Auf den Spuren des Methusalem-Codes

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Laut Heiliger Schrift wurde Methusalem 969 Jahre alt. Bis ins hohe Alter zeugte er Kinder. “Wie hat der Kerl das bloß geschafft?”, mag man sich fragen. Wissenschaftler fanden jetzt heraus, dass bestimmte Muster im Erbgut die Chancen erhöhen, ein biblisches Alter zu erreichen.

Den Altersrekord der Neuzeit hält die Französin Jeanne Calment mit einem immer noch stolzen Alter von 122 Jahren. Als sie 1997 starb, blickte sie dabei nicht einmal auf ein besonders gesund geführtes Leben zurück: Sie liebte Portwein und hatte fast ihr ganzes Leben lang geraucht.

Wie kommt es, dass manch einer trotz Alkohol, Nikotin und Fressexzessen gesund bleibt und auch noch steinalt wird, während die Mehrheit der Bevölkerung trotz Diäten, Sport und teuer Medizin herum kränkelt? “Das muss an den Genen liegen”, seufzt so mancher resigniert und vielleicht auch etwas neidisch. Wissenschaftler konnten jetzt beweisen, dass diese Vermutung stimmt.

Der Mediziner Tom Perls und seine Kollegen von der Universität Boston verglichen das Erbgut von Methusalems Nachfahren mit dem von jüngeren Menschen und veröffentlichten ihre Ergebnisse jetzt im Fachmagazin Science. Aus diesem Anlass berichtete auch spektrumdirekt bereits über “Die Geheimnisse der Hundertjährigen“.

Glanzleistung der Genforschung

Während die meisten Wissenschaftler bisher mit der Erforschung bestimmter Kandidaten-Gene quasi die Nadel im Heuhaufen suchten, wählte das Team um Tom Perls und Paola Sebastiani einen anderen Weg: Mithilfe der “Genome-Wide Association Study”, kurz GWAS genannt, einer Kombination aus epidemiologischen Studien und Genom-Analysen, untersuchten die Forscher über das ganze Genom verteilte kleinste genetische Veränderungen und korrelierten diese mit epidemiologischen Daten.

Die Wissenschaftler analysierten 300.000 Stellen im Genom von 801 um die 100-jährigen Amerikanern und suchten nach Unterschieden im Vergleich zu dem Erbmaterial von 926 jüngeren Menschen. Auf diese Weise entdeckten sie insgesamt 150 winzige Unterschiede im Genom, die so genannten “single nucleotide polymorphisms”, kurz SNPs. An diesen Stellen unterschieden sich die Uralten besonders häufig von den Normalsterblichen.

Bestimmte Gencluster

Interessanterweise ließen sich diese Veränderungen bei den besonders Alten in 19 Cluster gruppieren. Jeder dieser Cluster korrelierte mit einer bestimmten Lebensdauer. Tom Perls spricht hier von “Langlebigkeits-assoziierten Varianten”. Weisen sechs oder mehr besonders alte Menschen die gleiche Teilmenge auf, ist das ein Cluster oder eine “genetische Signatur”. Es ist auch möglich, dass ein Greis nur einen Teil dieser Signaturen besitzt.

Einige dieser Signaturen waren mit den Ältesten der Studie, den mehr als 110-Jährigen assoziiert. Etwa 40 Prozent dieser “Super-Hundertjährigen” teilten bestimmte genetische Merkmale. Dagegen gingen andere Signaturen mit dem Auftreten altersbedingter Krankheiten einher.

Tom Perls und seine Kollegen gingen aber noch einen Schritt weiter. Sie testeten die 150 wichtigsten genetischen Unterschiede an einer zweiten Gruppe von Personen: 254 Amerikaner im Alter von 90 bis 114 Jahren und 314 jüngere Menschen. Auch hier konnten die Forscher mit 77-prozentiger Genauigkeit vorhersagen, ob die untersuchten Personen alt würden oder nicht.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach dem “Methusalem-Gen”. Sie haben es bislang genauso wenig gefunden wie das Gen für Intelligenz oder Kleinwuchs. Zwar hatten Kieler Forscher 2008 herausgefunden, dass eine bestimmte Variante des Gens FOXO3A besonders häufig in uralten Menschen vorkomme. Jedoch ist der Effekt eines einzelnen Gens gering. Personen mit der “richtigen” Variante des FOXO3A-Gens werden etwa 1,5-mal so wahrscheinlich 100 Jahre oder älter als Menschen ohne sie.

Krankheit und Alter – Doch alles genetisch?

Ist es also egal, wie wir leben, da unser Lebensweg sowieso bereits genetisch vorbestimmt ist? Nein, bei Durchschnittsmenschen spielen die Gene nur bis zu etwa 20 Prozent eine entscheidende Rolle. Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen, die sich gesund und nicht übermäßig ernähren, regelmäßig Sport treiben, auf Nikotin verzichten und Stress meiden, mit großer Wahrscheinlichkeit älter als 80 Jahre werden können.

Die Über-Hundertjährigen sind jedoch eine Klasse für sich. Denn erstaunlicherweise werden diese Menschen nicht nur außergewöhnlich alt, sondern bleiben dabei auch sehr gesund. Demenz, Parkinson oder Herz-Kreislauferkrankungen gibt es kaum in dieser Gruppe.

Hoffnung auf eine genetisch gesponserte Langlebigkeit besteht jedoch auch für Junge: Die Forscher stellten fest, dass etwa 15 Prozent der jüngeren Menschen Merkmale in ihrem Erbgut aufwiesen, die denen der Uralten glichen. Möglicherweise hat etwa jeder Siebte das genetische Potential, ein biblisches Alter zu erreichen, folgerten sie aus ihren Ergebnissen.

Und noch eine Entdeckung überraschte: Die Hundertjährigen unterschieden sich nicht von den Jüngeren hinsichtlich des Auftretens krankheitsassoziierter Gene. Offenbar begünstigen bestimmte genetische Varianten ein langes Leben und lassen die Krankheits-Gene daneben verblassen. Perls glaubt daher, dass ein Mensch trotz Vorhandenseins eines bestimmten Risikogens, bei gleichzeitiger Präsenz einer Langlebigkeitsvariante, dennoch sehr alt werden könne. Zukünftige Studien sollen dies beweisen.

Der Methusalem-Code: Schlüssel zur Krankheitsverhütung

Spinnt man den Gedanken weiter, ergeben sich daraus wertvolle Ansätze zu Verständnis und Therapie genmutationsbedingter Krankheiten. Was zeichnet beispielsweise eine hundertjährige Mutationsträgerin der so genannten Brustkrebsgene BRCA-1 oder BRCA-2 aus? Warum erkrankte sie nicht wie die Mehrzahl der Frauen, die eine solche Mutation aufweisen, im Alter von etwa 45 Jahren an Krebs? Bis solche Fragen beantwortet und aus ihnen praktischer Nutzen gezogen werden kann, werden allerdings wohl noch Jahrzehnte vergehen.

Ziel der Forschung soll jedoch keinesfalls ein Gentest werden, in dem jeder prüfen kann, ob er einmal seinen hundertsten Geburtstag feiern wird oder besser sein Geld beizeiten ausgeben soll. Stattdessen geht es den Forschern um das Verständnis der genetischen Basis eines hohen Alters – als Grundlage für Strategien, damit mehr Menschen in Zukunft gesünder alt werden können.

Der Science-Podcast zum Thema:

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

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