Verzicht auf Alkohol oder auf die EU – was ist besser?

Bye-bye, Britain. Um Mitternacht verlässt Großbritannien die EU. Praktischerweise endet heute Nacht auch der “Dry January”, der Monat des freiwilligen Alkoholverzichts auf der Insel. Dennoch oder gerade deswegen ein Plädoyer für den Verzicht auf den Alkohol.

Cheers auf König Alkohol

Um Mitternacht darf in Großbritannien angestoßen werden: Cheers auf die neue Freiheit. Praktischerweise geht dann nämlich nicht nur eine Ära in der EU zuende, sondern auch der “Dry January”, der Monat des freiwilligen Alkoholverzichts, an dem immer mehr Insulaner erfolgreich teilnehmen.

Alkoholfreier Januar

2018 befragten Forscher der Universität Sussex rund 800 Menschen, die am “Dry January” teilgenommen hatten.

Wenn ein neues Medikament solche Ergebnisse zeigen würde, wären Probleme wie Ärzte- und Pflegekräftemangels in Krankenhäusern und Arztpraxen vermutlich gelöst. Das wäre dann eine Gesundheitsreform, die ihren Namen verdienen würde. Damit bestünde allerdings auch die Gefahr, dass viele der bislang erfolgreich im “Gesundheitswesen” Beschäftigten plötzlich einen neuen Job suchen müssten. Doch bevor ich mit diesem Thema anfange ein Buch zu füllen, zurück zu den vorzüglichen Effekten einer vierwöchigen Alkohol-Abstinenz:

Mehr Energie bei gleichzeitigem Gewichtsverlust und besserer Konzentrationsfähigkeit zählten zu den am häufigsten genannten Folgen der Nüchternheit. Doch nicht nur das: Viele der Teilnehmenden tranken auch Monate später noch weniger Alkohol.

Studienleiter Dr. Richard de Visser von der Universität Sussex berichtet, dass die “Dry January”-Teilnehmer selbst im August noch weniger Alkohol konsumierten. Neun von zehn Befragten merkten, dass sie durch diese Verhaltensänderung Geld sparten, sieben von zehn berichteten über einen besseren Schlaf und die Hälfte freute sich über eine Gewichtsabnahme.

Selbst die Menschen, die es nicht schafften, einen ganzen Monat lang “trocken” zu bleiben, berichteten über diese positiven Effekte. Auch wenn sie bei letzterer Gruppe etwas schwächer ausfielen, lohnte sich der Dry January für alle.

Schon allein der bewusstere Umgang mit der Droge Alkohol wirkt sich positiv aus. Und noch etwas zeigt er: Wer in der alkoholfreien Zeit ständig daran denkt, nichts trinken zu dürfen oder wo er sich potentiellen Nachschub organisieren könnte, sollte seinen Konsum ernsthaft überdenken. Wenn Alkohol beginnt, eine dominante Rolle im Leben zu spielen, ist es höchste Zeit, professionelle Hilfe statt neuen Alkohol zu suchen.

Gesellschaftlich akzeptierte Volksdroge

Alkohol gehört zu unserer Kultur, wenn es gesellig oder festlich wird. Damit ist Alkohol die Gesellschaftsdroge schlechthin. Die Deutschen sind da noch besser als die Briten. So ist Deutschland vor Großbritannien, Polen und Spanien der mit Abstand wichtigste Biermarkt in Europa.

Laut Statistischem Bundesamt fließen 94 Liter Bier pro Jahr in jeden Einwohner Deutschlands.

Nur die Tschechen und Österreicher verbrauchen noch mehr Bier pro Kopf. Allerdings ist der Bierkonsum rückläufig. Die höchsten Steuereinnahmen durch Bier werden übrigens in Großbritannien erzielt: 4,1 Milliarden Euro wurden 2018 auf der Insel ersoffen, in Deutschland lagen die Steuereinnahmen aus der Biersteuer bei rund 655,33 Millionen Euro. Demgegenüber kosten die Folgen des Alkoholgenusses – Alkohol- und Tabaksucht –  Deutschland jährlich rund 60 Milliarden Euro.

Alkohol ist in Deutschland oft billiger als Mineralwasser und auf jeden Fall nahrhafter. Eine Maß Bier enthält einen Liter Flüssigkeit mit rund 470 kcal. Dazu noch ein eiweiß- und fettreiches Essen, um den Kater etwas zu verzögern – kein Wunder, das ein solcher Genuss oft schwergewichtige Folgen hat. Normales Schankbier hat einen Alkoholgehalt von etwa 4,8 Prozent, bei Wiesn-Bier sind es 6 Prozent oder noch mehr. Auch wenn europäische Männer am meisten vertragen, gibt es dennoch selbst für diese genetisch bevorzugte Gruppe kein unbedenkliches Maß für den Alkoholkonsum.

Aber ein Gläschen ist doch gesund?

Selbst zu den immer wieder beschworenen gesundheitsfördernden Effekten eines leichten bis mäßigem Rotweingenusses äußert sich Dr. Lars Møller, Leiter des Programms “Alkohol und illegale Drogen” beim WHO-Regionalbüro für Europa, kritisch:

“Denn zwar deuten Forschungsergebnisse auf ein geringeres Risiko ischämischer Ereignisse (Herzkrankheit, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes) unter leichten bis mäßigen Rotweintrinkern mittleren bis höheren Alters hin. Doch die schädlichen Auswirkungen von Alkoholkonsum übersteigen jegliche Schutzwirkung bei weitem. Ältere Menschen können durch Bewegung und gesunde Ernährung wesentlich mehr für ihre Gesundheit tun als durch Alkohol.”

Alkohol fördert das Krebswachstum und Bluthochdruck. Statistiken zeigen auch, dass Alkohol immer wieder zu Straftaten führt und damit nicht nur die Konsumenten selbst, sondern auch ihre Umgebung schädigt.

Dabei geht es auf unserem Planeten durchaus auch anders. Auch hierzu Experte Dr. Møller:

“Nur etwa die Hälfte der Weltbevölkerung trinkt Alkohol. Die Europäische Region weist von allen WHO-Regionen den höchsten Alkoholkonsum und die höchsten Raten an alkoholbedingten Schäden auf. Alkohol gehört zu den führenden Ursachen für Krankheit und vorzeitigen Tod in der Europäischen Region.”

Weniger Alkohol – das nehmen sich viele Menschen alljährlich zum Jahreswechsel vor. Doch wie das so ist mit den meisten guten Vorsätzen – die meisten von ihnen erleben den Februar nicht. Zum Schluss noch einige Tipps, wie es dennoch gelingen kann.

Trockener Februar

Ein Verzicht fällt leichter, wenn man sich seine Vorzüge vor Augen hält und dabei die Nachteile nicht vergisst, die sich aus den Folgen eines zu hohen Konsums ergeben.

Müdigkeit, Übelkeit, Unwohlsein. Wurde der Körper (mit Alkohol) vergiftet, reagiert er entsprechend mit einem “Kater”. Kleinere Sünden kann die Leber dabei durchaus noch ohne nennenswerte Folgen kompensieren. Sie macht dann halt ein paar Überstunden und wächst mit ihren Aufgaben. Leider geht die Karriere der Leber aber zu Lasten des Gehirns und anderer wichtiger Mitarbeiter im Körper.

Gründe für einen Verzicht

Auch wenn ich nicht zu den kompletten Abstinenzlern zähle, habe ich doch selbst früh gelernt, zum Alkohol meist Nein zu sagen. Das hat nicht mit Verzicht auf Harmonie und Zustimmung zu tun – ganz im Gegenteil.

Nach meiner ersten Hepatitis-B-Impfung in der Uni bekam ich eine Thrombozytopenie. Statt daraufhin zur Impfgegnerin und Patientin zu werden, verzichtete ich lieber auf Alkohol und den Rat der Hämatologen, mir die Milz entfernen zu lassen. Meine Mutter hatte mir empfohlen, meiner Leber eine Chance zu geben sich zu erholen. Sie war eine erfahrene Krankenschwester und Hebamme, die selbst eine Hepatitis B im Krankenhaus erworben und überstanden hatte. Als ich mir dann ein paar Jahre später beim Klettern ein Bein brach, waren meine Gerinnungswerte wieder so gut, dass man mir Antithrombosespritzen verordnete…

Gesundheit / Erkrankungen

Gesundheitliche Probleme sind immer ein guter Grund bzw. “Ausrede”, keinen Alkohol zu trinken. Wer sich in einer Gesellschaft befindet, die dies nicht versteht bzw. toleriert, sollte eh seine Beziehungen überdenken. Wer krank ist, sollte keinen Alkohol trinken. Auch wer Medikamente einnimmt, belastet seine Leber schon genug und braucht nicht noch mehr unerwünschte Nebenwirkungen.

Alkohol und Kinderwunsch / Schwangerschaft

Wer einen Kinderwunsch hegt oder schwanger ist, sollte eh komplett auf Alkohol verzichten. Hier reichen schon geringste Mengen, um ein neues Leben für immer zu schädigen. Alkohol und Kinderwunsch vertragen sich nicht. Wer nicht schon vor einer Schwangerschaft auf Alkohol verzichten kann, muss den Kinderwunsch so lange verschieben, bis das Konsumverhalten unter Kontrolle ist.

Gewicht

Wer abnehmen will, hat ebenfalls eine gute Ausrede, auf Alkohol zu verzichten. Auch wer zunehmen will, sollte lieber auf andere Kalorienquellen zurückgreifen. Für beide Gruppen gilt: Es gibt ja zumindest in Deutschland mittlerweile schon recht schmackhaftes alkoholfreies Bier. Ein halber Liter alkoholfreies Pils bringt es auf etwa 120 kcal und damit etwa die Hälfte eines normalen Biers. Zuckerhaltige Limonaden liegen locker darüber und sind zudem auch nicht so gesund wie alkoholfreies Bier, das meist isotonisch und damit ein ausgezeichnetes Sportler-Getränk ist. Nein, auch Muskeln regenieren durch alkoholische Getränke nicht schneller, wie gern in manchen Sportlerkreisen angenommen, sondern langsamer.

Fazit

Wir leben in einer Kultur, in der Alkohol zum Leben gehört. Gerade deswegen ist ein bewusster und verantwortungsvoller Umgang mit dieser gesellschaftlich akzeptierten Droge lebenswichtig. Wer regelmäßig 100 g Reinalkohol pro Woche konsumiert, verkürzt sein Leben erheblich. Das entspricht etwa zwei Litern Bier oder knapp 0,75 l Weißwein. Dies berichtete im April 2018 ein internationales Forschungskonsortium in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet.

Wer zu viel Alkohol trinkt, den erwartet normalerweise kein schöner Tod. Mit steigendem Alkoholkonsum steigt das Risiko für Schlaganfälle, Herzversagen, tödliche Aneurysmen und Bluthochdruck. Allerdings beobachteten die Forscher auch in dieser Studie das bekannte Phänomen, dass moderater Alkoholkonsum mit weniger Herzinfarkten einherging. Dennoch stellen die Ergebnisse der Wissenschaftler die weitverbreitete Annahme infrage, dass sich moderater Alkoholkonsum günstig auf Herz-Kreislauferkrankungen auswirkt.

“Weniger ist mehr”

“Weniger ist mehr” oder wie die Briten sagen: less is more. Das gilt vor allem für Alkohol. Probiert es einfach mal aus. Cheers auf den Verzicht!

Wer immer noch zögert, dem sei beispielsweise dieses Video empfohlen:

Titelfoto (Credit: Dr. Karin Schumacher):

Kostenloses Getränkeangebot in der Charité in Berlin. Es handelt sich um Wasserflaschen, auf denen Lebensweisheiten des Schriftstellers und Apothekers Theodor Fontane (1819-1898) stehen. Eine davon lautet:

“Es ist und bleibt ein Glück, vielleicht das Höchste, frei atmen zu können.“

Quellen / weiterführende Literatur:

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

10 Kommentare

  1. Guter Beitrag. Ja, Weniger ist Mehr. Aber Nichts ist auch problematisch, denn Nichts bedeutet eine andere Welt, eine andere Kultur. Alkohol gehört zur europäischen Kultur und das darf auch so bleiben. Es darf so bleiben, denn im europäischen Verständnis ist Alkohol nicht das Getränk für den Alltag, sondern das Getränk für besondere Anlässe – und die gibt es typischerweise weniger als einmal im Monat.

  2. Die Allwissende verweist als Urheber der Kampagne auf eine Organistion namens Alcohol Concern; eine vergleichbare Organistaion scheint es in Deutschland nicht zu geben.

    Die höchsten Steuereinnahmen durch Bier werden übrigens in Großbritannien erzielt: 4,1 Milliarden Euro wurden 2018 auf der Insel ersoffen, in Deutschland lagen die Steuereinnahmen aus der Biersteuer bei rund 655,33 Millionen Euro.

    Das hängt natürlich an den Steuersätzen, die in Deutschland absurd niedrig sind. Auf einer Flasche Bier liegen in Deutschland knapp 5 ct Biersteuer. In UK liegt der Satz beim Zehnfachen.
    Dies hat in der Vergangenheit (bis gestern, lol) zu erheblichen Betrugsfällen geführt.

    Allerdings sollte man sich davor hüten, die Steuerhöhe und den Verbrauch in einen ursächlichen Bezug zu setzen, wie eine Studie ausweist

  3. “Es ist und bleibt ein Glück, vielleicht das höchste, frei atmen zu können.”

    Doch nur sehr wenige können das, in einer Welt- und “Werteordnung” des “gesunden” Konkurrenzdenkens im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um hauptsächlich Kommunikationsmüll.

  4. Mein Verstand lobt ihren Kommentar und mein innerer Schweinehund wird spätestens heute abend alles wieder kritisieren – wenn er sein Bier haben will.

  5. Zitat:

    Wenn ein neues Medikament solche Ergebnisse zeigen würde, wären Probleme wie Ärzte- und Pflegekräftemangels in Krankenhäusern und Arztpraxen vermutlich gelöst.

    Kaum. Im islamischen Kulturraum ist Alkohol verboten, doch gesünder scheinen mir die Menschen dort nicht zu sein. Zudem: Europa ist heute schon viel,trockener als noch vor 30 Jahren.
    Und jetzt kommt es – das, was ich eigentlich schreiben wollte: Weniger Alkohol bedeutet ein längeres Leben (abstinente russische Männer leben 6 Jahre länger als Wodka-Helden) und je länger man lebt, desto mehr Gelegenheit hat man, krank zu werden. Gesünder und länger leben bedeutet bei der heutigen Medizin auch: Länger leben trotz chronischer Krankheit.

    Fazit: Den Krankenschwestern und Krankenpflegern, den Ärzten und dem Personal in den Pflegeheimen geht die Arbeit nicht so schnell aus. In Deutschland gab es gemäss de.statista.com im Jahre 2000 4 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen und 5.5 Millionen im Jahr 2017. In meinen Augen ein geradezu beängstigender Anstieg. Die Deutschen sind sicherlich nicht um soviel süchtiger oder kränker geworden.

  6. Europa hat sein Alkoholproblem schon weitgehend gelöst und im Griff. Das zeigt vor allem der Vergleich zur unmittelbaren Vergangenheit. Noch vor 30 Jahren waren in Frankreich die besten Leberspezialisten beheimatet, denn dort gab es auch am meisten Fettlebern, Leberzirrhosen und Leberkrebs – alles alkoholbedingt. Heute ist das anders und die Franzosen trinken weniger. Noch einen stärkeren Bruch mit Alkohol als Volksdroge hat Russland hinter sich. Der Wodkakonsum bei Männern ist deutlich zurückgegangen und die Lebenserwartung von männlichen Russen parallel dazu um 6 Jahre gestiegen.

    Jetzt, wo die grössten Gefahren des Alkohols schon weitgehend gebannt sind, wird aber fast mehr darüber geredet, kommuniziert und in die Prävention und in Kampagnen investiert als vor 30 Jahren, als Europa noch ein echtes Alkoholproblem hatte.
    Das hängt auch damit zusammen, dass das Gesundheitsbewusstsein stark gestiegen ist und damit, dass die Ausgaben für das Gesundheitswesen steigen (10% des BIP im Jahr 2000) und steigen (11.5% des BIP im Jahr 2017) und steigen (+4.7% im Jahr 2017). Wenn aber der Anteil der Gesundheitsausgabem am BIP schon steigt, dann steigen die absoluten Ausgaben gemessen in Milliarden pro Jahr, noch viel stärker, denn die deutsche Wirtschaft wächst ja. Ein Teil dieser immer stärker wachsenden Gesundheitsausgaben geht in die Prävention was den paradoxen Effekt hat, dass die Präventionskampagnen einen Höhepunkt erreichen obwohl die Krankheiten, die es zu verhindern gilt, bereits ihren Höhepunkt überschritten haben.

    Gerade aktuell liest man im SPON Zahl der Krebsfälle wird sich weltweit fast verdoppeln. Doch dieser Titel täuscht, denn Krebs wird ja immer häufiger geheilt oder aber die Überlebenszeit steigt stark. Tatsächlich nimmt Krebs bei den 35 bis 70 Jährigen als Todesursache nur deshalb zu, weil die Herz-Kreislauferkrankungen nun erst in viel höherem Alter zur Todesursache werden. Heute überlebt ein 40-jähriger den Herzinfarkt mit grosser Wahrscheinlichkeit und er hat durch eine gesündere Lebensweise auch seltener einen Herzinfarkt. Die Wahrscheinlichkeit mit 40 an Krebs zu erkranken, die hat sich aber kaum verändert. Sie ist zwar relativ klein, aber falls die Diagnose Krebs im Alter von 40 gestellt wird, kann dieser Krebs gar nicht so selten nicht geheilt werden – und das trotz den phänomenalen Erfolgen der gerade enstehenden Krebsimmuntherapie. Grund: Die Krebsarten, bei denen Krebsimmuntherapie zu spektakulären Erfolgen führt, sind nicht die häufig vorkommenden Krebsformen (Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs), sondern es sind eher seltene Krebsarten wie das Melanom, verschieden Krebserkrankungen des Blutsystems oder aber bestimmte Untergruppen von Brustkrebsen, Untergruppen, die durch bestimmte Krebsgene charakterisiert sind und zu denen die häufigsten Brustkrebsformen gerade nicht dazu gehören.

    FAZIT: In Europa wird weniger getrunken und geraucht als vor 30 Jahren und die Herzkreislauferkrankungen wurden ins höhere Alter verschoben. Dennoch: Auch heute noch sterben alle Europäer (oh Schreck o Graus) und wenn sie heute weniger an den Folgen von Alkoholismus und Arteriosklerose sterben, dann sterben sie an etwas anderem. Und nicht selten ist dieses Andere heute entweder Krebs oder aber Alzheimer ( wobei Alzheimer in Deutschland keine offizielle Todesursache ist).

  7. Zitat aus obigem Beitrag:

    Wer zu viel Alkohol trinkt, den erwartet normalerweise kein schöner Tod.

    Ja, aber auch Nicht-Trinker erwartet vielleicht nicht ein schöner Tod (ist Krebstod oder Demenztod schön?).

    Gestern sah ich eine TV-Dokumentation Trinkerekinder – Der lange Schatten alkoholkranker Eltern.
    FAZIT: Alkohol zerstört nicht (nur) ein einzelnes Leben. Er zerstört ganze Familien und schafft es bis in die nächste Generation – und vielleicht auch die übernächste.

  8. Vielen Dank für die Kommentare, Anmerkungen und wertvollen Ergänzungen.

    Natürlich ist kein Mensch allwissend – das sollte uns das Leben gelehrt haben. Nicht einmal Ärzte sollten versuchen, Gott zu spielen. Das sollten wir uns jeden Tag erneut bewusst machen, danke für die Erinnerung.

    Wir müssen alle irgendwann sterben und können uns unser Sterben in der Regel nicht aussuchen, auch wenn das in unserer modernen Welt allzu gern verdrängt wird. Im Rahmen des zehnjährigen SciLogs-Jubiläums haben wir hierüber hier und auf ZEIT Online ja ausführlich diskutiert.

    Dies zeigt aber auch, wie wertvoll jedes einzelne Leben ist und wie wichtig die Frage: Wie können wir schaffen, dass jeder bestmöglich leben möchte und kann?

    Die kognitive Verhaltenstherapie funktioniert nach dem Prinzip, schädigende Verhaltensmuster erkennen zu lernen, sie zu stoppen und durch neue, passendere zu ersetzen. Allerdings hilft es wenig, beispielsweise den Genuss von Alkohol völlig zu verbieten (wie im Islam), wenn dieses Verbot dann zu anderen, schlechten bzw. noch schlechteren, Gewohnheiten führt. Menschen sind diesbezüglich ja sehr kreativ.

    Auch stark zuckerhaltige Speisen aktivieren das Belohnungssystem, ähnlich wie Alkohol oder andere Suchtstoffe. Interessant, wenn auch erschreckend, ist diesbezüglich der Anstieg der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bereits im Kindes- und Jugendalter. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2004 zeigt Schwankungen der Prävalenzraten von weniger als 5% in Afrika und Teilen Asiens bis über 20% in Europa und über 30% in Amerika und einigen Ländern des Nahen Ostens (Lobstein, Baur & Uauy, 2004: “Obesity in children and young people: a crisis in public health”.Obesity Reviews, Volume 5, Issue s1, 4-85).

    Laut Statistischem Bundesamt starben die Menschen in Deutschland 2017 am häufigsten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (37%). Danach folgen mit rund einem Viertel der Todesfälle die Krebserkrankungen: Männer sterben vor allem an Lungen- und Bronchialkrebs, Frauen vorwiegend an Brustkrebs. Welchen Einfluss werden Rückgang und Veränderung des Rauchverhaltens als Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs in Zukunft tatsächlich spielen? Wir wissen, dass auch beim Brustkrebs Lebensstil- und Ernährungsgewohnheiten (einschließlich Alkoholkonsum) eine wesentliche Rolle spielen. Bessere und frühere Therapiemöglichkeiten lassen die Patientinnen heute meist nicht mehr am Tumorleiden, sondern oft (viele) Jahre später an therapiebedingten Folgeerkrankungen, z.B. des Herz-Kreislaufsystems sterben.

    Es gibt also noch viel Stoff für weitere Artikel und spannende Diskussionen…

    • Danke für die Übersicht. Zur erwähnten Zunahme von Übergewicht und Adipositas möchte ich noch anmerken, dass ähnlich wie beim Alkoholkonsum kulturelle Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Es ist also nicht so, dass zunehmender Wohlstand automatisch mit stark steigender Adipositas einhergeht, nein, es gibt auch bei ähnlichem Wohlstand grosse Unterschiede zwischen den Ländern. Das zeigt etwa die Statistik zu Anteil der Erwachsenen mit Fettleibigkeit in ausgewählten OECD-Ländern im Zeitraum der Jahre 1990 bis 2015. In Japan sind im Jahr 2015 nur gerade 3.7% adipös während es in den USA 38.2% sind. Zudem wird es wie beim Alkoholkonsum irgendwann auch wieder einen Rückgang der Fettleibigkeit geben – und man beobachtet das bereits: In Deutschland hat die Adipositas zwischen 2009 und 2015 noch einmal deutlich zugenommen (von 15% auf 23%) , während sie in Italien zwischen 2009 mit 10% Adipösen und 2015 mit 9% Adipösen bereits im Rückgang ist.

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