Dubai, Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate – Das Arabien der Zukunft?

Schon vor Jahren haben uns liebe, süddeutsche Freunde, die in Dubai bei einem Autokonzern arbeiten, zu sich eingeladen. Mit drei Kindern ist das nicht einfach und erforderte auch einiges Sparen, doch in den Faschingsferien konnten wir es nun endlich möglich machen. Für mich persönlich spielte dabei auch eine Rolle, dass ich nach den Erfahrungen im Irak auch die Vereinigten Arabischen Emirate kennenlernen wollte, von denen ich bis dahin nur viel gelesen hatte. Die Föderation aus sieben traditional-autoritären Monarchien mit inzwischen über neun Millionen Einwohnern hatte sich 1971 nach dem Abzug der Briten gebildet und wird maßgeblich von den beiden größten Emiraten – dem ölreichen Abu Dhabi und der inzwischen zur Metropole gewachsenen Fischer- und Handelsstadt Dubai – bestimmt. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelten sich die VAE, politisch angelehnt an die USA und Saudi-Arabien, zu einem Knotenpunkt zwischen dem Westen einerseits und Indien sowie China andererseits. Obwohl die Geburtenrate auch in den Emiraten bereits unter 2,1 gefallen ist, wächst das Land durch Zuwanderung und steigende Lebenserwartung noch weiter.

Und meine Tochter brachte unser Staunen mit einer Frage auf den Punkt: “Haben wir gerade die Zukunft besucht?” Modernste Technologie, großzügiges Wohnen, Sauberkeit und Sicherheit, gesellschaftliche und religiöse Toleranz, fahrerlose Metro im 2-Minuten-Takt, das höchste Gebäude der Welt – der Burj al-Khalifah – und ein buchstäblich unerschöpfliches Angebot an Freizeit- und Kulturangeboten stellen Arabien-Klischees auf den Kopf.

Blick von der riesigen Dubai Mall zum Burj al-Khalifah bei sommerlichen Temperaturen im Februar. Foto: Michael Blume

Finanziert wird das Ganze bislang durch die massiven Öleinnahmen und umgesetzt durch Gastarbeiter; von überwiegend asiatischen (indischen, pakistanischen, philippinischen usw.) Arbeitern und Dienstleisterinnen (“Maids”, die u.a. putzen, kellnern, kochen und Kinder betreuen) mit befristeten Arbeitskontrakten bis zu Lehrenden und Managern aus buchstäblich allen Erdteilen, die auch ihre Familien nachholen dürfen. Nur noch rund 15% der Einwohner von Dubai sind Einheimische (sog. Nationals), die anderen 85% sind Ausländer (sog. Expats), teilweise in zweiter und dritter Generation.

Eher keine Minderwertigkeitskomplexe. Alleine der Dubai Airport – einer von mehreren Flughäfen in den VAE – fertigt jährlich über 80 Millionen Flugreisende ab, unter anderem mit einer eigenen Metro. Foto: Michael Blume

Ein YouTube-Reisebericht von Jörg Rausch.

Politisch handelt es sich um einen Bund traditionaler Erbmonarchien auf Basis eines Deals: Wer sich den Regierenden fügt, darf am Wohlstand teilhaben. Wer jedoch aufbegehrt oder – manchmal überstreng ausgelegte – Regeln verletzt, wird aus dem Land gewiesen oder eingesperrt. Hochmoderne Kamera- und Kommunikationsüberwachungen sowie auch digital hochgerüstete Sicherheitskräfte (sogar ein erster “Robocop”) sorgen für ein extrem hohes Sicherheitsniveau, in dem die – seltenen – Opfer von Diebstählen sogar staatlich entschädigt werden. Als gefährlichste und unerbittlich verfolgte Gegner der Emire gelten dabei die ebenfalls sunnitischen Muslimbrüder, als deren Ausläufer auch Al-Qaida, der IS und andere Terrorgruppen gedeutet werden sowie der schiitisch geprägte Iran. Dagegen setzen die VAE auf ein pragmatisches Bündnis mit den USA und Saudi-Arabien, pflegen aber auch selbstbewusste Beziehungen zu China und Indien. Kurzfristig haben die VAE daher wenig politische Unruhe zu befürchten, aber natürlich stellt sich die Frage, ob und wie es nach dem Ölzeitalter weitergehen soll.

Öl-Rentierstaatlichkeit mit Augenzwinkern. Mottokarte, Foto Michael Blume

Während früher durchaus gespottet wurde, dass sich die VAE allzu leichtfertig saudi-arabischen Vorgaben unterwerfe, hat sich das Bild in den vergangenen Jahren differenziert: Viele meinen, dass sich der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nun stärker ein Vorbild an seinem emiratischen Kollegen Mohammed bin Zayed nehme, der auf eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung setzt: Wenn die Öleinnahmen an Bedeutung verlieren werden, dann müssten eben die Milliarden schon jetzt in Handel, Tourismus, Bildung und Technologien investiert werden. Und tatsächlich erreichte alleine Dubai 2017 mit 16 Millionen Touristen einen neuen Besucherrekord – davon eine halbe Millionen aus Deutschland, aber auch über zwei Millionen aus der indischen Mittel- und Oberschicht.

Eine “französische” Einkaufs- und Restaurantstraße, festlich geschmückt für das chinesische Neujahrsfest. Foto: Michael Blume

Die Ausrichtung auf Investionen, Tourismus und Handel gehen dabei mit einer pragmatischen Toleranz einher: Frauen mit Gesichtsschleiern gehen neben solchen im knappen Dress, an den Stränden mischen sich Beduinenkleidung und Bikinis, die Vielfalt der Hautfarben und auch Religionen wird in eigenen Themenparks wie dem “Global Village” sogar bewusst – etwa mit Buddhastatuen und Kreuzen – zelebriert. Zu den Gebetszeiten wird die Musik heruntergeregelt, danach gehen die Spiele weiter.

Jubel bei einer Monstertruck-Show in der “Global Village” Dubai. Besonders beliebt ist eine afroamerikanische Fahrerin, die im Faustkampf mehrere Männer niederstreckt. Foto: Michael Blume

Der Islam ist Staatsreligion, wird jedoch gleichzeitig streng kontrolliert als eine Angelegenheit privater Spiritualität gedeutet. Es gibt deutlich weniger Moscheen als in anderen islamisch geprägten Ländern, doch diese sind dafür exquisit ausgestattet und nur lizensierten Predigern zugänglich.

Die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi ist die achtgrößte Moschee der Welt und bis in Details von überwältigender Pracht. Für Besucher gibt es einen eigenen Rundweg, zu den Freitagsgebeten kommen Zehntausende. Von der Innenausstattung stammt viel aus Deutschland, die riesigen Leuchter zum Beispiel aus Bayern. Foto: Michael Blume

Ergänzt wird die Pflege der Religion mit massiven Investitionen in Bildung und Kultur, die auch globalen Standards standhalten soll. So ist der neue Louvre in Abu Dhabi keineswegs nur eine oberflächliche Kopie des Pariser Originals, sondern ein architektonisch und auch wissenschaftlich anziehender Magnet für täglich Tausende nationaler und internationaler Besucher.

Unter einem gewaltigen Kuppeldach versammeln sich Ausstellungshäuser und ganze Stockwerke, beispielsweise mit einem “Museum für Kinder”. Foto vom neuen Louvre in Abu Dhabi, Michael Blume

Inhaltlich führt der Präsentationsweg dabei durch 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte auf dem neuesten Stand der Wissenschaft und führt von den Venus-Figurinen der Steinzeit bis zu den heutigen Weltreligionen und säkularen Künsten, ohne dabei Überlegenheiten zu behaupten. Mit religiösen Fundamentalismnen oder engstirnigen Nationalismen hält sich diese Kultur- und Wissensstätte einfach gar nicht mehr auf.

Weibliche Darstellungen des Göttlichen im neuen Louvre Abu Dhabi. Foto: Michael Blume

Natürlich fragen sich auch viele Einwohnerinnen und Einwohner der Vereinigten Arabischen Emirate, ob der Übergang zu einer Post-Öl-Wirtschaft gelingen kann. Noch immer wird der Großteil aller Güter importiert, sind für den Erhalt und die Bewässerung der Anlagen in der Wüstenregion enorme Ausgaben notwendig und wird es zwischen Mai und Oktober so heiß, dass sich das menschliche Leben in klimatisierte Innenräume verlegen muss. Das Preisniveau für praktisch alle Güter – außer Benzin – ist damit sehr hoch. Aber gerade auch die Bürgerkriege und Terrorgruppen in der Nachbarschaft haben jene Stimmen gestärkt, die vor einer nur verschleudernden “halbierten Moderne” warnen und dafür plädieren, die Ölgelder “jetzt” in die Zukunft zu investieren. Auch die Einführung einer Mehrwertsteuer von fünf Prozent wird als erster Steuerschritt gedeutet, die Abhängigkeit von den Öldollars langsam zu verringern.

Das Finanzministerium der VAE in Dubai überwacht inzwischen auch die Erhebung der ersten Mehrwertsteuer in Höhe von (zunächst) fünf Prozent. Foto: Michael Blume

Könnten die Vereinigten Arabischen Emirate eine Antwort auf die Krise der islamischen Welt gefunden haben? Werden sich die Erbmonarchien zu öffnen verstehen, wenn aus abhängigen Bürgerinnen und Bürgern sowie aus den wirtschaftlich entscheidenden Gastarbeitern zunehmend Steuerzahler werden? Millionen auch muslimischer Einwohner und Touristen diskutieren diese Fragen, wenn bisher auch eher leise. Haben wir nur eine kurze Blüte oder ein Modell mit Zukunft gesehen? Ich sagte meiner Tochter, dass dies noch nicht feststeht, wir aber das Beste hoffen (und unterstützen) sollten.

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Als Ergänzung ohne Anspruch auf Repräsentativität die Beobachtungen eines Einsenders zu ‘fefes blog‘:

    Wenn er einen Gastarbeiter dort zitiert mit…

    “ich frage mich warum eure politiker mit ihrem massiven polizeiaufgebot wo immer sie unterwegs sind so eine angst um ihr leben haben. Bei uns fährt der scheich oft genug selber im eigenen auto ohne irgendeine eskorte, der hat keine angst vor attentätern, weil ihn alle lieben, auch wir gastarbeiter.
    Was machen eure also falsch?”

    … dann sieht mir das nach einem Rentier (i.S.d. -Theorie aus). (Und nach einem der seltenen tatsächlich existieren Fälle von Trickle-Down-Effekt).

    Aber weil…

    “Was allerdings bildung angeht, da sind die viel weiter als bei uns, bildung ist dort extrem wichtig.
    Der staat zahlt alles, incl. hefte, stifte etc, nachhilfe, wenn das not tut, 1x im jahr gibts ferien und ansonsten hast du vormittags und nachmittags schule, auch schon die grundschüler.
    Da wird auf wissensvermittlung wert gelegt und nicht auf ewige zeitkostenende diskussionen über sozialverhalten und ethik, das nehmen dort noch die elternhäuser wahr, schon um nicht selber schlecht dazustehen.
    Wenn du ein auslandssemester machen willst, dann auch das, sogar samt unterkunft, uni-gebühren, büchern ect, wenn du ein folgestudium machst z.b. facharzt, das ebenfalls der staat fördert bildung wo es nur geht, da spielt geld dann keine rolle, hauptsache man braucht keine spezialisten vom ausland, sondern zieht sich seine wissenselite selber groß und ist damit dann nicht mehr auf andere angewiesen.”

    … wird das wohl in 1-2 Generationen nicht mehr so sein.

    • Vielen Dank für die Anmerkung, der ich soweit zustimmen kann (auch in der ggf. euphorischen Verklärung autoritärer Herrschaft – diese gibt es wirklich). Und die Förderung von Bildung auch im Ausland erlebte ich im Gespräch mit einer frisch verheirateten Emirati, die in Berlin studiert und dort neben Deutsch und Betriebswirtschaftslehre auch Französisch gelernt hatte. Ihr Mann war Airbuspilot. Bildungsaufstieg wird gefordert und gefördert.

    • Dasja drollig. Es gibt in den großen Weiten des Internets mindestens noch eine Spinner außer mir, der sowohl Fefe wie Herrn Blume als Stammlesezeichen im Browser hat. Gruß! 🙂

  2. Money talks.

    Ketzerisch angefragt hierzu :

    […] Gastarbeiter; von überwiegend asiatischen (indischen, pakistanischen, philippinischen usw.) Arbeitern und Dienstleisterinnen (“Maids”, die u.a. putzen, kellnern, kochen und Kinder betreuen) mit befristeten Arbeitskontrakten […]

    Kafala, gell? Stimmt’s?
    Hatten Sie bei Ihrem Besuch dort ebenfalls einen “Sponsor”?

    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

    • Lieber @Webbär,

      ja, Varianten des Kafala-Systems gelten auch in den VAE vor allem für Hausbedienstete – aber nicht für Angestellte internationaler Unternehmen und auch nicht für Touristen. Wir brauchten also keinen “Sponsor” und haben selbstverständlich auch unsere Reise selbst finanziert. Auch wenn es recht teuer ist, kann ich nur empfehlen, dieses arabische Entwicklungsmodell einmal selbst in Augenschein zu nehmen. Schließlich zahlen alle Fahrer von Verbrennungsmotoren die Ölrenten ohnehin mit… 😉

    • Lieber @Omnivor,

      schon klar, dass Sie auf diesen Fall gleich aufspringen – und verschweigen, dass die Frau später freigesprochen wurde.

      Es liegt mir fern, das VAE-Rechtssystem zu verteidigen – auf die immer noch bestehenden Probleme habe ich hingewiesen. Zugleich darf ich aber auch zur Arroganz neigende Landsleute darauf hinweisen, dass auch unser deutsches Rechtssystem tragische Fälle wie Jörg Kachelmann und Gustl Mollath hervorgebracht hat. Und dass gerade auch die von vielen “Islamkritikern” so verehrten Regierungen in Ungarn, Polen und Russland sogar besonders stark gegen die Unabhängigkeit der Justiz vorgingen.

      Vielleicht wollen Sie über die “Rechts”-Wahrnehmungen in Ihrer Medienblase ja nochmal nachdenken?

      • @ Michael Blume

        Und dass gerade auch die von vielen “Islamkritikern” so verehrten Regierungen in Ungarn, Polen und Russland sogar besonders stark gegen die Unabhängigkeit der Justiz vorgingen.

        Etwas off-topic, aber man muss immer wieder darauf hinweisen:

        Die Justiz in Deutschland ist formal nicht wesentlich unabhängiger als in den zitierten Staaten:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Richterwahlausschuss

        Der Europarat mahnt schon lange an, dass Deutschland endlich ein unabhängiges Justizsystem umsetzen soll.

  3. Danke für den Bericht und die Anregungen, lieber Herr Blume.
    Es bleibt vieles offen, aber eine gewisse Hoffnung ist spürbar.
    Da ging es Ihnen offensichtlich ähnlich wie mir.

    • Oh ja, @Alisier – Hoffnung und auch Spannung. Diese echte Welt ist an sich viel interessanter und auch spannender als jeder 0815-Verschwörungsglauben… 🙂

      Ihnen Danke für die Rückmeldung! 🙂

  4. Vielen Dank für den interessanten Bericht. Die Scheich Zayid Moschee sieht in der Tat beeindruckend aus. Und die Pariser Elfenbeinmadonna vom späten 13. Jh. ist auch sehr schön.

    Das größte Problem für die VAE könnte der Klimawandel werden. Offenbar fehlt ja weltweit ein glühendes Verlangen, die globale Erwärmung zu bremsen. Wir sind noch auf dem Weg , dass es in diesen Regionen sehr unangenehm werden könnte.

    http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2015-10/klimawandel-persischer-golf-hitze-unbewohnbar-studie

    Auch das tolle Museum von Jean Nouvel scheint mir etwas zu knapp über dem Wasser errichtet, selbst wenn es dort keine Stürme gibt, irgendwann schwappt das Wasser ins Foyer.

    • Das ist richtig, @Paul Stefan. Auf meine Fragen, warum denn keinerlei Anstrengungen im Bereich der erneuerbaren Energien und vor allem der Solarenergie und Elektromobilität sichtbar wären (die sich für einen Wüstenstaat ja anböten), wurde mir erklärt, die VAE investierten schon, hätten aber Probleme mit Sand auf den Solarpaneelen…

      Ich sehe hier viele Elemente des sog. Carbon Bubble am Werk: Die fossilen Rohstoffe werden rausgehauen, solange es irgend geht. Nicht gut i.S. Klimawandel…

  5. Kleine Nachfrage noch zu Ihrer Rentierstaaten-Theorie, Herr Dr. Blume :
    Vgl. mit :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Erdöl/Tabellen_und_Grafiken#Nach_L%C3%A4ndern

    Wenn der “Westen” gezielt mit stabilen Diktaturen der Art Saudi-Arabien, VAE, Kuwait, Katar und Oman kooperiert, weil die ihre Frömmler (für Sie womöglich : “Islamisten”) insbesondere auch aus Eigeninteresse vor Ort klein halten, müsste er doch realpolitisch alles richtig machen, sofern ein Deal der Art geschlossen werden kann, dass diese Staaten ebenfalls den Export von Geldern durch Einzelpersonen für die internationale Verbreitung von Frömmlertum klein halten.
    (Was, mangels Rechtsstaatlichkeit, möglich sein müsste.)

    So dass dann bestimmte Rentierstaaten sozusagen natürliche realpolitische Partner des “Westens” wären?
    So dass dann Donald J. Trump, der seinen ersten Auslandsbesuch Saudi-Arabien gewidmet hat, was dort se-ehr gut ankam, haben Sie mal die Videos vom Empfang gesehen? (die sind im “Westen” ein wenig verborgen gehalten worden, haha, Trump soll ja medial schlecht aussehen), nicht falsch liegen muss mit seiner neuen Realpolitik?

    Stimmen Sie weiterhin der Sicht zu, dass insgesamt nur (zynische >:-> ) Realpolitik angebracht ist bei dem, was aus Sicht einiger zu Deutschland gehören soll?

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Danke für die präzise und interessante Frage, @Webbaer!

      Ich würde sagen, dass es zum Realismus in „Realpolitik“ gehört, die Instabilität von Rentierstaaten zu beachten. So etwas wie „stabile Diktaturen“ kann es gerade dann nicht geben, wenn die Herrschenden über die Renteneinnahmen immer dekadenter und korrupter werden, zugleich jeden Dialog mit der jeweiligen Opposition vermeiden.

      Der Zusammenbruch des westlich protegierten Schah-Regimes und später auch der Öl-Imperialismus des ebenfalls (wiederum gegen den Iran) protegierten Saddam-Regimes sind m.E. nur die deutlichsten Beispiele katastrophal gescheiterter Realpolitik aufgrund einer falschen Beurteilung von Rentierstaaten. Damit zog und zieht der Westen den Hass der jeweiligen Opposition auf sich, die letztlich nur auf Gewalt, Terror und Putsch setzen kann.

      Wirklich „realistisch“ wäre es dagegen m.E., die Instabilität von Rentiersregimen einzupreisen und jene Regime bzw. Flügel zu stärken, die sowohl wirtschaftlich wie politisch das absehbare Ende der Renteneinkommen beachten (und also zum Beispiel Reformen und Dialoge wagen). Zudem sollte durch die entschiedene Förderung erneuerbarer Energien und Elektromobilität die Abhängigkeit von Rentiersregimen verhindert und deren Reformprozesse (if any) befördert werden.

      Also: Es ginge m.E. noch deutlich klüger und realistischer als Trump…

  6. Keep Calm we still have oil sagt ja eigentlich alles – oder mindestens sehr viel. Der zur Schau gestellte Reichtum in den Vereinigten arabischen Emiraten beruht eben weiterhin auf dem Öl (Zitat Wikipedia: Die VAE besitzen die siebtgrößten Ölvorkommen der Welt), auch wenn die Investitionen in Bildung, Forschung und Freizeit noch so gross sind. Wenn die Öleinnahmen wegfallen muss dieses Modell aber selbsttragend werden. Dann könnte es durchaus sein, dass selbst die in den VAE-Schulen erworbene Bildung zu nicht mehr reicht als in Portugal oder Spanien, ja das ist sogar wahrscheinlich. Immerhin haben die Vereinigten Arabischen Emirate nur gerade 10 Millionen Einwohner. Ein so kleines Land kann eine Nische besetzen wie etwa Tourismus oder Banking (die VAE als Banken der islamischen Welt). Noch viel wichtiger für die Zukunft der Vereinigten Arabischen Emirate ist aber das Umfeld in dem es existiert. Die Wahrscheinlichkeit für Unruhe in naher und sogar weiterer Zukunft halte ich für sehr gross. In Naher Zukunft sind das die konkurrierenden Machtansprüche der Saudis und Iraner, die sogar Krieg bringen können und in weiterer Zukunft sind es die wegfallenden Öleinnahmen nicht nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten sondern auch in Saudiarabien. Wenn Saudiarabien von den Öleinnahmen abgeschnitten wird könnte das allein schon einen Aufstand der saudischen Jugend auslösen und dieser könnten sich auf die ganze arabische Welt ausdehnen.

  7. Kein Modell für Arabien, völlig andere Voraussetzungen. Was für Joguslawien Tito war, sind hier das Öl und die pseudomoderne Fassade.
    Wenn das mal wegfällt, könnte auch das gesamte Gebilde zerfallen, selbst wenn der Übergang zu anderen Wirtschaftsformen gelingen sollte.
    Vor allem mit den 85% Einwanderern hat man sich ein übles Ei ins Nest gelegt, über kurz oder lang werden die dazu übergehen, die einheimische Randgruppe zu unterdrücken, wenn dieser die Ressourcen ausgehen.

    Entweder diese Kleinstaaten gehen nach dem Öl in einem größeren arabischen Staat auf, was die einzige Chance für die Einheimischen sein dürfte, oder Bürgerkriege zerstören sie von innen.

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