Asbestrisiko beim Heimwerken

Die Erkenntnis, dass Asbest krank machen kann, gab es zumindest in Ansätzen bereits am Ende des 19. Jahrhunderts. Dennoch erfolgte das bundesweite Asbestverbot (mit einer Ausnahme) erst gegen 1993 ( in der EU erfolgte ein Verbot soweit ich weiß sogar erst 2003). Das bedeutet, dass asbesthaltige Baustoffe über einen Zeitraum von gut 100 Jahren Verwendung fanden. Und damit ergibt sich auch ein Asbestrisiko für jeden, der diese Baustoffe bearbeitet.

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Achtung, Asbest! Vor allem die verdeckten Asbestprodukte können heute immer noch zu einer Gefahr beim Heimwerken werden. Eigenes Foto.

 

Asbestverwendung

So wurden nach Deutschland (Bundesrepublik und DDR) insgesamt rund 5,7 Mio. Tonnen Asbest importiert. Dieses Asbest wurde zum größten Teil (je nach Quelle 70-73% oder 3,99/4,3 Mio. Tonnen) in die Produktion von Asbestzement gesteckt, was bei einem durchschnittlichen Asbestgehalt von 10 Gew.% gut 39,9 Mio. Tonnen Asbestzement entspricht. Auch asbesthaltige bauchemische Produkte machten einen bedeutenden Anteil der Asbestverwendungen aus. Unter diesem doch etwas sperrigen Begriff findet man die asbesthaltigen Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber, die in letzter Zeit immer mehr in den Fokus rückten.

Diese Produkte zeichnen sich nicht nur durch einen sehr inhomogenen und oft auch sehr geringen Asbestgehalt aus (er wurde teilweise sogar händisch zugemischt). Dünnbettkleber von Wandfliesen können teilweise Gehalte von nur 0,04 Massen% Asbest enthalten. Oft kann es auch bedeutend mehr sein. Das bedeutet natürlich einen sehr hohen Anspruch an die Laboranalytik, um diese geringen Gehalte aufspüren zu können.

Dafür müsste aber die Problematik überhaupt erst einmal bekannt sein. Denn im Gegensatz zu anderen klassischen Asbestprodukten wie Faserzement oder Cushion-Vinyl und Floorflex Bodenbelägen dürfte kaum einem Heimwerker bewusst sein, dass hier eine Gefahr lauern kann. Denn bei der Bearbeitung dieser Produkte kann es zu einer erhöhten Asbestexposition der Innenraumluft der betreffenden Räume kommen.

Schätzungen zufolge kommen diese so genannten verdeckten Asbestprodukte in gut 25% aller Gebäude vor. Dabei sind besonders Gebäude verdächtig, die in den 1960ern und 1970ern erbaut oder renoviert wurden. Verdächtig sind aber prinzipiell alle Neu- oder Umbauten bis 1995.

Asbest und Heimwerken

Wenn also jemand jetzt so eine Wohnung in Eigenregie renoviert, kann es dabei dann auch passieren, dass er unbeabsichtigt und unwissentlich asbestbelastetes Material bearbeitet. Beim Bohren, Fräsen und anderen mechanischen Tätigkeiten wie z.B. abschlagen von Wandfliesen können dann sehr leicht Asbestfasern freigesetzt werden. Aber wie groß ist das Risiko dabei? Die Frage habe ich mir selber oft gestellt (und oft musste ich versuchen, sie anderen zu beantworten).

Vor einiger Zeit bin ich auf einen kurzes Paper von Helmut Sagunski gestoßen, der versucht hat, genau diese Frage zu beantworten (und dem ich hier weitgehend folge).
Dabei wird von einem einmaligen Ereignis ausgegangen. Beispielsweise die Renovierung einzelner Räume in einem bewohnten Haus. Die Exposition zieht sich dabei über Tage oder eventuell auch wenige Wochen hin und überschreitet dabei die normalerweise herrschende Hintergrundbelastung in Deutschland deutlich.

Wenn Asbestfasern über längere Zeiträume und in größeren Mengen in die Lunge gelangen, können sie dort zu verschiedenen Krankheiten bis hin zu Lungenkrebs führen. Dabei entscheiden dann ihre Abmessungen (Dicke und Länge) sowie ihr Chemismus darüber, wie sie sich in der Lunge verhalten. Dabei weisen die einzelnen Asbestarten durchaus Unterschiede in ihrem krebserregenden Potential auf.

Wie genau Asbest Krebs auslöst, ist noch nicht ganz verstanden. Das liegt auch an dem langen Zeitraum, der zwischen dem Kontakt mit Asbest und dem Ausbruch einer Krankheit liegen kann. Das kann im Schnitt 30 Jahre sein, aber auch mehr. Die Länge des Zeitraums deutet möglicherweise auf einen mehrstufigen Prozess hin. Die Asbestfasern in den Lungenbläschen setzen vermutlich eine Entzündungskaskade in Gang, an deren Ende dann Lungenkrebs stehen kann.

Dabei ist besonders das maligne Mesotheliom sehr gefürchtet. Die Umweltschutzbehörde EPA der USA hat eine Studie zur Exposition-Krebsrisiko-Beziehung verfasst, nach der das zusätzliche Risiko an Lungenkrebs oder Mesotheliom zu erkranken nach lebenslanger Exposition gegenüber 1 000 000 Fasern pro Kubikmeter Atemluft 1:4 (0,23) beträgt. Lebenslange Exposition bedeutet in diesem Fall, dass die betreffende Person 24 Stunden pro Tag an 365 Tagen im Jahr über 70 Jahre mit einer Atemrate von 20 m³ pro Tag der Asbestbelastung ausgesetzt war. Dabei fand keine Unterscheidung zwischen Serpentinasbest (Chrysotil) und Amphibolasbest statt.

 

Faserjahre und Fasertage

In Deutschland wird für die Lebensarbeitszeit eine Exposition von 8 Stunden pro Tag an 240 Tagen im Jahr über 40 Jahre bei einer Atemrate von 10 m³ angesetzt. Das bedeutet, das zusätzliche Risiko, nach einer arbeitslebenslangen Exposition gegenüber 1 000 000 Fasern Asbest pro m³ Atemluft beträgt das zusätzliche Risiko rund 1:23 (0,043).

Um die Angaben zur kumulativen Exposition zu vereinfachen, hat der Ausschuss für Gefahrstoffe den Begriff „Faserjahr“ eingeführt. Während eines Faserjahres werden rund 2,4 Mrd. Asbestfasern eingeatmet. Dabei ist ein Faserjahr mit einen Krebsrisiko von 1:1000 verknüpft. Rund 25 Faserjahre sind nötig, um eine asbestbedingte Berufskrankheit anzuerkennen.

Der Ausschuss für Gefahrstoffe legte 2008 ein sogenanntes Toleranzrisiko von 1:250 (entsprechend 4 Faserjahren) sowie ein Akzeptanzrisiko von 1:2 500 (entspricht 0,4 Faserjahren) fest. Es wird auch überlegt, ob das Akzeptanzrisiko ab 2018 auf 1:25 000 (entsprechend 0,04 Faserjahren) abgesenkt wird.

Auf ein Arbeitsleben bezogen liegt das Toleranzrisiko bei 100 000 Fasern und als Akzeptanzrisiko eine Konzentration von 10 000 Asbestfasern pro m³ Atemluft und soll 2018 möglicherweise auf 1000 Fasern abgesenkt werden.

Das bedeutet nach dem Ausschuss für Gefahrstoffe, dass bei Belastungen von bis zu 100 000 Fasern pro m³ Atemluft im Normalfall keine risikomindernden Maßnahmen zu treffen sind. Bei Belastungen sind diese jedoch vorgeschrieben.

 

Asbestrisiko

Für Heimwerker gibt es bislang kein eingehenden Untersuchungen bezüglich der auftretenden Faserkonzentrationen. Dennoch stellen gerade die verdecken Asbestvorkommen auch hier ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar.

Um die Risikoabschätzung einigermaßen übersichtlich zu halten, wurde statt des üblichen Begriffs des Faserjahres der des Fasertages eingeführt. Ein Faserjahr entspricht 240 Fasertagen. Ein Fasertag entspricht der Aufnahme von 10 000 000 Asbestfasern (bei einer Atemrate von 10m³ und einer Exposition von 1 000 000 Asbestfasern).

Derzeit wird an Arbeitsplätzen in Deutschland die Aufnahme von 100 000 täglich über ein ganzes Arbeitsleben akzeptiert. Über 40 Jahre werden so durchaus rund 1 Mrd. Fasern eingeatmet, was das Risiko, an Krebs zu erkranken von eben 1:2 500 oder 4*10-4 bedeutet.

Das Abschlagen der Fliesen von der Wand, das Bohren in abesthaltigem Putz oder das Abschleifen stellen dagegen nur eine relativ geringe Steigerung des Risikos dar, auch wenn es dabei kurzzeitig zu einer starken Inhalation von vielen Asbestfasern kommen kann. Schauen wir einmal drei verschiedene typische Szenarien für Heimwerker an.

Beim Bohren von Löchern in eine asbestverputzte Wand können, als Beispiel, rund 10 000 Asbestfasern pro m³ in die Raumluft gelangen. Im angenommen Szenario wird davon ausgegangen, dass die Belastung nur eine Stunde andauert und danach durch Lüften beendet wurde. Das entspricht rund 0,001 ( in Faserjahren sind das 0,000004 Faserjahre)) Fasertagen und einem zusätzlichen Risiko von 4*10-9 für eine Krebserkrankung.

Werden Fliesen mit asbesthaltigen Fliesenkleber von einer Wand abgeschlagen, so können mit rund 100 000 Fasern pro m³ deutlich mehr in die Raumluft gelangen. Außerdem dauert eine solche Tätigkeit auch weit länger als einfaches Bohren. In dem veranschlagten Szenario beträgt die Tätigkeit ca. 8 Stunden (und bedeutet rund 10 m³ Atemluftverbrauch). Beendet wird die Luftbelastung danach durch gründliches Lüften des Raums. Die Exposition entspricht hier 0,1 Fasertag (oder 0,0004 Faserjahren). Das zusätzliche Krebsrisiko liegt bei 4*10-7.

Noch mehr Fasern werden beim Abschleifen einer Wand mit asbesthaltigem Putz freigesetzt. Im angenommenen Szenario wird hier von rund 1 000 000 Fasern pro m³ Raumluft ausgegangen, auch wenn die Arbeitsdauer eventuell nur 1 Stunde dauert. Hier kann auch ein anschließendes Lüften die Belastung nur um rund 90% senken. Weitere Senkungen um erneute 90% erfolgen in den folgenden Tagen ebenfalls durch Lüften. Die Zahl der insgesamt eingeatmeten Fasern wird in diesem Szenario mit 2 000 000 veranschlagt. Das entspricht rund 0,2 Fasertagen (oder 0,0008 Faserjahren) mit einem zusätzlichen Krebsrisiko von 8*10-7.

Das Risiko einer einmaligen erhöhten Exposition ist demnach messbar und vorhanden. Vermutlich ist eine kumulierte Asbestdosis für die Entstehung von asbestbedingten Lungenerkrankungen verantwortlich.

Was ist zu Tun, wen der Fall der Fälle eingetreten ist? Vor allem die weitere Exposition vermindern. Dazu sollte man die zu bearbeitenden Materialien wie Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber vor der Bearbeitung analysieren lassen.

Raucher sollten das rauchen aufgeben. Das Risiko einer asbestbedingten Erkrankung steigt für Raucher noch einmal um einige Größenordnungen. In natürlich sollte man eventuell einen Facharzt konsultieren.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine Kuriosität am Rande: Die Zementfabrik in Leimen bei Heidelberg hatte in den 1980er Jahren große Probleme damit, die Grenzwerte/Arbeitsicherheit in den Asbest-Lagerhallen einzuhalten. Trotz bester Absaugung lag man mit der Partikelzahl immer über dem Grenzwert.
    Als Ursache für dieses Problem stellte sich dann heraus, dass von der am Werk vorbeiführenden Straße durch die Autos so große Mengen an Asbestfasern abgegeben wurden – dass die Zuluft zu den Lagerhallen immer über dem Grenzwert lag. Ursache dafür was der Bremsenabrieb der Autos.
    Wer also noch einen Oldtimer und alte Bremsbacken hobby-mäßig bearbeitet – sollte auf diese Gefahr achten

  2. … insbesondere da es üblich war, bei Reparaturen oder Wartung an den Bremsbelägen den Abrieb dadurch zu entfernen, dass man mal kurz die Druckluftpistole draufgehalten hat.

    Danke (erneut) für die fundierten und neutralen Informationen.

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