COVID-19-Zwischenbilanz (1/3): UK – Deutschland “1:0”?

Eines der Symptome der Corona-Pandemie ist die Zahlenschwemme. COVID-19 traf Großbritannien anfangs ungleich stärker als Deutschland. Ein Blick auf das erste Halbjahr, die Übersterblichkeit und weitere Zahlen.

Und täglich grüßt das RKI…

Noch nie wurden wir mit so vielen Zahlen konfrontiert wie seit März 2020. Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Die wenigsten von uns haben jemals Kontaktbeschränkungen und andere Einschränkungen in ähnlichen Ausmaßen erlebt. Gleichzeitig hatten wir auch noch nie so viel Gelegenheit, unsere Zukunft selbst positiv zu beeinflussen.

Täglich werden uns die kumulativen Fall- und Sterbezahlen COVID-19-Infizierter präsentiert. Diese steigen natürlich, das geht gar nicht anders. Und dennoch sterben seit Wochen weniger Menschen an COVID-19, wie auch mein Blognachbar Lars Fischer beobachtet und analysiert. Zumindest in Deutschland und Großbritannien. Doch was bedeuten diese Zahlen tatsächlich?

Am 21. August 2020 erschien eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes zu den Sterbezahlen 2020. Ich habe die Zahlen etwas näher angesehen. Da Großbritannien anfangs sehr stark von COVID-19 betroffen war, habe ich zum Vergleich die Daten aus England und Wales (Quelle: Office for National Statistics) angeschaut. Hier zeigen sich einige sehr interessante Unterschiede.

Vergleich des 1. Halbjahrs der COVID-19-Pandemie am Beispiel UK und Deutschland. Datenquelle: European Center for Disease Prevention and Control (ECDC). Grafik: Dr. Karin Schumacher

COVID-19 in Deutschland: Leichte Übersterblichkeit im April

Deutschland hatte bislang Glück bezüglich COVID-19. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern erhöhte sich die Sterblichkeit nur kurzzeitig: von der 13. bis zur 18. Kalenderwoche (23. März bis 3. Mai). Hierbei war die Abweichung zwischen dem 6. und 12. April mit etwa +14 Prozent vom vierjährigen Durchschnitt am größten.

Vergleicht man die Sterbezahlen der letzten Jahre, fällt auf, dass die meisten Menschen bislang nicht 2020, sondern im Frühjahr 2018 starben. Wie kann das sein?

Wöchentliche Sterbezahlen in Deutschland (KW 1-30). Trotz COVID-19 Pandemie zeigt sich nur eine leichte Übersterblichkeit im April 2020. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie scheinen zu wirken. Datenquellen: Statistisches Bundesamt (Destatis) 2020. COVID-19-Zahlen: Robert Koch-Institut (RKI). Grafik: Dr. Karin Schumacher

Nach der Epidemie ist vor der Pandemie

2017/18 verlief die Grippewelle ungewöhnlich schwer. In jenem Winter wurden 334.000 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle an das RKI übermittelt. Laut Resümee der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert Koch-Institut (RKI) gab es in der Grippesaison 2017/18 geschätzt neun Millionen Arztbesuche (95% KI 8-10 Millionen) aufgrund von akuten respiratorischen Symptomen (2018; DOI: 10.25646/5674). Grippe-bedingte Arbeitsunfähigkeiten, Bettruhe, auch ohne Krankschreibungen, bzw. Pflegebedürftigkeit, wurden auf 5,3 Millionen (95% KI 5,1-5,5 Millionen) geschätzt. Spitzenreiter war die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen.

Die Anzahl der Influenza-bedingten Krankenhausaufenthalte wurde auf 45.000 (95% KI 42.000 – 47.000) geschätzt. 25.100 Menschen starben im Winter 2017/18 durch Influenza. Die Übersterblichkeit fiel allein für Berlin mit geschätzten 1.100 zusätzlichen Todesfällen sehr hoch aus.

Es war die schlimmste Grippesaison seit 30 Jahren. Doch kaum einen hat das derzeit interessiert. Alles lief weiter wie bisher. Kongresse. Karneval. Champions League. Mega-Konzerte für Millionen. Billigfleischmassenproduktion. Billigflugmassentourismus. Dienstreisen rund um den Globus. Schließlich kannten wir COVID-19 noch nicht.

COVID-19 in the UK: 1. Welle mit Übersterblichkeit von 43%

Besonders schlimm schlug COVID-19 in Großbritannien ein: Hier wurden der BBC zufolge zwischen dem 7. März und dem 5. Juni 2020 64.500 Todesfälle mehr registriert als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Das entspricht einer Übersterblichkeit von 43 Prozent. Etwa 52.000 der Sterbefälle konnten direkt mit Coronavirus-Infektionen in Zusammenhang gebracht werden.

Todesfälle inkl. COVID-19 in England und Wales (28. Dezember 2019 – 07. August 2020). Datenquelle: Office for National Statistics. Grafik: Dr. Karin Schumacher (@med_and_more).

Anders als die Bundeskanzlerin und promovierte Physikerin Dr. Angela Merkel ging der Journalist und britische Premier Boris Johnson angesichts der neuartigen Pandemie zunächst in den investigativen Selbstversuch. Dabei setzte er offensichtlich auf eine “Herdenimmunität”.

Der Fall Boris Johnson

Während sich in Norditalien, Ostfrankreich und Spanien bereits die Leichenberge der COVID-19-Toten hinter den Krankenhäusern stapelten, besuchte der britische Premier (55, männlich, ein paar Pfunde und Sitzungen extra + Corona-taugliche Frisur schon vor der Pandemie) weiterhin Krankenhäuser, um dort COVID-19-Patienten die Hände zu schütteln. Schließlich wusch er sich ja die Hände. Was konnte da schon schiefgehen?

Am 3. März 2020 verkündete Johnson:

“I was at a hospital the other night, where I think there were actually a few coronavirus patients, and I shook hands with everybody, you’ll be pleased to know. And I continue to shake hands with everybody.”

Oh boy! Warum hielt ihn keiner davon ab? Was tat das medizinische Personal während dieser politischen Visiten? An jenem 3. März wurden “nur” etwa zwei Handvoll neue COVID-19-Infizierte auf der grünen und feucht-frischen Insel gemeldet, auf der Millionen Schafe seit Jahrhunderten für Wolle, Fleisch und Wohlstand sorgen.

Großbritanniens berühmtester Corona-Patient

14 Tage später klang der britische Premier schon etwas anders. Zwischenzeitlich hatte er Husten und Fieber bekommen. Die Zahl der mit dem neuartigen Sars-CoV-2-Virus Infizierten steuerte in Großbritannien stramm auf 20.000 zu. Die ersten Tausend COVID-19-Patienten waren bereits tot oder sollten in den kommenden Stunden versterben. Und offenbar hatte sich nun auch der “Chief Medical Officer” zu Wort gemeldet.

An jenem 27. März 2020 erklärte Johnson:

“I want to bring you up to speed with is that I’ve developed mild symptoms of the coronavirus, that’s to say a temperature and a persistent cough. And of the advice of the chief medical officer I’ve taken a test that has come out positive. I want to thank everybody who is working to keep our country going through this epidemic and we will get through it. And the way we’re going to get through it is of course, by applying the measures that you’ll have heard so much about. And the more effectively we all comply with those measures the faster our country will come through this epidemic and the faster we’ll bounce back.”

Am 5. April und damit 10 Tage später kam Johnson wieder ins Krankenhaus. Diesmal war er selbst einer der Corona-Patienten, die stationär behandelt werden mussten.

Drei Tage verbrachte er auf der Intensivstation. Der britische Premier hatte viel Glück, wie er später zugab. Und einen großen Bonus. Schließlich kommt nicht jeden Tag ein Premierminister zur Therapie in ein Krankenhaus. Das medizinische Personal kümmerte sich nun fantastisch um ihn, er kam wieder auf die Beine und zum Regieren.

Tausende Tote später verwarf die britische Regierung das Konzept der allgemeinen Durchseuchung. Ein beispielloser Lockdown folgte, dessen Folgen sowohl das Virus als auch die Wirtschaft erst einmal lahmlegten.

COVID-19 – eine Lernkurve

Während Boris Johnson im Krankenhaus lag, hatte er Glück, dass er nicht intubiert werden musste. So bekam er Zeit zum Nachdenken. Angesichts des Verlaufs seiner Erkrankung wurde ihm klar, dass er wie viele seiner Landsleute fitter werden muss. Das Land müsse abspecken und brauche mehr Bewegung, gab er in einem BBC-Interview im Juli zu. Auch versprach er seinem Land mehr Krankenhäuser und mehr Polizisten.

Von weniger Bier war dagegen nicht die Rede. So durften auf der Insel viele Pubs Anfang Juli wieder öffnen, während Turnhallen und Fitness-Center noch bis mindestens Ende Juli geschlossen bleiben mussten.

Es bleibt eine komplizierte Gratwanderung. Denn die Pandemie ist noch lange nicht vorbei. Wir wissen noch immer viel zu wenig über Sars-CoV-2 und seine Folgen. Die Zahlen der Corona-Neuinfizierten steigen wieder, sowohl in UK als auch in Deutschland bei relativ niedrigen Todeszahlen. Doch der Herbst und damit die nächste Grippesaison haben noch nicht begonnen.

400 Jahre von Boris Johnson wurde einer der größten englischen Dramatiker, Lyriker und Schauspieler geboren: William Shakespeare (1564-1616). Dessen Benedikt wusste schon in “Viel Lärm um nichts”:

“Glücklich sind, die erfahren, was man an ihnen aussetzt, und sich danach bessern können.”

Quelle:

Datenquellen:

Weitere Corona-Literatur auf diesem Blog:

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

5 Kommentare

  1. Die wenigsten von uns haben jemals Kontaktbeschränkungen und andere Einschränkungen in ähnlichen Ausmaßen erlebt.

    Korrekt.

    Die internationalen Datenlagen werden von Dr. Webbaer gerne wie folgt webverwiesen :

    -> https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html

    -> https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps/

    -> https://www.cdc.gov/nchs/nvss/vsrr/covid19/excess_deaths.htm


    Die Datenlage ist somit klar, es wird in Anbetracht der vorliegenden Endemie, die regional als Epidemie zu betrachten ist, wenig verstorben.

    Und es gibt halt den schrecklichen Verdacht, dass sich da welche politisch ein Süppchen kochen.

    MFG
    Wb (der kein Bundesdeutscher ist und die vorhandene bundesdeutsche Chose, weil der Sprache mächtig, aus der Ferne beobachtet – keiner wie auch immer gemeinten bundesdeutschen politischen Partei an dieser Stelle ab- oder zusprechen möchte)

    • Vielen Dank für die Anmerkungen. Ich habe mittlerweile alle Teile dieser kleinen Trilogie mit den Links zur Datenlage ergänzt. 🙂

  2. Zitat:

    Es war die schlimmste Grippesaison seit 30 Jahren [der Winter 2017/18]. Doch kaum einen hat das derzeit interessiert. Alles lief weiter wie bisher.

    Ja, und das gilt nicht nur für die Grippe, so ist es doch bei fast allem, auch bei den meisten Krankheiten, Epidemien (z.B. Malaria), Umweltverschmutzungen (7 Millionen Tote pro Jahr weltweit durch Luftverschmutzung) : Einige oder je nach Einschätzung auch viele erkranken und sterben vielleicht sogar – aber das Leben läuft weiter. Lockdowns wie jetzt sind die Ausnahme und sollten es auch bleiben, denn ein längerer Lockdown ist nicht ohne schwere Folgewirkungen, Folgewirkungen, von denen einige Jahrzehnte anhalten können.

    Aktuell hat Covid-19 beispielsweise Amazon zum ultimativen Durchbruch verholfen und hat damit Konkurrenten „beerdigt“, Covid-19 hat aber auch Arbeitslosigkeit geschaffen, es hat zur Vereinsamung alter Menschen beigetragen und es hat vieles mehr an Veränderungen/Einschränkungen mit sich gebracht von dem vieles noch jahrelang nachwirken wird. Das heisst nicht, dass der Lockdown falsch war oder ist. Es heisst nur, dass ein Lockdown nicht gratis zu haben ist und dass er die Ausnahme bleiben sollte. Covid-19 ist insoweit speziell verglichen mit fast allen anderen akuten Gefahren, als das es vor allem ältere Menschen stark gefährdet. In Spanien sind 15% aller Altersheiminsassen an Covid-19 gestorben und in Grossbritannien stammen 1/4 der Covid-19 Toten aus Pflegeheimen.

    Etwas ist sicher: Epidemien/Pandemien wie Covid-19 wird es wieder und wieder geben. Wenn wir jetzt etwas lernen im Umgang mit Pandemien, dann wird uns das auch später zugute kommen, später, wenn die nächste Pandemie zuschlägt. Auch technisch/wissenschaftlich besteht nun die Chance von Durchbrüchen, die uns bei späteren Pandemien helfen könnten. Gäbe es beispielsweise bald schon billige PCR-Schnelltests, die auch schnell an neue Viren angepasst werden können, würde es möglich Pandemien viralen Ursprungs generell zu verhindern. Bei Ausbruch einer lokalen viralen Infektionskrankheit müssten dann alle Menschen, die das betroffene Gebiet verlassen wollen einen Schnelltest absolvieren, so dass nur noch falsch Negative als Überträger übrigblieben. Bei einer sehr kleinen Rate falsch Negativer wäre die Krankheit damit eingehegt.

    Diese Welt hat in meinen Augen für Optimisten mindestens so viel zu bieten wie für Pessimisten.

    • Danke, Stephan. An das Ende des Titels habe ich bewusst ein Fragezeichen gesetzt. 😉 Es kommt halt darauf an, was man zählt. Fälle und Tote bei Covid-19, Tore und (infizierte) Fans beim Fußball, (infizierte) Narren beim Karneval, belegte Intensiv-Betten, freie Beatmungsplätze… Eine endgültige „Bilanz“ wird wohl erst nach dem Ende der Pandemie möglich sein.

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