Rätsel des Jenaer Pancosmus

Bilddetail des historischen Jenaer Schlosses

Der nicht mehr erhaltene begehbare Jenaer Himmelsglobus “Pankosmus” steht nachwievor unter Diskussion bei den Technikhistorikern und Heimatforschern zur Frühen Neuzeit. Bevor ich hier weitere Sichtweisen teile, fasse ich kurz zusammen. 

Anlässlich des Jubiläums des Projektionsplanetariums (erfunden von Bauersfeld in der Firma Zeiß) hatte ich letztes Jahr die jahrtausendelange Vorgeschichte von Himmelsscheiben, Sakralbauten, Analog-Computern, begehbaren Himmelsgloben in Europa und Asien und Orreries erzählt. Ich hatte auch erwähnt, dass diese ganz unterschiedliche Kommunikationsziele hatten: sie stellten z.B. das ptolemäische, newtonsche oder aristotelische Weltbild dar. Im Jenaer Standard-Narrativ kommt in dieser Geschichte auch stets der Weigel-Globus zur Sprache: ein begehbarer Globus, den es in den 1660er bis 1690er Jahren gegeben hat. Ich hatte zuerst zum aktuellen Forschungsstand zum Weigel-Globus den Artikel von Kratochwil 2011 zusammengefasst und dann den Gegenentwurf von Rössaak publiziert. 

Kratochwil zitiert einen Bericht von Weigel an den Herzog, nachdem der Professor mit Studenten und Schaulustigen auf dem Dach des neuen Stadtschlosses die Sterne beobachtet hätte. Kratochwil (wie viele vor ihm) verweist auf Bilder von diesem Schloss, auf dem klar eine Armillarsphäre (“Ring-Kugel”) zu erkennen ist, und unterschreibt das Bild “der viel 100.ce schwere eiserne Globus” (ein Globus wäre analog in historischer Terminologie eine “feste Kugel”). Das ist die historische Bildunterschrift für dieses Detail (Nr. 14) in dem Stich von 1674. 

Bilddetail des historischen Jenaer Schlosses
aus Kratochwil 2011

Will man die im Bild sichtbare Armillarsphäre mit dem Pankosmus-Globus gleichsetzen, muss man behaupten, dass dieses Bild der Stadt (das ein Jahrhundert später datiert) einen unvollständigen, unfertigen oder teildemontierten Zustand des Objekts zeigt: Die Armillarsphäre könnte von außen mit Kupferblechen verkleidet werden und dann durchaus einen Globus abgeben – aber dann würde man von außen die Ringe nicht mehr sehen. Sie müssten innen gewesen sein, denn sie haben für Astronomen wichtige Funktionen (z.B. das Koordinatensysteme), so dass ein begehbarer Globus, auf den die Planeten tagesgenau aufgesteckt werden können, nur sinnvoll wäre, wenn die Koordinatenringe innen wären. Andererseits wäre eine Armillarsphäre, die mit Visiereinrichtung auch als Beobachtungsinstrument gedient haben könnte, mit einer Globusverkleidung (egal, ob innen oder außen) auch nicht mehr zum Beobachten nützlich: man könnte ja nicht mehr hindurch schauen. 

Hier tun sich also schon auf den ersten Blick zahlreiche Ungereimtheiten auf. Man muss sich entscheiden, ob man (wider der Offensichtlichkeit) zwei Darstellungen in zwei unterschiedlichen Stadtpanoramen aus späterer Zeit als Globen statt Armillarsphären interpretieren möchte. Dazu könnte es dienlich sein, die Funktion dieses Objekts zu klären (Himmelsbeobachtung wie in Sternwarten oder Visualisierung in der Lehre wie in Planetarien). 

Die Details zu den Objekten (Globen und Armillarsphären) müssen also separat konstruiert werden: genau das ist die Arbeit von Technikhistoriker:innen. Zum Weigel-Globus gibt es zahlreiche Aufzeichnungen von Weigel selbst, seine Dokumentationen zur Konstruktion und zur Nutzung in der Universitätslehre, aber auch von anderen im Zusammenhang mit der Schenkung dieses Globus an den dänischen König 1696, wodurch er mit dem Globus von Gottorf verglichen werden kann. …

Dazu werde ich im nächsten Post ausführen. 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), Hefei (China)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

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