Elfenbeintürme oder ein Problem der Sichtbarkeit? Eine Antwort auf Joachim Müller-Jung

Fehlt der Aufschrei aus der Wissenschaft, oder gibt es stattdessen ein Problem der Sichtbarkeit bzw. Hörbarkeit? In seinem gestrigen Kommentar „Wo bleibt der Aufschrei gegen den Populismus?“ (26.11.2016) spricht Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Natur und Wissenschaft bei der FAZ, eine ganze Reihe wichtiger Punkte an: Wie gehen wir damit um, wenn Populisten das Vertrauen in die Wissenschaft untergraben? Wie schaffen wir es, bei Themen wie Klimawandel, Impfen, und Evolution nicht den Populisten zu überlassen? Die ersten Absätze des Kommentars habe ich denn auch jeweils zustimmend nickend gelesen.

Wissenschaft im Elfenbeinturm oder ein Problem der Sichtbarkeit? Symbolbild: Elfenbeinfarbener Turm auf einem Schachbrett

Elfenbeinturm (Symbolbild)

Aber dann argumentiert Müller-Jung in einer Weise weiter, die meiner Erfahrung komplett widerspricht. Dann erzählt er von passiven, trägen Wissenschaftlern im Elfenbeinturm, die sich allenfalls öffentlich äußern, um sich „über fehlende Gelder und geplante Mittelkürzungen“ zu beschweren – eine Trägheit, die „[fast] alarmierender als die politische Rattenfängerei“ sei.

Was ist das Problem: Engagement oder Sichtbarkeit?

Ich und die Menschen, mit denen ich – online und persönlich – kommuniziere, leben offenbar in einer anderen Welt, oder zumindest: in einer anderen Filterblase als Herr Müller-Jung. Ich lese regelmäßig Blogbeiträge oder andere Texte, in denen sich Wissenschaftler zu Klimawandel oder zum Problem der Impfgegner äußern, die Hintergründe erklären, geduldig auf Argumente der Populisten eingehen. (Und ich frage mich gerade ernsthaft, wann ich in jenen Medien das letzte Mal etwas über Mittelkürzungen gelesen habe.)

Das Problem ist also offenbar nicht, dass es keine in dieser Weise aktiven und engagierten Wissenschaftler gäbe. Das Problem ist die Sichtbarkeit.

In einer Welt, in der jeder seine Inhalte ins Internet stellen kann, ist das Informationsangebot übersichtlich vielfältig.

Prominent sichtbar wird, was entweder durch massenhaftes Teilen nach oben gespült wird – und ja: dabei haben Populismus, Empörung, Übervereinfachungen naturgemäß bessere Karten.

Prominent sichtbar wird außerdem, was die Massenmedien aufgreifen und sichtbar machen. Auch in Zeiten des Internet gehören die Massenmedien nach wie vor zu den Institutionen mit der größten Reichweite. Und wer die Entscheidung treffen kann, bestimmte Inhalte sichtbar werden zu lassen, trägt entsprechende Verantwortung.

Sie sind am Zug.

Und damit sind wir bei Ihnen und Ihren Kollegen, Herr Müller-Jung. Kuratieren Sie. Wählen Sie aus. Sorgen Sie dafür, dass diejenigen Inhalte von Wissenschaftlern, die sich gegen den Populismus wenden, sichtbarer werden. Die engagierten Wissenschaftler gibt es, sowohl international als auch hier in Deutschland. Die Inhalte sind da. Man muss sie – und ja, das ist Arbeit, kostet Zeit und Ressourcen – heraussuchen, bewerten, das Beste auswählen. Aber solche Arbeit lohnt sich. Dafür liefern Sie im ersten Teil Ihres Kommentars die richtigen Argumente.

Sie und Ihre Kollegen sind am Zug.


 

Ich hatte das Thema Reichweite, Sichtbarkeit und Kuratieren in früheren Blogbeiträgen angesprochen:

Hier ist ein interessanter Blogbeitrag dazu von Jan-Hinrik Schmidt:

…und Henning Lobin ist nebenan bei der Engelbart-Galaxis auch auf Müller-Jungs Kommentar eingegangen:

Hier noch ein interessanter Blogbeitrag dazu von Jens Rehländer:

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

27 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Sie schreiben in Ihrem Blogpost: „Wenn es wahr ist, dass das Vertrauen der Laien in Wissenschaft an vielen Stellen erodiert (Stichwörter: Klimawandel, Gentechnik, Evolution vs. Kreationismus), dann haben wir alle im System Wissenschaftskommunikation unseren Teil dazu beigetragen.“ Ein zentraler Satz, der etwas mehr Klarheit verdient. Die hier aufgezählten Stichwörter, von Ihnen mit der Erosion des Vertrauens des Laien in die (exakte) Wissenschaft in Verbindung gebracht, sollen nun wie eingeordnet werden? Der Klimawandel wird von der Wissenschaft als menschengemacht betrachtet, da gibt es in der Bevölkerung weitestgehend Übereinstimmung. Bei der Gentechnik sieht es etwas anders aus, auch die Wissenschaft ist sich da nicht einig – es geht ums Ganze. Und wohin sehen Sie – sieht man einmal von den USA ab – das Pendel in Bezug „Evolution vs. Kreationismus“ ausschlagen?

      Wenn übrigens insbesondere „das Vertrauen“ in eine tragende gesellschaftliche Institution wie die Wissenschaft erodiert, hat das natürlich soziologische Gründe – indem klar ist, daß mehr als 99.99% der Menschen experimentelle Ergebnisse, wie sie etwa am CERN gewonnen werden ohnehin nur „glauben“ können. Die Unabhängigkeit der Forschung ist aber in Zeiten der Austerität nicht mehr gewährleistet, das hat sich herumgesprochen. Daß nun hieraus auch unbegründetes, leicht zu schürendes Mißtrauen erwächst, sollte uns nicht überraschen. Wer für die Wissenschaft ist, wird ihre gesellschaftlich bedeutende Funktion nicht übersehen. Daraus erwächst Verantwortung ethischer Art, ein Aspekt, der gern zu kurz kommt oder überhaupt nicht stattfindet, was nicht folgenlos bleiben kann.

  1. Ich freue mich sehr, dass diese Problematik verstärkt an die Öffentlichkeit kommt. Natürlich sind auch die „großen Medien“ mit in der Verantwortung dafür, wenn Populisten mehr Gehör bekommen als rationale Stimmen. Allerdings muss ich sagen, dass in meinem eigenen Feld, der Chemie, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ihre ganz eigenen Schwierigkeiten hat.

    Ich selbst habe am 14.11.2016 darüber geschrieben: http://chemreporter.de/2016/11/14/raus-aus-dem-elfenbeinturm/

  2. Man kann nicht jede Form von Kritik an der Wussenschaft und von Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse als Ausgeburten des Populismus bezeichnen, zumal wir hier in Europa und den USA bei Populismus an Rechtspopulismus denken und es naheliegt dahinter einen gesellschaftlich kulturellen Graben ähnlich wie in den USA zwischen aufgeklärter, liberaler, städtischer Zivilisation und den (republikanischen) Hinterwäldlern und Abgehängten zu sehen.
    Es gibt auch unterschiedliche Gründe für die Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und reine Ignoranz ist nicht der wichtigste Grund dafür. So lehnen viele (traditionelle) Christen, Muslime und Juden die Evolutionstheorie aus religiösen Gründen ab und die US-Republikaner und Trump leugnen den Klimawandel aus nationalen (die USA sind reich an Öl, Erdgas und Kohle) und wirtschaftlichen Gründen.
    Diese Motive alle unter dem Stichwort Populismus zu subsummieren macht es sich etwas zu einfach.

    • Sorry, aber das ist (einmal mehr) ein Strohmann-Argument: Erst einen Begriff unangebracht einengen (Populismus sei Rechtspopulismus) bzw. überspitzen („reine Ignoranz“) und sich dann beschweren, da werde es sich zu einfach gemacht.

      Das wichtige ist hier aus meiner Sicht – und so verwendet Müller-Jung den Begriff soweit ich sehen kann auch – wie man in Bezug auf Wissenschaftsthemen mit typischen Ausprägungen des Populismus als Strategie umgeht. Insbesondere mit übervereinfachten, aber griffigen Antworten auf ihrer Natur nach komplexe Probleme, und der Verbreitung der Bausteine solcher Narrative z.B. via soziale Medien.

      • Nein, bei „Populismus“ an Rechtspopulismus zu denken ist naheliegend. Man lese nur folgende Sätze aus Jens Rehländers Blogbeitrag (zum Thema Wissenschaftskommunikation)

        Haben Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation zu lange an der wahlberechtigten Bevölkerung vorbeikommuniziert? Nun, im Lager der Demokraten und Aufklärer herrscht jedenfalls Alarm in diesen Tagen. Und das ist gut so! Denn nachdem sich ein EU-Mitgliedsland nach dem anderen den rechten Demagogen ergibt, nachdem der Brexit passiert ist und mit Donald Trump in Kürze das bislang völlig Unvorstellbare wahr wird – jetzt endlich artikuliert sich hierzulande Widerstand gegen diese unsägliche, unheimliche Entwicklung.

        • Die aktuellen Beispiele beim Rechtspopulismus zu sehen und Populismus soweit mit Rechtspopulismus gleichzusetzen, dass man darüber die Grundlagen jeden Populismus – und der erwähnten Populismus-Strategie – übersieht, sind aber zwei ganz unterschiedliche Paar Stiefel.

          • OK, Populismus ist sicher ein Problem zum Beispiel bei vielen Klimaleugnern, die sich für kein noch so hohles Gegenargument gegen den menschengemachten Klimawandel zu schade sind.
            Den Kreationismus, also die Ablehnung der Evolutionstheorie kriegen sie aber nicht in die Schachtel Populismus (ich hab übrigens einmal mit einem Evolutionsskeptiker und Akademiker zusammengearbeitet). Es stimmt zwar, dass die katholischen und reformierten Landeskirchen eine differenzierte Meinung zur Evolution haben und sie nicht rundum ablehnen, aber alle evolutionskritischen christlichen, muslimischen und jüdischen Glaubensgemeinschaften kann man trotzdem nicht ins Lager der Sektierer einordnen und ihre Botschaften sind nicht rundweg populistisch.
            Ist Populismus ein Arbeitsbegriff mit dem man das Legnen von wissenschaftlichen Fakten angehen kann und soll? Nur bedingt, denke ich. Wichtig ist auch die Motivation, die jemanden dazu bringt, einen wissenschaftlichen Fakt zu leugnen. Beispielsweise der religiöse Glaube. Wenn sie einem Gläubigen sagen, ja die Evolution sei zweifellos die richtige Erklärung für alles Lebendige und diese Lehre zeige damit auch, dass es keinen Gott brauche, dann muss sich der Angesprochene zwischen Gott und der Wissenschaft entscheiden. Solche Mechanismen und Dilemmata erklären gewisse Fälle von Ablehnung wissenschaftlich erhärteter Fakten.

          • Strategischer Populismus ist auch unabhängig von der konkreten Situation mit der Wissenschaftskommunikation definiert: An Emotionen appellieren, komplexe Themen verfälschend vereinfachen, bestehende Vorurteile/Missverständnisse/Fehlvorstellungen gezielt ausnutzen und derlei Dinge mehr. Beispiele dafür gibt’s auch beim Kreationismus genug.

            Und bei der Frage, wie man dieser Art von strategischem Populismus begegnen kann, kann man sich selbstverständlich auch die unterschiedlichen Motivationen anschauen – und neben den Gemeinsamkeiten auch das, was die Anwender strategischen Populismus unterscheidet. Das schließt sich ja keineswegs aus, und ich verstehe nicht, warum Sie in Ihren Kommentaren den Eindruck erwecken möchten, das sei ein entweder oder – wer die Gemeinsamkeiten des Populismus in den Vordergrund stelle, vereinfache; dass es unterschiedliche Motivationen gebe, zeige, dass Populismus nur „bedingt“ ein „Arbeitsbegriff“ sein könne, und derlei Ungereimtheiten mehr.

          • Mit dem Begriff „Strategischer Populismus“ gehen sie auf eine andere Flughöhe als man sie im verlinkten und besprochenen FAZ-Artikel findet. Es scheint mir ein sinnvoller Begriff, gerade auch weil er ausdrückt, dass Leugner von wissenschaftlichen Erkenntnissen oft sehr absichtsvoll vorgehen und keinesfalls das Resultat ihrer ehrlichen eigenen Überlegungen wiedergeben. Die Taktik zur Strategie ist dann, dass sie das Publikum bei verbreiteten Fehlüberlegungen abholen (z.B.: „Wenn man nicht einmal das morgige Wetter voraussagen kann, wie soll man dann das zukünftige Klima voraussagen“).

        • Ergänzung zu „bei „Populismus“ an Rechtspopulismus zu denken ist naheliegend“: Im Nachbarblog von Henning Lobin zum gleichen Thema antwortet Henning Lobin auf folgenden Einwand des Kommentators „Gerhard Kugler“

          Der Begriff „Populismus“ wäre erst mal wissenschaftlich sauber zu definieren. Politiker benutzen ihn heute zur schnellen Abfertigung. Das sollten wir nicht nachmachen!

          mit folgender Antwort:

          Die Politikwissenschaft hat sich durchaus mit diesem Begriff schon weitergehend beschäftigt. Hier eine Zusammenfassung zu dieser Diskussion von der Bundeszentrale für politische Bildung.

          Der Von Henning Lobin gesetzte Link führt zu einer Infoseite über Rechtsextremismus, auch Rechtspopulismus genannt.
          Fazit: Nicht nur ich, sondern auch Henning Lobin und Jens Rehländer assoziieren mit dem Begriff Populismus Rechtspopulismus aka Rechtsextremismus. Um ehrlich zu sein, war ich beim Lesen des FAZ-Artikels um den es geht, bereit den vom Autor verwendeten Begriff „Populismus“ unpolitisch zu inerpretieren, doch nachdem ich Henning Lobins oben aufgeführten Kommentar und den Kommentar von Jens Rehländer gelesen habe, bin ich zum Schluss gekommen, dass nicht wenige Populismus mit Rechtspopulismus in Verbindung bringen.

          • In dem von mir verlinkten, von Ihnen erwähnten Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung heißt es allerdings: „Gleichzeitig können wir in Europa seit einigen Jahren einen Aufschwung linkspopulistischer Parteien und Bewegungen beobachten, die vieles von dem, was die Wähler heute umtreibt, offenbar glaubwürdiger adressieren können als ihre rechten Kontrahenten. Die etablierte Politik befindet sich also gleichsam im populistischen Zangengriff von links und rechts.“

          • @ Henning Lobin. So wie der Begriff Populismus im FAZ-Artikel verwendet wird sollte man nicht primär an Rechts- oder Linkspopulismus denken, sondern an die populistische Argumentationsweise ( die aber in Artikeln über Populismus auch meist erwähnt wirst): Apell an den gesunden Menschenverstand, polarisierende Argumente mit Elementen von Verschwörungsglauben (z.B Klimawissenschaftler schiessen konträr denkende Kollegen ab und benutzen den Klimawandel für ihre Karriere), Vorwurf des Elitarismus und der Volksverachtung.
            Wenn sie den von Ihnen verlinkten Artikel, der sich im Dossier Rechtsextremismus befand, wegen der dort beschriebenen populistischen Argumentationsweise verlinkt haben und nicht wegen der politischen Ausrichtung, dann ist das OK.

          • @Martin Holzherr

            Sie schreiben: „So wie der Begriff Populismus im FAZ-Artikel verwendet wird sollte man nicht primär an Rechts- oder Linkspopulismus denken…“.

            In dem von @Henning Lobin vorgebrachten Zitat heißt es jedoch: „Die etablierte Politik befindet sich also gleichsam im populistischen Zangengriff von links und rechts.“

            Das ist nicht ganz falsch! In ihrem Buch „Rechter und linker Populismus: Annäherung an ein Chamäleon“ beschreibt die Autorin, Karin Priester, den Populismus als ein Phänomen der gesellschaftlichen Mitte, weil es heute fast zum guten Ton gehöre, die unteren Schichten für den Populismus verantwortlich zu machen. Wachsende soziale Ungleichheit und prekäre Lebensbedingungen hätten das Bild des Volkes gründlich entromantisiert. Der Populismus werde wie ein Fremdkörper nach unten ausgelagert. ( S. 17)

            Ich verlinke hier das erwähnte Buch, weil etliche Seiten als kostenlose Leseprobe zur Verfügung stehen, die bereits einen recht guten Überblick liefern. https://books.google.de/books/about/Rechter_und_linker_Populismus.html?id=v8rlAgAAQBAJ&redir_esc=y

          • @Mona: Ja Mona, Henning Lubins Satz

            Die etablierte Politik befindet sich also gleichsam im populistischen Zangengriff von links und rechts.

            stimmt, weil Klimaleugner, Impf- und Gentechnikgegner prominente Unterstützung von populistischen Politikern von links und rechts erhalten haben. Es gab schon Klimaleugner, Impf- und Gentechnikgegner bevor sie von der Politik entdeckt wurden. Auch schon dazumal argumentierten die Klimaleugner populistisch und scheuten sich nicht vor Verdrehungen, Ausnützung von Missverständnissen und wiederholt falscher Interpretation von Daten selbst wenn sie auf Fehler bei der Interpretation hingewiesen wurden. Die „besten“ Argumente dieser populistischen Argumentationsstrategie werden von populistisch argumentierenden Politikern (praktisch alle US-Pepublikanern, die AfD, die FPÖ, etc) wiederverwendet.
            Die rechtspopulistischen Parteien Europas sind praktisch ausnahmslos Klimaleugner. Typische Schlagzeilen dazu sind etwa FPÖ-Umweltsprecherin Winter nennt Klimawandel „Lügengebäude“.
            Man kann das so interpretieren: Alle populistischen Parteien sind zuerst einmal antielitär und stellen die Wahrheiten der Elite grundsätzlich in Frage, denn hinter den angeblichen Wahrheiten verbärgen sich die Interessen der Eliten. Auch bestimmte Wissenschaftsgebiete, von den Poulisten gerne Pseudowissenschaft genannt oder als wissenschaftlich verbrämte Ideologie gebrandmarkt, wird als im Interesse der Eliten gesehen – und dementsprechend bekämpft.
            Populismus ist im Kern eine rhetorische Strategie. Der Populist gibt sich als Verbündeter und Vertreter des Volkes aus und bekämpft die abgehobenen Eliten, welchen vorgeworfen wird am Volk vorbei zu regieren und im Elfenbeinturm zu leben. Im Gegensatz zu diesen Eliten und Hohepriestern spricht der Populist nicht nur im Namen des Volkes, sondern er spricht auch die Sprache des Volkes und holt das „Volk“ ab, indem er verbreitete Emotionen, Ängste und Vorurteile aufnimmt und sie eingängig formuliert. Diese Strategie wendet er auch gegenüber missliebigen wissenschaftlichen Erkenntnissen an.
            Sie schreiben noch

            Populismus als ein Phänomen der gesellschaftlichen Mitte, weil es heute fast zum guten Ton gehöre, die unteren Schichten für den Populismus verantwortlich zu machen. was ich so interpretiere: Der Populismus findet vor allem in den unteren Schichten Widerhall und die gesellschaftliche Mitte schaut auf diese Unterschicht herab. Nun, Trump wurde ja von den wenig Gebildeten gewählt und auch der Front national hat dort am meisten Rückhalt. Allerdings gelingt es dem Populismus zunehmend auch die gesellschaftliche Mitte zu erreichen. Das gilt auch für das Leugnen von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bei den US-Republikaner sind nicht nur die Spitzenpolitiker sondern auch weite Teile der republikanischen Wähler Klimaleugner.

  3. Raus aus den Echokammern der Wissenschaftskommunikation

    . Diesen Auruf kann ich voll und ganz unterschreiben. Nur besteht sogar bei dieser Absicht die Gefahr, lediglich die Echokammer zu erweitern (auf alle Gleichgesinnten nämlich) ohne die wirklichen Wissenschaftsleugner zu erreichen. Wer die Klimawandelleugner erreichen und zum Umdenken bewegen will, muss Ihnen überzeugend entgegentreten. Ein gutes , aber leider missglücktes Beispiel dafür ist der Disput Im US-Wahlkampf zwischen dem US-Republikaner Marco Rubio und dem Sierra-Club. Marco Rubio – von vielen als weit valablerer Präsidentschaftskandidat als Trump eingeschätzt – war im Wahlkampf einer der aktivsten Klimaleugner. Im youtube-Video
    Ted Cruz demolishes Sierra Club president on global warming hoax
    bringt Marco Rubio nur ein einziges Argument gegen den menschengemachten Klimawandel: die von Satelliten (RSS und UAH) gemessenen Temperaturen der oberfächennahen Atmosphäre hätten sich in den letzten 18 Jahren kaum erhöht (nicht signifikant) was zeige, dass es keine Erwärmung des Klimas gebe. Und der Sierra-Club Sprecher brachte in dieser Debatte kein einziges überzeugendes Gegenargument vor. Dabei hätte man Marco Rubio sehr überzeugend entgegnen können. Nur hat das niemand gemacht. Soviel ich weiss nicht einmal nachträglich. Kein Journalist oder Wissenschaftler hat in der Öffentlichkeit erkennbar darauf reagiert. Es bleibt lediglich dieses Video und in diesem Video kommt Rubio für seine Anhänger gut rüber. So etwas ist eine wahre Katastrophe für die Wissenschaftskommunikation.

  4. Jens Rehländer Blogbeitrag

    Raus aus den Echokammern der Wissenschaftskommunikation!

    überzeugt vor allem durch den Titel, der das Problem auf den Punkt bringt: es ist die Polarisierung, die Ausbildung von immer mehr gegeneinder abgeschotteten Diskurs- und Kommunikationswelten. Doch der Beitrag enthält auch Ansätze von
    1) Elitedenken und
    2) einer nicht gerechtfertigten Selbstsicherheit wer auf der richtigen Seite stehe.
    Wobei 1) und 2) aber zusammenhängen.

    zu 1) Der Satz Jens Rehländers

    Haben Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation zu lange an der wahlberechtigten Bevölkerung vorbeikommuniziert?

    läuft darauf heraus, dass die Wähler aus Wissenschaftsignoranz falsch abgestimmt haben, falsch gewählt haben. Doch damit sind wir schon bei 2) (wer gehört zu den Eigenen)

    zu 2) in den USA sind die Republikaner eine der zwei grossen Parteien. Aber 90 bis 95% der republikanischen Politiker sind aktive, laute Klimaleugner. Donald Trump ist diesbezüglich der Gemässigste unter den bekannten republikanischen Politikern. Erwartet Jens Rehländer, dass die Wähler klüger als ihre Politiker sind? Vor allem, wenn diese Politiker keine Freaks wie Nigel Farange und andere populistische Politiker sind, sondern wenn diese klimaleugnenden Politiker die Elite einer Volkspartei ausmachen. Man stelle sich vor die CDU/CSU in ihrer Gesamtheit – alle ihre Politiker – wären Klimaleugner und würden bei jeder Diskussion zu diesem Thema einen ganzen Argumentenkorb gegen die These vom menschengemachten Klimawandel auftischen. Könnte man da vom Wähler noch erwarten, dass er es besser weiss? Übrigens gibt es auch in der deutschen Politik Politiker die eher auf Kriegsfuss mit der Wissenschaft oder bestimmten ihnen missliebigen Forschungen stehen, doch die gehören eher ins links-grün-alternative Lager.

    Kurzfassung: Wissenschaftsleugner gibt es nicht nur bei den Ungebildeten. Vielmehr gibt es bei Gebildeten und Ungebildeten eine zunehmende Tendenz zur Rosinenpickerei bezüglich dem was man glaubt, auch wenn es eigentlich gar nichts zu glauben gibt, weil wissenschaftliche Fakten kaum des Glaubens bedürfen, sondern nur gewusst werden müssen.

    • …und einmal mehr die Bitte, bei Kommentaren beim Thema des Blogbeitrags zu bleiben!

      Auch das Blog von Jens Rehländer hat eine Kommentarfunktion. Dort bitte Kommentare zum Blogbeitrag von Jens Rehländer hinterlassen, nicht hier.

  5. Die Wissenschaft ist genau wie die Politik in einer Zwickmühle. Viele Prozesse in Forschung und Politik sind extrem komplexe, nichtlineare chaotische Systeme, die Beispiele reichen vom menschlichen Körper über den Klimawandel bis zu den Prozessen an den Börsen. Die Menschen aber erwarten einfache oder zumindest für Nichtwissenschaftler nachvollziehbare Erklärungen. Genau damit tun sich Politiker und seriöse Wissenschaftler schwer, weil jede Vereinfachung natürlich automatisch auch Fehler mit sich bringt. Die Populisten dagegen haben mit Fehlern oder unwahren Behauptungen dagegen kein Problem. Gleichzeitig aber wird von den Populisten jeder Politiker oder Wissenschaftler an den bei Vereinfachungen zwangsläufig auftretenden Fehlern aufgehängt und im schlimmsten Fall zum Lügner (oder die Verbreiter dieser Nachrichten zur „Lügenpresse“).
    An dieser Schnittstelle hat aber der Wissenschaftsjournalismus seine Aufgaben und seine Herausforderung. Die Erklärung komplexer Zusammenhänge mit den notwendigen Verallgemeinerungen ohne grundlegende Fehler ist schwierig, Wissenschaftsjournalisten kommen da an ihre Grenzen und der Durchschnittsjournalist ist schnell überfordert. Und wenn dann noch Politik oder Lobbyisten Meinungen unter dem Schlagwort Wissenschaft promoten wollen, dann wird es komplex.
    Ich kann dem geschätzten Autor nur zustimmen: Es gibt viele Wissenschaftler, die sich mit den Populisten und Ihren Thesen auseinandersetzen, die Diskussionen und Veröffentlichungen haben im Internet durchaus eine große Breite erreicht, eine größere Breite, als dies in den Printmedien der Fall ist und im Artikel der FAZ suggeriert wird. Leider gelingt es allen gemeinsam bisher nicht im nötigen Maße, mit Fakten gegen Meinungen anzukommen.
    PS: Nur eine Anmerkung zu den Kommentaren von Martin Holzherr: Begriffe wie „Wissenschaftsleugner“ oder „Klimawandelleugner“ sind Schlagworte von Populisten, die zunächst erst mal diffamieren sollen und nichts mit faktischer Auseinandersetzung zu tun haben.

  6. Ihren Aufruf an die Journalisten in allen Ehren. Diese müssten sich jedoch nicht nur gegen Populisten abgrenzen, sondern auch gegen Lobbyisten aller Art. Diese gehen nämlich nicht nur in Brüssel ein und aus, sondern haben längst auch viele Medien unterwandert, was letztendlich dafür sorgt, dass deren Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung angezweifelt wird.
    Siehe dazu auch: https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/213073/ein-angebot-das-sie-ablehnen-koennen-lobbyismus-in-den-medien

  7. „Klimawandel , Impfen und Evolution“

    Das geht am Thema vorbei , das sind nicht die Themen , die die Populisten stark machen.
    Klimaleugnung bringt denen ein bißchen was , ist aber nicht ansatzweise mehrheitsfähig.
    Impf-und Evolutionsskeptiker mögen laut im Netz sein , haben in der Bevölkerung aber nur Sektencharakter.
    Soziales , Wirtschaftliches , die Fragen der Diskriminierung , die allgemeine intellektuelle Stagnation , der ständige Mißbrauch des Liberalismus-Begriffs , das sind die Gründe für den rechten Aufstieg , hinzu kommen noch kultturelle Probleme und Tabus.
    Und nicht zuletzt das , was auch in diesem Kommentarzweig wieder runtergebetet wird , die Gleichsetzung rechter und linker Kritik.
    Wer sowas absondert , sollte bitte aufhören , sich über den Rechtspopulismus zu beklagen , denn er fördert ihn selber aktiv.

    • @DH

      Es gibt auch Linkspopulismus, allerdings ist dieser weniger in Deutschland beheimatet. Meist wird er mit Parteien wie der griechischen Syriza oder mit der spanischen Podemos in Verbindung gebracht. Wobei Populismus natürlich ein eher schwammiger Begriff ist und ich würde Leute, die Fehler der etablierten Kräfte kritisieren nicht automatisch mit Klimaleugnern sowie Impf-und Evolutionsskeptikern in einen Topf werfen.

      • @Mona: Neben Rechts- und Linkspopulismus (war in Lateinamerika stark) gibt es auch eine populistische Argumentationsstrategie. Diese wird auch von vielen WIssenschaftsleugnern verwendet. Ein Beispiel: Beim Leugnen des Klimawandels geht es ebenfalls gegen Eliten, die Klimaeliten nämlich, die sich in der IPCC (dem Weltklimarat) vereinigt haben. Dieser IPCC und ihren Mitgliedern wird von Klimaleugnern nicht selten Verschwörung, Korruption und Handeln im Selbstinteresse vorgeworfen. Auch den Appell an den gesunden Menschenverstand (common sense), polarisierende Argumente, Argumente ad hominem und die Emotionalisierung findet sich sowohl bei politischen Populisten als auch bei beispielweise Klimaleugnern und anderen Leugnern wissenschaftlicher Fakten.

        @DH: Zustimmung. Wie die meisten verbinden sie mit dem Wort Populismus bestimmte populisitsch auftretende Parteien, hier in Deutschland und Europa denken die meisten an den Rechtspopulismus. Der Begriff Populismus ist aber allgemeiner. Er meint vor allem eine rhetorische Strategie, wo sich der Redner als Vertreter und Repräsentant des Volkes und Gegner der korrupten Eliten ausgibt.

        Ich stimme ihnen aber letztlich zu, dass es missverständlich ist, den Begriff Populismus als Erklärung für Kreationismus, Impfgegnerschaft und das Leugnen des Klimawandels zu verwenden.

  8. Der von Jung in der FAZ verwendete Begriff „postfaktisch“ ist aus meiner Sicht treffender als der Begriff Populismus. Es kommt diesen Leuten darauf an Gefühle und Meinungen für sich zu gewinnen, ob die zugrunde liegenden Fakten dabei offensichtlich falsch sind, spielt dabei keine Rolle. Dies gilt für die AfD-Politiker genau so wie für manche Ökos oder Feministen. Sascha Lobo hat das vor vier Jahren mal in seiner Spiegelkolumne herausgearbeitet: Soziale Medien sind in erster Linie Meinungsmedien. Fakten spielen dabei eine untergeordnete Rolle.

    • „postfaktisch“ (emotional richtig ist wichtiger als faktisch richtig) ist ein Element der populistischen Argumentationsstratgie. Allerdings scheint mir auch der Begriff „postfaktisch“ zu sehr politisch kontaminiert, um mit ihm die Vorgehensweise von Klimaleugnern, Impfgegnern und Kreationisten zu charakterisieren.

      Insgesamt fehlt meiner Ansicht dem Artikel von Müller-Jung in der FAZ die intellektuelle Flughöhe um sich mit den Begriffen, die er eingangs des Artikels erwähnt (postfaktisch, Populismus) ernsthaft auseinanderzusetzen. Joachim Müller-Jung gelingt es aber gut, ein Bild von der Landschaft zu zeichnen in dem nicht nur die politische, sondern zunehmend auch die Sachdiskussion stattfindet.

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