Licht und Schatten (Von Titulaturen, Teil IV)

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Vorweg ein Gedicht:

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern

Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,

Leichten Hauptes und leichter Hände.


Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden.

[geht noch weiter] (1)

Ach ja, Herr von Hoffmannsthal. Wie recht Sie haben.

Da sitzen sie also, die Damen und Herren ordentliche und außerordentliche Professoren, zu Tisch, auf Lehrstühlen, im Licht und werfen lange Schatten hinab auf ein trübes Zwischenreich der Erdenschwere, in dem sich allerdings auch einiges tummelt, was sich “Professor” nennt, der höheren Weihen des Berufenseins aber nicht teilhaftig geworden ist.

Die “apl”-Professoren zum Beispiel. Das “apl” steht für “außerplanmässig”, und jetzt ist wirklich der Stellenplan der Universität gemeint, die bezahlte, verbeamtete Professorenstelle.  Sie haben nämlich keine. Der “apl” ist keine Amtsbezeichnung, es ist ein nackter Titel. “Titularprofessor” kann man auch dazu sagen. Unter Umständen sitzt so ein “apl” auf einer befristeten Angestelltenstelle, also mitten im akademischen Prekariat, und kann sich demnächst “Prof. H.q.” (Professor Hartz quattuor) schreiben.

Der “apl” ist eine Art von titularischem Gnadenakt, ein Ritterschlag, ohne dass aber dem Ritter Rechte und ein Lehen verliehen würden, oh nein: er hat nur Pflichten. Soundsoviele Stunden zu lehren, zum Beispiel. Kriegen tut man den “apl”, wenn man (nach der Promotion oder Habilitation, s.u.) nur lange genug geforscht, gelehrt und Doktoranden betreut hat, die Kriterien en detail, die es da zu erfüllen gilt, sind von Fakultät zu Fakultät sehr verschieden. Fürsten ohne Land, ohne Hausmacht, über denen dennoch die titularische Sonne der Professur scheint. Eine fahle, eine strahlende Sonne, je nach der Perspektive: Den frisch an die Alma mater geratenen Studiosae und Studiosi strahlt der Titularprofessor in nämlichen Glanz wie die ordinierten Professoren, jene aber sehen natürlich das fahle Licht, in dem ihre Titularkollegen stehen und wissen um den Unterschied von Rang und Macht.

Es gibt auch noch “Honorarprofessoren” (die haben gar keine Stelle an der Uni, das sind externe, die für’s Lehren bezahlt werden), “Juniorprofessoren”, “Seniorprofessoren”, “Gastprofessoren” und “Ehrenprofessoren” und Gottweisswas noch … der Professorenzoo ist noch unübersichtlicher als der der Doktoren, noch dazu – wie die Schweizer sagen würden – sind die Regeln “von Kanton zu Kanton verschieden”. Halten wir (im Sinne der Rang- und Hackordnung) fest:

α – berufen, verbeamtet auf Lebenszeit

β – alle anderen

In nochmals schattigeren Zonen des akademischen Biotops treibt sich eine Spezies herum, die in zwei Rassen daherkommt: “Dr. habil.” und “PD Dr.”.  Zu letzterer gehöre ich selbst. Das sind altgediente Doktoren, die nach der Promotion an der Uni geblieben sind,  geforscht und publiziert haben, ihre ersten Sporen in der Lehre verdient haben, und die man für professurabel hält, ohne dass sie es aber schon Professoren sind. Das “habil.” kommt von habilitas, das heißt “Fähigkeit” (indem man seine Fähigkeit zur Forschung und Lehre – zunächst mal unter Supervision eines Professors – bewiesen hat). Die habilitas besagt nun, dass man’s auch alleine kann.

Das Habilitationsverfahren (das es, ebenso wie den Titel, nur im deutschsprachigen Raum gibt) ist erneut von Kanton zu Kanton, von Land zu Land verschieden. Hat man es hinter sich, kann man die venia legendi an der Universität beantragen – das ist die “Erlaubnis des Lehrens”. De facto muss man freilich heutzutage lehren, sofern man eine (Landes-)stelle an der Uni hat, in den alten Tagen (als es noch Hörergelder gab), war diese venia legendi eine (erbärmliche) Einkommensquelle für Akademiker, die keine Anstellung an der Uni hatten, dort aber Vorlesungen anbieten durften. Venia legendi heisst also: man wird in der Lehre von der Leine gelassen. Hat man sie, nennt man sich “Privatdozent” (PD), den schraubt man sich vor seinen “Dr.” und lässt dafür das “habil.” weg, denn beides wäre ja quasi doppeltgemoppelt. Erneut – ob einer in einem befristeten, prekären Anstellungsverhältnis an der Uni ist, oder ob er oder sie sich auf eine dauerhafte Stelle retten konnte (denn auch die gibt es im “Mittelbau”), ist der Titulatur nicht anzusehen.

Im Schatten. Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen. Andre wohnen bei dem Steuer droben, kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Denn auch über denen, die droben, bei den Sibyllen, mit ihren ordentlichen Professorenkollegen zusammen auf den Lehrstühlen sitzen, glitzern noch ein paar titularische Sterne und fliegen noch einige protokollarische Vögel. Aufwärts geht jetzt also unser Blick. In’s Präsidium.

Der Chef oder die Chefin des ganzen Ladens (also Rektor oder Präsident) werden, wenn man formal sein will, mit “Magnifizenz” angeredet. Mit “Euer Magnifizenz”. Und wenn man höchstformal sein will, dann schreibt man in der Anrede des Briefes, den man an sie richtet “Ew. Magnifizenz!”. Wie einst im Barock. Vizepräsidenten sind “Honorabiles”. Auch nicht schlecht.

Der Chef einer Fakultät nennt sich “Dekan”. Das kommt aus der römischen Arme, der decanus war der Chef von 10 Mann. Heutzutag’ ist so eine Fakultät meist deutlich grösser. Der Dekan wird als “Spektabilität” angeredet. Oder als “Spectabilis”.

Und mit dem Verweis auf den subtilen Unterschied zwischen den Affixen “-tät” und “-s” am “Spek(c)tabili-” endet dieser Teil der Titulaturserie, in dem es, zusammen mit den vorangehenden Teilen, eigentlich nur um eine Bestandsaufnahme der akademischen Titel ging. Im folgenden, letzten Teil, soll es um den Umgang mit den Titeln, Amtsbezeichnungen und Anreden gehen, und da werden diese Affixe eine Rolle spielen.

(1) Hugo von Hoffmannsthal: “Manche freilich” (1896)

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

5 Kommentare

  1. Warum bist du eigentlich nicht außerplanmäßig tituliert, lieber Helmut?

    Ich hörte übrigens, dass sich so ein apl.-Prof. für Mediziner in der Praxis, die etwa als Chefarzt auftreten oder eine Klinik leiten, durchaus in barer Münze auszahlt. Ähnliches kann ich mir bei Juristen in den großen Kanzleien etc. vorstellen.

  2. @ Schleim

    Es täte für den “apl” (was die Kriterien unserer Fakultät angeht) bei mir schon lange langen.
    Allein: ich bin sehr eitel.
    Um mit Gaius Julius Caesar zu sprechen:
    “Lieber bin ich Privatdozent erster Klasse, als Professor zweiter.”

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