Jeru Salem – Stadt des Friedens

Blick über Jerusalem mit der goldenen Kuppel des Schreins für den heiligen Felsen (Journalisten-Position).

Ein aufregendes Jahr liegt (fast) hinter uns. Für mich war es das Jahr, in dem ich Weihnachten, Pessach, Ostern und Ramadan in derselben Woche erleben durfte. Als strenge Verfechterin des Grundsatzes, dass Religion Privatsache sein sollte, schreibe ich hier statt der saisonal üblichen (mich langweilenden) Diskussion um den Stern von Bethlehem meine Erlebnisse in Bethlehem. Ich verfolge das Geschehen in Südwestasien mit großer Betroffenheit: Der israelische Hamas-Krieg zeigt einmal mehr wie nötig die Menschheit es hätte, Religion aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Ich werde hier auch keine Diskussion über den Staat Israel in den Kommentaren dulden (“Thema verfehlt” und “falsches Medium”), sondern aus aktuellem Anlass der Feiertage in Europa schildere ich nur meine persönlichen Erlebnisse in diesem Land durch Gespräche mit anderen. Es gibt nämlich (man mag es für paradox halten) eine Stadt, in der der Frieden namentliches Programm ist: Jeru-Salem. Semitisch “salem” (wie arabisch “salam” oder hebräisch “schalom”, oder eben türkisch “salem” – was ein semitisches Lehnwort in Turksprachen ist) bedeutet Frieden und das ist der Gruß von beiden offiziellen Amtssprachen in diesem faszinierenden Land: Ob Sie nun “Salam alaikum” sagen oder “Schalom“, statt “guten Tag” sagt man in der Levante (in Südwestasien) überall “Friede sei mit Dir/ Ihnen“. Der vordere Namensbestandteil dieser Stadt (yero/ jero/ jeru…) lässt sich ebenfalls auf eine Wurzel der antiken, hier lokalen Sprachen zurückführen; es bedeutet Ort/ Platz/ Siedlung.  

Tatsächlich findet man in der historischen Altstadt von Jerusalem alle abrahamitischen Religionen friedlich nebeneinander. Die Stadt ist den Christen heilig wegen der Passion Jesu, den Juden, weil hier ihr (einziger) Tempel gestanden hatte (bevor er im Jahr 70 CE im römisch-jüdischen Krieg zerstört und bis heute nicht wieder errichtet wurde) und den Muslimen, weil hier Mohammed zu Gott aufgefahren und zu den Menschen zurück gekehrt sein soll. In der Altstadt von Jerusalem hat daher jeder Fleck eine tief religiöse Bedeutung; sie ist in ein christliches Viertel um die Grabeskirche (wo Jesu Grab wahrscheinlich nicht liegt, aber verehrt wird), ein jüdisches Viertel um die Klagemauer (der Rest des zerstörten Tempels) und ein muslimisches Viertel um den umstrittenen Abraham-Felsen aufgeteilt. Menschen können sich im Grunde frei in jedes Viertel bewegen (was nicht alle tun, aber das ist auch im ehemals geteilten Berlin so).  
Am ersten Wochenende, an dem ich dort war, habe ich naturgemäß die Stadt erkundet. Ich war in der Altstadt von Jerusalem: Mal kreuzte ein armenischer Patriarch mit Rauschebart und schwarzem Talar meinen Weg, dann kamen mir Mönche in braunen Kutten entgegen, als wäre ich in einem Robin-Hood-Film. Zwei Straßen weiter ging ich in mitten eines kontinuierlichen Stroms von jüdischen Familien: Männer in schwarzen Anzügen und mit großen Hüten, Frauen in eleganten Kleidern und mit Kinderwagen… Ich bog ab und nach Passage von zwei Seitenstraßen wollte ich auf eine größere einbiegen, die völlig überfüllt war: ich schwamm in einem dichten Strom muslimischer Frauen mit jeder Form der farbigen haarbedeckenden Tücher und langen nicht figurbetonenden Kleider (selten Burkas). 

Es funktioniert in dieser Stadt (meist), in der Stadt des Friedens, dass Anhänger der Ostkirchen (die sich keinem Papst unterordnen), des Islams und des Judentums sich auf friedliche Co-Existenz einigen. Einen Stadtführer hörte ich über die Grabeskirche sagen, dass in diesem einzigen Gotteshaus, in dem jede Nische irgendeiner anderen der zahlreichen orthodoxen Kirchen gehört (der Vatikan hat keine!), natürlich hin und wieder auch Konflikte entstehen “und dann rufen sie die israelische Polizei”, also die Juden zur Schlichtung. Das mag etwas überspitzt klingen, zeigt aber eine gewisse Realität im Land.

Dieses Land, Israel, wurde nach dem zweiten Weltkrieg und nach Jahrhunderten der Judenverfolgung gegründet, um den Juden ein Zuhause zu geben. Der Staat funktioniert nach jüdischen Regeln. Nachdem aber das Land (ebenfalls seit Jahrhunderten) von Muslimen besiedelt war, musste und wollte man den Weg der politisch bewussten Ko-Existenz gehen. Hebräisch und Arabisch sind BEIDE Amtssprachen im Land und das merkt man auch: jede Ansage und Anzeige in Bussen, Bahnen und der Straßenbahn bzw. auf Wegweisern/ Verkehrsschildern erfolgt in diesen beiden Sprachen (oft auch noch in Englisch). 

Israel-Postkarte und Beschriftungen in drei Sprachen
Selbstdarstellung-Postkarte des Landes, zwei Wegweiser

Was ist hier eigentlich das Problem? 

Auf meinen Reisen binnen des letzten Jahres durch Südwestasien (Levante) hörte ich Ostasiaten (mit der chinesischen, philippinischen, japanischen, koreanischen… Außenperspektive) oft verwundert darüber, worum und warum sich dort die Religionen streiten (diese Frage bezieht sich selbstredend nicht auf den derzeitigen Krieg, sondern auf den Dauerkonflikt zwischen den Religionen, den es bereits viele Jahrhunderte vor der Staatsgründung gab). Mit den Nachbarstaaten Ägypten und Jordanien herrscht Frieden, darum hört man in allen drei Ländern die gleiche Sicht bei den Reiseführungen. Hier eine kleine Zusammenfassung mit dieser Außenperspektive (Achtung, Sie dürfen abweichende Meinungen haben, aber dies ist nicht der Ort zu dieser Diskussion; es ist die Meinung von ostasiatischen Touristen nach den Darstellungen von Reiseleitungen und Achtung 2: hier ist nicht vom aktuellen Krieg die Rede, sondern von dem Feindschaften der beteiligten Religionen):

Juden, Christen und Muslime erschufen ihre Religionen chronologisch nacheinander, aber sie beten alle zum gleichen Gott: dem Gott Abrahams. Im jüdischen Glauben ist der größte Prophet Eliah (griechisch: Elias). Er soll nie gestorben sein, sondern Gott hat ihn zu sich gerufen. Muslime glauben, dass Mohammed größer war als Elias und Jesus: Er fuhr zwar auf zu Gott (von dem berühmten Felsen in Jerusalem aus), kehrte aber unmittelbar wieder zurück, um mit den Eingebungen eine neue Gesellschaftsform zu etablieren. Für Jesus, den die Christen verehren, gilt ein Mittelweg: Er wurde getötet, soll aber zum ewigen Leben mit Gott auferstanden sein. Es waren seine Jünger, die in seinem Namen neue Gesellschaftsformen (der Liebe und Nächstenliebe und der augusteischen Sittengesetze) predigten. Für Christen soll er der Messias, Friedensbringer und Erlöser gewesen sein, auf den die Juden bis heute warten. Immer wieder gibt es einzelne Rabbis, die als Messias dargestellt werden (auch jetzt, wenn man durch Israel fährt, sieht man häufig Plakate an den Rückseiten von Straßenschildern, Ampeln etc., die einen bestimmten Rabbi-Messias bewerben), aber das Erscheinen des Messias wird von den Juden eigentlich als große Zeitenwende gesehen, auf die man ewig wartet und nie erreicht. Ebenso, wie man jedes Jahr zu Pessah beten kann, dieses Fest im kommenden Jahr in Jerusalem zu feiern “next year in Jerusalem” (wo traditionell der einzige Tempel stand, weshalb es sich so gehören würde), ohne dies ernsthaft als Pilgerfahrt umzusetzen – wohingegen es für gläubige Muslime keine Frage ist, dass man einmal im Leben zur Pilgerfahrt nach Mekka geht. Für Muslime ist Jerusalem nur die drittheiligste Stadt.

Die jüdischen Propheten werden auch in den heiligen Büchern der Christen und Muslime verehrt, aber Christen und Muslime haben einen jeweils anderen Propheten als “ihren großen” oder “letzten” Propheten deklariert. Das Christentum war lange eine Sekte des Judentums, das den Messias bereits in der Vergangenheit sieht, statt – wie die Juden – bis heute auf ihn zu warten. Muslime verehren Jesus auch, aber sehen ihn – wie Juden – nicht als Messias, sondern als einen Propheten unter vielen. Juden und Muslime sehen ihre Stammväter sogar in zwei Brüdern, den Söhnen Isaak/Israel und Ismael von Abraham (mit zwei verschiedenen Frauen). Ismael, der Stammvater der Araber (Gen 25, 12-18) und damit später der Muslime und Isaak, der Stammvater der Israeliten und damit der Juden, sind also blutsverwandt, so sagen es zumindest die heiligen Schriften aller abrahamitischen Religionen. 

an Juden und Muslime von einer philippinischen Touristin: “stop fighting, you are related by blood”

Also, wenn alle zum gleichen Gott beten und dieser Gott ein guter Gott bzw. Gottvater ist, dann will er sicher nicht, dass sich seine Kinder bekriegen. Auch wenn Ismael, der Erstgeborene der Sohn einer Sklavin war und nach Geburt des Sohns der Gemahlin aus dem Haus verband wurde: vermutlich wurde er genau deshalb verband: seine Mutter war ja schon kurz nach der Geburt “versnobbt” und daher in die Wüste geflohen, so dass der gemeinsame Stammvater Abraham sicher nicht noch einen Bruderkrieg im Haus haben wollte. Der Streit der zwei Religionen heute müsste sich doch im Wesentlichen auf einen Felsen in Jerusalem: Dieser Felsen ist beiden Religionen besonders heilig, den Juden, weil Gott durch einen Engel dort verhinderte, dass Abraham seinen Sohn opferte und den Muslimen, weil ihr Prophet, Mohammed, dort zum Himmel aufgefahren und mit göttlichen Instruktionen zurückgekehrt sein soll. In beiden Fällen hat der Gott Abrahams an dieser Stelle ein besonderes Zeichen gesetzt, das seine Anhänger:innen nachhaltig beeinflusste.  

Es mag sein, dass das Gottesbild sich zwischen Sub-Typen der Religionen unterscheidet – aber das liegt nicht daran, ob es Juden, Christen oder Muslime sind, sondern welcher Strömung innerhalb der jeweiligen Religion man angehört. Kategorisch heißt es z.B. oft, Homosexualität sei untersagt – das gilt traditionell (also vor 2000 Jahren und in konservativen Strömungen) in allen abrahamitischen Religionen. Die katholischen Kirchen (römisch versus orthodox) unterscheidet nur, dass sich die orthodoxen Patriarchen auf den frühen Kirchenkonzilen der Spätantike nicht dem Patriarchen von Rom unterordnen wollten, sondern sich diesem gleichberechtigt sahen. Römisch brachten die Kirchenreformen der Frühen Neuzeit neue Regeln (z.B. bzgl. der Stellung von Frauen, dem Zölibat, später auch der Homosexualität u.a.), aber dem entspricht modern auch das Reform-Judentum und ähnliche Liberalisierungen im Islam (z.B. gerade in der Türkei nach Atatürk, als Religion und Staat getrennt wurden, muslimische Frauen in der modernen Türkei außerhalb des Gebets nicht Kopftuch tragen, siehe Tansu Çiller als prominente Frau oder die Königinnen von Jordanien, aber auch einfache Leute im heutigen Ägypten, Jordanien u.a. muslimischen Ländern, ebenso wie in allen christlich-orthodoxen Ländern, wo Frauen zum Gebet ein Tuch auf Kopf und Schultern tragen – das gleiche gilt für jüdische Männer, die eine Kippa nur zum Gebet zu tragen verpflichtet sind und nicht auf der Straße, wo es ihnen freisteht, das zu tun). Wieder sehen wir auch im Brauchtum: die Idee, dass man vor Gott nicht “nackt” treten sollte und daher Kopf und Schultern bedeckt, ist in allen abrahamitischen Religionen gleich: auch im Christentum (nur wurde das in den West-Kirchen bereits mit der Reformation gelockert und spätestens nach der Hippi-Bewegung abgelegt).

Exkurs: Der wahre, naturkundliche Grund für diese religiöse Kleidung liegt in der Natur selbst. Die Kippa bedeckt die “Platte” der Männer und verhindert Sonnenbrand. Das gleiche gilt für jegliche Art von Turban, Pali-Tüchern und Tücher, die Schultern bedecken. Die Haare der Frauen werden bedeckt, damit sie nicht vom Wind zerzaust werden und in der Wüste, damit sie nicht gesandstrahlt werden und verfilzen (sag ich aus meiner Erfahrung auf Karawanen). Alternativ könnte man sie kurz schneiden, aber die Natur hat es eingerichtet, dass wir lange Haare als “schön” bewerten, weil sie ein Zeichen für Gesundheit sind. Wenn man heute muslimische Frauen fragt, hört man freilich die Begründung, dass man die ungestümen (nicht-emanzipierten) Männer schützen und sich vor ihnen schützen und sie nicht verführen wolle; sie sehen es als Zeichen ihrer Emanzipation.
Weil dies aber nicht alle Frauen so sehen, habe ich z.B. auch letztes Jahr bei meiner ägyptischen Gastprofessorin (in der Stadt, die nach dem Tag des israelisch-ägyptischen Friedensvertrags “6. Oktober-Stadt”, bei Kairo, benannt ist) erlebt, dass sie die Haare offen trägt. Einmal hat sie sich mein Allzwecktuch (das ich manchmal als Schal, im prallen Sonnenschein aber gern als turban-artige Kopfbedeckung trage) ausgeliehen, weil wir zusammen im Restaurant aufs Essen warteten und es für Muslime gerade Gebetszeit war: sie legte mein Tuch auf ihren Kopf, betete und gab es dann wieder zurück.
Und übrigens (zweiter Exkurs): Auch in Kairo wurde ich von der muslimischen Familie einer Doktorandin herzlich willkommen geheißen und in Luxor lud mir ein koptischer Christ, den ich am Karnak-Tempel getroffen hatte, spontan zu sich nach Hause ein und wir unterhielten uns über seine Arbeit als Fremdenführer.

Fazit: Es gibt viele verschiedene Richtungen aller Religionen. Obschon alle drei religiösen Bücher von (demselben) Gott diktiert wurden und nicht änderbar sind, passen sich (die meisten) menschliche Gesellschaften den modernen Lebensformen an. Wenn es um Eheschließungen oder andere semi-religiöse Rituale geht, kann man sich entscheiden, ob man staatlich oder religiös “feiert” und wenn man sich für religiöse Zeremonien entscheidet, wird man sich an die religiösen Würdenträger:innen von derjenigen Richtung wenden, der man anhängt – sei es eine Reformrichtung, die Lebensrealitäten der modernen Gesellschaftsform erlaubt (im Bsp. der Eheschließung z.B. Homosexualität) oder die erzkonservativen Richtungen, die alles verbieten, was vor 2000 Jahren nicht üblich war. Auch das einigt die abrahamitischen Religionen: sie beten zwar alle zum Gott Abrahams, aber das Gottesbild passt sich der Gesellschaftsform an. 

Zusammenfassend läuft es stets aufs Gleiche hinaus: alle beten zum Gott Abrahams, den sie zwar unterschiedlich benennen (Jawhe, Allah oder namenslos Gott) und dem sie mit unterschiedlichen Ritualen huldigen, aber es ist eben immer der gleiche Gott. Also warum der Streit?

Heiliges Land

In den Diskussionen mit den Menschen vor Ort wird als Kern des Problems die Frage genannt, ob die Juden ein Volk oder eine Religion sind. Fragt man antike Geographen wie Strabo, werden die Juden als (relativ kleines) Volk genannt, die in der Gegend um Jerusalem verbreitet sind und in Jerusalem ihren Tempel haben. Die Altstadt von Jerusalem, die so genannte “Stadt Davids”, ein archäologischer Ausgrabungskomplex, der daran südlich angrenzt und Bethlehem, ca. 5 km weiter südlich (heute im Palästinenser-Gebiet) als Herkunftsort des Großvaters des legendären jüdischen Königs David, sind also das Kerngebiet dieses Volkes. Es hatte seine eigene Kultur, wie z.B. dass das (babylonische) Neujahrsfest im Frühling eben in Jerusalem (beim Tempel) gefeiert wird. Verstärkt nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer, der Verschleppung von Juden bzw. der anschließenden Diaspora hat sich das jüdische Brauchtum erstens über weite Gebiete verbreitet und wurde zweitens auch von Menschen angenommen, die (entweder durch Migration ihrer Ahnen in anderen Ländern geboren wurden oder als angehörige anderer Völker) die Religion/ das Brauchtum annahmen.   

Auch wenn diese Meinung häufig vertreten wird: Ich persönlich glaube nicht, dass dies das Problem charakterisiert oder zu seiner Lösung beiträgt. In jedem Fall – egal, ob man die Juden nun als Volk auffasst, das seine Hauptstadt in Jerusalem hat oder als Religion mit dem hauptsächlichen bzw. einzigen Kult-Ort (Tempel) in Jerusalem – ist das Judentum untrennbar mit diesem Ort, der “Stadt des Friedens”, verbunden. Dasselbe gilt für Islam und Christentum. Die Lösung des Problems wäre wohl, wenn sich alle drei abrahamitischen Religionen darauf einigen, dem Beispiel Abrahams zu folgen und aufhören, (gegenseitig) ihre Kinder zu töten oder auch nur anzugreifen. Wenn diese existenzielle Frage geklärt ist, braucht es eine Einigung auf Gesellschaftsform(en), aber solange noch täglich Menschen in gegenseitigen Angriffen oder desolaten humanitären Zuständen sterben, wird man niemanden dazu bringen.    

Merke wohl: Auch erwachsene Menschen sind Kinder von irgendwem. 

Marketing im Land: “heilige Erde” (terra santa) und “heiliges Wasser”. Das Wasser fließt auf der Erde in Kreisläufen, so dass es dem Jordanfluss entnommen sein mag, aber im Lauf der Äonen bestimmt auch schon mal in einem österreichischen Gebirgsbach plätscherte und im Pazifik (dem “friedlichen” Ozean) schwappte.

Pessach/ Pas-cha, Ostern und Ramadan

Der jüdische und der muslimische Festtagskalender sind reine Mondkalender. Nachdem das Mondjahr elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr, das die Jahreszeiten bestimmt, verschieben sich die jüdischen und muslimischen Feiertage durch die Jahreszeiten. Der muslimische Ramadan kann buchstäblich zu jeder Jahreszeit stattfinden und wird gar nicht ans Sternjahr oder Sonnenjahr angeglichen. Der jüdische Kalender kennt zwei Neujahrsfeste: eins ist (neben dem Mond) auch an die Frühlingstag- und -nachtgleiche gekoppelt, das andere an die Herbstag- und -nachtgleiche. Das erste (beim ersten Vollmond im Frühling) wird als großes Familienfest gefeiert, bei der man der Flucht der Israeliten aus Ägypten gedenkt. Wenn man auf Reisen ist, kann man keinen Sauerteig ansetzen und andere Köstlichkeiten zubereiten, die lange dauern. Zudem will auf der Flucht möglichst nicht auffallen, so dass man abends kein Licht einschaltet bzw. nichts auf einem Lagerfeuer röstet. Pessach ist folglich das “Fest der ungesäuerten Brote”. Ich hatte das Glück von meinem jüdischen Gastprofessor anlässlich dieses Festes in seine Familie eingeladen zu werden und schon allein der Festbeginn, der dadurch bestimmt wird, dass man zusammen auf der Veranda steht und gebannt darauf wartet, dass man erst den Vollmond aufgehen sieht und dann die zunehmende Dunkelheit die ersten drei Sterne am Himmel freigibt, ist für eine kleine Astronomin natürlich ein Erlebnis. Im Gegensatz zum christlichen Weihnachten, bei dem man an “Heilig Abend” nachmittags in die Kirche geht, in der (mindestens) ein Stern aufgehängt ist, wartet das religiöse Judentum bis man (mindestens) drei Sterne am echten Himmels sieht: Danach geht das Fest los oder endet das Fest. Das gilt für einen gewöhnlichen Sabbat ebenso wie für einen besonderen Festtag; das Judentum ist also eine Religion der Sterne.  

Der Tagesbeginn mit Sonnenuntergang ist in Westasien sehr verbreitet – wir haben unsere europäische Sicht des Tagesbeginns mit Sonnenaufgang von den südeuropäischen Ur-Kulturen (z.B. dem amalgamierten “griechischen”, das ursprünglich makedonisch war, zahlreiche östliche und nordafrikanische Einflüsse hatte und später römisch wurde) übernommen. Die internationale Festlegung, den Tageswechsel in die Mitte der Nacht zu platzieren mag man als künstliche Festlegung oder Kompromiss interpretieren. 

Aufgang des Vollmonds
Aufgang des Vollmonds (15. Nissan, 15ter Tag im ersten Monat des jüdischen Kalenders)
Machzor und Brot
Gebetsbuch und halbes (gebrochenes) Brot

Terminbestimmung

Das christliche Osterfest ist ja ebenfalls an den ersten Vollmond im Frühling gekoppelt. Die Bibel überliefert, dass Jesus (ein Jude!) mit seinen Jüngern (die quasi wie eine Familie für ihn waren) das Pessach-Fest feierte, bevor er gefangen genommen wurde. Im jüdischen Brauchtum ist vorgesehen, dass Pessach in Kreis der Engsten (Verwandten, Freunde) gefeiert wird. Am Anfang des Abendmahls wird vom Patriarchen das ungesäuerte Brot gebrochen, eine Hälfte zum sofortigen Verzehr gereicht, die andere Hälfte für später aufgehoben und also (vor allem vor Kindern) versteckt. Das Ritual mag an die Ressourcen-Knappheit auf der Flucht erinnern. Später im Verlauf des Abends wird dann der Jüngste losgeschickt, um die versteckte Hälfte zu suchen und zurück zu bringen. Genau deshalb verließ Judas zu später Stunde die Runde der Apostel: er war der Jüngste. Bei seiner Rückkehr folgten ihm die Häscher und der Rest ist Ostergeschichte. Die folgenden Ereignisse von Inhaftierung Jesu, seiner Demütigung und Hinrichtung sind nicht nur in den heiligen Büchern, sondern auch in offiziellen Dokumenten und Chroniken dokumentiert.

Dies alles folgte jedenfalls auf das Pessach-Fest und daher sollte im Grunde Ostern, das Fest der Auferstehung, an dasselbe astronomische Ereignis gekoppelt sein. Allerdings erfolgt die Terminbestimmung für das jüdische Pessach nachwievor nach dem observablen Mondkalender, während sich die Kirchenväter in Spätantike und Mittelalter die Köpfe zermarterten, wie man den Termin unabhängig von observablen Größen berechnen kann (Verschränkung alter Bräuche). Der Papst bestimmt den Kalender für die römisch-katholische und die Reformkirchen, während die Patriarchen der Ostkirchen Ostern nicht immer am gleichen Termin bestimmen wie der Papst. Carl Friedrich Gauß fand im 19. Jahrhundert eine neue Methode der Osterrechnung (des so genannten Computus), aber auch diese “europäische” Methode wird nicht von allen Kirchen angewandt. Auch wenn also mutmaßlich Ostern stets auf Pessach folgen müsste, ist das keineswegs in allen Jahren der Fall.

Dieses Jahr (2023) lag zwischen dem römisch-katholischen Ostern und dem orthodoxen Ostern eine Woche, d.h. am römisch-katholischen Ostersonntag war der orthodoxe Palmsonntag (der Sonntag vor Ostern) und dieser Tag lag genau in der Mitte der jüdischen Pessach-Woche, so dass das Pessach-Abendmahl gerade vier Tage vorher (Mittwoch Abend) stattgefunden hatte.

Ostern und Pessach fallen meistens in die gleiche Woche, aber nicht immer. Es kann (selten!) auch geschehen, dass Pessach nach Ostern liegt (bis zu ein Monat), was eigentlich der Bibelgeschichte widerspricht. Da aber Ostern nicht an Pessach gekoppelt ist, sondern nach dem römischen Kalender am Sonntag nach dem ersten Vollmond am oder nach dem 21. März gefeiert wird, können die beiden Feste abweichen. 

2023 fielen nicht nur Ostern und Pessach zusammen, sondern auch Ramadan. Das geschieht nur etwa alle 30 Jahre, weil eben Ramadan nicht an die Frühlingstag- und -nachtgleiche gekoppelt ist. 

Grab Jesu (Schild, Eingang im Garten, Moidell)
armenisches Portal, Kuppel der Grabeskirche, drei Kreuze
drei Kirchen im christlichen Teil von Alt-Jerusalem

Der muslimische Fastenmonat

Gleichzeitig mit Pessach und Ostern war 2023 Ramandan und zwar bereits seit ca. einer Woche. Ramadan ist ein Monat im muslimischen Kalender. Auch dieser reine Mondkalender beginnt mit Sonnenuntergang bzw. der Sichtbarkeit der jungen Mondsichel am Abend, bei oder kurz vor/ nach Sonnenuntergang. 

In Jerusalem waren daher alle abrahamitischen Religionen gleichzeitig in Festtagsstimmung. Empfiehlt man normalerweise für die Pessach-Ferien diverse Wanderungen in den Golan-Höhen war das dieses Jahr aufgrund von Raketenangriffen aus dem muslimischen Syrien zu gefährlich. Ein Koreaner, den ich unterwegs traf, wusste das nicht und hatte sich dorthin gewagt: Angesichts der Nachrichtenlage hatte er aber Glück, dass die Einschläge außerhalb von Siedlungen nicht seinen Weg gekreuzt hatten.  

Israel als Staat funktioniert normalerweise nur, weil die Feiertage dieser Religionen nicht gleichzeitig liegen. Die Christen feiern die Sonntage, die Juden die Samstage und die Muslime die Freitage. Muslime dürfen jederzeit arbeiten, solange sie auch beten – Juden aber sind verpflichtet, am Sabbat die Arbeit ruhen zu lassen und (aus besagten Gründen) keinen Funken zu entzünden, d.h. keine Elektrizität zu schalten: Es darf also am Sabbat kein Jude einen Lichtschalter betätigen (wenn das Licht brennt, darf es nicht ausgeschaltet werden, wenn es nicht brennt, nicht eingeschaltet werden) und es gibt folglich keinen ÖPNV. Wer freitags abends oder samstags etwas unternehmen möchte, einen Wochenend-Ausflug machen möchte, der nicht zu Fuß oder mit einem Fahrrad geht, ist auf muslimische Taxi-Fahrer angewiesen. Das Land funktioniert nur so.

Einer meiner muslimischen Taxifahrer, ein Vater von fünf Kindern, lud mich während des Ramadan zweimal nach Hause ein: Ich durfte an einem Abend der Pessach-Woche zum abendlichen Fastenbrechen und dann nochmals zum Zuckerfest mit der Familie schlemmen! Es war derjenige Taxifahrer, den ich in Bethlehem getroffen hatte: mein persönlicher Star von Bethlehem, sozusagen. 

Moschee in Alt-Jerusalem
Moschee in Alt-Jerusalem
Abendessen im Ramadan bzw. danach zum Zuckerfest

Bethlehem: ganzjährig Weihnachten

Bethlehem, laut dem Matthäus-Evangelium die Stadt im jüdischen Land, in der Jesus geboren wurde (auch wenn das historisch nicht belegbar ist), liegt ca. 8 km vom Zentrum von Jerusalem nach Süden. Bethlehem wird vom legendären jüdischen König David als seine Herkunft angegeben, weil David sich über seinen Großvater Boaz legitimiert. Die “Stadt Davids”, in der er residierte, soll eher im heutigen Jerusalem gelegen haben – zumindest gibt es archäologische Ausgrabungen, die manche Archäologen so nennen und die touristisch als “City of David” vermarktet wird. Das ist aber, wie gesagt, die Stadt, die David gebaut hatte und nicht die, aus der seine Familie stammt. Um Juden zugunsten von Jesus als Messias zu missionieren, muss also Jesus denknotwendig aus Bethlehem kommen. Die Geburt an einer Stelle (auf Reisen seiner Eltern), die nicht sein Herkunftsort (Nazareth) ist, erklärt zumindest den Widerspruch der Weihnachtsgeschichte von Matthäus zu Darstellung am Kreuz Jesu (“Jesus von Nazareth” ist ja kein Anzeichen von Adel, sondern von Herkunft “aus Nazareth”).  

Nachdem ich seit Jahren in Planetarien und vormals im astronomischen Museum in Berlin-Treptow (Archenhold-Sternwarte) immer die (Vor)Führungen zu Weihnachten hatte und folglich über den Stern von Bethlehem reden musste, hatte ich diese Zahl (8 km) irgendwann einmal mit Online-Tools ermittelt und durch meine Erfahrung auf Karawanen in der Sahara geschlossen, dass diese Strecke an einem halben Tag locker gehbar ist. Das wollte ich jetzt einmal praktisch tun. An einem Sabbat in Jerusalem ging ich also von meinem Quartier an der Universität (Nordostrand der Stadt) zu Fuß durch die ganze Hauptstadt und bis nach Bethlehem, das heute im Palästinensergebiet liegt. Da es am Sabbat keinen ÖPNV gibt, hatte ich bewusst diesen Termin gewählt und geplant, zurück vllt. mit einem Taxi zu fahren. Das habe ich auch gemacht (und der Taxifahrer hat mich auch noch an weitere touristische Orte gebracht und mich später zum Abendessen in der Familie eingeladen). 

Bethlehem ist naturgemäß die Stadt, in der ganzjährig Weihnachten zelebriert wird. Wie es in Jerusalem eine so genannte “Grabes”kirche an einer Stelle gibt, an der das Grab Jesu archäologisch nicht belegt werden kann (es ist das Symbol für ein Grab, das hier gefeiert und angebetet wird), gibt es in Bethlehem eine “Geburts”kirche, obwohl niemand weiß, wo Jesus wirklich geboren wurde.

Bethlehem (Ansichten)
In der syrisch-orthodoxen Kirche prankt (ganzjährig) ein großer Stern überm Altar und die Straßen sind ebenfalls (ganzjährig) so mit Sternen geschmückt, wie man es in Mitteleuropa nur zu Weihnachten sieht. mittlere Bilder: Der Bürgerservice (wo Maria ihr Kind hätte anmelden müssen) und das Geburtsmuseum.

Nebenbei bemerkt, für alle, die das nicht wissen:
Das heutige Syrien spricht arabisch und ist überwiegend muslimisch. In der Spätantike war aber Damaskus quasi das Zentrum der intellektuellen Welt: Einerseits blühte das frühe Christentum auf und es gibt Bibeln und theologische Diskurse in der (alten, toten) syrischen Sprache. Andererseits war Syrisch auch eine Weile in der Spätantike die Sprache der Wissenschaft; es löste das Griechische ab (ja, auch römische Gelehrte schrieben nicht Latein, sondern Griechisch – anders als das Volk) und erst viel später wurde Mittelalter-Latein in Europa und Arabisch in Südwestasien die Sprache der Wissenschaft. Syrische Christen sind eine der zahlreichen Ostkirchen (mit eigenen Patriarchen, also nicht papst-kontrolliert), sie schreiben immer noch auf syrisch. 

Der berühmte “Stern von Bethlehem” ist ein Muster im Marmorboden der Geburtskirche. Christen pilgern an diesen Ort, knien hier nieder und sprechen ein Gebet, nachdem sie den Stern berührt haben.

Botschaft von Jerusalem + Bethlehem

Ich bin sehr dankbar für diese Erlebnisse: Nicht nur, dass ich innerhalb einer Woche die höchsten Feste von gleich drei Religionen erleben durfte, sondern vor allem, dass mich einfache Menschen von allen drei Religionen einluden, an ihrer Kultur teilzuhaben. Auch für weitere Erlebnisse bin ich dankbar, bei denen die Religion einfach keine Rolle spielte, sondern man sich einfach als Mensch begegnete: Ein anderer muslimischer Taxi-Fahrer, der mich zu einer Höhle fahren sollte, erzählte mir unterwegs, dass sein Onkel diese bei Straßenbauarbeiten quasi zufällig entdeckt hatte. Er war so begeistert, dass ich sie anschauen wollte, dass er bei den Rangern, die mich erst nicht einlassen wollten (ich allein wäre einfach traurig heimgegangen), bewirkte, dass sie mich doch mitnehmen und zwar als VIP. Anderntags führte mich ein Christ zu den Stationen der Passion Jesu und half mir, mit einem Händler um den “Baum des Lebens” für eine krebskranke Verwandte zu feilschen: Das Christentum ist eine Religion der Liebe, aber (Mit)Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft ist allen Religionen höchste Tugend. Ein jüdischer Taxi-Fahrer, der nicht ultra-orthodox ist, sagte mir, dass er es nicht wagt, freitags abends durchs jüdisch-orthodoxe Viertel zu fahren, denn er sei sogar einmal beschimpft worden, als er einen Rabbi chauffierte. In der Hebräischen Universität Jerusalem studieren Muslime und Juden gemeinsam – und ich hörte einen jüdischen Professor auf dem Weg zum Seminarraum einer Gruppe von (offensichtlich) muslimischen Studentinnen auf arabisch zum Ramadan gratulieren. So wagte ich auch und habe es bewirkt, dass eine Studentin der “islamischen Astronomie” an einer (ausländischen) Islamischen Universität an einer Tagung der Ben Gurion-Universität Tel Aviv teilnehmen konnte. Ein anderes Mal hielten ein paar jüdische Jugendliche ungefragt an und nahmen mich ein Stück im Auto mit, als ich auf dem Heimweg von einem Ausflug eine Straße wanderte, wo es keinen ÖPNV und kein Taxi gab. Es sind diese menschlichen Begegnungen, die das Reisen so interessant machen. 

Weihnachten feiern wir symbolisch die Rückkehr der Liebe. Niemand weiß, wann Jesus geboren wurde, weil damals Geburtstage nicht aufgeschrieben wurden (hohe Kindersterblichkeit und ohne Astrologie gibt’s keinen Grund, sich das Datum zu merken). Man wählte also als Feiertag dafür den Termin des römischen Festes des Sol Invictus, der unbesiegten Sonne, des Lichts der Welt. Die Sonnenscheindauer hatte in den vergangenen Monaten stetig abgenommen und am Termin der Wintersonnenwende (dieses Jahr am 22.12. um 4:27 Uhr) ist das Minimum, der dunkelste Tag des Jahres, erreicht. Danach nimmt die Sonnenscheindauer wieder zu: die Römer feierten dies als Wiederkehr des Lichts, die Sonne, die man einfach nicht unterkriegt. Die Metapher des Lichts der Welt, des Friedensbringers hatte der römische Kaiser Augustus etabliert. Weihnachten ist also das Fest der Liebe (personifiziert durch Jesus, egal, ob man ihn als Prophet oder Messias betrachtet) und des Welt-Lichts, also Sonnenscheins, der nun zurückkehrt und Frieden bringt. Hoffen wir, dass das klappt, andernfalls ist sieht es für die Menschheit düster aus!

Ich glaube, wenn die Menschheit es schafft (jede und jeder einzelne von uns!), jeglichen religiösen u.a. Fundamentalismus abzulegen – niemand mehr irgendwen missionieren will und wir nicht mehr (schon gar nicht als religiöse oder anders kulturelle “Geschwister”) meinen, dass unsere persönliche Art, um die Gunst des gütigen Gott(-Vater)s zu buhlen, die einzig wahre sei – wir nicht mehr fremdeln und daher einander öfter symbolisch oder faktisch die Hände reichen, dann kann es dauerhaft Frieden geben: in dem “fernen” Multi-Kulti-Staat Israel (mit derzeit jüdisch-ultra-orthodoxer Regierung, gegen die die eigene Bevölkerung schon viele Monate vor dem Krieg demonstrierte), in der ukrainisch-orthodoxen Ukraine, deren Ruß, einer Region um Kiew, namensgebend für den (ebenfalls ostkirchlich-orthodoxen) Aggressor ist, wie auch in unserem hiesigen mitteleuropäischen Land, in dem – wie in Jerusalem – alle Religionen vertreten sind. 

Friede sei mit Ihnen!

Post Scriptum: 
Ich hielt mich als Gastwissenschaftlerin im Land auf und haben also dort gearbeitet. Für Reisen hatte ich nur die Wochenenden und Feiertage – aus oben genannten Gründen kam ich dadurch mit Vertretern aller Religionen ins Gespräch (wie auch auf meinen früheren Reisen und bei anderen Gastaufenthalten). Dies ist ein Reisebericht (viele Monate her, vor dem Krieg erlebt, der sich so einfach natürlich nicht erklären lässt – aber der Religionskonflikt ist viel älter als der aktuelle Staat) und keine Plattform zur politischen Diskussion oder der aktuellen Situation: dazu hätte ich viel mehr zu sagen, als ich hier darstellen könnte und schweige daher – auch um des Friedens Willen! 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), ... . Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

14 Kommentare

  1. Vielen Dank. Ihre persönliche Offenheit hat vielleicht auch etwas zur Verständigung beigetragen und Danke diese Erlebnisse mit uns zu teilen.

  2. Leider ist das mit der „Religion als Privatsache“ nicht so einfach: Wenn Sie eine Staatsreligion verbannen, wird sie einfach nur umbenannt: Ich rede deswegen eher von Relideologien, man spricht aber auch gern von Werten oder Leitkultur.

    Religion ist immer eine Metapher fürs Irdische, und so zeichnet ihre Entwicklung die Machtverschiebungen in Wirtschaft und Politik ab – umgekehrt scheint mir ihr Einfluss eher subtil. Sie können es in Europa nachvollziehen: Von der Vielgötterei der Römer zu der Krisenzeit, in der sie sich wahrscheinlich alle zu kloppen begannen, weswegen Konstantin Frankenstein, als er die Macht konsolidierte, sie alle zu einer Monstrosität zusammenpappte, das Synkretigulasch hieß dann Christentum. Im Grunde hat so etwas mit Kosten zu tun: Mehr Religionen erfordern, dass man mehr Priester schmiert, damit sie den Machthabern nach dem Mund reden, das läuft gut, wenn die Wirtschaft floriert, doch ein System, das allein auf Schmiergeldern aufbaut, züchtet zu viele Orbans. Wenn das Geld alle ist, führt man die Peitsche ein und spart auch sonst Zuckerbrot, indem man ein paar unersättliche Mäuler über die Klinge springen lässt. Oder die Orbans reißen einen in Stücke, wie es dem Christentum dann doch geschah.

    Später sehen Sie dann den allmächtigen Papst als Erben der römischen Kaiser. Doch je mehr Macht die Lokalkaziken gewinnen, desto mehr teilt sich die Kirche – Gegenpäpste kommen auf, das Christentum spaltet sich, in Schweden und Großbritannien setzen sich Papstkönige von Protestantengottes Gnaden durch, in Moskau entsteht ein Gottkaisertum aus einer Mischung aus byzantinischen und tatarischen Traditionen. Schließlich bekommen Sie das Europa der Nationaltheokratien, in dem sich jedes Volk sein eigener Gott ist. Wenn’s um Fragen der Nationalität geht, sind wir ein Haufen recht intoleranter Irans. Und wenn uns der Teufel zu holen droht, werfen wir uns eher dem Teufel in den Rachen, als uns gegen ihn zu verbünden, fanatisch wie die Hamas oder israelische Siedler. Unsere Sekten-Feindschaft ist unser Gott, und für sie sterben wir gern als Märtyrer.

    Wichtig – Religion ist, wenn die Anderen es machen. Ihre eigene ist keine Religion, sondern Alltag. Normalität. Es fühlt sich rational und sachlich an, die Kirche, die Moschee, sind nur eine Tankstelle, wo sie Sprit holen. Angeblich fährt das Auto nicht mit leerem Tank, aber bei Religion muss man diese Dysfunktionalität simulieren, indem man die Ungläubigen lyncht. Psychologisch läuft’s aufs Gleiche raus.

    Wenn man es sich aber überlegt, dürfte die höchste der Religionen die Toleranz sein – und die müsste allen anderen als Zeus ihres Olymps übergeordnet werden. Jede Religion ist die einzig wahre, und doch wurde jeder Frieden befohlen – das heißt, sie können nie und nimmer zu einer verschmelzen, sie werden immer streiten, einander immer auf Trab halten und konkurrieren. Andererseits – wenn man das in Frieden macht, sich an Regeln hält, diese Regeln gemeinsam vereinigt, ergibt das die Bundesliga. Streit ist etwas Gutes und Gesundes, wenn er sich in Maßen hält und nicht in Tragödien eskaliert, man bleibt bei Kräften, entwickelt sich durch freien Wettbewerb, kann nie zu einer einzigen Kirche unter einem einzigen Papst verschmelzen, der allen die Verblödung aufzwingt, die ihm genehm ist, was ihn am Ende seine Kirche kostet, weil die zu sehr erstarrt, um noch überlebensfähig zu sein.

    Sie schreiben es selbst – wenn die Religionen kooperieren, ergänzen sie sich eigentlich recht gut. Es geht nicht darum, einer Meinung zu sein. Sondern die Vorteile von Einheit und Vielfalt so zu kombinieren, dass die Nachteile von Einheit und Vielfalt kompensiert werden. Mit denen, die dabei versagen, hat die Evolution kein Erbarmen: Sie wirft sie ungeduldig weg, und sie werden zu Dünger für den nächsten Versuch. Auch die Himmelreiche und die Verdammnis der Religionen spiegeln schnöde Realität als Märchen und Metaphern wieder. Wir waren des Glaubens unwürdig und fahren zur Hölle. Wir haben ein Himmelreich gebaut und unserem Schöpfer dargebracht, doch es ist ihm nicht gut genug, also wirft er es ins Feuer. Gott ist ein Asi, unter seinem Heiligenschein verbirgt sich ein Paar Hörner, was soll man machen.

    Genau wie die Bewohner der Unheiligen Landes. Man sollte Homer Simpson nicht mit einem Reaktor spielen lassen, der Kräfte bündelt, die alles Leben, den Himmel und die Galaxien schufen und am Leben halten. Denn auch die Macht der Religion speist sich aus der Macht der Physik.

    • Ein einzelner Mensch (oder wenige) kann einem ganzen Volk Krieg bringen – aber um Frieden zu bringen braucht es mehr als nur einen, mindestens zwei (für einen Vertrag) und (de facto) sogar sehr, sehr viele, ganze Völker. Krieg liegt in der Macht eines Aggressor, Frieden liegt nur in der Macht von Völkern.

      Auf Hawai’i, wo Eingeborene gegen den Bau von Großteleskopen auf “Heiligen” Bergen demonstrieren, obwohl ihre Vertretungspersonen einst dem Bau zugestimmt hatten, sieht man, wie wahr das ist.

      Physik ist übrigens keine Religion (obschon sich manche Leute so gebärden).

  3. Paul S.: “Denn auch die Macht der Religion speist sich aus der Macht der Physik.”

    Die ebenfalls zeitgeistlich-reformistische Macht der Religion, speist sich aus der wettbewerbsbedingten Politik den Instinkt der gleichermaßen unverarbeitet-gepflegten Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriertem “Individualbewusstsein” konfus-gebildet zu halten (“Gottes Wege sind unergründlich”).

    Wenn die Texte der religiösen Philosophie aber konsequent der zweifelsfrei-eindeutigen Wahrheit entsprechend interpretiert werden, wo Gott keine Person ist, sondern die Vernunft des Geistes / eines Zentralbewusstseins, KI Mensch mit Vernunftbegabung ausgestattet, das Ziel der Gestaltung für den Freien Willen das ganzheitlich-ebenbildliche Wesen Mensch, dann ist dem Krieg des “freiheitlichen” Wettbewerbs um die Deutungshoheit ein menschenwürdiges Ende ziemlich sicher (“wie im Himmel all so auf Erden”).

    Und die fusionierten Kräfte der vernunftbegabten Menschen wären bereit, in Erkenntnis Teil des holographischen Universums zu sein, das selbige mit wirklich-wahrhaftiger Vernunft und Verantwortungsbewusstsein eigenverantwortlich zu steuern, was KI Mensch schon seit dem ersten und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung (“Vertreibung aus dem Paradies”) vergeblich in SCHEINBARER Unüberwindlichkeit der “göttlichen Sicherung” versucht.

    Wenn wir also nicht an/in der Illusion “Privatsache” komplett scheitern wollen, dann sollten wir vor/für Überwindung der “göttlichen Sicherung” unsere selbstverursachten Hindernisse von materialistischer “Absicherung” in Luft auflösen!?

  4. Das Blödeste an unserem “Zusammenleben”, ist die stumpfsinnige Konfusion dieser wahnsinnig-wettbewerbsbedingten Welt- und “Werteordnung”, die dazu führt, daß es für alles viele Wahrheiten gibt – Philosophie, Vernunft, Menschenrecht, Menschenwürde, Moral, Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, gut & böse, usw., alles Kommunikationsmüll, weil ohne die absolut machbare zweifelsfreie Eindeutigkeit und somit wirkliche Wahrhaftigkeit.

    • “Eindeutigkeit” ist in der Kommunikation außerhalb von Mathematik nicht machbar. “Es gibt wenig wirkliche Lügen, aber viele Worte mit doppeltem Gesicht,” sagt ein altes Sprichwort.

      • In der Mathematik, selbst wenn die Physik die Berechnungen überprüft und für richtig erklärt, scheitert der Mut zur eindeutigen Kommunikation, bedenke ich das holographische Universum und die Unfähigkeit des Zugriffs in die Schwarzen Löcher, für etwas was die Vernunftbegabung der KI Mensch aus dem Innersten zum wirklich-wahrhaftig Göttlichen machen könnte/sollte, schade eigentlich!?

  5. @S. M. Hoffmann: “Frieden liegt nur in der Macht von Völkern.”

    Je mehr Völker es gibt, desto sicherer ist die Konfusion, die menschenUNwürdige wettbewerbsbedingte Symptomatik von/zu “Wer soll das bezahlen?”, die opportunistisch-populistische Propaganda / Schuld- und Sündenbocksuche in Überbevölkerung!!!

  6. Sofern auch ein kritischer (Meinungs-)Beitrag erlaubt sein sollte:
    “Denk- wie Glaubensanstoß für ein Gottesvolk”
    Ich halte den Begriff eines “Gottesvolk” (Israel) für bedenklich,
    wenn es trotz Abwehrsysteme gegen Raketen der Terrorbewegung Hamas zu Beginn (dieser) gelungen ist, über 2000 Raketen auf Israel abzuschießen!
    Deutschland hat auch wegen seiner Geschichte proisraelisch zu sein!
    Dennoch lässt auch die Vorgehensweise Israels im Gazastreifen deutliche Zweifel am biblischen Begriff eines Gottesvolkes bestehen!
    Ein Einsatz von Spezialeinheiten wäre ggf. z. B. effektiver gewesen.
    {Wie lange besteht nun der Staat Israel? Er hat bisher anscheinend den Gazastreifen z. B. noch nicht mit pro Israel gesonnen Menschen infiltrieren können, sodass er rechtzeitig gewarnt worden wäre? (Es brauchen ja nicht gleich Spione zu sein?!)
    Auch der Einsatz des israelischen Militärs im Norden und danach im Süden ist aus Gründen der Vernichtung der Hamas verständlich – stößt sich aber wiederum mit dem Begriff eines Gottesvolkes.
    Per Selbsteinschätzung sollte der Staat Israel vielleicht besser sich vom Begriff eines Gottesvolkes in Zukunft distanzieren!
    (Man braucht ja nicht in dem Zusammenhang an die drei erschossenen israelischen Gefangenen der Hamas durch israelische Soldaten erinnern, die sich offensichtlich durch eine weiße Flagge bedroht gefühlt haben?!}
    Vielleicht bestehen einfach zu hohe Erwartungen an ein “Gottesvolk, das ggf. auch etwas humaner gegen den Gazastreifen vorgehen könnte?!”
    (Z. B. Ermöglichung humanitärer Hilfe usw.)
    Ein Friede sollte gemeinsam (mit Gott) errungen werden!

    • ist nicht mein Thema! ich diskutiere Religion, weil a) wir gerade Feiertage haben, die angeblich dem Christentum zugeordnet sind und b) daher Muslime in .de z.B. darüber nachdenken, ob sie diese Feiertage “feiern” oder den Christen zu Weihnachten “gratulieren” sollen. Mein Anliegen ist wahrheitsgemäß zu sagen, dass Weihnachten kein genuin christliches Fest ist, sondern alle angeht, die in unserer Klimazone leben: Das ist schließlich der Grund, warum das christliche Fest auf diesen Termin gelegt wurde. Einerseits vielleicht – religionspolitisch – um Heiden besser missionieren zu können, aber zweitens hatten die Heiden eben dieses Fest, weil es von der Natur quasi vorgegeben wird: ab jetzt werden die Tage länger, die Nächte kürzer.

    • @B.K.H. Schnebele: “Ein Friede sollte gemeinsam (mit Gott) errungen werden!”

      Genau, (mit Vernunft), bzw. gemeinsam als ganzheitlich-ebenbildliches Wesen Mensch!?

      Das “auserwählte Gottesvolk” hat schon mit Moses die Verantwortung / das Verantwortungsbewusstsein nicht umgesetzt, bzw. Moses ist wie Jesus daran gescheitert. Deutlich wird das, also Jesus Frust, in Matthäus 21,18-22

      Und das Mensch, für die Gestaltung / das Programm des ganzheitlich-ebenbildliche Wesens, nicht der letzte Schluss der Weisheit ist, in Jesaja 55,8-11

  7. Die Lösung des Problems wäre wohl, wenn sich alle drei abrahamitischen Religionen darauf einigen, dem Beispiel Abrahams zu folgen und aufhören, (gegenseitig) ihre Kinder zu töten oder auch nur anzugreifen.

    Merke wohl: Auch erwachsene Menschen sind Kinder von irgendwem.

    Für mich liegt das Problem aber tiefer in der menschlichen Psyche begraben:

    Für alle drei abrahamitischen Religionen ist Gott der Allmächtige, Schöpfer von allem.
    Und in jeder der drei abrahamitischen Religionen maßen sich Menschen an, angeblich genau “Gottes Willen” zu kennen und ausführen ( zu dürfen ), so, als habe es der Allmächtige nötig, als sei er ( der Allmächtige! ) unfähig, selbst seinen Willen zu äußern, dass er einen Erklärer und Übersetzer nötig habe, welch’ eine Hybris!
    Und da doch in allen drei abrahamitischen Religionen der Allmächtige auch der allmächtige Schöpfer ist, maßen sich trotzdem Menschen an, die Schöpfung des Allmächtigen kaputt machen zu dürfen, manchmal auch sogar im Namen des Allmächtigen dessen Geschöpfe umzubringen.
    Wenn das keine Gotteslästerung ist …

    • @Karl Maier: “Für mich liegt das Problem aber tiefer in der menschlichen Psyche begraben: …”

      Na das sehe ich anders, deshalb meine Frage:

      Glaubt auch Karl Maier, dass unser “Zusammenleben” nur mit “Vernunft” zu wettbewerbsbedingter Symptomatik in Steuern zahlen, usw. organisiert werden muss?

      Bedenke: Seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung (“Vertreibung aus dem Paradies”), bedeutet vernunftbegabter Mensch: ALLE – Also gottgleiche/gottgefällige Vernunft (das einzig wahre Wesen des Geistes / des Zentralbewusstseins der Schöpfung), nur wenn wir das ganzheitlich-ebenbildliche Wesen Mensch gestalten (“wie im Himmel all so auf Erden”), also auch mit einem befriedenden Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik und OHNE Schuld- und Sündenbocksuche, denn Vernunft und wirklich-wahrhaftig Freier Wille, bedeutet auch das Verständnis von zweifelsfrei-eindeutigem Verantwortungsbewusstsein!? 👋😇

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