8 vermeidbare Pandemie-Fehler und was wir noch daraus lernen könnten

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… aber nicht einfacher
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Wir haben jetzt schon einige Phasen dieser Pandemie durchgemacht. Eine erste Welle mit einigermaßen starken Gegenmaßnahmen, die entsprechend schnell und mit vergleichsweise wenigen Toten vorüberging. Eine zweite Welle mit absurdem Zögern von Seiten der Politik. Die erste Impfkampagne. Das Kuddelmuddel seither. Corona-Original, Delta, Omikron. Vielleicht nicht der beste Moment, nachzuschauen, was man hätte besser machen können – der beste Moment wäre deutlich früher gewesen – aber kein allzu schlechter. Ich beschränke mich dabei auf Aspekte, wo die Lage aus meiner Sicht recht eindeutig ist – Fehler oder Unterlassungen, bei denen zumindest naheliegend ist, wie es anders und besser gegangen wäre – und lasse kontroversere Aspekte, insbesondere die Frage nach Schulschließungen, erst einmal außen vor.

Im Hinterkopf sollten wir dabei so etwas wie das kleine Einmaleins (ehrlichen) öffentlichen Handelns haben. Dazu gehört: sich eine realistische Einschätzung der Lage zu verschaffen. Die dazu nötigen Daten heranzuschaffen. Auf dieser Grundlage gesellschaftliche Ziele zu formulieren Diese Ziele klar zu kommunizieren. Effektive Maßnahmen zum Erreichen der Ziele einleiten. Dabei insbesondere psychologische Aspekte nicht aus dem Auge zu verlieren. Geeignete Kriterien zur Erfolgskontrolle einführen, mit deren Hilfe sich überprüfen lässt, ob die Maßnahmen so funktionieren, wie gedacht. Die Maßnahmen anpassen, wenn sie nicht so funktionieren, wie zum Erreichen des Ziels nötig.

So weit, so elementar. Und doch haben es die Verantwortlichen so ziemlich bei jedem dieser Aspekte geschafft, einen oder mehrere Patzer einzubauen. Wohlgemerkt: es geht nicht um Probleme, die wir erst im Nachhinein erkennen konnten, für die zum Entscheidungszeitpunkt aber einfach nicht genügend Informationen vorlagen. Sondern um Versäumnisse, die schon damals nicht nur als solche erkennbar waren, sondern zum Teil auch damals bereits direkt öffentlich kritisiert wurden.

1. Es gab und gibt keine aktuellen Querschnitts-Stichproben

Je mehr Interpretationsspielraum die Daten zulassen, umso mehr Einfluss haben vorgefasste Überzeugungen. Inzidenzen sind gestiegen? Nee, da muss man nichts machen, wir testen ja jetzt insgesamt mehr. Inzidenzen bei Schüler*innen nach den Ferien hochgeschnellt? Liegt wahrscheinlich nur an den regelmäßigen Tests in der Schulzeit. Was da hätte helfen können? Regelmäßig erhobene repräsentative Stichproben – eine Gruppe von Menschen, die nicht nach den jeweils wechselnden Kriterien getestet wird, sondern in regelmäßigen Abständen immer wieder. Großbritannien hat das offenbar hinbekommen. Deutschland nicht. Der Wissenschaftsjournalismus Jan-Martin Wiarda hat immer einmal wieder darauf hingewiesen. Der damalige IfW-Präsident Gabriel Felbermayr hatte das gleich gefordert, als die ersten großen Gegenmaßnahmen anliefen.

Hätte man das damals wissen können? Selbstverständlich. Wäre der Aufwand vertretbar gewesen? Wenn Großbritannien das kann, sollte es in Deutschland auch möglich sein. Bonus: Die entsprechende Infrastruktur hilft auch bei zukünftigen Pandemien. Umgesetzt wurde diese Maßnahme: nicht. Das halte ich für einen Fehler.

2. Wir hatten und haben zum Teil absurd niedrige Ziele

Welche Ziele man in einer Pandemie-Situation setzt, ist eine Sache des gesellschaftlichen Aushandelns. Nur: wirklich ausgehandelt wurde da ja nichts. Der Auftakt bei den Zielen war eigentlich schon absurd niedrig: Bei uns darf es nicht zu so schrecklichen Szenen kommen wie in Bergamo! In anderen Bereichen würden wir die Latte vermutlich eher nicht so niedrig legen. Sturmflut: Es dürfen aber nicht alle Dämme gleichzeitig brechen! Feuersbrünste: Keine Großstadt soll zu mehr als 50% abbrennen! Unfallvermeidung im Verkehr: Verkehrstote sollen wenigstens nicht bei regelmäßigen Massenkarambolagen umkommen! Alles komplett abwegige Formulierungen. Aber bei Corona hat sich das eingeschlichen. Am Anfang kann man das noch durch entsprechende Panikreaktionen entschuldigen: solche schrecklichen Bilder aus Italien, können wir überhaupt noch verhindern, dass so etwas bei uns auch passiert?

Aber dafür, dass dann trotz der deutlich geänderten Situation diese absurd niedrigen Ziele beibehalten wurden, habe ich eigentlich keine rationale Erklärung mehr. Wenn in den letzten Monaten Entwarnung oder Teilentwarnung gegeben wurde, weil die Intensivstationen ja noch ein paar Kapazitäten hätten – was für ein Armutszeugnis ist das denn eigentlich? Vor der Komplettüberlastung des Gesundheitssystems kommt ja nun das, was wir jetzt aktuell gerade sehen: Knapp 60% der Intensivstationen sind derzeit nur eingeschränkt (37%) oder teilweise eingeschränkt (21%) im Betrieb. Das dürfte konkret heißen: Menschen werden je nach Situation früher von der Intensivstation auf eine Normalstation verlegt, oder länger auf einer Normalstation behalten und nicht auf eine Intensivstation verlegt, als es den üblichen Standards entsprechen würde. Und ja, natürlich wird das im Schnitt Auswirkungen auf die Gesundheit zumindest einiger jener Menschen haben.

Und ja, letztlich kann das alle von uns betreffen. Jede*r von uns kann einen schwereren Unfall haben, entsprechende Versorgung benötigen – und dann mit gehörig Pech nicht bekommen. Aber das spielt in der öffentlichen Diskussion offenbar keine allzu große Rolle. Politiker*innen können nach wie vor darauf hinweisen, dass unser Gesundheitssystem ja nicht komplett am zusammenbrechen sei. Als ob das ein Trost wäre für diejenigen, die gerade suboptimal behandelt werden. Aber ein entsprechendes Ziel – und sei es abgestuft, beispielsweise: wir müssen wieder dorthin kommen, wo 80% der Intensivstationen im regulären Betrieb sind – wurde ja nicht formuliert. Wir hängen nach wie vor bei der absurd niedrigen Messlatte fest, solange unser Gesundheitssystem nicht zusammenbräche, hätten wir das Ganze wohl schon einigermaßen gut über die Runden gebracht.

Wo wir stattdessen die Messlatte hinhängen, ist natürlich eine Frage, die es offen zu diskutieren gilt. Aus meiner Sicht ist es ein Fehler, dass wir die entsprechenden Teile der Diskussion weitgehend auf die Extremfälle – Zusammenbruch ja oder nein – eingeschränkt haben. Für all diejenigen, die unter den aktuellen Einschränkungen leiden, sollte mehr drin sein.

3. Wir haben nur zum Teil Daten zur Überlastung des Gesundheitssystems

Wie gut oder schlecht schlägt sich unser Gesundheitssystem denn nun eigentlich? Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Die Prozentzahlen der Intensivstationen im eingeschränkten, teilweise eingeschränkten oder regulären Betrieb stammen aus dem DIVI-Intensivregister. Zumindest da wurde richtig gehandelt, wurde Infrastruktur geschaffen, so dass wir für die Situation der Intensivstationen und die Zahl der verfügbaren Intensivbetten vergleichsweise gute, zentral erhobene Daten haben.

Für den Rest des Gesundheitssystems – etwa die Normalstationen – haben wir nur leider soweit ich sehen kann nichts vergleichbares. Da habe ich die entsprechenden Probleme jeweils nur über meine Twitter-Timeline anekdotisch mitbekommen: hier jemand der von einer Nachbarin berichtete, die im Rettungswagen längere Zeit umhergefahren worden sei, weil die nächste Notaufnahme überlastet war. Dort ein Arzt, der über die beachtliche Ausfallquote unter seinen Kolleg*innen wegen Omikron-Erkrankungen berichtet. Das hat mehrere Konsequenzen. Die Überlastung ist damit nicht quantifizierbar. Wir können, selbst wenn es denn von Seiten der Verantwortlichen gewollt wäre, keine entsprechenden Ziele formulieren. Und last but not least ist die Überlastung damit auch einfacher auszublenden und zu ignorieren. All das, was konkrete aktuelle Kennzahlen hat – Inzidenzen, Hospitalisierungsinzidenzen, Sterbezahlen – hat in der Berichterstattung ja allein schon deswegen einen gewissen Neuigkeitswert: man kann melden, welche Zahlen gefallen sind, welche stagnieren, welche wachsen. Was nicht gemessen wird, selbst wenn es eigentlich wichtig wäre, bleibt vergleichsweise unsichtbar. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – konkret: wer dabei denkt, dass denjenigen Politiker*innen, die derzeit laut bevorstehende Lockerungen bejubeln, eigentlich ganz gut in den Kram passt, dass mangels Kennzahl vergleichsweise wenig Meldungen zu den entsprechenden Problemen des Gesundheitssytems kommen. Dass wir für die Überlastung der Krankenhäuser jenseits der Intensivstationen keine zentral erhobenen, einfach einsehbaren Daten haben, und dass dieser Bereich daher in der Diskussion zu wenig Gewicht erhält, halte ich für einen weiteren Fehler.

4. Zeitskalen sind wichtig – Zögern hat Konsequenzen

Das Video machte damals die Runde und ist seither auch immer wieder geteilt worden: auf die Frage eines Journalisten nach der wichtigsten Lehre, die man aus früheren Epidemien (konkret: Ebola) für die aktuelle Situation ziehen könnte, antwortete Michael Ryan, bei der WHO zuständig für Notfallprogramme, am 13. März 2020: Schnell reagieren ist wichtig. Aktiv Infektionsketten unterbrechen. Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung sei sehr wichtig. Aber am wichtigsten sei: Schnell handeln. Nicht abwarten.

Bei der ersten Welle hat Deutschland das ja auch genau so gemacht. Dann kam der Sommer. Und dann stiegen die Infektionszahlen wieder – wohlgemerkt in einer Situation, wo es noch keine Impfung gab. Dann stiegen in entsprechendem zeitlichen Abstand die Hospitalisierungszahlen, dann die Sterbezahlen. Was kam von Bundesregierung und Landesregierungen? Im Vergleich zur ersten Welle kaum etwas. Man wartete ab. Man verabredete sich zu Ministerpräsidentenkonferenzen und sagte mindestens eine dann doch wieder ab. Man traf ein paar Maßnähmchen und die Zahlen stiegen weiter. Erst zum Jahreswechsel, als die Zahlen rund drei Mal so hoch waren als am Maximum der ersten Welle, erfolgte doch noch eine Reaktion – und prompt begannen die Zahlen wieder zu fallen.

Ich hatte das im April 2021 mal ausgerechnet: Hätten wir dieselben R-Werte, also dieselben Werte dafür, wieviele weitere Menschen ein*e Infizierte*r seinerseits ansteckt, bereits im Herbst 2020 erreicht, hätte das die Sterbezahlen um knapp 60.000 reduzieren können – das waren mehr als 80% der bis dahin Gestorbenen. Nun geht bei den R-Werten natürlich mehr ein als nur die politischen Entscheidungen. Andererseits: Als es dann um die Jahreswende begann mit den konsequenten Gegenmaßnahmen, fielen auch die entsprechenden R-Werte. Für mich ist das ein sehr klares Zeichen dafür, dass das Hinauszögern  – das man ja in den Nachrichten von Woche zu Woche verfolgen konnte – einen maßgeblichen Anteil am Geschehen hatte, mit anderen Worten: dass die genannten knapp 60.000 Toten weitgehend die Folge der damaligen politischen Entscheidungen waren. Nicht zuletzt, aber das konnte man im Herbst 2020 natürlich tatsächlich noch nicht absehen, weil anschließend die Impfungen kamen, die Verstorbenen also tatsächlich eine deutlich größere Überlebenschance gehabt hätten, wäre es nicht oder auch erst später zu jener Infektionswelle gekommen.

Ich erinnere nicht, diesen Umstand irgendwo einmal aufgearbeitet gesehen zu haben. In den politischen Selbstdarstellungen – bis hin zu der Rede von Bundespräsident Steinmeier beim offiziellen Corona-Gedenkakt – war das Narrativ ja im Gegenteil: wir waren und sind von einem großen Unglück betroffen (und haben so gut wie es ging darauf reagiert). Das Ausblenden der politischen Verantwortung für zehntausende der Toten im Winter 2020/Frühjahr 2021 ist für mich ein krasses Beispiel für selektive Blindheit.

Insofern sehe ich leider auch nicht, dass wir aus den damaligen Versäumnissen großartig lernen würden. Im Gegenteil hat sich die Situation ja durch die Impfungen glücklicherweise weitgehend entspannt, was die schweren Verläufe und Sterbefälle angeht. Insofern sehe ich leider nicht, dass von den Politiker*innen, die jetzt den “Freedom Day” 20. März pushen, als Rückkehr zur Normalität, sich da großartig beeindrucken lassen würden. Trotz recht stabiler Sterbezahlen von rund 200 pro Tag. So als würden jede Woche mehrere Jumbo-Jets abstürzen.

5. Impfzögerliche stehenlassen, Impfwillige ausbremsen

Nachdem wir uns ja als Gesellschaft weitgehend einig sind, dass Impfen das beste Mittel aus der Pandemie ist, und nachdem es ja wirklich ein großer Erfolg ist, dass in so vergleichsweise kurzer Zeit sichere Impfstoffe entwickelt werden konnten: Auch bei der Organisation des Impfens gab es leider schwere Versäumnisse – die ihren Anteil an der nach wie vor nicht hinreichend hohen Impfquote haben dürften.

Klar gab und gibt es den harten Kern von Impfgegnern, bei denen Hopfen und Malz verloren ist. Aber daneben gab und gibt es eben immer auch diejenigen, die einfach nur zögerlich waren und sind. Und bei denen macht es dann eben doch einen Unterschied, wie man das mit der Impfung organisatorisch angeht. Klar gibt es zwischen den verschiedenen Ländern Unterschiede, die sich nicht auf einen Schlag aufholen lassen. Aber es gab bei der Umsetzung auch ganz konkrete Beispiele dafür, wie so etwas gut laufen kann. Portugal beispielsweise: Jede*r Mensch in der betreffenden Altersgruppe erhielt eine SMS oder einen Brief oder einen Anruf mit dem Impfangebot: Wollen Sie sich impfen lassen? Wurde die Frage bejaht, gab es sofort einen konkreten Impftermin: Datum, Zeit, Ort. Zusätzlich gab es ein Webportal, wo man sich Impftermine holen konnte. Waren keine frei, wurde man auf eine Warteliste gesetzt.

Das können wir ja mal kontrastieren mit dem nervigen Impfportal hier in Deutschland. Eigentlich alle Menschen in meinem Umfeld waren und sind sehr impfwillig. Und von vielen kamen ähnliche Stories, wie ich sie selbst erlebt hatte: Die Schwierigkeit, bei dem häufig überlasteten Impfportal überhaupt einen jener Codes zu ergattern, die zur Impfung berechtigten. Das komplette Fehlen einer Warteliste – stattdessen Impfwillige, die über Stunden hinweg immer wieder die Webseite neu luden, in der Hoffnung, es endlich einmal zu schaffen (als Geheimtip machte dann die Runde: kurz nach Mitternacht wäre eine gute Zeit), die dafür zum Teil dann schon automatisierte Skripte verwendeten, oder die von ähnlich nervigen Erfahrungen mit den Warteschleifen der Telefonnummer 116 117 berichteten. Einige brauchten Dutzende Anrufe, um endlich einen Termin zu ergattern.

Größer konnte der Kontrast nicht sein: Portugal mit seinem niedrigschwelligen Angebot, aktiv auf die Impfberechtigten zugehend, schnell kommt ein Terminangebot – und Deutschland, wo es selbst Impfwilligen in einer Vielzahl der Fälle extrem schwer gemacht wurde, einen Termin zu ergattern.

Haben wir daraus gelernt? In der Praxis ja offenbar nicht wirklich. Es gab eine ganze Reihe sehr innovativer Impfkampagnen beispielsweise von Arztpraxen. Aber von einem grundlegenden Umsteuern im Gesundheitsministerium – “Jetzt schreiben wir noch einmal alle aktiv an!” oder auch “Jetzt starten wir eine Kampagne, wo jede*r Hausarzt/ärztin eine Vergütung dafür bekomme, alle Patient*innen in seiner Kartei abzutelefonieren” – habe ich nichts mitbekommen. Stattdessen eine eher hausbackene Werbekampagne. Na ja.

Vieles ist beim Impfen gut gelaufen. Die Logistik. Die Organisation in den Impfzentren selbst. Aber bei dem ebenso wichtigen Teil, der Ansprache der Bevölkerung, waren wir nicht besonders gut. Dabei hätte man von anderen Ländern, siehe Portugal, etwas lernen können.

6. “mit oder an Corona gestorben”

Effektive Kommunikation ist durchaus eine Herausforderung. Und wenn man es falsch angeht, kann man es noch einmal extrem viel schwieriger machen als es ohnehin schon gewesen wäre. So ein Verschlechterungsmechanismus war die Wortwahl “mit oder an Corona gestorben”. Die ist ein Paradebeispiel für einen Kommunikationsfehler. Sie sendet nämlich fatalerweise genau die falsche Botschaft. Ich hatte das in diesem Beitrag zum Prien-Twitterrückzug-Gensing-Faktencheck ja einmal aufgeschlüsselt: Gemeint sind im RKI-Jargon damit Fälle, in denen Corona entweder die Todesursache war oder die Todesursache unklar war oder ist, so dass eine Corona-Beteiligung wahrscheinlich ist. Das Alltagsverständnis von “mit Corona” ist aber ja nun ein anderes. Da ist mit dabei: ach, da ist jemand gestorben, der hatte zufällig auch noch Corona. Das ist aber im RKI-Sprachgebrauch gerade nicht gemeint. (Wie gut die Unterscheidung in der Praxis funktioniert ist noch einmal eine andere Frage.)

Und schon steht die fest eingebaute Missverständniskette: Das RKI veröffentlicht die Corona-Sterbezahlen mit jener Formulierung, in den Medien wird die Standardformulierung dann brav übernommen, und dass die meisten Menschen etwas anderes damit assoziieren als ursprünglich gemeint interessiert inzwischen verblüffend wenig Menschen.

Dieser Fehler in der Kommunikation hat die Warnwirkung der Corona-Sterbezahlen von Anfang an verwässert. Wer den ganzen Trubel um Corona übertrieben fand, konnte sich immer sagen: ach, von den X Toten sind ja gar nicht soviele wirklich “an Corona” gestorben. Natürlich kann man auch noch unklarer kommunizieren. Aber dazu müsste man sich schon sehr anstellen.

Wir haben während der gesamten bisherigen Pandemie gesehen, wie wichtig das individuelle Verhalten der Bürger*innen war – und wie es sich ändert, je nachdem ob die Bürger*innen aus der politischen und medialen Kommunikation den Eindruck “ach, ist nicht (mehr) so schlimm” oder “hoppla, die Lage ist ernst” mitnehmen. Ich persönlich würde denken, vor dem Hintergrund wäre nicht unvernünftig gewesen, sagen wir: bundesweit 10 weitere feste Pathologenstellen zu schaffen und anstatt der einzelnen Studien zu dem Thema systematisch repräsentativ zu obduzieren. Dann hätte man bei den regelmäßigen Daten gute Abschätzungen für einen Kennwert “Corona als die oder eine der Todesursachen” bekommen können. Und einen Verwirrungs- und Verwässerungsfaktor eliminiert.

7. Die Sache mit den Vorerkrankungen und den Risikogruppen

Ebenfalls ein Kommunikationsproblem hatten und haben wir beim Reden über Vorerkrankungen und über Risikogruppen. Das hält bis heute an: Wenn derzeit zur Neufassung des Infektionsschutzgesetzes von “vulnerablen Gruppen” die Rede ist, dann bezieht sich das praktisch auf Krankenhäuser und Pflegeheime. Das schiebt das Problem weg (wie wir das ja auch mit anderen Problemen tun): Risikogruppe, das sind die anderen. Wieder so ein Fall, in dem mit einem Begriff eine Bedeutung assoziiert wird, die im Kontext nicht wirklich passt – aber so richtig ausgeräumt bekommen wir die Diskrepanz nicht. Wenn eine entsprechende Studien zu dem Schluss kommt, dass tatsächlich rund 44% der Deutschen zu einer Risikogruppe zählen, und immerhin noch mehr als ein Viertel aller Deutschen sogar zur Hochrisikogruppe, dürfte das nach wie vor nicht sein, was die meisten Menschen sich unter diesen Begriffen vorstellen.

Eng damit zusammen hängt der Begriff der Vorerkrankungen. In einem Teil der öffentlichen Diskussion ist dieser Begriff ja durchaus verharmlosend im Einsatz – nämlich wenn es darum geht zu argumentieren, warum die Sterbezahlen (rund 200 pro Tag, wie gesagt) ja irgendwie doch nicht so dramatisch sind. Was in diesen Diskussionen mitschwingt: diese Menschen wären ja sowieso bald gestorben. Ganz abgesehen davon, dass wir in anderen Bereichen mit Recht nicht so argumentieren – oder vielleicht bekomme ich nur nicht mit, wenn ein Verkehrsunfall mit Dutzenden Toten als “nicht so schlimm, das waren nur Rentner” kommentiert wird? – steckt der Teufel da natürlich im Detail. Die häufigsten “Vorerkrankungen” bei der Studie von Bixler et al. zu Todesfällen bei unter-21-jährigen  waren Asthma und andere Lungenerkrankungen (37% der mit Vorerkrankungen verstorbenen) und Übergewicht (36% der mit Vorerkrankungen verstorbenen). Sprich: Vorerkrankungen, mit denen die Betreffenden mit großer Wahrscheinlichkeit ein langes und erfülltes Leben vor sich gehabt hätten, wenn nicht Corona dazwischengekommen wäre.

Auch da eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Bedeutung einerseits und der Bedeutung die die meisten Menschen spontan mit diesen Begriffen assoziieren andererseits – und auch da geht es auf Kosten einer sachgerechten Auseinandersetzung mit dem Thema. Wenn jemand in der öffentlichen Diskussion vulnerable Gruppen auf Krankenhäuser und Pflegeheime reduziert, sollte der- oder diejenigen dazu sofort sachgerecht kontra bekommen – sinnvollerweise direkt in den Berichten über jene Äußerungen. Sonst bekommen wir die Bedeutungs-Diskrepanz und ihre unguten Folgen nicht in den Griff.

8. Gesellschaftlichen Konsens finden

Richtig ist, dass die Wissenschaft alleine uns bei der Pandemiebekämpfung nicht weiterhilft. Maßnahmen wie Schulschließungen oder Veranstaltungsverbote haben negative Nebenwirkungen. Abzuwägen, wo wir da als Gesellschaft die richtige Balance finden, ist daher wichtig. Aber haben wir das denn bislang irgendwo getan? Stattdessen hatten wir doch wieder nur die arg reduzierte “öffentliche Diskussion” wie zu anderen Themen auch. In den Talkshows eine Mischung aus Experten, plus denjenigen Menschen die offenbar häufig eingeladen werden nicht weil sie sachlich besonders viel zum Thema beizutragen haben sondern weil sie entweder verlässlich Kontroverses bieten, oder anderweitig prominent sind, oder aus anderen mir nicht nachvollziehbaren Gründen Talkshow-Stammgäste sind, plus einige andere. In den Zeitungen und Zeitschriften die übliche Auswahl regelmäßiger Zeitungs- und Zeitschriftenschreiber.

Dabei gäbe es ja nun wirklich andere Formate, wenn man interessiert wäre, herauszufinden, wie ein gesellschaftlich breiter Konsens zwischen den verschiedenen Interessen und den verschiedenen Aspekten aussehen könnte. Der Bürgerrat Klima hat es für die Klimakrise vorgemacht, und auch die Bundestagsverwaltung hatte ein Modellprojekt eines Bürgerrats, in dem Falle zu Deutschlands Rolle in der Welt. Bürgerräte haben den Vorteil, dass sie, richtig organisiert, eine konstruktive Diskussionsatmosphäre bieten können – wo tatsächlich ein Konsens entstehen kann, anstatt dass diejenigen, die am lautesten sind und die besten Beziehungen zu Redaktionen haben die Debatte dominieren. Sie können und sollen den Regierungen nicht die Verantwortung abnehmen, aber das Ergebnis solcher Bürgerräte kann wichtige Anhaltspunkte dazu liefern, welche der Handlungsoptionen und Gewichtungen in der Gesellschaft konsensfähig sind – für politische Entscheidungen ja durchaus wichtig.

Ob das konkret in der Corona-Krise etwas genutzt hätte oder noch nutzen würde, ist natürlich nicht leicht zu beantworten. Ich erinnere noch eine gewisse kognitive Dissonanz, als ich in den Nachrichten kurz hintereinander eine Aussage eines Politikers las, die Menschen wollten jetzt endlich Lockerungen, und direkt danach kamen Umfragewerte, in denen die meisten der Antwortenden entweder die aktuellen Maßnahmen für angemessen oder aber für nicht umfangreich genug hielten. Aber wir haben das mit dem Corona-Bürgerrat oder ähnlichen Möglichkeiten, tatsächlich breiter abzufragen, wo ein Konsens oder eine Balance liegen könnte, ja offenbar noch nicht einmal versucht. Das sehe ich durchaus als Versäumnis.

Caveat

Es folgen die üblichen Caveats: Es gibt sicher noch weitere Themen, die man hier hätte erwähnen könnte. Der Umgang mit LongCovid. Die allgemeine Frage, ob es klug ist, bei einer Krankheit mit weitgehendem Wirkungsspektrum inkaufzunehmen, dass weite Teile der Bevölkerung sie bekommen. Das kontroverse Thema der Schulschließungen und der Frage, warum diese Frage in einigen Regionen der öffentlichen Diskussion – und der politischen Entscheidungen – auf schwarz-weiß reduziert ist, Schulen auf oder normaler Präsenzunterricht, ohne Zwischentöne wie Wechselunterricht, oder unterschiedliche Unterrichtsformen in Abstimmung auf die Bedürfnisse der Schüler*innen (von denen einige ja mit Distanzunterricht gut klargekommen sind). Stattdessen habe ich mich hier auf acht Aspekte beschränkt, von denen ich denke, dass sie von den Grundsatzdebatten (hoffentlich) weitgehend unabhängig sind. Und das übliche letzte Caveat: hier schreibt kein Epidemiologe sondern ein Astrophysiker. Durchaus mit Kompetenzen zu der allgemeinen Frage des wissenschaftlichen Umgangs mit Daten, aber nicht mit tiefergehenden Erfahrungen, die eine Expertenrolle begründen würde. Ich habe dieses Caveat wie in meinen anderen Pandemie-Texten auch berücksichtigt: indem ich versuche, transparent zu schreiben, was mir wichtig ist. Was hier steht sollten Sie nur dann annehmen, wenn Sie es nachvollziehbar finden. Wenn Sie angesichts der angegebenen Daten oder weiterer Informationen zu anderen Schlüssen kommen: go for it. Das ist Teil der Diskussion.

Apropos Diskussion: Für die Kommentare gilt auch diesmal wieder: Bei einem Thema wie diesem werden Diskussionen bisweilen unübersichtlich oder laufen ganz aus dem Ruder. Alle Kommentare in diesem Blog sind moderiert, und ich werde nur Kommentare freischalten, die sich direkt auf das Thema dieses Blogbeitrages beziehen und die keine Beleidigungen enthalten. Es gibt genügend allgemeine Foren, um über die Pandemie zu diskutieren; direkt hier bei diesem Blogbeitrag möchte ich die Diskussion auf das Beitragsthema einschränken. Wobei das Thema diesmal ja vergleichsweise viel Spielraum lässt.

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

7 Kommentare

  1. Der Schreiber dieser Zeilen hat, laienhaft, für sich also und womöglich auch für andere anregend, “Corona”, ‘COVID-19’, erst einmal dadurch bearbeitet, dass er auf sozusagen harte Daten geschaut hat, die härtesten Daten sind womöglich die Sterbefälle, vergleiche :

    -> https://www.cdc.gov/nchs/nvss/vsrr/covid19/excess_deaths.htm (“USA”)

    -> https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html (“BRD”)

    -> https://euromomo.eu/graphs-and-maps (“EUROMOMO”, gemeint sind (vglw. viele) europäische Länder)


    Für die BRD schließt sich Dr. Webbaer insofern einer sog. Übersterblichkeit qua “Corona” für die Jahre 2020 und 2021 in etwa in der Höhe von jeweils 50.000 Personen an, der ebenfalls geprüfte Altersmedian liegt über 80 Jahre.
    (Was eine wichtige Information ist, es wäre sozusagen extra-schlecht, wenn es junge Personen erwischen würde; Leben und Lebenszeitverlust darf womöglich vergleichend bearbeitet werden)


    Auf der anderen Seite stehen dann die Schäden, die wie gemeinte Prohibition, nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Kinder, andere Heranwachsende mit sich bringen könnten und natürlich auch die Impfschäden.
    Es darf bis soll aus diesseitiger Sicht geimpft werden, es blieben hier aus diesseitiger Sicht persönliche Präferenzmodelle anzulegen, ein Kind oder einen Heranwachsenden möchte Dr. Webbaer beispielsweise nicht unbedingt geimpft sehen.


    Ferner sind aus diesseitiger Sicht auch besonders visualisisierte Datenlagen, sog. Dashboards zu beachten, wie sie dankenswerterweise bspw. die bundesdeutsche “FAZ” bereit stellt, vergleiche :

    -> https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/zahlen-zum-coronavirus-die-pandemie-im-ueberblick-16653240.html


    Dann gibt es noch sozusagen demokratische Kosten, wenn ein Notstandsrecht eingesetzt und umgesetzt wird und bspw. bestimmte Demonstrationen erlaubt und andere verboten werden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der “mal ganz auf die Schnelle” berichtet hat, womöglich hiesigen Ansprüchen für eingereichtes Feedback genügend, wie er, ga-anz grob (und laienhaft) [1] die Gefahrenlage für sich bearbeitet, auch viele andere Länder mit ihren wie gemeinten Bearbeitungsformen kennt und vglw. international ist, sozusagen)

    [1]
    Bei Nachfrage kann weiter und besonders spezifizierend werden ergänzt werden, diese Nachricht sollte “erst einmal nur” direkt Feedback geben.

    • Danke für die Rückmeldung! Bei der Übersterblichkeit muss man dann realistischerweise natürlich z.B. die (ja durchaus durch entsprechende Zahlen dokumentierte) ausgebliebene Grippewelle und ähnliche Effekte mit hineinrechnen. Ansonsten erhält man nur ein Minimum.

      Interessant finde ich, dass Sie offenbar bei den negativen Seiten (Wirtschaft, Kinder, Impfschäden) keine konkreten Daten heranziehen (zumindest hatten Sie keine verlinkt). So etwas kann Ihnen im Zweifelsfalle natürlich eine systematische Beurteilungs-Schieflage verschaffen. Gerade bei den Impfschäden ist ja der Vergleich von dem, was eine tatsächliche Covid-19-Erkrankung an Gesundheitsschäden mit sich bringt, interessant. Während zum Beispiel ja einige Effekte der Schulschließungen sich  den systematischsten verfügbaren Daten zufolge als gar nicht so gravierend herausgestellt haben, wie es sich in der öffentlichen Diskussion zum Teil anhörte.

      Bei den demokratischen Kosten stimme ich zu. Dass da beispielsweise die Hanau-Gedenkdemonstration (mit Hygienekonzept) von offizieller Seite aus abgesagt wurde, während Querdenker-Demos zum Teil ohne Anmeldung, zum Teil in (vermutlich ja demonstrativer) Missachtung jeglicher geltender Regeln ungestört ihren Gang gehen konnten, fand ich ein ganz falsches Signal. Klare Regeln, und die für alle gleichermaßen durchgesetzt, wären da besser gewesen.

      • Interessant finde ich, dass Sie offenbar bei den negativen Seiten (Wirtschaft, Kinder, Impfschäden) keine konkreten Daten heranziehen (zumindest hatten Sie keine verlinkt). [Ihre Nachricht]

        Es stand ja weiter oben, dass Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund auch ‘spezifizierend’ werden kann, weil die Gemengelage so-o komplex ist, gerne auch : nachträglich :

        1.) zur Wirtschaft der BRD :
        -> https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/ (die “Delle” 2020 ist ganz vermutlich “Corona” geschuldet?)
        Es ist ja auch irgendwie intuitiv, plausibel und so, dass direkt den Wirtschaftsbetrieb behindernde Maßnahmen zumindest a bisserl dem wirtschaftlichen Gesamterfolg schaden, nicht wahr?

        2.) Zu den Kindern und Heranwachsenden :
        -> https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps/ (hier ganz weit oben bei ‘0-14 years’ schauen)
        Die Kindersterblichkeit ist “EUROMOMO-weit” geschätzt um ca. 5 % zurück gegangen, was wohl den Maßnahmen indirekt geschuldet ist, wenn mehr “eingesperrt” wird; ein Lebensqualitätsverlust der Kinder und Heranwachsenden ist womöglich anzunehmen, auch durch viele Berichte geschildert.
        Eine direkt so positive Wirkung durch “Corona”-Maßnahmen sieht Dr. Webbaer bei Kindern und Heranwachsenden so nicht, wohl aber eine (leicht) geringere Sterblichkeit.

        3.) zu den Impfschäden :
        -> https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/dossiers/sicherheitsberichte/sicherheitsbericht-27-12-bis-31-08-21.pdf?__blob=publicationFile&v=6 (Seite 13 und 14, Proben : ‘In 15.122 Verdachtsfällen wurden schwerwiegende unerwünschte Reaktionen
        gemeldet.’ + ‘In 1.450 Verdachtsfallmeldungen wurde über einen tödlichen Ausgang in
        unterschiedlichem zeitlichem Abstand zur Impfung berichtet’)


        Von sich perpetuierender bundesdeutscher Notstandsgesetzgebung, international hat sich so “im Westen” natürlich längst erledigt, bittet Dr. Webbaer Abstand zu nehmen, ansonsten wird er – lang und breit – Karl Lauterbach mit seinen kleinen und undemokratischen Ideen zitieren und dies wünschen Sie, lieber Herr Dr. Pössel wohl nicht.

        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Webbaer (der übrigens nicht glaubt, dass die Influenza-Viren sozusagen verschwunden sind, denn sog. PCR-Tests könnten hier ein wenig undeutlich sein in ihrer Erfassung [1])

        [1]
        Falls nicht, lässt sich Dr. Webbaer, stets laienhaft, Sie sind ebenfalls nicht vom Fach Herr Dr. Markus Pössel, gerne korrigieren.
        Ischt nämlich schon politisch sehr schwer zu bearbeiten, so eine Gefahr, auch schwer mit Daten zu erfassen.

  2. Danke, sie sprechen da eine ganze Reihe von simplen Fehlern an, die für zukünftige pandemische Lagen unbedingt zu vermeiden sind. Mir stoßen insbesondere die Mißstände bezüglich der folgenden Punkte auf:
    1. Es gab und gibt keine aktuellen Querschnitts-Stichproben:
    Das ist ein grundsätzliches Problem im Gesundheitssystem in Deutschland, lieber wird gemutmaßt als getestet. Weshalb man hier immer noch kein Geld in die Hand genommen und ordentliche Studien auf den Weg gebracht hat, bleibt mir ein Rätsel.

    5. Impfzögerliche stehenlassen, Impfwillige ausbremsen:
    Hier muss ich immer wieder an ein Interview mit Frau Ursula Nonnemacher, Ministerin für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg im RBB-Inforadio denken: Stolz berichtet sie von der Eröffnung des ersten Impfzentrums in Potsdam (?) Anfang 2021. Auf die Nachfrage, wie denn dann Personen aus 80km entfernten Orten, die kein Auto zur Verfügung haben und alleine wohnen, zum Impfzentrum kommen sollen, hieß es, die müssten halt ein Taxi nehmen. So kriegt man die Leute nicht ins Impfzentrum.

    6. “mit oder an Corona gestorben” – Effektive Kommunikation ist durchaus eine Herausforderung.
    Auch so ein Punkt, allerorten wird davon gesprochen, man muss Betroffene erreichen und mitnehmen. Für das Land Berlin wäre es sehr einfach gewesen, im Herbst 2020 Kirchen, Träger sozialer Einrichtungen, Vertreter des Sports und andere Institutionen/Gruppen an einen Tisch zu holen, mit diesen die Coronaproblematik zu besprechen, auf die Dringlichkeit von Schutzmaßnahmen zu verweisen und auf die für Beginn des Jahres 2021 anlaufende Impfkampagne aufmerksam zu machen. So hätte man wesentlich eher in die Breite der Gesellschaft hinein wirken können. Aber nein, zwei Briefe des Regierenden Bürgermeisters gab es.

  3. Im Allegmeinen lese ich ja die Beiträge hier auf “relativ einfach” gerne und mit Gewinn, aber dieser hier war nun wirklich kein Ruhmesblatt. Das Ganze ist nichts weiter als das übliche Politikerbashing, wie man es auch auf Welt online bekommen kann, und das ist wahrlich kein Kompliment. Ich greife mal 2 Punkte heraus:
    5. Keine niedrigschwelligen Impfangebote: sobald Impfstoffe zur Verfügung standen, sind Impfzentren geradezu aus dem Boden geschossen. Ich selbst konnte bereits im März 21 ein solches Impfzentrum nutzen: online angemeldet, 2 Stunden später Rückruf erhalten, Termin ausgemacht. Bei der Impfung keine 5 Minuten Wartezeit, vorbildlich organisiert. Kann schon sein, dass es anderswo etwas gehakt hat, aber wenn wie im Artikel angedeutet eher das Gegenteil die Regel gewesen ist, dann hätte ich dazu gerne ein paar Belege gehabt als ein nichtssagender Hinweis auf “alle Menschen in meinem Umfeld”. Portugal als Beleg (beinahe schon als Beweis) heranzuziehen, dass mit einer anderen Kommunikationsstrategie mehr zu machen gewesen wäre, ist auch ziemlich daneben. Portugal ist von der 1. Welle sehr viel schwerer gebeutelt worden als Deutschland, dass die Porrtugiesen mithin beim Impfen wesentlich eifriger sind, erscheint nur logisch.
    6. Kommunikationsstrategie: gerade hier bei den scilogs hätte ich mir in dieser Beziehung doch ein wenig Selbstkritik gewünscht, anstatt mit dem Finger immer nur auf andere zu zeigen. Ich erinnere daran, dass ein Blogger auf dieser Plattform dem unsäglichen Kuhbandner (jetzt eine Ikone der Querdenker) einen Gastbeitrag eingeräumt hat, in dem derselbe in einem völlig missratenen Artikel nachzuweisen versuchte, dass Corona ja eigentlich nur eine harmlose Form der Grippe sei. Kommentatoren, die die zahlreichen Fehler Kuhbandners nachgewiesen hatten, wurden dann von besagtem Stammblogger (der von dem ganzen Thema intellektuell völlig überfordert war) arrogant abgebürstet. Merke: wer im Glashaus sitzt -usw.
    Natürlich sind im Verlaufe der Pandemie Fehler gemacht worden, auch von der Politik. Aber die ganze Schuld dort abzuladen, ist doch reichlich kurz gesprungen.

    • Danke für Ihre kritische Antwort. Das Aburteilen als “das übliche Politkerbashing” empfinde ich allerdings als durchaus unfair. Insbesondere weil ich mich ja bemüht habe, konkrete Fehler herauszusuchen, die sich vermeiden ließen. Standard-Politikerbashing-Topoi wie den Einfluss des Wahlkampfes, die von unterschiedlichen Politiker*innen verwendete Rhetorik, die Maskendeals etc. habe ich dagegen bewusst außen vor gelassen.

      Zu den niedrigschwelligen Impfangeboten: Die Logistik der Impfzentren selbst hebe ich ja im Gegenteil positiv hervor. Und die Unterschiede zu Portugal erwähne ich auch. Dass dieser spezielle Punkt weniger großen Einfluss hatte, als ich in meinem Text schreibe, ist aber gut möglich, wenn ich mir diese deprimierende Umfrage anschaue.

      Kommunikationsstrategie: Dazu sage ich ja gar nichts Allgemeines; Ihre Kritik liest sich so, als hätte ich einen selektiven Rundumschlag ausgeführt. Stattdessen kritisiere ich einen ganz spezifischen Kommunikationsfehler – wieder als Aspekt, wo wir es in Zukunft besser machen könnten. Sie kritisieren hier allenfalls ein Zerrbild meines Textes; wiederum keine sachgerechte Auseinandersetzung.

      • Tut mir leid, dass Sie meine Kritik als unsachlich empfunden haben, und zumindest den Teil mit der Kommunikationsstrategie scheine ich auch falsch verstanden zu haben, ich hatte hier tatsächlich angenommen, dass der Punkt “an oder mit Corona gestorben” tatsächlich nur ein Beispiel für eine insgesamt verfehlte Kommunikationsstrategie sein sollte.
        Es hat mich eben geärgert (und tut es noch), dass man ausgerechnet hier auf scilogs, wo zu Pandemiebeginn dem Spinner Kuhbandner ein Forum geboten wurde, über Kommunikationsfehler von anderen hergezogen wird. Man hätte dieses hauseigene Desaster ruhig auch einmal thematisieren dürfen. Es ist mir natürlich klar, dass Sie und Ihr Blog dafür nichts können.

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