Froh zu sein: Emotion, Motivation und Schule

Glücklich geht anders. Emotionale und motivationale Probleme von Lehrpersonen, Schüler/innen und Studierenden prägen derzeit im deutschsprachigen Raum den psychosozialen Diskurs im Kontext von Schule und Hochschule:

  • Lehrpersonen nennen Motivations- und Disziplinprobleme als die grundlegendsten innerschulischen Probleme (Allensbach, 2012).
  • Die hohe Prävalenz von Burnout, Schlafstörung und somatoformen Krankheitssymptomen (Kopfschmerz, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes u.a.) bei Lehrpersonen legt nahe, dass diese in besonderem Maße unter Stress leiden (Van Dick, 2006). Schüler/innen zeigen ebensolch hohe Prävalenz von Schmerzen und Beschwerden, welche mit chronischem Stresserleben einhergehen (Milde-Busch, Blaschek u.a., 2011).  
  • Auch hinsichtlich der depressiven Erkrankungen von Schüler/innen zeichnen sich deutliche Tendenzen ab, die auf einen massiven Anstieg von Schülerdepressionen hinweisen: Belastbare empirische Daten liefert die Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2013): Demnach stieg die Anzahl depressiver Episoden mit Krankenhausaufenthalt bei den unter 15jährigen zwischen 2000 und 2011 von 379 auf 2.315 Fälle. Wobei mittelgradige (1590) und schwere Erkrankungen (451) die stärksten Gruppen bilden.
  • Bei den auch kurzzeitig stationär behandelten Schüler/innen in NRW etwa, stieg die Rate seit 2009 um 50% auf absolut 8600 im Jahr 2012 (TKK, 2012).
  • Soziale Exklusion und Gewalterfahrungen wie etwa das Erpressen von Geld und Gegenständen werden in diesem Kontext thematisiert.
  • Die Disziplinschwierigkeiten gehen mit Verhaltensproblemen von Schüler/innen sowie Gewaltproblemen in Schulen einher. Verhaltens- und emotionale Störungen wurden 2011 fast um ein Drittel häufiger diagnostiziert, als im Jahr 2000 (Bundesgesundheitsberichterstattung 2013). So haben Jugendliche von Hauptschulen wesentlich häufiger Verhaltensprobleme mit peers, sind dissozialer, neigen häufiger zu Delinquenz (zu Opfern und Tätern von Gewalt werden) und erkranken häufiger psychosozial als Jugendliche von Gymnasien (KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts 2007, Hölling/Erhart u.a. 2007, Schlack/Hölling 2007, Stanat/Kunter 2002). Die Risikogruppen sind insbesondere (1.) Jungen, (2.) Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch niedrig statuierten Familien und (3.) Migrantenkinder  und -jugendliche. Deren Risikowahrscheinlichkeit, dissozial, psychosozial erkrankt oder delinquent zu werden, ist fast doppelt so hoch wie bei Mädchen, deutschen Kindern und Jugendlichen und Kindern aus sozioökonomisch hoch statuierten Familien.

Demnach scheint das derzeitige Schulsystem strukturelle und psychosoziale Implikationen zu bergen, welche Motivation, Emotion und Kognition von Schüler/innen und Lehrpersonen auf mannigfache Weise beeinträchtigen. Und es kann begründet angenommen werden, dass diese Probleme bis in den Hochschulbereich durchschlagen: 7% aller Studierenden leiden unter studienbeeinträchtigenden Erkrankungen, wobei hier die psychischen Erkrankungen mit 42 % den höchsten Anteil stellt (HIS 2012). Zentral sind Depressionen, Selbstwertstörungen und Ängste.

Fragen wir danach, was Menschen – empirisch gesichert – stärkt, sie gesund, wirksam und froh erhält, so fällt der Blick auf das Konzept der Positiven Psychologie, welches der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman federführend anregte: Es geht dabei um kognitives, emotionales und psychosoziales “Aufblühen” (flourish) von Mensch und Organisation.

Damit wendet sich die Positive Psychologie ab von der alten Defizitorientierung der klinischen Psychologie (“Wie kann der Patient weniger leiden?”) hin zu einem frischen Blick auf alles, was evidenzbasiert das Wohlergehen von Menschen stärkt (“Wie erleben Menschen mehr Wohlbefinden?”): Nämlich auf Positive Gefühle, Engagement, Sinn-Erleben, aufbauende Beziehungen und das Gefühl, wirksam zu sein. Diesbezügliche Studien sollen in den nächsten Monaten hier kritisch rezipiert und daraufhin beleuchtet werden, ob sich Anstöße für Lehren und Lernen auftun.

Literatur

Allensbach-Institut im Auftrag von Vodafone-Stiftung (04/2012): Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik.

Bundesgesundheitsberichterstattung 2013, www.gbe-bund.de (Zugriff: 24.11.2013)

Brohm, Michaela (2009): Sozialkompetenz und Schule. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde zu Gelingensbedingungen sozialbezogener Interventionen. Weinheim/München.

Dick, Rolf van (2006): Stress und Arbeitszufriedenheit bei Lehrerinnen und Lehrern. Zwischen “Horrorjob” und Erfüllung. Marburg.

HIS­Institut für Hochschulforschung: 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, 2012.

Hölling, Heike/Erhart, Michael/Ravens-Sieberer, Ulrike/Schlack, Robert (2007): Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). In: Bundesgesundheitsb (sic!) – Gesundheitsforsch (sic!)– Gesundheitsschutz, Nr. 5/6, S.784-793.

Milde-Busch, A./Blaschek,I. u.a.: Besteht ein Zusammenhang zwischen der verkürzten Gymnasialzeit und Kopfschmerzen und gesundheitlichen Belastungen bei Schülern im Jugendalter? Klinische Pädiatrie, Vol 222.

Schlack, Robert/Holling, Heike (2007): Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im subjektiven Selbstbericht. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). In: Gesundheitsb (sic!) – Gesundheitsforsch (sic!) – Gesundheitsschutz, 5/6, S. 819 – 826.

Sozialministerium Baden Württemberg (Hrsg.) (2000): Kindergesundheit in Baden Württemberg. Stuttgart.

Sozialministerium Baden Württemberg (1996): Persönlichkeitsmerkmale bei Kindern. http://www.landesgesundheitsamt.de/servlet/PB/show/1154733/persoenlichkeit_kinder.pdf  (Zugriff: 20.05.07).

Stanat, Petra/Kunter, Mareike (2001): Kooperation und Kommunikation. In: Baumert, Jürgen/Klieme, Eckhard/Neubrand, Michael u. a. (Hrsg.): PISA 2000 Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen, S. 299 – 321.

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

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  1. Die Diagnose “Falsches Schulsystem” und die Lösung “Positive Psychologie” scheint mir nicht unmittelbar zur Problemliste zu passen, wo wir Punkte wie Disziplinprobleme und Demotivation bei den Lehrpersonen finden und bei den Schülern erst kürzlich steigende Fallzahlen von Depression, sozialer Exklusion und Gewalt mit Zunahme von Verhaltens- und emotionalen Störungen. Müsste man nicht fragen, was für die erst in den letzten Jahren zu beobachtende Verschlechterung des Schulklimas verantwortlich ist und an dieser Stelle korrigierend einwirken. Zum Teil wird das ja im Text auch erwähnt. Allerdings nicht sehr tiefgründig, wenn festgestellt wird, es gäbe diese Probleme vor allen an Hauptschulen und bei Jungen mehr als bei Mädchen.
    Man erhält den Eindruck, die Autorin glaube, die Ursachen der Probleme seien ohnehin nixht anzugehen und man müsse nun etwas neues, noch nicht Ausprobiertes, eben die “Positive Psychologie” als Antidot einsetzen. Auch die – in D wohl beliebte – Diagnose, es liege am Schulsystem kann ich aus den aufgezählten Problempunkten nicht ableiten, zumal die Probleme ja erst in den letzten Jahren zugenommen haben und sich in dieser Zeit das Schulsystem nicht geändert hat. Für mich scheint ein viel naheliegender Ansatz sich direkt mit den Problemschülern zu beschäftigen, denn diese verursachen ja die Diszilinprobleme, die Gewalt und Verhaltensauffälligkeiten. Mein eigener Eindruck führt mehr zu folgenden Schlussfolgerungen:: Unterrichten, Lernen und Erziehen ( eine Aufgabe die immer mehr die Schule übernehmen muss) sind ohnehin schon schwierige Prozesse und es bedarf nur wenig an Störung um alles entgleisen zu lassen. Störungen muss man deshalb reduzieren. Man kann dies durch Enfernen der Störungsquelle tun oder durch bessere Antworten auf die Störung.

    • Auch die – in D wohl beliebte – Diagnose, es liege am Schulsystem kann ich aus den aufgezählten Problempunkten nicht ableiten, zumal die Probleme ja erst in den letzten Jahren zugenommen haben und sich in dieser Zeit das Schulsystem nicht geändert hat.

      Die Gründe für diese Zunahme scheinen in der zunehmenden Diversität der Schülerschaft zu finden zu sein und in der zunehmend ausgebauten Beschreibung dessen, was ein Problem ist.
      Prognose: Die Probleme werden weiterhin qualitativ und quantitativ zunehmen.
      MFG
      Dr. W

  2. @ Martin Holzherr:
    In schwierigen Fällen scheint es die einzige Möglichkeit, die Störquelle zu vermeiden. Aber letztlich ist das ein Ausdruck von Hilfslosigkeit. Ich kann das nachvollziehen, weil ich gerade in einem Teilbereich meiner Arbeit mit Kindern selbst Erfahrungen damit mache.

    Aber: Die Positive Psychologie kann hier sehr gute Beiträge leisten. Auch was Disziplinprobleme und Mobbing angeht, so gibt es Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken. Nicht durch Strafe oder Schimpfen; das hilft sowieso nicht. Die verletzten Kernbedürfnisse sind bei mangelnder Disziplin häufig die Teilhabe an der Gemeinschaft sowie der Selbstwert. Zeigen Kinder ein auffälliges Verhalten, dann muss man stets auch in die Familie schauen, und z.B. fragen, ob sich die Kinder als Teil der Familie fühlen oder nicht. Die Schule ist nicht immer allein das Problem. Theo Schoenaker beschreibt in seinem Buch “Erfolg in der Schule: Die Kraft der Ermutigung zu Hause und in der Klasse” ganz konkret die Wirksamkeit eines Klassen- oder Familienrates.

    Ein weiteres, besonders lesenswertes Buch von Schoenaker ist “Mut tut gut: Für eine bessere Lebensqualität”.

    Aus meiner eigenen Erfahrung, die ich mit der Ermutigung gemacht habe, kann ich sagen, dass Menschen durch Mut beflügelt werden. Kinder, die ich auf diese Weise erreiche, machen mit, sind begeistert und da gibt es keine Probleme. Da erlebe ich meine Arbeit mit Kindern als Bereicherung.

  3. “… der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman federführend anregte: Es geht dabei um kognitives, emotionales und psychosoziales “Aufblühen” (flourish) von Mensch und Organisation.”

    Wird das eine Psychologie der wirklich-wahrhaftig neuen Wege der Menschwerdung sein, oder doch wieder nur eine ignorant-arrogante für die “neuen” Spitzen der Hierarchie im geistigen Stillstand von “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”???

    Die zeitgeistlich-kreislaufende Bewußtseinsbetäubung, hin zum nun “freiheitlichen” WETTBEWERB (URSACHE aller Probleme unseres symptomatischen “Zusammenlebens”) um … ist, für Menschen mit Verstand von wirklich-wahrhaftiger Vernunft, ziemlich ausgereizt, so daß der herkömmlich-gewohnte Reformismus die drohende ESKALATION, dieser bis in die Tiefen der “individuabewußten” Psyche manifestierten Systematik, sicher nur systemrational-illusionär-begleitend wirken kann, und somit Teil der Konfusion in Überproduktion von KOMMUNIKATIONSMÜLL ist!!!

    Geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein, somit zweifelsfreie Menschenwürde in eindeutiger Wahrhaftigkeit und SCHEINBAR unglaubliche Möglichkeiten der Kraft des Geistes der uns alle im SELBEN Maß durchströmt, nur OHNE …!? 😉

    • Die bisherige Bildung des ZEITGEISTES (durch Staat & Kirchen) mündete, im Sinne von Hierarchie und Wettbewerb, bisher immer in Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche – wo Psychologie eine Rolle von “Heilungsmöglichkeit” in 30% spielte, die dann doch nur dem Zombietum der systemrational-funktionalen Konsum- und Profitautisten entsprach!?

  4. Endlich mal ein Ansatz, der nicht manisch defizitär geprägt, sondern ressourcenorientiert und charakterstärkend begründet ist. In Zeiten einer zunehmenden Homogenität des Schulsystems (bei gleichzeitiger Heterogenität der Schülerschaft) kann die Positive Psychologie eine wichtige Säule innerhalb dieses einnehmen, da es als empirisch erwiesen gilt, dass sich sowohl für Lehrer als auch für Schüler die Belastung und der (Leistungs)Druck (physisch als auch psychisch) stetig erhöhen. Daher sollte die Positive Psychologie als strukturunabhängiges Mittel angesehen werden, welches das Wohlbefinden alles Akteure innerhalb des Schulsystems zu steigern versucht und damit verbunden auch die Qualität der Lehr-Lern-Prozesse.

    Ein verheissungsvoller Ansatz, dem man optimistisch und aufgeschlossen begegnen sollte.

  5. Herzlich willkommen von Ihrem Nachbar Blogger (WIRKLICHKEIT), ebenfalls Psychologe und ebenfalls im Patientencoaching von Konzepten der Positiven Psychologie (Stichwort. Acceptance and Committment Therapy) aus verschiedenen Gründen sehr begeistert.

    Freue mich auf Ihre Beiträge.
    Lassen Sie sich bitte von teils überraschenden Kommentaren nicht abschrecken!

  6. Liebe Frau Brohm,

    nachdem ich mich durch die letzten Blogeinträge (inkl. Kommentare) bis zum Anfang hier, “durchgearbeitet” habe, möchte ich mich bedanken für den gelungenen neuen Blog und die bisherigen Beiträge. (Noch halten sich die Kommentare in Grenzen)

    M.E. lässt sich, was die positive Psychologie wie auch der Bereich Lernen angeht sage: “das Thema ist heiß”. (Bin u.a. auch in der Erwachsenbildung tätig)

    Möchte daher mit meinen Gedanken gern zum weiteren Gelingen dieses Blog’s beitragen.

    Fürs erste: Bin etwas überrascht, dass noch keiner der Kommentatoren, den Film “Alphabet” erwähnt hat. (Regisseur: Erwin Wagenhofer).
    Er ist bereist seit November 2013 in vielen deutschen Kinos gelaufen.

    Auch wenn die Positive Psychologie meines Wissens darin nicht explizit erwähnt wird, zeigt er doch auf sehr feine und für ein breiteres Publikum verständlichen Weise auf, woran ein im Grunde mehrhundertjähriges Schulsystem systemisch krankt und auch anhand einiger Beispiele, wie es anders gehen kann.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Alphabet_%28Film%29

    Freue mich auf Ihre weiteren Beiträge!

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