Weigels Pancosmus (Jena, 17. Jh.)

Gastbeitrag von Tor Eigil Rössaak
(private Zusendung, aber auch bereits publiziert in Globusfreund No. 64/65 (2018) S. 152–153, dort aber nicht im Inhaltsverzeichnis, sondern unter “Rezension”)

Der Darstellung von Stefan Kratochwil zufolge (siehe Zusf.) bestand der 1696 in Kopenhagen gebaute Pancosmus  aus “mehreren ineinander geschachtelten” Kugeln, von denen “die innere 10 Schuh (etwa 3 m) und die äußere 32 Schuh (etwa 10 m) im Durchmesser” betragen haben.

Das ist natürlich ein Missverständnis. Wie aus der Beschreibung Marpergers hervorgeht, bestand der Kopenhagener Pancosmus aus einer einzigen Kugel mit einem (inneren) Durchmesser von 10 Fuß (oder “Schuh”), nicht mehr und nicht weniger. Das, was eine Größe von 32 Fuß hatte, war das besonders für den Pancosmus gebaute und ihn umgebende kleine Gebäude, in Marpergers Beschreibung “Garten-Haus” genannt. (Der Pancosmus wurde im Garten des Schlosses Rosenborg errichtet.)

32 Fuß war – nach Marperger – auch die Weite des den Globus umgebenden “weiten Horizonts”. Die Konstruktion des Pancosmus umfasste zwei aus Holz gebaute Horizonte, “schön angestrichen und gemahlt”: einen näheren (Durchmesser 12 Fuß) und einen ferneren. Letzterer, auf dem die Zuschauer spazieren und die Außenseite des Globus betrachten konnten, reichte offenbar bis an die Wände des Globushauses. Von derselben Größe – 32 Fuß im Durchmesser – war nämlich auch “das achteckige Prisma, als der innere Platz des Garten-Hauses”.

Man kann daraus folgern, dass das Gebäude eine achteckige Form hatte. Der Raum über dem Globus bildete eine “achteckige zugespitzte Cavität”, die “den gantzen Himmel rings herumb” repräsentierte. Die Worte Marpergers, dass “des Hauses hohe Decke über dem Pancosmo einen völligen Globum Astrognosticum von 32 Schuhen in Diametro” vorstellte, mögen zum Missverständnis Herrn Kratochwils geleitet haben.

Tor E. Rössaaks Skizze des Weigel-Globus

Die abgebildete Skizze ist als ein Versuch zu betrachten. Sein Hauptzweck ist, die Größenverhältnisse und die Platzierung eines Zuschauers im Verhältnis zum Globus zu veranschaulichen. (Mein Zuschauer – adaptiert aus einem Kupferstich von Johann Dürr – ist etwa 5¾ Fuß hoch.) Die Schrägstellung der Achse, 56º, entspricht in etwa der Polhöhe von Kopenhagen. Der schraffierte Teil umfasst jenes Gebiet des Firmaments, dessen Sterne “den Copenhagnischen Horizont niemahls übersteigen”. Dieses Segment – auch “Complimentum” oder “Porta Caeli” genannt – konnte abgenommen werden und bildete dann die Öffnung für Zuschauer.

Zentral ist die Frage: Was war die Höhe der Globuskugel über dem Boden? Die vom näheren Horizont herabhängenden “Nacht-Courtinen”, die für die Verdunklung des Inneren sorgen sollten, waren nach Marperger 8 Fuß lang. Ich habe daraus gefolgert, dass die Höhe des Horizonts über dem Boden 8 Fuß war.

Gegen diese Rekonstruktion kann man einwenden, dass der Zuschauer wohl eine bessere Sicht haben würde, wenn sein Kopf sich etwas höher, näher dem Mittelpunkt des Globus befände. Also entweder die Globuskugel etwas niedriger oder der Zuschauer etwas höher platziert wären. Von einem erhöhten Podest o.ä. ist aber keine Rede – im Gegenteil: “Unten ist der Platz gantz frey, das schmale Postement des Globi ausgenommen”. (Das “Postement” war aus Holz und wird als “wolckenhafft” und bemalt beschrieben; das für die Umdrehung sorgende “Leit-Seil” lief über am Postement befestigte Rollen.)

Offen bleibt die Frage, wie der Pancosmus in richtiger Position über dem Boden gehalten wurde.

Referenzen 

  • Stefan Kratochwil: Der ‘Pancosmos’ von Erhard Weigel (Der Globusfreund Nr. 57/58, 2011, S.11-21).
  • P.J. Marperger: Kurtze Beschreibung des (. . .) von (. . .) Erhard Weigelio (. . .) den 4. Octobr. 1696 (. . .) offerirten Pancosmi, oder Gross-Bilds der Welt (Ploen 1697).

Nachtrag 

Im Dezember 2023 veröffentlichte der ehemalige Leiter des Zeiss-Planetariums Jena, Herr Dr. H. Meinl, im Blog dieses Planetariums eine weitere Ergänzung zu diesem Thema.

Er hebt auf die Diskrepanz der Darstellung einer Armillarsphäre auf dem Schlossdach in historischen Darstellung versus dem behaupteten Globus ab und stellt wunderbar dar, was ich letztes Jahr schon beim Zusammenschreiben von Planetariumsvorläufern für die Münchener Centennial-Ausgabe vermutet hatte – aber ich hatte leider keine Zeit, das zu erforschen. Gut so, denn es wurde ja offenbar schon von anderen gemacht! 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als (Kultur)Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), Hefei (China)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

5 Kommentare

  1. Das hätte ich gerne gesehen – gibts etwas Vergleichbares auch noch im 21.Jhdt? Und schönen Dank fürs Bekanntmachen mit etwas faszinierendem Neuen!

  2. Vielleicht sollten Sie noch erwähnen, dass sich der Gastbeitrag auf ihren Blog vom 4. Oktober “Das Wünderchen von Jena” bezieht. Er steht sonst etwas unvermittelt in der Gegend rum.

    • alle Beiträge stehen unvermittelt in der Gegend herum. Dieser hier bezieht sich nicht (unmittelbar) auf meinen Beitrag, sondern ist – wie geschrieben – ein Kommentar zu Kratochwils Artikel 2011 gewesen, den mir der Autor zugeschickt hat, nachdem ich mit ihm auf einer Tagung darüber gesprochen hatte. Um dies publizieren zu können, musste aber erstmal eine Zusammenfassung dessen, worauf er sich bezieht, her. Das Thema des Beitrags steht schließlich in der Überschrift.

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