Evolution der Religion kompakt – Geht das?

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Neulich stellte mir die “Evangelische Zeitung in Schleswig-Holstein” eine knifflige Aufgabe: Ob es denn möglich sei, die interdisziplinäre Evolutionsforschung zur Religion in weniger als 2.000 Zeichen zusammen zu fassen? Schließlich nahm ich die Herausforderung an – hier ist das Ergebnis…

DarwinEvolutionReligionBlume

Die Evolution des Glaubens

Von Michael Blume

Noch immer glauben viele Menschen, dass zwischen Evolution und Religion ein unauflösbarer Widerspruch bestünde. Dabei war schon Charles Darwin (1809 – 1892), der seinen lebenslang einzigen Studienabschluss in christlicher Theologie erworben hatte, ganz anderer Meinung. Schon er hatte erkannt: Wenn die Evolutionstheorie zutrifft, dann muss auch der Glauben an Gott ein insgesamt nützliches Ergebnis der Natur- und Kulturgeschichte sein!

Inzwischen erkennen auch immer mehr Forscher, die selbst nichtreligiös sind, an: Wenn Religion nur schädlich wäre, wie religionskritische Weltanschauungen oder der Biologe Richard Dawkins in seinem „Gotteswahn“ behauptet haben, hätte sie sich in der Evolution kaum entwickelt und erhalten.

Gemeinsamer Glauben schafft Vertrauen

Aktuelle Hirnstudien belegen, dass der Glauben an höhere Wesen aus den sozialen Wahrnehmungen entspringt, die wir auch beim Umgang mit Mitmenschen anwenden. Zum religiösen Glauben werden diese Wahrnehmungen häufiger dann, wenn wir uns unsicher und bedroht fühlen. Deswegen blieben die neuen Bundesländer überwiegend säkular, wogegen in der zusammenbrechenden Sowjetunion Kirchen und Moscheen wieder aufblühten – und in dauerhaften Not- und Krisenregionen auch religiöse Fundamentalisten und Extremisten massenhaft Anhänger gewinnen. Denn der gemeinsame Glauben an Gott macht nicht automatisch „gut“, sondern schafft zunächst einmal nur Vertrauen innerhalb der Gruppe – was mit tiefer Verachtung für Anders- und „Ungläubige“ einhergehen kann. Im Durchschnitt begünstigen Religionen aber nicht nur stärkere Gemeinschaften, sondern – biologisch entscheidend! – vor allem auch größere Familien: Fromme haben quer durch alle Weltreligionen hindurch durchschnittlich mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn. Wir kennen zahlreiche Religionsgemeinschaften wie die Amish, Haredim oder die – übrigens überdurchschnittlich wohlhabenden und gebildeten –Mormonen, die über Jahrhunderte hinweg kinderreich geblieben sind. Dagegen kennt die Wissenschaft bislang keine nichtreligiöse Population, die auch nur ein Jahrhundert die Geburtenrate von zwei halten konnte – wo der Glaube zerfällt, schrumpfen auch die Familien. Religiosität war also nicht nur für unsere Vorfahren von naturgeschichtlichem Vorteil, die Evolution der Religion(en) ist auch noch überhaupt nicht abgeschlossen.

Dr. Michael Blume lehrt Religionswissenschaften an den Universitäten Köln und Jena. Der mehrfache Buchautor betreibt außerdem den Blog „Natur des Glaubens“ beim Blogportal von Spektrum der Wissenschaft.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

42 Kommentare

  1. Dagegen kennt die Wissenschaft bislang keine nichtreligiöse Population, die auch nur ein Jahrhundert die Geburtenrate von zwei halten konnte – wo der Glaube zerfällt, schrumpfen auch die Familien.

    Ischt sicherlich ein wunder Punkt sogenannter oder “echter” Humanisten, die anthropozentrisch die Welt zu bearbeiten geneigt sind, allerdings, allerdings, bleibt dieser Befund schon deshalb im Frage gestellt, weil es primär agnostische oder primär atheistisch eingestellte Gesellschaften bisher nicht gab, insofern könnte vielleicht noch ein wenig abgewartet werden,

    Insgesamt, also die aktuelle Befund- oder Datenlage betreffend will der Schreiber dieser Zeilen nicht gegenrednerisch werden, aber Scheiße wäre es schon, wenn Bart, Kreuz und vielleicht auch nickeliges Anderer den Primaten bestimmen sollten, auch dessen Weib-Handhabung, finden Sie nicht, Herr Dr. Blume?!

    MFG
    Dr. W

  2. (off topic: Kürzlich kam im TV ein Bericht über Darwin – darin hieß es, dass es zur Zeit Darwins in England nicht möglich gewesen sei, einen anderen Studien-Abschluss als ´Theologie´ zu machen.)

    • @KRichard

      Nope – Darwin selbst hatte ja zuvor ein Studium der Medizin abgebrochen. Gemeint war wohl, dass sich die (empirischen) Naturwissenschaften noch kaum selbstständig gemacht hatten, sondern als Aspekte der “Naturphilosophie” v.a. an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten betrieben wurde. Insofern war Darwins Studienwahl schon “richtig”, er lernte dort auch das empirische Forschen.

    • Wie sprach Faust?
      “Habe nun ach, Philosophie,
      Juristerei und Medizin,
      und leider! auch
      Theologie
      durchaus studiert,
      mit herzlichem Bemühn…”

      – das waren sie alle, die vier Fakultäten der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen akademischen Welt. Juristerei hätte Darwin bei seinen Forschungen eh nicht weitergebracht, er hätte es höchstens noch mit Philosophie versuchen können.

  3. Der Artikel ist mir gerade Anlass, eine mich schon lange beschäftigende Frage zu stellen (Ich kenne kaum Menschen, die sich als gläubig einstufen, daher die Frage an Sie :)): Wie ist es möglich, die evolutionären und soziokulturellen Hintergründe von Religiösität zu kennen und dennoch gläubig zu sein? Die Frage ist nicht herablassend oder bösartig gemeint, es interessiert mich wirklich!
    Ich als Atheist kann den Unterschied zwischen einem Fußballfanclub, einem Stammtisch und kirchlichen Religionen nicht erkennen. Die Gründe für die Herausbildung solcher Gruppierungen sind doch die selben! Man “geht dorthin”, weil’s Bestätigung gibt, man trifft sich mit Gleichgesinnten, man ist einer der Dazugehörenden. Daran ist ja erstmal nichts schlimm. Aber dafür braucht man natürlich keine(n) Gott/Götter.
    Die 2-3 gläubigen Freunde, die ich habe, antworten, nach dem Grund ihres Glaubens gefragt, mit “es ist schön, zu wissen, dass da jemand ist, der bei Problemen zuhört” und ähnlich. Das ist doch Opportunismus / Hedonismus! Ich konnte solche Antworten nie verstehen.
    Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar. Falls Sie darüber schon geschrieben, wäre natürlich auch ein Link ausreichend. Vielen Dank!

    • @TM

      Lieben Dank für Ihre berechtigte Frage! Da ich ja auch selbst nichtreligiös aufgewachsen bin, kann ich sie auch sehr gut verstehen bzw. erinnern. 🙂

      Wie @Liane Mayer schon zu Recht schrieb, ist Religiosität nicht auf Lücken im Weltbild angewiesen, sondern kann sich auch mit einer wissenschaftlichen Weltsicht verbinden. Denn im Kern geht es um Beziehungserfahrungen – über die sozialen Erfahrungen mit Mitmenschen hinaus machen religiös Glaubende Beziehungserfahrungen mit höheren Wesen wie Engeln, Ahnen und Gottheiten. Und dies wirkt sich dann in den Alltag hinein aus – beispielsweise in Gefühlen der Geborgenheit und Zugehörigkeit, in Ritual-, Opfer- und Gemeinschaftsaktivitäten. Salopp gesagt geht es nicht um Mathe, sondern ums Miteinander – als kaum abtrennbarer Teil des täglichen Lebens.

      Hier auch mal ein Interview zum Thema, das Ihnen ggf. Freude machen könnte.
      https://m.youtube.com/watch?v=FEKoSTOJTtY

  4. @TM: Das ist sogar sehr leicht möglich. Gläubig zu sein bedeutet schließlich nicht, Religiosität für etwas “vom Himmel gefallenes” zu halten. Ein gläubiger Mensch macht Gott keine Vorschriften, welcher Werkzeuge er sich bei der Erschaffung der Welt bedienen darf und wie er die Fähigkeit zu glauben im Menschen hervorbringen soll. Selbstverständlich darf Gott sich in beiden Fällen der Evolution bedienen. Sprich, er muss weder jeden einzelnen Menschen per Hand schnitzen, um als Schöpfer anerkannt zu werden, noch muss er dafür sorgen, dass Religiosität etwas gänzlich Unnatürliches ist, nur damit niemand auf die Idee kommt, sie könnte auch vor jeder Offenbarung schon in der Menschennatur grundgelegt sein.
    Ich finde es jedenfalls sehr plausibel, dass Gott, wenn er sich den Menschen offenbaren will, vorher dafür sorgt, dass sie auch imstande sind, diese Offenbarung anzunehmen. Dass es im Zug der dafür notwendigen Entwicklung gelegentlich auch zur Verehrung ausgedachter Götter kommt, ist wohl nicht zu vermeiden.
    Im Übrigen mag es ja für manche Gläubige stimmen, dass sie in die Kirche gehen, weil sie dort Bestätigung etc. bekommen, aber sicher nicht für alle. Man kann auch (wie ich z. B.) zu dem Schluss kommen, Gott möchte gerne, dass ich in die Kirche gehe und mich dort engagiere und es dann ihm zuliebe tun. Der Unterschied zum Fußballfanclub besteht dann darin, dass ich mir nicht wirklich aussuchen kann, wer mit mir Christ ist und zu meiner Gemeinde gehört, ebenso wenig wie ich mir meine Verwandten aussuchen kann. Wenn’s mir im Fußballklub nicht mehr gefällt, gehe ich nicht mehr hin und suche mir eventuell einen anderen Klub. Wenn’s mir in der Kirche nicht gefällt, kremple ich erst einmal die Ärmel auf und sehe, ob ich was verbessern kann. Kann ich es nicht, dann leide ich zwar, bleibe aber trotzdem treu, oder mein Glaube war nur eine Selbsttäuschung, so sehe ich das jedenfalls.
    “Es ist schön, dass da jemand da ist” mag zwar stimmen, aber es ist kein tragfähiger Grund für den Glauben, da hast du ganz recht. Es ist nämlich erst dann schön, wenn ich sicher bin, dass ich mir diesen Jemand nicht nur einbilde. Der wahre Grund meines Glaubens ist daher ein anderer: Die Überzeugung, dass es diesen dreifaltigen Gott wirklich gibt, dass Jesus Mensch geworden ist, für uns gelitten hat und auferstanden ist und dass auch uns das ewige Leben angeboten ist. Woher diese Überzeugung kommt, wäre jetzt zu langwierig zu erklären, aber sie ist nun einmal da.
    Ich hoffe, dir damit ein wenig weiter geholfen zu haben!

  5. @TM: Man muss zwischen Religiosität und den evolutionären/biologischen Ursachen dafür, genau unterscheiden. Eine biologische Ursache für Religiosität ist z.B., dass wir ein Gedächtnis haben – und dass uns bestimmte Erinnerungen/Erlebnisse einfach gut tun.
    z.B. für eine Bekannte war es als Kind (etwa bis zum 5. Lebensjahr) ganz normal, dass abends bei ihr ein Geist/Engel am Bett stand und auf sie aufpasste, bis sie einschlief. Dabei wusste sie ganz genau, dass diese Gestalt nicht real war – aber sie fühlte sich wohl dabei.
    Per Google ´Imaginäre Gefährten – Der Begleiter, den ich rief´ finden Sie einen Artikel beim Spektrum-verlag, wonach bis zu 1/3 aller Kinder zeitweise imaginäre Gefährten haben

    z.B. berichten ältere Menschen nach dem Tod eines Partners, dass sie diese Person wie lebensecht erleben und sogar Gespräche mit ihm/ihr führen (Wikipedia: Nachtodkontakt).
    Alle unsere Erfahrungen/Erlebnisse werden in der zeitlichen Gegenwartsform gemacht – und auch genau so wieder erinnert. Dies erklärt, dass derartige ´Kontakte´ wie real/wirklich erlebt werden.

    Beide Beispiele werden von Menschen berichtet, die dabei geistig völlig normal waren/sind. D.h. solche Erlebnisse gehören zur normalen Erlebniswelt von Menschen. Und dies erklärt auch, warum ein bestimmtes Geborgenheitsgefühl/Wohlbehagen zur biologischen Grundlage spirituellen Denkens bzw. von Religiosität wird.
    Solche guten Erfahrungen nicht zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und Stärke für das eigene Leben daraus zu ziehen – ist eigentlich völlig normal und hat nichts mit irrealer/unlogischer Denkweise zu tun.

  6. @Michael Blume, @Mag. Liane Mayer, @KRichard,

    vielen Dank für die Antworten. Wenn ich mal versuche, das Geschriebene zusammenzufassen, dann ist für mich der Tenor der Antworten: Wenn man Gott / Götter von vornherein voraussetzt, dann passen alle im Leben gemachten Erfahrungen, Tragödien, schöne Momente, etc in das einmal konstruierte Weltbild. Bei mir und vermutlich auch bei anderen Atheisten ist es so, dass wir diese Annahme nie getroffen haben und wir die gemachten Erfahrungen etc nicht mit Gott in Verbindung bringen, und das Weltbild funktioniert dann (offensichtlich) auch. Beispiel: Man bewundert den Sternenhimmel, und der eine findet es atemberaubend schön, der andere findet es atemberaubend schön und spürt dabei die Größe Gottes.

    Das Argument, dass Gott unser Gehirn so geformt hat, dass wir zu spirituellen Erfahrungen möglich sind, finde ich nicht überzeugend. Es wirkt für mich wie der Schlussstein der alten Debatte zwischen der Naturwissenschaften und der Theologie, die das direkte Wirken Gottes immer weiter aus dem Alltag herausgedrängt hat. Nun schiebt man also die Grenze ins Gehirn und sagt, Gott “hat das halt so gemacht”, was eine nicht falsifizierbare Theorie darstellt. Und davon kann man nunmal viele aufstellen (“Es gibt rosarote Drachen, die sich so gut verstecken können, dass man sie nicht finden kann”). Warum sollte man also dieser Theorie Glauben schenken? (siehe oben – Wenn man die Existenz Gottes nicht schon annimmt, dann ist die Antwort auf diese Frage nicht klar!)

    • Update: Ich bleibe bei der Meinung, dass man die Existenz Gottes voraussetzen muss und nicht durch Bücher o.ä. davon “überzeugt” werden kann, muss aber einen Teil des Geschriebenen relativieren. Bei erst im Erwachsenenalter gläubig gewordenen passt die Idee der Einordnung von Erlebnissen in eine Welt mit oder ohne Gott nicht mehr zwangsläufig. Zum Glück war das nicht meine Kernthese ;P

    • @TM: Sie haben mich vollkommen falsch verstanden. Meine Beispiele sollten zeigen, dass es für geistig gesunde Menschen ganz normal sein kann, Erfahrungen zu machen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Wenn sich dadurch als Sekundäreffekt eine Neigung zu Spiritualität ergibt – die dann zu Religiosität führen kann – dann kann man davon ausgehen, dass diese Grundlagen für Spiritualität evolutionär/biologisch vorgegeben aber nicht zwingend sind.
      Primär- und Sekundäreffekt sollten klar getrennt werden(!) – denn der Primäreffekt ist zunächst eine neutrale Erfahrung, die biologisch vorgegeben wird; wogegen der Sekundäreffekt schon eine durch kulturelles Wissen vorgegebene Deutung dieser Erfahrungen ist.

      Die Wahrnehmung von Personen/Objekten/usw., welche nicht real vorhanden sind, ist ein Ergebnis von Erinnerungsvorgängen – die bei allen geistig gesunden Menschen gleichartig möglich sind (= evolutionär vorgegeben). Über ein paar nette Beispiele können Sie sich per Google informieren: Traum, Nahtod-Erfahrung, ´Dritter Mann´-Erfahrung (´third man factor´), Charles Bonnet Syndrom, Feelings of Presence (FoPs) – und seit einigen Jahren gibt es das ´Phantomklingeln´ von Handys.

    • @T

      Ja, da ist etwas dran – die Annahme eines Gottes ermöglicht veränderte Interpretationen der Welterfahrungen. Dies gilt ebenso z.B. für die Annahme von Menschenrechten, eines Sinns im Leben u.v.m. – die ja allesamt nicht empirisch falsifizierbar sind, aber das Leben vieler Menschen beeinflussen.

      Philosophisch, demografisch und evolutionär interessant ist z.B. die Beobachtung, dass ohne solche Annahmen die Beantwortung der Anthropodizee-Frage nie gelang…

  7. @KRichard: Ich stimme Ihnen vollkommen zu und habe, soweit ich sehen kann, nie etwas Gegenteiliges behauptet.

    @Michael Blume: Ich kenne mich in der Anthropodizee-Thematik nicht aus. Den Wikipedia-Artikel habe ich schnell gelesen, mehr aber nicht. Die Evolution kommt natürlich ohne einen Sinn oder moralische Rechtfertigung aus, daher erschließt sich mir die Problematik vorerst kaum. Aber bevor Sie sich in dieser Richtung weiter an mir abmühen, müsste ich erstmal meine Hausaufgaben dazu machen.
    Bzgl des Arguments, dass auch andere nicht falsifizierbare Dinge Einfluss auf das Leben vieler haben: Das ist unbestritten. Eine nicht falsifizierbare Aussage, die ich selbst ständig treffe, ist zB “Musikstück XY ist gut.” Gemeint ist aber, dass es mir gefällt, und nicht, dass es objektiv gut ist. Angewandt auf unser Thema finde ich, dass man trennen muss zwischen zwei verschiedenen Aussagen: a) “Ich glaube an Gott” und b) “Ich behaupte, dass Gott existiert”. Man kann prinzipiell nur gegen b) argumentieren, und das ist, was ich hier versuche. Niemand muss sich rechtfertigen oder argumentativ zu überzeugen versuchen, dass er/sie an Gott glaubt. Das steht zum Glück jedem frei. Ich hoffe, keinen gegenteiligen Eindruck erweckt zu haben.

    Vielen Dank nochmal für die bisherigen Antworten!

    • @TM

      Ja, da stimme ich Ihnen weitgehend zu – wobei ich auch für die Akzeptanz der Menschenrechte bei jenen streite, die ihre “Existenz” nicht anerkennen. Mir ist dabei völlig klar, dass empirische “Beweise” für Menschenrechte ebenso unrealistisch sind wie solche für Gott…

      Zur Anthropodizee-Frage hier ein Link, der auch eine Kurzfassung der empirischen (und also falsifizierbaren) Beobachtungen enthält:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-anthropodizee-frage-wer-himmel/

      Bin gespannt auf Ihre weiteren Denkwege, beste Grüße!

    • @ TM :
      Vielleicht kann Dr. W hier ein wenig weiterhelfen:

      Ich kenne mich in der Anthropodizee-Thematik nicht aus.

      Ist auch nicht erforderlich, es stellt sich im Sinne einer sogenannten Theodizee die Frage, warum Gott oder Götter bestimmtes Leid zulassen, zumindest stellt sich diese Frage für einige,
      Die Anthropozidee setzt hierauf sozusagen spiegelbildlich konzeptuell auf und dreht um, der Schreiber dieser Zeilen kann sich hier nicht annehmend hineindenken und lehnt insofern schlicht ab.
      Womit natürlich nicht das Bemühen um das Richtige oder Gute abgelehnt wird, sondern das Konzept einer möglichen Schuldumkehr, die gerade auch diejenigen zu treffen scheint, die das Richtige oder Gute anstreben.

      Die Evolution kommt natürlich ohne einen Sinn oder moralische Rechtfertigung aus, daher erschließt sich mir die Problematik vorerst kaum.

      Die Evolution oder die allgemeine Entwicklung kommt in beschriebener Form schon wie beschrieben aus, nicht aber das erkennende Subjekt, das (auch) sittlich einzuordnen hat.
      Wodurch abär aus Sicht Ihres Kommentatorenkollegen eben nicht einer wie auch immer gearteter Anthropozidee das Wort geredet werden muss.

      Bzgl des Arguments, dass auch andere nicht falsifizierbare Dinge Einfluss auf das Leben vieler haben: Das ist unbestritten.

      Richtig gute sozusagen Metaphysik ist unfalsi- wie unverifizierbar, zum Beispiel:
      -> http://en.wikipedia.org/wiki/Mathematical_universe_hypothesis

      Ansonsten, grob zusammengefasst den Rest Ihrer Nachricht, kann natürlich nicht gegen Gottesbehauptungen argumentiert werden, vgl. :
      -> http://de.wikipedia.org/wiki/Falsifikationismus#Individual-_und_Universalbegriffe (dort wird’s angerissen, bei besonderem Bedarf steht wird der Schreiber dieser Zeilen erläuternd zV stehen, es geht um Es-Gibt-Sätze)


      KA, was der hiesige werte Inhaltegeber mit bestimmten Konzepten wie bspw. der Anthropodizee genau vorhat, er gilt ja als Protestant und anzunehmenderweise auch als gläubig, dem Schreiber dieser Zeilen steht für dbzgl. Feststellung kein geeigneter Test bereit, abär es könnte so sein, dass jemand außerwissenschaftlichen Glauben, den der Schreiber dieser Zeilen nicht ablehnt, explizit gut findet und darauf auch den (Huch!) Fortbestand der Menschheit gebaut sieht.

      MFG
      Dr. W

  8. “Religiosität war also nicht nur für unsere Vorfahren von naturgeschichtlichem Vorteil, die Evolution der Religion(en) ist auch noch überhaupt nicht abgeschlossen.”

    Ja, wenn man besonders bei den “christlichen Gemeinschaften” die voranschreitenden Neubildungen / Abspaltungen von “freien” Gemeinden betrachtet, dann ist da eine Evolution, des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” 😉

    Naturgeschichtlich befindet sich Mensch immernoch in GLEICHERMAßEN unverarbeiteter und somit leicht MANIPULIERBARER Bewußtseinsschwäche von Angst, Gewalt und “Individualbewußtsein”, für die herkömmlich-gewohnte Hierarchie im Wettbewerb um materialistische “Absicherung”, wo längst die Möglichkeiten eines geistig-heilenden Selbst- und Massenbewußtseins “gottgefällig” wirken könnten!

  9. Unter ´Evolution´ versteht man, dass sich vererbbare Merkmale ändern, weil sich kleine Veränderungen in den Genen als vorteilhaft erweisen und so zu einem Überlebensvorteil werden.
    So ungefähr haben wir es in der Schule gelernt.
    Wenn hier immer wieder von einer Evolution der Religionen geschrieben wird, dann wäre es schön, zu wissen, in welchen Genen Religion als vererbbares Merkmal gespeichert ist.
    Wenn aber gemeint ist, dass sich eine bestimmtes vererbbares soziales Verhalten als vorteilhaft erweist, dann sollte man dieses klar bescheiben. (Z.B. geben Menschenmütter ihr Baby in die Obhut anderer Menschen – Affen machen dies nicht)

    • Ob die jahrhundertealte Versuche die bestehende Spannung zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften jemals zum Ende kommen werden?

      Noch bleiben sie m.E. offen, bzw. werden mehr oder weniger (plausibel) in komplementären “Sowohl-als-auch-Modellen” als zusammengehörig gewertet. Dass sich eine “Evolution der Religionen”, explizit in bestimmten einzelnen Genen oder deren Sequenzen verorten und nachweisen ließe ist mir fremd. Im Gehirn lässt sich “Religiösität” jedenfalls “messen”. Gleichwohl plausibel erscheint mir, dass diese auf “Meme” beruhen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Mem)

      Für mich bleiben (unentscheidbare) Fragen offen, wie die nach dem Ursprung, dem Wesen und der weiteren Entwicklung sowohl “religiösen Bewusstseins”, als auch materieller Naturphänomene (Geist und Materie).

      Ich hoffe dem Blogautor, nicht vorzugreifen wenn ich hierzu auch auf den gestrigen Deutschlandfunkbeitrag hinweise. Die evolutive Entwicklung des Gehirns, scheint mit der religiösen Entwicklung zusammenzuhängen. http://t1p.de/8fjl

      Gleichwohl bleiben Fragen offen:
      Lässt sich das über viele Generationen entwickelte religiöse Bewusstsein reduzieren als Prozess nützlicher Illusion und illusorischer Nützlichkeit um “Gehirnschmerz” (aufgrund Über- bzw. Unterlastung) zu bewältigen?

      Genügen nachweislich im Gehirn messbare kausallogische, soziale und affektive Ursachen zur Entstehung, Erhalt und Weiterentwicklung von Religionen?

      Unentscheidbar m.E. ebenfalls die Frage, ob sich Gene ändern aufgrund von Memveränderungen oder umgekehrt?

      Möglich, dass es noch für einige Generationen der Zukunft eine spannende Aufgabe bleibt, sich dieser Fragen anzunehmen. 😉

      • Es gibt Untersuchungen(fMRT), die zeigen, dass religiöse Texte bei gläubigen Menschen eine nachweisbare Gehirn-Reaktion erzeugen – bei Ungläubigen aber nicht. Dies bedeutet aber nur, dass im ersten Fall mit Religiosität verbundene positive Erinnerungen reaktiviert wurden. Mehr nicht.

    • Vielleicht sollte man etwas präzisieren. Das Wort “Evolution” wurde von Darwin nicht erfunden, auch wenn heute jeder beim Wort “Evolution” nur an seine Evolutionstheorie denkt.

      http://de.wiktionary.org/wiki/Evolution

      KRichard:
      ” in welchen Genen Religion als vererbbares Merkmal gespeichert ist.”

      Es muss kein Gen für Religion geben. Religiösität, Spiritualität und magisches Denken entstehen wohl durch ein Zusammenspiel zahlreicher Faktoren, genetischer, vielleicht epigenetischer und vermutlich durch Emergenz im Zusammenspiel verschiedener Gehirnfunktionen, von kulturellen Einflüssen ganz zu schweigen. Es ist schwer, vielleicht fast unmöglich, in diesem komplexen Gewirr einzelne Faktoren sauber zu isolieren, um ihren Einfluss am Gesamteffekt zu untersuchen.

      • Das Präzisieren von Begriffen – ist genau das, was für eine saubere Argumentation notwendig ist und darum geht es mir.

        Magisches Denken/Spiritualität lässt sich mit der Arbeitsweise des Gehirns begründen, wie viele Beispiele zeigen (siehe meine vorherigen Beiträge). Damit ist eindeutig eine biologische/evolutionäre Grundlage dafür vorhanden
        Auch manches Sozialverhalten ist genetisch bedingt

        Aber Religiosität ist eine sekundäre, kulturbedingte Interpretation dieser Erlebnisse und Teil des Sozialverhaltens- und damit fehlt die evolutionäre Grundlage.

        D.h. für unterschiedliche Stadien der Praktiken/Entwicklung von Religiosität sollte man statt ´Evolution´ besser den neutraleren Begriff ´Entwicklung/Entwicklungsstufen´ gebrauchen.

      • Nach Studien an eineiigen, getrennt aufgewachsenen Zwillingen scheint Reiligiosität zu 40% genetisch beeinflusst sein. Im Kindesalter bestimmt noch die Religiosität der Erziehenden die Religiosität, im Erwachsenenalter aber setzen sich dann oft die Gene durch, was sich im autonomen religiösen Interesse äusserst.
        Eine 40%-ige Beeinflussung durch Gene deutet darauf hin, dass die Umwelt bei der Religiosität eine etwas grössere Rolle spielt als bei der Schiziophrenie, wo 45 bis 75% der eineiigen Zwillingspartner zugleich betroffen sind.

        Komplexe Phänomene wie Körpergrösse, Intelligenz, Begabungen und eben auch Religiosität werden durch das Zusammenwirken vieler Gene beeinflusst. Jedenfalls zeigen die Zwillingsstudien dass Religiosität nicht allein kulturell bestimmt ist. Es gibt anfälligere Individuen und weniger anfällige. Religiosität ist zudem kein isoliertes Merkmal sondern es korreliert mit anderen kognitiven Merkmalen. Allerdings kann es nicht einfach sein, eine Korrelation/Assoziation von einer echten Verknüpfung zu unterscheiden. So sind Leute mit hohem IQ im allgemeinen weniger religiös, doch das kann viele Ursachen haben. Unter anderem sind Leute mit hohem IQ besser mit Gedankengängen vertraut, die sich mit philosophischen und existenziellen Fragen beschäftigen und neigen darum dazu, den Konsens der Akademiker in Bezug auf solche Fragen zu teilen. Und dieser Konsens geht in die atheistische Richtung.

        • Die Aussage von Zwillingsstudien ist mit Vorsicht zu betrachten.
          a) eine Forschergruppe um Prof. Umberto Castiello konnte per Ultraschall-Film zeigen, dass Zwillingsfeten im 5. Schwangerschaftsmonat gezielte Bewegungen machen, die je nach Zielort unterschiedlich schnell ausgeführt werden. D.h. für ein planvolles Handeln muss ein Gedächtnis vorhanden sein. Dieser Punkt wird in Zwillingsstudien normalerweise nicht diskutiert.
          b) Auch Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden – wachsen danach meist in einem kulturell ähnlichen Umfeld auf; d.h. ähnliche sozialen Einflüsse. Deswegen kann erlerntes Verhalten ähnlich sein – und muss nicht genetisch/evolutionär bedingt sein.

          • 1-1-ige Zwillinge getrennt aufgezogen verglichen mit Zwillingen (1-1-ig und 2-1-ig) zusammenaufgezogen, ergibt empirischen Aufschluss was von der Umwelt und was von den Genen bestimmt wird. Gerade wenn die Umgebung in der die Zwillinge aufwachsen ähnlich ist, die Zwillinge aber getrennt sind, findet man am ehesten einen Einfluss von Genen. Warum aber macht es einen Unterschied aus ob Zwillinge getrennt aufwachsen oder zusammen? Nun, zusammen aufgezogene 1-1-ige Zwillinge machen oft alles gemeinsam, was so weit geht, dass sie sich gern gegenseitig vertreten, also die Rolle des andern einnehmen. Sie verhalten sich also fast wie eine Person, womit es dann kaum mehr möglich ist den Einfluss der Umwelt von der der Gene auseinanderzuhalten.Sie schreiben: “D.h. für ein planvolles Handeln muss ein Gedächtnis vorhanden sein. Dieser Punkt wird in Zwillingsstudien normalerweise nicht diskutiert.”
            Das muss auch nicht diskutiert werden. Denn solche statistische Studien arbeiten bewusst ohne Vorwissen. Letztlich stehen statistische Überlegungen im Vordergrund.

          • Die Reifung der vorgeburtlichen Sinneswahrnehmung bzw. reizstimulierte Hirnentwicklung kann mittlerweile durch verbesserte Geräte bzw. Auswertemethoden sogar schon meßtechnich verfolgt werden. (z.B. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2013.03.013: Functional plasticity before the cradle: a review of functional imaging in the human fetus)
            Zwillingstudien beachten diese gemeinsam(!!!) verbrachte Zeit in der Regel nicht – obwohl gemeinsame Erfahrungen vorliegen; einschließlich der über die mütterlichen Hormone miterlebten emotionalen Eindrücke/Stimmungsschwankungen. D.h. die Aussage, dass bestimmte Effekte bei getrennt aufgezogenen Zwillingen möglicherweise genetisch bestimmt sind, wird dadurch fragwürdig.

    • Wenn hier immer wieder von einer Evolution der Religionen geschrieben wird, dann wäre es schön, zu wissen, in welchen Genen Religion als vererbbares Merkmal gespeichert ist.

      Die Evolution meint erst einmal die Entwicklung, die sich zeitlich vorgestellt werden kann, daneben gibt es die biologische Evolutionstheorie, die in etwa so wie von Ihnen beschrieben, äh, beschreibt, nicht aber das “Survival of the Fittest” meint und bspw. die Evolution der Sprache, der Wissenschaft & eben der Religion.
      Dem Schreiber dieser Zeilen ist auch nicht klar, ob das in dieser Inhalteeinheit des Internets gemeinte Konzept der Evolution der Religion nicht vielleicht irgendwie doppelbödig oder vielleicht auch vglw. direkt die Evolutionstheorie adressiert und nicht vielleicht sogar: praktisch Rat gibt.

      MFG
      Dr. W

      • Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass der Begriff ´Evolution´ im engeren Sinn Entwicklungen/Veränderungen beschreibt, die auf genetischen Veränderungen beruhen.

        Sie haben natürlich recht, dass sich im allgemeinen Sprachgebrauch mittlerweile eine lockerere Verwendung dieses Begriffes eingebürgert hat..

        • KRichard
          “Sie haben natürlich recht, dass sich im allgemeinen Sprachgebrauch mittlerweile eine lockerere Verwendung dieses Begriffes eingebürgert hat.”

          Sind sie da ganz sicher? Vielleicht ist das ja nur eine Frage der Perspektive? Manchmal denken Vertreter einer Fachrichtung, ein Fachbegriff aus ihrer Fachsprache habe auch allgemein nur diese eine eingeschränkte Bedeutung, obwohl es selbst nur ein Lehnswort war und das Wort auch in anderen Kontexten verwendet wird. Dominant ist zweifellos heute die biologisch-genetische Bedeutung, aber das Wort wurde von Darwin weder erfunden noch patentiert. Andere Verwendungen haben nichts mit “lockerer Verwendung” zu tun, sie existieren einfach auch schon lange. Natürlich sollte im Kontext eines Textes klar sein, was gemeint ist.

          Der Titel dieses Blogs “Evolution des Glaubens” ist meines Erachtens doppeldeutig gemeint, als genetische und kulturelle Evolution. Beides soll hier verhandelt werden.

          • Zustimmung, Zustimmung, wobei, wenn die ET gemeint ist, die Sache mit der Evolution der Religion ein wenig riskant oder angreifbar wird, allerdings soll gerne in diese Richtung gedacht werden, biologistisch sozusagen, einer muss es ja tun.
            MFG
            Dr. W

          • @Paul Stefan hat es m.E. richtig erfasst: Schon Darwin selbst betrachtete und verglich sowohl biologische wie kulturelle Evolutionsprozesse (z.B. der Sprachen). Erst der spätere sog. “Neodarwinismus” versuchte den Evolutionsbegriff auf die Biologie zu beschränken – und scheiterte damit. Ohne z.B. die kulturellen Traditionen des Kochens ist auch die menschliche Biologie nicht zu erklären. Dazu, zu Darwins interdisziplinären Ansätzen und zur biokulturellen Evolution finden sich hier reichlich Blogartikel und Diskussionen.

          • @ Herr Dr. Blume :
            Sozusagen synthetische Evolutionslehre, auch Darwin und Mendel meinend, läuft vielleicht darauf hinaus, dass

            Etwas ist, es ist, weil es ist, und es ist so, wie es ist, weil es so ist, wie es ist. (frei nach Fichte)

            Ansonsten könnte es schon so sein, dass die Evolution Eignungsmerkmale in ihren Ausprägungen, jeweils die nähere Umgebung meinend, hervorgebracht hat und dass epigenetische Veränderung, die kleine Evolution sozusagen, auch zeitnah in der Lage sein könnte generationsübergreifend zu informieren, die Nachkommen meinend.
            Irgendwie hier schienen Sie unterwegs gewesen zu sein, haben Sie die dbzgl. epigenetischen Theorien oder Erkenntnisse oder Vermutungen, die vglw. neu sind, verfolgt?

            MFG
            Dr. W

          • Der Begriff der Evolution bedeutet nichts anderes als Entwicklung, das kann biologische oder kulturelle Entwicklung sein. Die biologische Entwicklung setzt sich aus der Phylogenese von Arten und der Ontogenese der Individuen zusammen. Ich persönlich würde noch die Erziehung und Bildung als Ratiogenese hinzufügen. Die Ontogenese kann über die natürliche Selektion und das Verhalten auf die Phylogenese rückwirken. Die Wissenschaft gehört genauso zur kulturellen Evolution wie Literatur oder andere Denkweisen und Aktivitäten des Bewusstseins. Religiosität ist nur einer der vielen Aspekte davon. Die Sprachfähigkeit setzt dagegen eigene anatomische Organe, Gene und Fähigkeiten voraus, deshalb gibt es an ihrer biologischen Evolution keine Zweifel.

            Auch die Götter unterliegen der kulturellen Evolution. Zuerst gab es die Naturgötter, dann kamen die anthropologischen Götter, allen voran die Göttin der Liebe, der Gott des Krieges usw. Später hat man sich auf eine universelle Gottheit beschränkt, wahrscheinlich ging allmählich der Überblick verloren. Aber auch diese Gottheit unterliegt wiederum vielen verschiedenen Deutungen, weil es eben nur abstrakte Ideen ohne empirische Prüfbarkeit und Rechtfertigung sind. Eigentlich sind die Götter überflüssig, denn ihre Aufgaben wurden weitgehend von der Wissenschaft und von staatlichen Institutionen, als Rechts- und Sozialstaat, übernommen. Auch Gesellschaften unterliegen einer Evolution.

            Theorien zur gesellschaftlichen Evolution, als Dreistadiengesetze, gab es schon bei Giambattista Vico und bei Auguste Comte. Bekanntlich hatte auch Platon schon Ideen dazu. Götter waren immer auch ein Vehikel zur Formung und Führung von Gemeinschaften, man denke an die Pharaonen oder Gottkönige.

          • Der Begriff der Evolution bedeutet nichts anderes als Entwicklung, das kann biologische oder kulturelle Entwicklung sein.

            Wichtich hier das Aus-Sich-Heraus-Wälzen dessen, was passiert, passiert ist und passieren wird, die Präfix ‘e(x)-‘ (vgl. auch ‘Existenz’) bei der ‘Evolution’ steht hier für die Eigengesetzlichkeit der Entwicklung (der Ingenieur entwickelt bekanntlich anders).

            SCNR
            Dr. W

  10. Pingback:Religion: Woher? Wozu? | Medizinisches Coaching

Schreibe einen Kommentar