The Man from Earth – Science-Fiction & Religion

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Es gibt immer noch Leute, die behaupten, dass das Wesen von Science-Fiction in der Schilderung von fantastischen Technologien bestünde. Eine andere Lesart, der ich zuneige, sieht es jedoch genau andersherum: Mittels Science-Fiction erzählen wir („modernen“) Menschen religiöse, spirituelle und magische Mythen, deren übernatürliche Elemente wir als Technologien sowie bewusst eingestandene Spekulationen verstecken. So können wir uns „gefahrlos“ in mythischen Welten bewegen, ohne unseren Anspruch auf ein „modernes“ Weltbild aufzugeben.

The_Man_from_Earth_PlakatFilmplakat von Anchor Bay Entertainment

Ein außerordentliches Paradebeispiel für dieses mythologische Wesen der Science-Fiction bildet der Film „The Man from Earth“.

Durch den Einsatz nur eines nicht näher erklärten, „biotechnologischen Wunders“ (der Nicht-Alterung eines Mannes) wird hierbei im Dialog mit wissenschaftlich aktiven Menschen eine fantastische SF-Geschichte erzählt – und zwar beschränkt auf eine Blockhütte in den USA. Die 2007 erstmals ausgestrahlte Low-Budget-Produktion kostete nur rund 200.000 USD und erreichte vor allem über das junge Medium des Internets dennoch eine bis heute aktive Fangemeinde (!).

Die Grundidee zum „Man from Earth“ erschuf der SF-Autor Drexel Jerome Lewis Bixby (1923 – 1998), der unter zahlreichen Namen Pulp-Stories (schnelle, meist wenig komplexe Kurzgeschichten für günstige Pulp-„Groschen“-Magazine) verfasste. Er schrieb später auch Drehbücher für vier Star-Trek-Folgen, darunter für „Requiem for Methuselah“ (1969), in dem die Besatzung der Enterprise auf einem entfernten Planeten einem Menschen begegnet, der seit Jahrtausenden nicht sterben kann und unter anderem als Methusalem, Salomon und Lazarus aus der Bibel, als Merlin, Leonardo da Vinci usw. in der menschlichen Geschichte auftrat.

Parallel zu dieser Geschichte entstanden auch die ersten Entwürfe zu „Man from Earth“, an denen Jerome Bixby drei Jahrzehnte bis zu seinem Tod arbeitete. Sein Sohn Emerson Bixby zählte zu den Produzenten.

Ohne die Geschichte nun völlig zu spoilern, sei doch verraten, dass Bixby hier eine „alternative Geschichte“ im Stile der 60er bis 80er Jahre entwickelt; das Christentum wird dem Buddhismus ein- und untergeordnet, „die Kirche“ erscheint als Unfall der Geschichte  (die Kunsthistorikerin & gläubige Christin Edith kommt entsprechend schlecht weg), die steinzeitliche Sozialordnung der Menschheit wird noch als „patriarchal“ vorgestellt und es wird – aus heutiger Sicht ebenfalls historisch falsch – geglaubt, die Zeitgenossen des Christoph Columbus hätten die Erde für flach gehalten. Während jedoch im „Methuselah“ die Liebesgeschichte tragisch endet, eröffnet sie im „Man“ doch immerhin einen immerhin zeitlichen Schimmer der Hoffnung.

Wenn Sie Interesse und Freude an einem zugleich minimalistischen und mythologischen Science-Fiction-„Kult“(!)film sowie einem frühen Beispiel der Faszination „alternativer Geschichtsdeutungen“ haben, dann ist „The Man from Earth“ für Sie. Viel Freude!

Zur Faszination des Weltraums und der Frage, ob „wir alleine“ sind und wie sich UFO-Religionen (mit Außerirdischen als Engeln bzw. Dämonen in Raumanzügen) gebildet haben, ist auch ein sciebook (nur als eBook) erschienen:

„Sind wir allein im All? Das sciebook zu UFOs, Aliens & SETI”

SindwirAlleinimAllsciebook

 

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. “So können wir uns „gefahrlos“ in mythischen Welten bewegen, ohne unseren Anspruch auf ein „modernes“ Weltbild aufzugeben.”

    Ach, deshalb diese UNWAHRHEITLICHEN und immer vieldeutigen Interpretationen der “religiösen” Bibeltexte – und seit wann ist die daraus resultierende Glaubens- und Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und “Individualbewußtsein” ein “”modernes”” Weltbild???

    Auch wenn ich keine Angst kenne die Mythologien durchaus ernst zu nehmen, lese ich lieber SF die sich mit psychologischen, soziologischen / gesellschaftskritischen Fragen auseinandersetzt – “Mythologie” Geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein! 😉

    • @Horst

      Genau weil Interpretationen und Deutungen stets zeitgebunden sind, setzte ich ja “modern” in Gänsefüßchen. Wenn es die Menscheit in vierhundert Jahren noch geben sollte, wird sie das 20./21. Jahrhundert wohl eher nicht als “die Moderne” auffassen. Ob sie aber mit kaum verständlichen Satzbausteinen aus “Individualbewusstsein” & Co. hantieren wird? 😉

      • “Ob sie aber mit kaum verständlichen Satzbausteinen aus “Individualbewusstsein” & Co. hantieren wird?”

        Wenn Mensch den Kreislauf des geistigen Stillstandes überwindet und …, dann wird es wohl die Kraft des Geistes der “Gott” ist sein, die Kommunikation in Form von Telepathie absolut verständlich, unverfälschbar und unkorrumpierbar macht 😉

  2. Da tust du den alten und neuen Granden der SciFi-Welt unrecht. Es gibt ja nicht ohne Grund die Sparte mit hard science, die sehr wohl versuchen ohne Glauben und Mythos auszukommen und fortgeschrittene Technologie nicht einfach nur der Ersatz für Magie im Fantasy-Pendant ist.

    Puncto mythische Geschichten bin ich eher bei Space-Horror. Eine der größten Überraschungen für mich war da die abgedrehte Serie “Rick and Morty”.

    Wie man es schafft in 20min-Folgen so viel Nihilismus, philosophische Grundfragen und menschliche Abgründe reinzubringen ohne dass es geschwollen wirkt, haut mich noch immer um. Aber Achtung, auf den ersten Blick wirkt das ganze abstoßend.

    • Lieben Dank, @Martin! Tatsächlich war doch auch schon Star Trek ausdrücklich als humanistisch-säkulare Vision angelegt, die von den gewachsenen Religionen der Erde wegführen sollte – und dann doch, mit dem Fortschreiten der Serie, die mythologischen Wurzeln der Science-Fiction immer schlechter verleugnen konnte. Es gibt sogar längst Fachliteratur dazu (“The Religions of Star Trek”, 2003, hat mich besonders geprägt) und mein Lieblingsbeispiel dazu ist der Vulkanier-Gruß von Mr. Spock, der direkt einem jüdischen Segen entspricht:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/spocks-vermaechtnis-warum-vulkanier-auch-juedisch-gruessen/

      Ja, viele Science-Fiction-Autoren (und seltener Autorinnen) wandten sich direkt gegen die bestehenden Religionen – auch MfE tut dies ja ausdrücklich, entwirft eine alternative Geschichte, in der Christus “technologisch säkularisiert” werden soll. Doch genau diese unaufgebbare Verflochtenheit unterstreicht eben, dass sich Science-Fiction in der gleichen – mythologischen – Erzähl- und Gefühlswelt wie die alten und lebendigen Religionen bewegt. Ich wüsste tatsächlich kein einziges SF-Werk, das über mehrere Teile hinweg ohne klar erkennbare, mythische Wurzeln ausgekommen wäre. Normalerweise entwickeln sich SF-Genres sogar – wie das erähnte Star Trek – mit zunehmender “Reifung” zum religiös-mythologischen hin.

  3. Erlauben Sie mir nur zwei Fragen:
    1.) Was halten Sie von Babylon 5, das neben Hardscifi-Elementen wie die Erzeugung künstler Schwerkraft druch Fliegkraft und einer vergleichsweise “realistischen” Darstellung von gesellschaftlichen Zusammenhängen, auch viele mythologische Elemente aus mittelalterlichen Erzählungen aufgreifen soll.
    Bwt, eine der Grundideen der ersten Staffeln von Babylon 5, die “Allerersten”, halte ich für eine kosmologisch interessante Spekulation.
    2.) Was halten Sie von “Men in Black”?

    • Vielen Dank für Ihre konstruktiven Fragen, @DesWahnsinns.

      1.) Ja, Babylon 5 ist m.E. ein sehr gutes Beispiel für die vielseitige Anwendbarkeit von (religiösen) Mythen in der Science-Fiction, bis hin zum Beispiel zur Suche nach dem Heiligen Gral. Auch der Schöpfer der Serie, “JMS”, hat ja verschiedentlich auf die Bedeutung der Mythologien verwiesen und eher bemängelt, dass Kritiker und auch Fans gar nicht in die eigentlichen Tiefen der Mythen einsteigen wollten (“Sie sehen nur Gandalf und wissen nichts von Orpheus.” u.ä.). Es ist also tatsächlich ein sehr gutes Beispiel!
      2.) Über die “Men in Black” habe ich in obigem sciebook ein ganzes Kapitel verfasst, den sie haben eine außerordentlich spannende, mythologische Karriere hinter sich. Über teuflisch-dämonische Gruselgestalten des Mittelalters (“der schwarze Mann”) kommt es mit der Entstehung der UFO-Religionen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Verschmelzung mit geheimnisvoll-bedrohlichen Spezialagenten. In einigen Fällen (wie z.B. “Matrix”) bleiben sie dabei nicht- und übermenschliche Gegner der Menschheit. In den MiB-Filmen werden die finsteren Verschwörungsmythen dagegen humorvoll auf die Hörner genommen, was m.E. viel öfter geschehen sollte. Denn der Anteil der Menschen, die sich in angstbesetzte Verschwörungsmythologien einspinnen, wächst ja leider gerade auch aufgrund der neuen Medien enorm:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungstheorien-verschwoerungsglauben-als-religioese-herausforderung/

      • 1.)
        ACHTUNG, alles ab hier Spoiler, erst unter (2) geht es normal weiter

        Ja, Babylon 5 ist m.E. ein sehr gutes Beispiel für die vielseitige Anwendbarkeit von (religiösen) Mythen in der Science-Fiction, bis hin zum Beispiel zur Suche nach dem Heiligen Gral.

        Das scheint mir nur der offensichtlichste Aspekt zu sein.
        Was ist z. B. die Sinclair, der in der Inkarnation als Valan in den Lurkas Guide ausdrücklich als eine Art Messias-Figur bezeichnet wird und der den alleinigen Anlass dafür bietet, dass die Minbari (Aliens) die Menschheit verschonen? Das mit der Zeitreise als Schicksal ist allerdings sehr orginell.

        Oder Sharidian, der auf Zhadom stirbt und in der Schwebe zwischen Leben und Tod etwas nenne soll, wofür er weiterleben will.
        Er gefährdet dann sein Leben und wählt “Delann”, wofür er dann von dem “Allerersten” gerettet wird. AB diesen Moment hat er sehr große Selbstsicherheit und scheint auch über gewissen (begrenzte) Einsicht in übermenschliche Belange zu haben. Er kann die Allerersten stellen.

        Auch sonst ist die Serie voller mythologischen Stoff.

        Auch der Schöpfer der Serie, “JMS”, hat ja verschiedentlich auf die Bedeutung der Mythologien verwiesen und eher bemängelt, dass Kritiker und auch Fans gar nicht in die eigentlichen Tiefen der Mythen einsteigen wollten (“Sie sehen nur Gandalf und wissen nichts von Orpheus.” u.ä.). Es ist also tatsächlich ein sehr gutes Beispiel!

        Das habe ich anders verstanden. Er schrieb einerseits, er verstehe, dass jeder Zuschauer sich der Serie von seinem Hintergrund her nähern müsste; andererseits bedauerte er, dass dieser Hintergrund bei den meisten Fans vor allen Dingen aus (bekannterer) Fantasy und Scifi zu bestehen schien, während er darauf verwies, er habe sich in der Vergangenheit mit “Mythologie. Existentialismus. Zen. Literatur des 18. Jahrhunderts” (Lurkers Guide), sowie den “großen Klassikern” (Faust usw.) befasst.
        Ich glaube, das ist mit ein US-Problem, viele Fans kannten eben vor allen Scifi. Selbst beim Namen Agamemnon wurde wohl zuerst eine Bedeutung über den Namen auf tolkiens elbisch abgeleitet…

        In Deutschland würden wahrscheinlich ganz andere Probleme vorliegen. Viele Anspielungen auf die US-Popkultur werden nicht verstanden, ebenso weniger bekannte Scifi-Filme oder gar -Bücher. Da gibt es dann spezielle “Gemeinden”, die aber weitgehend unter sich bleiben. Ich nehme mich da explizit nicht aus, bei “die Simpsons” verstehe ich wahrscheinlich die meisten Gags nicht und bei Futurama kann ich der Handlung wahrscheinlich nur oberflächlich folgen.
        2)
        Ich persönlich fand den Orginal-Mythos auch sehr spannend. Die künstlerische Bearbeitung ist allerdings auch sehr interessant.
        Vor allen Dingen was die Sache mit der Angst vor fremden Einflüssen angeht… Das wird ja komplett umgedreht.

  4. Ein weiteres Bespiel wäre die immer noch laufende Perry Rhodan Serie – die ist auch Randvoll mit neu verpackten religiösen Mythen, von Anfang an. Ob immer das von Autorenseite bewusst oder so beabsichtigt war, weiss ich allerdings nicht.

  5. Ich bin sicherlich einer der mythischen Sorte denn ich liebe Star Wars und kann mit Star Trek garnichts anfangen.

  6. Ich persönlich habe den Film “The Man From Earth” sehr gemocht, zumal es tatsächlich Theorien gibt, dass Jesus tatsächlich in seinen jungen Jahren “unterwegs war” und mit den “indischen Lehren” in Berührung kam. Wenn man nicht nur die total zusammengeschnittene Bibel sondern auch einige Apokryphen und die Lehren von Jesus´ Zeitgenossen wie Simon Magus kennt und sich mit der Christlichen Gnosis befasst hat, hat keine Zweifel, dass Jesus genauso wie aber auch z.B. der islamische Sufismus von den Hinduistischen und Buddhistischen Lehren beeinflusst wurden.
    Im allgemeinen sehe ich kaum Unterschiede zwischen Sci-Fi und Fantasy, und wenn dann sind sie sehr fließend. Schließlich orientieren sich beide an unseren bisherigen Erfahrungen aus Mythologie/Geschichte und versuchen das zu abstrahieren oder in eine ferne Zukunft zu extrapolieren. Der Mensch hat nun mal ein Gehirn mit dem er irgendwie gezwungen ist sich “spirituell zu betätigen”, je nach Veranlagung und intellektuellem Potential macht er sich selber seine Gedanken (Philosophie/”Erfahrungs-Religionen”) oder übernimmt Vorgekautes (Offenbarungs-Religionen). Und das wird vermutlich auch so bleiben. Viele Sci-Fi Filme/Serien thematisieren z.B. apokalyptische Kulte, die Suche nach Gott (übrigens auch bei Star TREK), Mythologie/Religionen (Outlander, Star Gate etc.), und das wird immer so bleiben. Auch Fantasy spielt oft in sog. Parallelwelten (siehe Chroniken von Narnia und ähnliches) oder in Welten die unseren so ähnlich sind, daß man die Parallel-Welten Idee, die der Theorie der Quantenphysik nicht fern sind. Auch Sci-Fi kommt selten komplett ohne den Mythos-Anteil aus.

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