Die unglaublichen Reisen eines Traumapsychologen – Nachtfahrt der Seele von Prof. Jan Ilhan Kizilhan

Es gehört zu den Seltsamkeiten der Aufmerksamkeits- und Medienökonomie, dass sich Geschichten dann am Besten erzählen lassen, wenn sie auf einen Akteur fokussieren. So wurde manchmal über das Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg für schutzbedürftige Frauen und Kinder berichtet, als hätte ich es als Leiter alleine gestemmt. Noch mehr stellten “unseren” Traumapsychologen Jan-Ilhan Kizilhan alleine in den Mittelpunkt. Es half auch nicht wirklich, wenn wir den Medienschaffenden erläuterten, dass wir uns als Teile eines Teams aus 12 Freiwilligen verstanden, die ihr Leben im Irak riskiert hatten. “Das ist schon klar, aber die Geschichte erklärt sich einfach besser, wenn sie mit nur einer Person geschildert wird.”, wurde uns erläutert, teilweise teambezogenes Material auch einfach nicht verwendet. Und da die Medienarbeit bei dem Projekt einfach nicht im Vordergrund stand, sondern Dringendes zu erledigen war, haben wir es irgendwann einfach hingenommen. Wir waren ja froh, wenn überhaupt seriös berichtet und damit auch Hilfsbereitschaft geweckt wurde.

Und mit der psychologischen Begutachtung von mehr als 1.400 überwiegend yezidischen Frauen und Kindern, die durch den IS traumatisierende Gewalt erlitten haben, hat Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan tatsächlich eine Leistung erbracht, die uns anderen Teammitgliedern manchmal übermenschlich erschien. Wie kann ein mitfühlender Mensch – und so haben wir ihn selbst am Ende der brutalsten Tage im Irak erlebt – diese unfassbaren Schilderungen und Erlebnisse bewältigen und rational verarbeiten?

Jan Ilhan Kizlihan & Alexandra Cavelius: Nachtfahrt der Seele. Europaverlag 2018, 22,-

In seinem außergewöhnlich persönlichen Buch “Nachtfahrt der Seele” schildert Jan Ilhan Kizilhan seinen eigenen Weg von einem kleinen, yezidisch geprägten Dorf im kurdischen Teil der Türkei bis zu seiner heutigen Arbeit als Professor der Traumapsychologie an der DHBW Villingen-Schwennigen. Armut, Diskriminierung und zeitweise Trennung von den Eltern, die als damals sog. “Fremdarbeiter” nach Deutschland gehen legen Grundsteine für ein starkes Gerechtigkeitsgefühl, aber auch einen unbändigen Lern- und Aufstiegswillen. Wir folgen dem Autor nicht nur durch die Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens, sondern auch durch deutsche Städte und Schulen. Und es wird eben trotz aller Leistung nicht einfach “alles gut”, sondern der schon erfolgreiche, längst deutsche Psychologe schlittert in eine auch spirituelle Sinnkrise und findet einen Ausweg durch eine außergewöhnliche Reise zu mutig gegen die Engstirnigkeit Lehrenden im Iran. Deutlich wird, dass Jan Ilhan Kizilhan nicht nur unterschiedliche Kulturen und Überlebenswege “erlernt”, sondern verinnerlicht hat. Dabei gelingt es ihm und seiner Co-Autorin Alexandra Cavelius nicht nur Eindrücke, sondern auch Erkenntnisse für die Leserinnen und Leser zu erschließen. Interessierte wie auch Fachleute werden jede Menge Anregungen für sich selbst finden.

Mein Respekt für Jan Ilhan Kizilhan, für seine Familie und seinen außergewöhnlichen Weg sind durch dieses beeindruckende Buch weiter gewachsen. Ich hoffe – und bin mir sicher – dass es viele Menschen informiert und bewegt. Technisch gesehen war ich Jan Ilhans Chef. Aber eigentlich geehrt fühle ich mich dadurch, dass ich ihn als Kollegen und Freund kennenlernen durfte. Wenn Sie “Nachtfahrt der Seele” gelesen haben, werden Sie verstehen, warum. Ein Mensch und ein Leben, die Mut machen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Erstaunlich. Ich dachte im Irak herrscht jetzt Recht und Ordnung nachdem die Koalition der Willigen den Irak völkerrechtswidrig befreit hat.

    • Oha, demnach haben Sie also weder “Öl- und Glaubenskriege” noch “Islam in der Krise” gelesen. Sonst wüssten Sie, dass die Einführung von Demokratie in einem Öl-Rentierstaat kaum gelingen kann. Hier eine kostenfreie Einführung zum Anhören:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-blut-oel-die-rentierstaatstheorie/

      Die grundlegende Rentierstaatstheorie wurde bereits in den 1970er Jahren entworfen und in den kommenden Jahrzehnten weit entwickelt. Und wenn Sie jetzt finden, das hätte die “Koalition der Willigen” aber auch schon erkennen und berücksichtigen sollen – dann gebe ich Ihnen völlig Recht. Leider haben es wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder schwer, öffentliches und politisches Gehör zu finden. Etwa auch bei Ihnen?

      • Die Praxis zur Rentierstaatstheorie zeigt es: Es muss nicht unbedingt Öl sein. Die aberwitzigen Zahlungen an die UNWRA ersetzen das Öl vollständig. Dazu kommt ein Unikum: Selbst ein Nachkomme palästinensischer Flüchtlinge erhält das Fünffache der durchschnittlichen Zuwendungen an Flüchtlinge:

        https://www.timesofisrael.com/11-countries-speed-up-funding-for-palestinians-after-us-cuts/

        “Israel hat in dem Entsetzen allenfalls die Chance, den Umgang mit immer größeren feindlichen Massen zu erlernen. 1950 lebten in Gaza nur eine Viertelmillion Menschen. Heute sind es zwei, 2030 aber werden es über 2,5 Millionen sein. Sie können nur zorniger und kriegslistiger werden. Dabei wird ihre Kapazität zur Absorption von Verlusten stetig größer. Sie sind auf ihre Weise Kinder des Westens. Er garantiert über die UNRWA, dass auch noch das vierte Kind der dritten Ehefrau rundum finanziert wird. Weil Amerika dabei jetzt nicht mehr mitmacht, haben westeuropäische Länder ihre Beiträge vorgezogen oder gar erhöht. 2017 überweist Berlin knapp 80 Millionen. Dazu kommt der Anteil am EU-Geschenk von mehr als 140 Millionen €. Relativ noch viel mehr gibt mit 27 Millionen die Schweiz. Auch dadurch kann Gaza seit 1950 seine Bevölkerung um den Faktor 8 erhöhen, während das benachbarte Ägypten nur knapp über den Faktor 4 vorankommt.”

        http://www.achgut.com/artikel/das_hamas_israel_paradox

        • Tatsächlich beschränkt sich die Rentierstaatstheorie nicht auf Rohstoffeinnahmen, @Karl Mistelberger. Auch die internationalen Beiträge in die Ihrerseits erwähnten Palästinensergebiete oder die EU-Zuschüsse nach Ungarn, Polen & Co. können korrupte Autokratien begünstigen, wenn sie nicht an strenge Regeln und Kontrollen geknüpft sind.

          Danke und viel Zustimmung! 🙂

  2. Am besten wird übrigens nicht “am Besten” sondern am besten “am besten” geschrieben, Herr Dr. Blume. Weil es der Superlativ von gut ist, nicht von Gut. Denn davon gibt es keinen.

    • Dann will ich Ihnem gerne mal dankend glauben, @Stephan. Scheint mir am besten… 😉

      Freilich bleibt es eine zutiefst philosophische Frage, warum es gleichzeitig verschiedene Bestseller geben kann. 🙂

  3. Das ist ganz einfach: durch maßlose Manipulation mittels aller zur Verfügung stehenden sozialen und vor allem unsozialen Medien (kürzer: Internet) greift Verblödung immer mehr um sich; Resultat ist u.a. eine unglaubliche Zunahme archaischster Triebe aus der Psyche unserer äffischen Urgroßeltern und da wiederum ein massenhafter und erschreckender Nachahmungstrieb mit dem Resultat der Gleichschaltung auf primitivstem Niveau, das die Zivilisation zu ersäufen droht. Jämmerliche Sprache und Rechtschreibung sind nur Ergebnis eines relativen Nebenkriegsschauplatzes.

  4. Buchempfehlung zum Thema Trauma, Resillienz usw., auch für Traumapsychologen lesenswert, wenn nicht eh schon bekannt

    Rette dich, das Leben ruft! – Boris Cyrulnik

    Liebe Grüße

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