Omi war immer „da“ – Elisabeth Horn, geb. Preetz (1930 – 2017)

Liebe Omi,

noch immer kann ich es nicht so ganz fassen, dass Du gegangen bist – denn solange ich überhaupt denken kann, warst Du immer da. Und das meine ich nicht nur in einem allgemeinen Sinne: Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören die Sommerferien auf Eurem Bauernhof, auf dem meine Schwester Melanie und ich – alleine oder mit anderen Kindern – stundenlang spielen, lesen und träumen durften; und doch immer wussten, dass Du „da“ warst, meist nur ein Zimmer oder ein paar Meter entfernt, wenn wir Kinder Dich brauchten. Oder wenn wir Hunger hatten, oder Lust auf Bienenstich, oder auf eine Geschichte am Kachelofen. Ich habe Dich neulich gefragt, wie Du das gemacht hast, immer „da“ zu sein, ohne uns das Gefühl zu geben, kontrolliert zu werden. Du hast gelächelt und gesagt: „Ach, wenn man liebt, dann geht das schon.“

Opi, Du und Franz, Ihr wart irgendwie immer „da“ in Jeggau. Das einzig Traurige war, dass wir zwar mit unserer Mutter – Deiner Tochter – kommen konnten, nie aber auch mit unserem Vater, Deinem Schwiegersohn. Wegen „versuchter Republikflucht“ hat ihn das DDR-Regime nie mehr einreisen lassen. Und da hatten Melanie und ich einmal die grandiose Idee, Du könntest doch einfach Dein Fahrrad nehmen und uns mal besuchen kommen! Wir haben nicht verstanden, warum Du damals geweint hast; aber wir haben gespürt, dass etwas mit dieser Welt nicht stimmen kann, wenn Großeltern ihre Enkel nicht besuchen dürfen.

Nach der Rente ließen sie Euch endlich ausreisen – nur die Höfe, die wunderschönen Bauernhöfe Eures Lebens und unserer Kindheit musstet Ihr dem Regime noch verkaufen. Doch endlich wart Ihr bei uns und gerade Du, Omi, warst ganz „da“, hast die Jahre so vieles nachgeholt: Den Urlaub im Ausland, die Schiffsreisen, die Konzerte von Hansi Hinterseer (mit unserer Mutter, Deiner Tochter – und viel Schunkeln! 🙂 ), die Familienfeiern, hier das Geburtstagsfest eines Urenkels. Und da auch Deine Ansage: „Bitte, nennt mich nicht Uroma. Ich bin die Omi und der Fritz ist der Opi. Alle einverstanden?“ Klar, waren wir!

Franz und Opi, in der Mitte die Omi. Du warst immer ganz besonders „da“, liebe Omi. Und Du fehlst uns schon jetzt. Foto: Zehra Blume

Liebe Omi, gemeinsam mit Opi bist Du auch der (evangelischen) Kirche treu geblieben, als dies in der DDR noch diskriminiert, ja verfolgt wurde. Aber gleichzeitig war Euer Glauben lebensnah und undogmatisch. „Der Gott ist ein Guter. Aber deswegen darfste nicht alles glauben, was der Pfarrer sagt.“, war so ein Spruch, den ich mir zu Herzen genommen habe. Mama erzählte wieder und wieder die Geschichte, wie Du die Mutter Oberin der katholischen Krankenschwesterschule zu mehr Freiheiten für die Schwesternschülerinnen gebracht hast. „Nun hören Sie mal: Meine Tochter will Krankenschwester werden, nicht Nonne. Wenn sie abends ausgehen möchte, dann lassen Sie sie ausgehen.“

Erst neulich habe ich das Kaffee in Halle besucht, in das Mama damals Deinetwegen „ausgehen“ durfte und habe Euch Schokolade davon mitgebracht. Und wurde dafür mit ein paar Geschichten belohnt, die ich noch nicht kannte.

Auch meine Verlobte, später Frau Zehra – türkischer Herkunft, muslimisch – hast Du von Anfang an ins Herz geschlossen. Als Ihr das erste Mal gemeinsam Plätzchen gebacken habt, habe ich begriffen, wie vielfältig (und wie lecker!) Frieden sein kann. Ausgrenzungen und Anfeindungen, wie sie manche „gemischten“ Paare auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis leider noch immer erleben müssen, hast Du nie zugelassen. „Es gibt gute und böse Menschen überall!“, hast Du gewusst und sogar eine Türkei-Reise unternommen. Unvergessen Dein legendärer Kommentar zur Aufschrift im Dolmus-Kleinbus: „One person 10 Lira – Ohne Person kostet auch schon was?“

Trauerkarte & -anzeige für unsere Omi. Foto: Michael Blume

Du warst traditionell, aber immer auch neugierig. Das Internet fandest Du zum Beispiel ganz praktisch. Den Falko mit seinen Basteleien und verrückten Ideen hattest Du sehr geliebt – und als Du damals meinen Abschiedstext zu ihm, meinem Vater gelesen hat, hast Du geweint und gelobt. „Da hast du ihn ja immer bei dir, Junge! Das finde ich aber mal gut!“

Ich habe das als Auftrag genommen, deswegen schreibe ich heute. Denn bestimmt schaut Ihr gerade gemeinsam zu.

Liebe Omi, ich bin dankbar, dass wir uns voneinander verabschieden konnten. Und dann kam diese liebe Krankenhauspfarrerin dazu und fand die richtigen Worte. „Frau Horn, das ist ja Ihr Enkel! Sie haben Kinder, Enkel und Urenkel – und viele davon in der gleichen Stadt! Frau Horn, Sie sind eine reiche Frau!“

Da hast Du gegen alle Schmerzen gelächelt und genickt und meine Hand gedrückt. „Ja, an Liebe bin ich reich.“

Du konntest zuhause sterben, warst noch ein letztes Mal mit und für uns „da“. Und als Du gegangen warst, hast Du uns ein großes, tiefes Rätsel hinterlassen – wie Du selbst reich an Liebe werden und uns zugleich alle so damit beschenken konntest. Du hast es gelebt: Das Gute wird immer mehr, wenn man es teilt.

Und wenn ich Dich noch hätte fragen können, wie man das macht – dann weiß ich genau, was Du lächelnd gesagt hättest: „Ach, wenn man liebt, dann geht das schon.“

Danke, dass Du gelebt und geliebt hast, Omi.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderbarer Text. Er hat mich sehr berührt und mich zum Weinen gebracht.
    Da meine Großeltern leider in jungen Jahren gestorben sind, konnte ich die Gefühle sehr gut verstehen. Denn meine haben meiner allein erziehende Mutter geholfen mich aufzuziehen.
    Vielen Dank für diesen Text-

  2. Die Omas sind die gute Seele der Gesellschaft. Auch in den Märchen ist die Großmutter meistens die Gute.
    Sie glänzt nicht mit Wissen aber mit Lebensklugheit. Die Großväter werden nicht erwähnt !
    Ob sie religiös sind oder waren, das ist uninteressant, nur dass sie für andere da waren , das zählt.
    Das sollte uns zu denken geben.

    • Beziehen Sie das **ob sie religiös sind oder waren, das ist uninteressant, nur dass sie für andere da waren, das zählt** auf die Großmütter oder -väter?

      Könnte man auch sagen: Ob sie religiös sind oder waren ODER NICHT ist uninteressant, nur dass sie für andere da waren zählt? So im Sinne von dass man auch für Andere da (od. auch ein anständiger Mensch) sein kann ohne religiös (schöpfergottgläubig) zu sein ..

      Mit **das sollte uns zu denken geben** meinen Sie, dass es auch noch andere (gute) Werte (Verhaltensweisen) gibt als Religiosität oder („nur“) für Andere da zu sein – oder?

      Lieber Herr Blume: Ihnen mein Beileid zu dem Verlust.

  3. Axel Krüger,
    alle Ihre Aussagen wegen religiös treffen zu. Ich möchte das offen lassen. Ein praktizierender Christ kann menschlich gesehen durchaus unreligiös handeln. Ein Mensch ohne Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft kann sich als „religiös“ herausstellen, die Entscheidung darüber steht nur Gott zu.

  4. Der Kollektivismus, gleich welcher Bauart, ist verbrecherisch, K-Probe :

    Nach der Rente ließen sie Euch endlich ausreisen (…)

    Opi Webbaer hatte mit Zeitzeugen zu tun, die bei des „Führers“ Machtergreifung 55 Jahre alt waren, wie auch heute noch Stalinisten (hoffentlich: ehemalige – ganz klar muss dies nicht werden) zu pflegen.
    MFG
    Dr. Webbaer

    • Oh ja, @Webbaer. Alte und auch behinderte Menschen galten gerade im real existierenden Sozialismus nicht viel, wurden gerne an den Westen und die Kirchen „abgegeben“. Auch aufgrund solcher Erfahrungen bin ich gegenüber allzu billiger „Kapitalismuskritik“ eher skeptisch. Meine Großeltern wurden im Sozialismus ausgebeutet und in der sozialen Marktwirtschaft in Würde und Freiheit aufgenommen.

      • Janz jenau, Herr Dr, Michael Blume, auch die Frau ist im seinerzeit real existierenden Sozialismus ausgebeutet worden, Feminismus und Ableger sind sozialistisch / kollektivistisch grundiert, vgl. :
        -> https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Frauentag


        Es ging den sozialistischen Bewegungen aber seinerzeit nicht um Gleichberechtigung, die sozialistischen Spitzen blieben sehr weitreichend männlich bestückt, sondern um sozialistische Produktivität.


        Was an sich natürlich verwerflich ist, allerdings würde der Schreibär dieser Zeilen auch die bekannte bundesdeutsche Dame, die zwar sprechen, aber nicht reden kann, niemandem an den Hals wünschen.
        Schämt euch!

        MFG + schöne Woche noch,
        Dr. Webbaer

  5. Ich bin mir nicht sicher ob ich diesen Text überhaupt kommentieren soll.
    Ich hoffe ich komme nicht anstandslos rüber.
    Dies ist ein sehr persönlicher Text, aber Sie haben ihn immerhin publiziert.

    Ich verfolge Ihr publizistisches Tun schon seit einigen Jahren, ich kann mich immer an Ihrer Arbeit erfreuen und finde dort reichhaltige intellektuelle Nahrung, aber es ist schon erstaunlich wie solch ein persönlicher Text alles andere übertrifft, denn er betrifft imho das Wesentliche im Leben.

    Alle meine Großeltern sind schon seit einigen Jahren tot und dieser Text war nochmal eine besondere Gelegenheit über sie nachzudenken.
    Großeltern sind etwas sehr besonderes, wie viel man doch von ihnen lernen kann und von welcher Qualität.
    Grade diese Generation hat in ihrem Leben viele Dinge erleben müssen, die heute hier unvorstellbar sind. Die vielen Geschichten über den Krieg, die Gefangenschaft, aber auch über gute Dinge wie Menschlichkeit und Barmherzigkeit sind ein reicher Schatz aus dem ich auch immer noch schöpfe.

    Die Mutter meines Vaters, zum Beispiel, hat immer in höchsten Tönen von der russischen Landbevölkerung gesprochen, die selbst kaum etwas zum Leben besaß, aber den deutschen Gefangenen immer noch etwas von ihrem Hab und Gut, und vor allem ihrem Essen abgab.

    Man kann viele Dicke Bücher über unseren christlichen Glauben schreiben.
    Man kann viele stundenlange Predigten halten.
    Doch am besten erlebt man Christus immer noch in unserem täglichen Leben, in der Praxis, ganz ohne Hintergedanken, ohne Labels, ohne alles.
    Nur die höchsten 2 Gebote: Liebe Gott von ganzem Herzen und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

    Fremde die sich in der Stadt in spontanen Situationen helfen.
    Menschen die sich um Bedürftige kümmern, erstmal ganz gleich aus welcher Motivation.
    Oder eben eine liebende Großmutter.

    Das Zitat der Krankenhauspastorin hat mich zutiefst berührt und diese Wahrheit, die sie ausgesprochen hat sollte man sich immer wieder vor Augen halten.
    Liebe, Hoffnung, Familie, Freunde, Freude, all das ist Reichtum der größer ist als Dagobert Duck ihn sich jemals erträumen könnte.

    Ich hoffe, dass diese Gedanken nicht zu weit gingen und, dass nichts allzu unverschähmt ist.
    Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie dies hier veröffentlicht haben, es hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie viel Kraft für die Trauer, aber auch die Zuversicht die wir durch Gott erfahren dürfen.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie den Segen Gottes in Ihrem Leben, mögen Sie, wenn Sie in vielen vielen vielen vielen Jahren zum himmlischen Vater gerufen werden, ebenso reich sein wie Ihre Großmutter es jetzt war.

    Leben Sie lang und in Frieden,

    Stefan Schmidt

    P.S.: Ich stelle mir grade vor wie unsere Großeltern sich „oben“ getroffen haben und jetzt Freude daran haben zu sehen, wie der eine Enkel (ich) die Arbeit des anderen Enkels (Sie) verfolgt. Vielleicht infantil und naiv? Aber ziemlich tröstlich, hoffnungsvoll und aufmunternd wie ich finde.

    • Vielen Dank für Ihre so freundlichen Zeilen, @Stefan Schmidt, die mich genau heute am Tag der Beerdigung erreichen.

      Der Nachruf auf meinen Vater entstand damals 2012 spontan, weil ich am Tag seines Todes weit weg an einer Hochschule war. Die Reaktionen waren sehr positiv und bis heute haben wir einen „digitalen Gedenkort“ für ihn.

      Und warum eigentlich sollten Wissenschaftler verschweigen, dass auch sie selbst Menschen sind, die zutiefst durch geliebte Menschen geprägt wurden? Was ist das für ein Bild von Wissenschaft, in dem von Forscherinnen und Forschern verlangt wird, dass sie so tun, als gäbe es Glaube, Hoffnung und vor allem Liebe in ihrem Leben nicht?

      Mir sind jene, die über Menschliches die Nase rümpfen, längst egal. Die Familie war in meinem Leben wichtiger – und in Ihrem Leben offensichtlich auch!

      Mit Dank und herzlichen Grüßen!

      Michael Blume

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