Schneewittchen oder was wir in Märchen über Medizin lernen können

Es war einmal – ein schönes Waisenkind und dessen hartherzige und skrupellose Stiefmutter. Immer wieder tauchen diese Figuren in den Märchen der Brüder Grimm auf. Doch warum, und was hat das überhaupt mit Medizin zu tun?

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Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt’ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Als die Brüder Grimm Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Gegend streiften und die bis dahin oft nur mündlich überlieferten Märchen aufzeichneten, war das Land voller Wittwer. Logischerweise gab es auch viele Waisenkinder und Stiefmütter. Ursache war das Kindbettfieber, an dem damals viele leibliche Mütter kurz nach der Geburt starben. Denn immer mehr Frauen bekamen ihre Kinder nicht mehr zu Hause, sondern in Krankenhäusern oder Gebäranstalten. Die Ärzte benutzten damals noch keine Kittel und Handschuhe. Auch wenn es für uns heute ziemlich eklig klingt, wuschen sie sich zwischen Leichenuntersuchungen und Entbindungen meist nicht die Hände, so dass sie massenweise Keime verschleppten.

1280px-Southworth_&_Hawes_-_First_etherized_operation_(re-enactment)Blick in einen Operationssaal aus dem Jahr 1847. Die Ärzte operierten damals in ihrer normalen Straßenkleidung. Sie kannten noch keine Hygiene oder Antibiotika. Daher starben viele Patienten an Entzündungen. Aufnahme von Southworth & Hawes.

1846, kurz bevor die Gebrüder Grimm die letzte Ausgabe ihrer Märchen veröffentlichten, begann ein junger österreichisch-ungarischer Arzt seine Arbeit an der ersten Wiener Klinik für Geburtshilfe: Ignaz Philipp Semmelweis. Die Klinik bestand aus zwei Abteilungen: Die eine wurde von Ärzten und Medizinstudenten geleitet, für die andere waren Hebammen verantwortlich. Nach kurzer Zeit fiel dem Assistenzarzt Semmelweis auf, dass die meisten Frauen gerade dort starben, wo Ärzte und Medizinstudenten für die Patientinnen verantwortlich waren. Seltsamerweise überlebten mehr junge Mütter, wenn sie ihre Kinder in der von Hebammen geleiteten Abteilung bekamen.

Dann starb sein Freund Jakob K. Kolletschka, nachdem er sich als Gerichtsmediziner bei der Arbeit an einer Leiche verletzt hatte. Jakob zeigte bei seinem Tod die gleichen Zeichen einer Blutvergiftung, die auch die sterbenden Mütter aufwiesen.

In seiner Trauer forschte Semmelweis nach möglichen Ursachen. Offensichtlich mussten “Leichenteile” in das Blut seines Freundes gelangt sein und eine Erkrankung hervorgerufen haben. Das erschien logisch, denn viele Ärzte wechselten damals zwischen Sezier- und Operationssaal, ohne sich zwischendurch die Hände zu waschen und sich umzuziehen.

Also startete Semmelweis einen Versuch und setzte 1847 durch, dass sich die Ärzte ihre Hände waschen und desinfizieren mussten. Prompt sank die Sterblichkeit unter den Patientinnen dramatisch. Ende gut, alles gut, könnte man meinen. Doch weit gefehlt.

Im Märchen bekommt Schneewittchen bald eine Stiefmutter – eine hübsche, aber auch eitle und neidische Frau. Da sie die Schönheit ihrer Stieftochter nicht ertragen kann, beauftragt sie einen Jäger, das Kind umzubringen. Zum Beweis ihres Todes verlangt sie Schneewittchens Leber und Lunge. Aber der Mann bringt es nicht über sein Herz, das flehende Kind zu töten und liefert der Königin stattdessen Lunge und Leber eines Frischlings.

Auch der junge Doktor Semmelweis erntete wenig Lob für seine bahnbrechenden Erkenntnisse. Ganz im Gegenteil: Die ehrwürdige Ärzteschaft wollte nicht wahrhaben, dass ausgerechnet sie es sein sollte, die den Tod der Frauen zu verantworten hatte. So bekam auch Semmelweis die Folgen von Eitelkeit und Neid zu spüren und wurde schließlich von seinen Kollegen in die Landesirrenanstalt in Wien verbannt – als Patient. Dort verstarb der geniale Arzt am 13. August 1865 an einer Wundinfektion – gerade der Erkrankung, um deren Verhinderung er viele Jahre so hart gekämpft hatte. Er wurde nur 47 Jahre alt.

Schneewittchen flieht in den Wald und kommt bei den sieben Zwergen unter. Dort führt sie den kleinen Bergarbeitern den Haushalt und ist nun tagsüber immer allein. Längst hat der Zauberspiegel der Königin verraten, dass ihre verhasste Stieftochter doch noch am Leben ist und sich bei den Zwergen aufhält. Dreimal zieht die böse Stiefmutter nun als Händlerin verkleidet los, um das Mädchen zu ermorden. Auch wenn Schneewittchen äußerst naiv ist und sich jedes Mal von den schönen Angeboten verführen lässt, gelingt es den Zwergen zweimal, das Mädchen gerade noch rechtzeitig zu retten. So können die Zwerge einen zu eng geschnürten Riemen entfernen und erkennen auch den vergifteten Kamm in ihrem Haar. Erst beim dritten Attentat bleibt Schneewittchen leblos liegen, nachdem es die rote Hälfte eines vergifteten Apfels verschluckt hat.

Schneewitchen_(1)Das einsame Waisenkind Schneewittchen kann keinem verlockenden Angebot widerstehen.
Illustration von Carl Offterdinger. Aus: Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Zwerge trauern so sehr um das Mädchen, dass sie es in einen gläsernen Sarg legen, den sie auf einen Berg im Wald stellen. Dort wird es immer von einem Zwerg bewacht, und die Tiere im Wald können es betrauern. Eines Tages reitet ein Königssohn vorbei und verliebt sich in die scheinbar tote Prinzessin. Er bittet die Zwerge, ihm den Sarg mit dem schönen Mädchen zu überlassen, da er ohne sie nicht mehr leben könne. Die Zwerge haben Mitleid mit dem Prinzen und erfüllen ihm schweren Herzens seine Bitte.

Als der Sarg auf das Schloss des Prinzen getragen wird, stolpert einer der Diener, und der Sarg fällt zu Boden. Durch den Sturz rutscht das Apfelstück aus Schneewittchens Hals. Sie erwacht, heiratet den Prinzen und lädt sogar die Stiefmutter zur Hochzeit ein. Diesmal erkennt diese zu spät, dass es sich bei der Braut um ihre verhasste Stieftochter handelt. Die böse Frau muss ihre Füße in glühende Eisenpantoffeln stecken und so lange darin tanzen, bis sie tot umfällt.

Schneewittchen hat mehr Glück als Doktor Semmelweis. Denn für ein Apfelstück, das in der Speiseröhre feststeckt – egal ob vergiftet oder nicht – gilt normalerweise eine uralte medizinische Regel: Über einem verschluckten Fremdkörper soll die Sonne weder auf- noch untergehen! Doch das ist eine andere Geschichte, und Schneewittchen ist ja auch nur eine Märchenfigur.

Heute wird Ignaz Semmelweis als Vater der modernen Antisepsis (griechisch wörtlich “gegen Fäulnis”) anerkannt und geehrt. Auch wenn er seinen späten Ruhm nicht mehr erlebte, retten seine Erkenntnisse immer noch täglich vielen Menschen das Leben.

Schließlich werden in den Zeiten der Patchwork-Familien Stiefeltern heute zu “Bonuseltern”, zumindest wenn es gut läuft. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Soviel ist jedenfalls klar: Und wenn wir nicht gestorben sind, so können wir auch jetzt noch viel aus Märchen und Sagen lernen, egal wie alt wir sind.

Blick in einen modernen Kreißsaal:

Literatur:

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Trota von Berlin schrieb (18. Februar 2015):
    > […] Heute wird Ignaz Semmelweis als Vater der modernen Antisepsis (griechisch wörtlich
    “gegen Fäulnis”) anerkannt und geehrt.

    Bekanntlich hat Semmelweis seine
    (erfolgreichen) Versuche mit Chlorkalk durchgeführt.

    Wäre (war?) eigentlich der damals verfügbare “Schnaps” dafür nicht (oder nur weniger) geeignet gewesen?

    Man kennt (kannte?) doch den Rumtopf

  2. Vielen Dank für die Anmerkungen und Ergänzungen. Wer weiß, vielleicht hätte Ignaz Semmelweis mit Alkohol tatsächlich mehr Erfolg gehabt – gerade auch bei seinen Kollegen? Sicher ist jedenfalls, dass er im Umgang mit seinen Kollegen nicht gerade diplomatisch war, egal ob aus Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit, Trauer, Protest über das Nichtverständnis oder anderen Charakterschwächen. Auch er war wie wir alle ein Mensch mit Stärken und Fehlern. Heute wissen wir, dass wir soziale Kompetenzen trainieren können und müssen, doch dafür hat Semmelweis wohl leider in der falschen Zeit und Umgebung gelebt.
    Katzen scheinen uns da übrigens einiges voraus zu haben: “Die charmante Strategin”. Anmut und Rafinesse, aber auch pfiffige Intelligenz und enorme Anpassungsfähigkeit – das ist das Erfolgsrezept der Katze. Martin Vieweg, BdW 12/2010, S. 29.

  3. Da kann man sich als werdende Mutter heutzutage sehr glücklich schätzen, wenn es in den Kreißsaal geht! Wobei auch heute nicht ganz die Schmerzen genommen werden können, aber sobald man das kleine Glück in den Händen hält, ist jeder Schmerz vergessen!

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