spaß, die (im Bewusstsein dieser Vielfalt von Möglichkeiten) sich beharrlich für

        Wir müssen wissen! Wir werden wissen!

        entscheiden.

        p.s.
        > “Hipparch hat die Präzession entdeckt”.

        “Euler hat die Präzession entdeckt”. …

  8. @Betriebsblindheit

    Das hier beschriebene Finanzierungssystem reduziert die Freiheit der Forschung und fördert die ohnehin auch in der Wissenschaft vorhandene Betriebsblindheit, wie mir scheint. Das Ergebnis ist dann Forschung in einseitige Richtungen.

    Was die prekäre Lage von jungen Wissenschaftlern betrifft, so ist es auch in der übrigen Gesellschaft seit Harz4 immer schwieriger geworden, eine feste Stelle zu bekommen.

    Ein Bedingungsloses Grundeinkommen und viel Geld für Kinder generell und speziell für Wissenschaftler könnten beide Probleme entschärfen: Mit dem Geld kommt man eher hin, wenn man nur einen Zuverdienst braucht, und man kann auch schon mal mit der Familiengründung anfangen, wenn man noch nicht Professor geworden ist. Und man kann auch eher in die Richtung forschen, die einen wirklich interessiert, was einem als wirklich brennende Frage erscheint. Und muss weniger Zeit mit Anträge Schreiben verschwenden.

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