Die “Achse des Guten” in den Untiefen des tiefen Lesens

Qualitätsjournalismus sollte sich dadurch auszeichnen, dass Sachverhalte abgewogen dargestellt und zumindest Hinweise zu den verwendeten Quellen gegeben werden. Auch sollte man Informationen, die man aus zweiter Hand erhalten hat, vor ihrer Verwendung noch einmal genau überprüfen, weil sonst ein Stille-Post-Effekt zum Tragen kommen kann.

Dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sich offenbar als den Inbegriff eines so verstandenen Qualitätsjournalismus versteht, diesen Grundsätzen selbst nicht immer entspricht, konnte ich in diesem Jahr gleich zweimal erleben. Nachdem ich in diesem Blog als erster im deutschsprachigen Raum über die Bestrebungen der Trump-Administration berichtet hatte, die Finanzierung des National Endowment for the Humanities, der wichtigsten staatlichen Fördereinrichtung für Geistes- und Sozialwissenschaften in den USA, einzustellen, konnte man einige Tage später eine Kurzfassung dieses Beitrags ohne Quellenangabe, aber mit den von mir recherchierten Daten in der FAZ lesen.

Erst vor wenigen Wochen wurde ich in einem Artikel im Feuilleton der FAZ zu den Unterschieden des Lesens in digitalen und gedruckten Medien mit einer Aussage zitiert, die ich angeblich auf der Tagung der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft zur “Zukunft des Lesens” in München getätigt hatte: Fridtjof Küchemann weiß zu berichten, ich hätte dort von der “quasireligiösen Überhöhung des Tiefenlesens” gesprochen. Einen einstündigen Vortrag, an dessen Ende ich die Frage gestellt hatte, ob es in der Gutenberg-Galaxis bezüglich des Buchs eine Sakralisierung gegeben habe, in deren Folge auch das tiefe Lesen quasireligiös überhöht werde, und wie das zu den Erscheinungsformen der digitalen Alltagskommunikation passen könnte, kann wohl nur jemand mit diesen Worten zusammenfassen, der überhaupt nicht zugegen war.

Die “Achse des Guten” bedient sich bei der FAZ

Nun hat es die FAZ selbst getroffen, und zwar mit eben jenem Artikel, der aufgrund seines Themas eine besonders genaue Lektüre erfordern sollte. Der Missetäter schreibt diesmal in einem Medium, das sich in besonderem Maße der Aufklärung und der Ideologiekritik verpflichtet sieht: im Autorenblog “Die Achse des Guten“. Dass schon einmal die Fakten den Meinungen entsprechend zurechtgebogen werden, tut der Selbstwahrnehmung einer Schar teilweise recht namhafter Autorinnen und Autoren dieses Blogs keinen Abbruch, sich hier, angeführt von Henryk M. Broder, wacker der Mainstream-Berichterstattung zu widersetzen.

In dem Beitrag “Außer Lesen nix gewesen” vom 28.10.2017 befasst sich ein gewisser Josef Hueber, pensionierter Deutsch- und Englisch-Studiendirektor aus Eichstätt, mit aktuellen Forschungsergebnissen zum Lesen in unterschiedlichen Medien. Nachdem er in den ersten Absätzen seines Textes zunächst aus Versatzstücken der Digitalisierungskritik eine Gegenposition aufgebaut hat, beginnt er mit Verweis auf einen an sich recht klugen, abwägenden Artikel von Lisa Becker auf diese wie auf einen Strohmann einzuprügeln.

Dann bin ich selbst an der Reihe: Im “Digitalisierungstaumel” , so Hueber, ignoriere Wissenschaft nicht selten Wissenschaft, wenn sie ihr nicht in den ideologischen Kram passe. Dies habe auch die Konferenz zur „Zukunft des Lesens“ deutlich gemacht. Dort hätte ich, offensichtlich ein “Verfechter digitaler Ubiquität im Ausbildungswesen”, nicht verstanden, wie man einen Begriff wie „Tiefenlesen“ als Argument gegen “Pixel-Texte” anführen könne.

Bei der Erwähnung dieses von mir nie gebrauchten Begriffs “Tiefenlesen” drängt sich der Verdacht auf, dass es mit dem tiefen Lesen von Studiendirektor Hueber selbst nicht sehr weit her ist. Und richtig: Weder zitiert er meine Auffassungen korrekt, noch verweist er auf seine Quelle, nämlich den besagten FAZ-Artikel von Fridtjof Küchemann. Stattdessen wird der Strohmann in Stille-Post-Manier weiter ausstaffiert und der Anschein einer Quellenrecherche erweckt, selbst wenn die hier verlinkten Quellen, ein DLF-Kultur-Interview und ein älterer Scilogs-Beitrag, die forschen Aussagen des Autors keineswegs zu belegen vermögen.

Das “Bauernopfer” selbst nicht tief gelesen

Bei der Plagiatsermittlung nennt man so etwas ein “Bauernopfer”. Mit der Zitation einer Quelle an einer weniger wichtigen Stelle will man von einer längeren ungekennzeichneten Übernahme ablenken. Auf Bauernopfer verzichtet Hueber auch nicht im weiteren Verlauf seines “Achse des Guten”-Beitrags. Hier übernimmt er in teilweise fast wörtlichen Formulierungen die Darstellung der Arbeiten der Leserforscher Ladislao Salmeron und Rakefet Ackerman aus dem Küchemann-Artikel, die wiederum auf eine Tagung in Vilnius zurückgeht. Selbst eine Anekdote aus der israelischen Ministerialbürokratie, die Rakefet Ackerman laut Küchemann dort erzählt hat, findet ihren Weg in Huebers Artikel. Mit einem Link auf die Homepage von Salmeron und einen Artikel von Ackerman/Lauterman (2012) erweckt Hueber auch hier den Eindruck eigenen Quellenstudiums.

Wenn Hueber, der wie auch die anderen Autoren der “Achse des Guten” seinen Artikel offenbar als eine Art Ideologiekritik (hier: der Digitalisierung) versteht, in die von ihm verlinkten wissenschaftlichen Quellen etwas genauer hineingesehen hätte – tiefes Lesen hätte es ja nicht gleich sein müssen –, dann hätte er erkennen müssen, dass sich sein Schwarz-Weiß-Bild so gar nicht aufrecht erhalten lässt. Sowohl Salmeron als auch Ackerman/Lauterman weisen auf die Schwierigkeiten hin, ihre experimentellen Ergebnisse zu deuten, und sind dabei selbst ziemlich zurückhaltend. So schreiben Ackerman und Lauterman in den “Conclusions” des verlinkten Beitrags (worauf auch in einem Kommentar zu Huebers Artikel hingewiesen wird):

It seems that computerized study environments generate contextual cues that hinder cognitive processes, while paper tends to facilitate more effective learning (Morineau et al., 2005). However, it is also possible that effective MLR for in-depth learning of texts is a context-dependent habit acquired in the early years at school (see LaRose, 2010). In this case, the contextual cues associated with computerized study environments may be different for individuals who, as schoolchildren, acquired their learning skills on screen in the first place. An examination of media habits as a potential factor underlying the findings is therefore called for. (Ackermann/Lauterman 2012, 1826)

Und etwas weiter unten:

It should also be noted that the direction of causality is not clear. Is it that people are reluctant to study on screen, and therefore their MLR on screen is less effective? Or is it the other way around: people recognize that their MLR is less effective on screen via some high-order meta-metacognitive monitoring, and therefore, when thorough learning is required, they prefer to study from a printed text as a metacognitive regulatory decision. This question awaits further investigation. (Ackermann/Lauterman 2012, 1826)

Ähnliche Einschätzungen finden sich in so ziemlich jeder seriösen Studie. Manche Themen entziehen sich einfach einer ideologischen Aufladung, selbst wenn diese als Ideologiekritik daherkommt.

Literatur:

Ackerman, Rakefet, & Lauterman, Tirza (2012) Taking reading comprehension exams on screen or on paper? A metacognitive analysis of learning texts under time pressure. Computers in Human Behavior 28/5 (2012), 1816-1828.

Beitragsbild: Selbstdarstellung von Achgut.com, Ausriss.

 

Veröffentlicht von

www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017, chinesische Übersetzung 2018 [im Erscheinen]).

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Achgut als Journalismus zu definieren tut diesem Blog viel zuviel Ehre an. Es handelt sich um ein Geschäftsmodell zur Generierung von Werbeeinnahmen und Spenden, und als Zielgruppe hat man sich die Gruppe der konservativen Internetnutzer ausgeguckt, die mit möglichst provokativen Artikeln als Klickproduzenten gewonnen werden -Recherche und Seriosität sind nicht nur zweitrangig, sie sind hier völlig irrelevant. Dieses Geschäftsmodell hat zunächst W-online übernommen, die für teures Geld entsprechende Provokateure eingekauft hat, und auch die Faz ist auf den Zug aufgesprungen (die halten sich da mit Rainer Meyer aka Don Alphonso so eine Art Broder für Arme).
    Es verwundert nicht, dass von diesen Typen auch der Printbereich allmählich kontaminiert wird, und wir werden uns an diesen Stil schlicht gewöhnen müssen.

    • Dass allerdings der übrige, “seriöse” Journalismus die Recherche gewisserhafen betreift, scheint auch nicht immer zuzutreffen.

    • Sie haben zweifellos recht mit dieser Einschätzung. Trotzdem halte ich es für wichtig, gerade dann, wenn es wie in der “Achse des Guten” um “Ideologiekritik” geht und um vermeintliche Wahrheiten, die endlich mal gesagt werden müssen, eine Entgegnung vorzunehmen und die Nachlässigkeiten, Ungenauigkeiten und Unwahrheiten der Kritiker zu kritisieren.

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