Warum die Fallzahlen trotz Masken so stark steigen

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Bis etwa Ende September stieg die Zahl der Corona-Fälle nur relativ moderat. Das hat sich im Oktober drastisch geändert. Warum? Schließlich haben die allermeisten Leute nicht plötzlich aufgehört, in der Öffentlichkeit Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Ich glaube allerdings, dass mehrere Aspekte bei der wilden Masken-Debatte der letzten Wochen in Vergessenheit geraten sind. Vor allem, dass Masken eben nur eine Komponente sind. Die Zahl der Kontakte spielt unter Umständen eine mindestens ebenso große Rolle.

Meine Vermutung ist, dass die neue Entwicklung seit Anfang Oktober[1] viel damit zu tun hat, wie sich die Zahl der Kontakte im Laufe der letzten Monate entwickelt hat. Über den Sommer hat sich eine instabile Situation entwickelt, in der nur der geeignete Auslöser fehlte, um die Infektionszahlen stark steigen zu lassen.

Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Jedes mal, wenn wir uns in eine Situation begeben, in der wir uns theoretisch anstecken können, würfeln wir. Für alle praktischen Zwecke sind Ansteckungen mit Krankheitserregern statistische Ereignisse. Wenn wir zu schlecht würfeln, haben wir uns angesteckt.

Viren und Würfel

Konkretes Beispiel: In einem Paper von April wurde die Attack Rate – also die Wahrscheinlichkeit, sich bei einem ansteckenden Kontakt auch wirklich anzustecken – bei einem gemeinsamen Essen mit 18 Prozent angegeben. Praktischerweise ist das ungefähr ein Sechstel. Das heißt, als Gast muss man würfeln, und wenn man eine eins würfelt, ist man infiziert. So funktioniert das auch – mit anderen Wahrscheinlichkeiten – in anderen Situationen. Damit wird sofort klar, dass es zwei Möglichkeiten gibt, die Chance auf eine eins zu reduzieren.

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Zum einen kann man einfach einen größeren Würfel nehmen. Wenn man statt dem gängigen Würfel einen mit 20 Seiten nimmt (ja, so etwas gibt es), dann ist die Chance auf eine 1 nur noch fünf Prozent statt etwa 17. Das ist das, was Masken leisten. Wir kennen die genauen Zahlen nicht, aber die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung sinkt merklich, wenn alle Masken tragen. Eine andere Methode ist, gezielt Situationen zu nutzen, in denen die Attack Rate niedrig ist. Zum Beispiel, indem man sich einfach draußen trifft.

Zum anderen kann man auch einfach viel seltener würfeln. Das entspricht den vorgeschriebenen und freiwilligen Kontaktbeschränkungen besonders vom Beginn der Pandemie. Wer nicht würfelt, würfelt keine eins, wer keine Menschen trifft, steckt sich nicht an. Das funktioniert zwar, ist aber natürlich keine Dauerlösung.

Passiert ist in den letzten Monaten also grob gesagt folgendes: in Februar und März wusste noch niemand, wie schlimm es sein würde, eine eins zu würfeln, und wie groß der Würfel tatsächlich ist. Wie ansteckend und tödlich Sars-CoV-2 wirklich ist, wusste da niemand. Die nahe liegende Konsequenz war, so wenig wie möglich zu würfeln.

Schleichende Normalisierung

In den Monaten danach hat sich erstens gezeigt, dass die Würfel ziemlich groß sind, wenn man geschlossene Räume meidet und dort, wo es nicht möglich ist, einen Mund-Nasen-Schutz trägt. Außerdem stellte sich schnell heraus, dass die meisten Menschen, die trotzdem eine eins würfeln, wieder gesund werden.  Das hat über den Sommer dazu geführt, dass immer mehr Menschen immer öfter gewürfelt haben. Ging ja auch eine ganze Weile ziemlich gut.

Dass das jetzt nicht mehr hinhaut zeigt aus meiner Sicht, dass die Situation instabiler war, als sie aussah. Der Grund dafür scheint zu sein, dass die Zahl der Kontakte im Windschatten der geringen Ansteckungswahrscheinlichkeit wieder dramatisch gestiegen ist. Das entspricht einerseits meiner eigenen Beobachtung, andererseits wohl auch dem, was die Gesundheitsämter beobachten[2].

Naja, und dann ist das Wetter schlechter geworden, und die Leute gehen wieder mehr in geschlossene, oft beheizte Räume. Dort ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit aus mehreren Gründen deutlich größer. Also müsste man, um im Bild oben zu bleiben, als Ausgleich wieder deutlich weniger würfeln. Dass aber die Leute ihre Kontakte spontan wieder passend reduziert haben, halte ich für unwahrscheinlich.

Dass die Leute jetzt viel häufiger würfeln, als angesichts der gestiegenen Trefferchance gut ist, ist aber nur die eine Hälfte des Problems. Die andere ist die Sache mit den Superspreadern. Bei einem Virus wie Sars-CoV-2 steckt nur eine Minderheit der Infizierten andere Leute an. Fast drei Viertel aller Infizierten geben das Virus nicht weiter. Einige stecken dafür aber gleich 20, 30 oder gar 50 Personen an, und treiben damit die Pandemie voran.

Das bedeutet aber auch: Man kann die Verbreitung von Sars-CoV-2 schon dramatisch reduzieren, bevor man überhaupt über Ansteckungswahrscheinlichkeiten und Schutzmaßnahmen nachdenkt. Man muss einfach nur die Zahl der Kontakte auf, sagen wir, sechs, sieben Leuten reduzieren, und schon gibt es keine Superspreader mehr. Und damit ist der größte Teil der Ansteckungen weg. Das geht aber auch umgekehrt.

Im Oktober ist nach meiner Vermutung folgendes passiert: Nach den stabil niedrigen Infektionszahlen von Mai bis Juni haben viele Menschen im Spätsommer ihre Sozialkontakte wieder deutlich ausgeweitet. Das führte bereits da zu exponentiell steigenden Fallzahlen[3], wie ja Frau Merkel auch zwischenzeitlich angedeutet hatte. Allerdings mit einer im Vergleich recht geringen Wachstumsrate – dank der relativ niedrigen Ansteckungswahrscheinlichkeiten.

Der Auslöser

Der September war noch mal warm, aber gegen Monatsende wurde es kühl und regnerisch. Entsprechend haben sich mehr Menschen in Innenräumen aufgehalten, wo die Chance einer Ansteckung deutlich höher war. Aber es steigt dadurch nicht bloß die individuelle Chance der Ansteckung. Da sich inzwischen viele Menschen wieder an ein fast normales Sozialleben gewöhnt haben, sind auch die Gruppen größer, was zusammen mit der relativen Enge von Innenräumen Superspreader begünstigt. Es werden nicht nur öfter Leute angesteckt, sondern pro Ansteckung mehr.

Im Grunde ist etwas ähnliches passiert wie bei einer Lawine. Immer mehr Schnee hat sich aufgetürmt – will sagen: Mit der Rückkehr zu einem normaleren Umgang haben sich mehr und mehr Kontakte und Verbindungen dieser Kontakte untereinander angesammelt. So lange die meisten Leute konsequent Innenräume vermieden, wurde das durch die geringen Ansteckungswahrscheinlichkeiten dort einigermaßen ausgeglichen. Aber die Situation war instabil. Zehn Tage schlechtes Wetter haben gereicht, um einen Schneeball-Effekt auszulösen, den wir jetzt in Form stark steigender Infektionen sehen.

Es gibt allerdings durchaus auch Anlass zur Hoffnung. Zum einen sind sehr viele Menschen nach wie vor recht vorsichtig; dass man regelmäßig lüften soll, hat sich ja zum Beispiel herumgesprochen. Mit etwas Glück ist die Virusdosis, die man bei einem jetzigen Ansteckungsereignis aufnimmt, so viel geringer, dass weniger Menschen schwer krank werden.

Und zum anderen lässt sich das Problem, wenn denn meine Vermutung korrekt ist, leicht wieder korrigieren. Man beschränkt sich einfach wieder auf ein halbes Dutzend enge Kontakte und unterbindet damit das Superspreading. Das würde schon viel dazu beitragen, die Lage unter Kontrolle zu behalten.

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[1] Wenn man ein bisschen mit den Daten von Ourworldindata rumspielt, sieht man ganz gut, dass sich etwa um die erste Oktoberwoche rum die Dynamik der Ausbreitung geändert hat.
[2] Die Kontaktzahlen nur zu halbieren wird wohl nicht reichen.
[3] Auch hier nachgeprüft mit Hilfe der Zahlen von Ourworldindata.

40 Kommentare

  1. Frage dazu: Das schlechte Wetter hat in den vergangenen zwei Wochen nur etwa die Hälfte Deutschlands erwischt, in anderen Regionen war es zwar kalt, aber sonnig und trocken. Gibt es einen Zusammenhang zwischen stark steigenden Infektionszahlen mit Gebieten, in denen das Wetter schlecht war und in denen sich die Menschen mehr drinnen aufhielten? Beif uns im Norden, die wir kaum Regen hatten, steigen die Zahlen zwar auch, aber lange nicht so stark wie etwa im Westen oder Süden.

    • Gute Frage. Mit einem solchen Zusammenhang habe ich mich hier nicht befasst, deswegen kann ich das nicht beantworten. Ich habe zwei Überlegungen dazu. Zum einen sind viele Menschen lieber im Warmen, auch wenn es nicht regnet. Zum anderen sind ja viele Leute auch recht mobil und könnten so einen Teil der Ansteckungsketten in weniger betroffene Gebiete tragen.

      • Diese Theorie würde ich sofort unterschreiben, aber, da es keine konsistente Test Kapazitäten stadfinden ist dir Theorie hinfällig. Es gibt grad mehr positive Fälle da wir um den Faktor 10 mehr testen. Tendenz steigend. Eigentlich sieht es so aus das es keinen Unterschied gibt. Anfangs haben wir das Bild der Infektionen mit einer Auflösung von 150.000 Tests pro Woche gehabt und jetzt sehehen wir eben schärfer da wir 1.500.000 Tests die Woche ausführen. Der Großteil der Infizierten in der ersten Welle war nicht sichbar. Das ganze Thema um die Infizierten ist eine Sackgasse. Die Realität ist leider nicht immer so wie man es in der Theorie durchspielt. Abgesehen davon haben wir ein anderes Testverhalten. Sprich wer wird getestet. Anfangs Menschen mit Symptome jetzt jeder der will oder bei Ausbrüchen wo durchgetestet wird. Basierend darauf eine Theorie aufzubauen ist mehr als fragile.

    • Neben dem Wetter spielt sicher auch die Sonnenscheindauer und die Tageslänge eine Rolle. Wenn es schon um 8 Uhr dunkel wird, sitze ich nicht mit Freunden bis um 10 Uhr bei einem Gläschen Rotwein im Garten.

  2. Nach der ersten Corona-Pause werden die Leute wohl wieder mobiler und geselliger
    https://www.pnas.org/content/early/2020/10/14/2010836117 begünstigt Superspreading.

    Accurately estimating human mobility and gauging its relationship with virus transmission during pandemic is critical for control of the spread of COVID-19 and any other highly contagious disease. A key contribution of the study lies in the daily updated OD travel demand analytics and mobility inflow for each of the 3,141 US counties, using mobile device location data.

    Dazu bräuchte man eine funktionierende App und genug, die auch mitmachen.

  3. NachvollziehbarerArtikel und Gedanken, aber die Conclusio kann ich nicht nachvollziehen Herr Fischer.

    Denn Sie müssen doch auch mal konstatieren, dass die Deutschen jetzt 6 Monate lang recht diszipliniert die Maske getragen haben und bewiesen haben, sozusagen in einer sehr großen Feldstudie, mit dem jetzt plötzlichen Ansteigen der Zahlen ohne Lockerung der Maskenpflicht, dass deren Effekt offensichtlich minimal ist. Das ist kein Grund die Maskenpflicht aufzuheben in engen Räumen mit mehreren Personen, allerdings würde ich schon erwarten, dass Sie dann auch eine Einschätzung/Begründung geben, was das Tragen von Masken in Einkaufsmeilen, , etc… bringen soll und in engen Räumen hilft sie anscheinend eben auch nicht viel wenn es ohne Lüften nicht geht. Wenn die Politiker klar sagen wie manche in Österreich mittlerweile, es geht bei der Maskenpflicht mehr um ein gemeinsames Erinnern an das Virus, da es kaum noch viele Intensivbettenbelegungen gibt, ist das OK aber vielleicht ein Band am Arm wie eine Aidsschleife angebrachter, aber das Beharren darauf, dass Nicht-Maskenträger die den Abstand einhalten wo möglich, Asthmatiker etc. empathielosen Gesellen sind die mit mehreren hundert Euro gestraft gehören, hat nichts mehr mit gesundheitlicher Vorsorge zu tun bei so wenig Evidenz.

    Im Gegenzug, und dazu gibt es auch plausible Vermutungen, dass die Maske gerade jetzt zu Beginn der Winterzeit die Träger in Sicherheit wiegt und der Abstand und Kontakt der maximiert und minimiert werden müsste, wird es eben nicht, das ist was ich an meiner Uni oder in der Mensa täglich wahrnehme. Dieser minimale Nutzen Aerosole wirklich über Schal”masken” aufzuhalten und dann aber den Abstand nicht einzuhalten ist vielleicht der viel größere und schädlichere Effekt?! Können Sie das widerlegen?

    Zudem haben wir nicht nur eine medizinische sondern mittlerweile eine auch wahrscheinlich sehr viel gefährlichere politische Dimension der Pandemie in der die Maske zu einer Durchhalteparole genutzt wird, aber die Verordner mittlerweile mehr und mehr durch die Gerichte gestoppt werden müssen in ihrem Regelwahn, den sie evidenzbasiert nicht mehr begründen könnnen. Was wenn die Verordnung der Maske diese ganze Kettenreaktion jetzt gerade beschleunigt, die sie beschreiben? Sie schreiben ja selber sie vermuten nur und bemühen gruppenpsychologische Mechanismen oder eben den geänderten Alltag in der kalten Jahreszeit.

    Wenn sie aber etwas von Wissenschaft verstanden haben sollten, dann das EIN Gegenbeweis ausreicht um einen Faktor zu hnivillieren/falsifizieren in einem Modell/Theorie. Und das ist die durchgeführte Feldstudie, dass der Effekt der Masken eben nicht hoch sein kann, schätzt man diesen aber irrtümlich als hoch ein und verlässt sich darauf, dann können die anderen Effekt überhaupt erst groß werden! In multifaktoriellen Systemen gibt es keine positivitistische Beweisführung, nur Falsifizierung führt zur Wahrheit mit immer genauren Modellen/Theorien. Die Maske kann jetzt nachgewiesenermaßen kein großer Faktor mehr sein oder überhaupt nur im Verbindung mit Abstand etc.. Für letzteres brauche ich aber per se keine Maske sondern bewusstes Handeln.

    • Die Crux dabei ist, dass man bei solchen sozialen Kontakten gewöhnlich keine Maske trägt. Man will sich ja auch vernünftig unterhalten. Insofern gehe ich davon aus, dass der Anstieg der Ansteckungen derzeit quasi an den Masken vorbei passiert – in Situationen, in denen keine getragen werden.

      • Ich hoffe, dass soll jetzt aber nicht implizieren, dass im Winter in solchen Situationen MIT Maske keine Ansteckungen stattfinden würden? Wir hatten den ganzen Sommer die Bekannten im Park nah gegenüber im Park sitzend ohne große Ansteckungen, ergo wenn sie sich jetzt zuhause oder in der Kneipe anstecken zu plötzlich hohen Zahlen, bedeutet das unweigerlich wiederum die Masken bringen bei den Aerosol-Ausstößen in geschlossenen Räumen leider nicht viel, was auch nicht verwundert wenn es nur ein Schal, Alltagsmaske aber keine FFP2 ist.

        Die Regierung sollte T-shirts, Armbinden mit “Durchlüften und Abstand halten” verteilen zusätzlich oder statt einem Maulkorb. Und die Wissenschaft sollte aufhören auf Biegen und Brechen diesen Masken einen großen Nutzen zuzureden ohne klare Evidenz und gerade wenn sie sogar evtl. sehr kontraproduktiv sind und dies nicht ausgeschlossen werden kann.

        Ich kann Ihnen von meiner Uni erzählen, dass in jedem Gebäude ein eigener Maskengruppenverhalten herrscht, d.h. in einem Gebäude trägt fast keiner einer Maske, im nächsten alle und an der Uni gab es weder im April noch jetzt einen Ausbruch. Das Ganze gerät zunehmend amüsant bis skurril. Anscheinend hängt es eher davon ab wer die Studie wo macht, ob die Masken dann einen Nutzen haben…

        • In Ihrer Theorie gehen Sie aber davon aus, dass jeder in geschlossenen Räumen die Maske trägt: das ist einfach schon mal grundlegend falsch.
          Die Maske wird bis zum nächsten Tisch getragen und das wars. Wenn ich also 120min im Restaurant verbringe, wird die Maske bis zum Tisch und weg vom Tisch getragen, ach und vielleicht für den Klogang. Zudem schützt die normale Maske noch immer nicht und niemand behauptet das, es geht nur um die Verringerung der Anstecksgefahr durch die Maske. Bei welchen Veranstaltungen ist es denn ähnlich eng wie in einem Restaurant?

      • So sehe ich das auch, aus eigener Erfahrung: ab Anfang September war plötzlich jedes Wochenende ein größeres Fest – Hochzeitsfeiern, runde Geburtstage, sonstige Familienfeiern… Alles, was aus dem Frühjahr aufgeschoben wurde hat plötzlich quasi gleichzeitig stattgefunden! Konzerte oder Feiern in Clubs wurden getarnt als private Geburtstage oder ähnliches veranstaltet. Das waren dann alles Events mit ~99 Teilnehmern, völlig ausreichend für die im Blog beschriebenen Szenarien und vor allem auch der Hinweis der verzehnfachten Anzahl an nachzuverfolgenden Kontakten.

    • Nehmen wir mal an die Leute verhalten sich wieder annähernd als gäbe es die Pandemie nicht. Dann sehen wir ein r(t) = r(0) – Maskeneffekt. Und das ist dann schon recht deutlich. r(0) schätzt man so auf 3, zur Zeit sehen wir ein r(t) von 1,5. Daher bringt die Maske ne ganze Menge. Aber sie reicht eben nicht, da es immer noch genug Ansteckungen mit Maske und in einem Umfeld ohne Maskenpflicht gibt.
      Ergo ist lässt sich da an zwei Stellen was schrauben: mehr Maske und weniger Kontakte

    • Ganz so einfach ist das mit dem Falsifizieren nicht – und Beweise sind dann doch etwas komplexer. “Ich hab eine Studie gefunden, die…” falsifiziert nicht Dutzende andere Studien. Genauso wie die Einschätzung eines Juristen, dass etwas nicht verhältnismäßig sei, nicht bedeutet, dass der Jurist hier nicht weit außerhalb seiner Kompetenz wildert

    • @Michael Kuhn: Es ist ein falscher Gegensatz zu sagen: “Entweder hat eine Maßnahme eine große Wirkung oder wir können sie weglassen.”
      Wenn die Masken die Übertragungen in der Gesellschaft um ein Fünftel reduzieren, dann kannst du das nicht ohne weiteres aus den veröffentlichten Fallzahlen ablesen, denn die restlichen 80% bedeuten weiterhin einen exponentiellen Verlauf.
      Oder wenn die Masken effektiv den ÖPNV als Übertragungsweg entfernen, dann kannst du auch das nicht so einfach aus den RKI Zahlen ablesen, denn wie von Lars geschrieben, die maskenlosen Übertragungen gibt es ja immernoch.

      Die Masken sind also auch hilfreich als eine Maßnahme von vielen, selbst wenn sie als Einzelmaßnahme das Infektionsgeschehen nur verlangsamen und leider zum Erliegen bringen. #flattenthecurve

  4. Gegenüber dem Frühjahr hat sich das Alter der Infizierten verringert. Es sind jetzt viel mehr junge Leute erkrankt als früher. Bei denen treten teilweise gar keine Symptome auf, aber sie sind trotzdem infektiös und laufen “frei” herum, ohne überhaupt von Ihrer Krankheit zu wissen. Dabei stecken sie viel mehr Mitmenschen an, als Kranke, die auch krank sind.

    • Das kommt sicher hinzu. Andererseits sind Symptomlose IIRC um einen Faktor 2 bis 3 weniger ansteckend als symptomatische Menschen. Das reduziert den Effekt wiederum. Ich kann leider nicht sagen, welcher Nettoeffekt dabei rauskommt.

  5. Herrn Fischers Überlegungen kann ich ohne weiteres beipflichten.

    Aber…. sollte man dergleichen nicht mittlerweile im Rahmen der erhobenen Daten (längst) “wissen”? Und wenn nein: warum eigentlich nicht?

    • @ ajki

      Aber…. sollte man dergleichen nicht mittlerweile im Rahmen der erhobenen Daten (längst) “wissen”? Und wenn nein: warum eigentlich nicht?

      Mediziner scheuen repräsentative Erhebungen, da sie vor allem mit klinischen Studien arbeiten.

      Entsprechend gibt es bis heute kein regelmäßiges COVID-19-Monitoring. Daher können wir sehr viele Effekte leider statistisch nicht repräsentativ analysieren.

      Ein schwerer Fehler unserer Seuchenbekämpfungsstrategie.

  6. Aus der Tatsache, das die explosive Verbreitung im Oktober in vielen Ländern statt fand, die sich in ihren Maßnahmen doch unterscheiden, würde ich eher schließen, dass es physikalische Faktoren sind, die für den Umschwung verantwortlich sind, nämlich fehlendes UV-Licht unter dichter Bewölkung (UV-C -Lampen töten sehr effektiv Coronaviren) und höhere relative Luftfeuchtigkeit, die verhindert, dass kleine Tröpfchen schnell verdunsten.

  7. Ich hatte am 26.08.2020 im Kommentar geschrieben, dass ich sehr pessimistisch sei.

    Wenn ich die Kombination aus
    – seitdem zunehmend exponentiell steigenden Neuinfektionen,
    – den praktisch immer und immer höher über 1 liegenden R-Zahlen und
    – den mit entsprechend ca. vierwöchiger Verspätung steigenden Zahlen auf den ICUs betrachte – fühle ich mich leider bestätigt.

    Wir werden durch diese Maßnahmen auch nicht an die munter per Flashmob irgendwo mit Alkohol und ohne jeden Schutz Feiernden herankommen. Oder die, die sich mit jeden Tag anderen Freunden in der eigenen Wohnung treffen.

    An Vernunft zu appellieren macht nur Sinn, wenn man genug Vernunft voraussetzen kann.

    Wir aus Risikogruppen haben schon seit Monaten auch in den Fußgängerzonen unsere FFP2-Masken getragen.

    Allein schon, um sich nicht ständig über gedankenlose Menschen aufregen zu müssen.

    Wir haben krankheitsbedingt immer genug Vorräte, um jederzeit vier Wochen mindestens zuhause bleiben zu können.

    (Aber es ist wirklich frustrierend.)

  8. Ein Grund für die gestigenen Zahlen könnte auch das Nachholen von Familienfeierlichkeiten sein.

    Mir fällt auf, dass in meinem (weiteren) Umfeld seit Ende August wieder vermehrt Hochzeiten und Taufen stattfinden. Ebenso wurden diverse Geburtstagsfeiern (insbesondere runde Geburtstage) nachgeholt.

    Mir fiel das auf, weil ich noch nie soviele Absagen für Einladungen zu Feiern gemacht habe wie in den letzten 2 – 3 Monaten. Ich gehöre zur Risikogruppe und vermeide seit Anfang des Jahres bewusst solche Feiern.

  9. Schöner Artikel, aber ich stimme ganz und gar nicht überein, dass sich die Situation „leicht wieder korrigieren“ lässt.

    Technisch stimmt das natürlich. Genauso wie es technisch „leicht“ wäre, das Virus auszurotten, indem alle zwei Wochen zu Hause blieben.

    Das blendet aber vollkommen die gesellschaftliche Komponente aus: Alle sind tagtäglich mit schwierigen Abwägungen konfrontiert. Niemand will sich freiwillig star einschränken. Wer schon beruflich viele Kontakte hat, müsste sich privat isolieren. Dinge wie Innenraum-Gastronomie sind eigentlich nicht vertretbar (so handhabe ich es auch persönlich), was aber erhebliche wirtschaftliche Folgen hat. Und so weiter, und das alles mit Ausblick auf einen langen Winter.

    Das politische Dilemma ist doch genau, wie man die „leichte“ Reduktion der Kontakte vertretbar erreicht.

  10. Ich denke Michael Kuhn hat zwei Probleme genannt:

    1) Zwar schreibt er, die Bevölkerung habe “recht diszipliniert die Maske getragen”, aber er schreibt auch von ganzen Gebäuden in denen niemand die Maske trägt. Ich sehe auch täglich Leute, die die Maske entweder gar nicht tragen oder ihre Nase frei lassen. Mit der Disziplin ist es also nicht so weit her.

    2) Scheint sich die Auffassung zu verbreiten, man könne auf Abstand verzichten, wenn man nur eine Maske trage. Die Experten und auch die Regierung empfehlen aber Abstand, Hygiene UND Alltagsmaske. Die Alltagsmaske verhindern nämlich nicht, dass Aerosole an die Umgebung abgegeben werden, sondern nur, dass wir sie weit von uns wegblasen.

    Ich fürchte, du hast recht, Lars. Die schleichende Normalisieung sorgt dafür, dass wir weniger streng mit uns selber sind. Sowohl was die Zahl der Kontakte betrifft (wie oft wir Würfeln) also auch was die Aufmerksamkeit Maske zu tragen und Abstand zu fremden zu halten betrifft (Größe des Würfels).

  11. Was mich verblüfft ist, dass ausgerechnet in der Tschechei die möglicherweise wegen der früh und auch erfolgreich eingeführten Maskenpflicht die 1. Welle besonders gut überstanden haben dürfte, jetzt in der 2.Welle besonders „leidet“ und die das Pandemieproblem abbildenden Parameter ausufern.

    Könnt es womöglich daran liegen, dass das Virus im Sinne einer „optimalen Überwindung“ der „Maskenbarriere“ mutiert ist?

    • Nein, das glaube ich nicht. Ich persönlich denke, dass sich die Muster in den verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten über das Verhalten erklären lassen.

      • Dort wurden die Schutzmaßnahmen zeitig aufgehoben und so der Vorteil leichtsinnig verspielt. Am 30. Juni, trafen sich auf der Karlsbrücke etwa 1200 Leute und feierten an einer riesigen, spontan errichteten Tafel das Ende der dunklen Corona-Zeit. Am Tag darauf fielen nämlich die letzten Restriktionen: die Maskenpflicht in Geschäften und Restaurants.

  12. Was bedeuten CoronaNeuinfizierteZahlen aus medizinischer Sicht?

    „Fragen“ wir Herrn Professor Drosten in einer Art themen-analogen Gedankenexperiment und gehen in das Jahr 2014 zurück. Er beantwortete respektive bewertete in einem Interview mit der Wirtschaftswoche die Tests zur Mers-Seuche, wie folgt…

    …„Es ist eben so, dass es bisher eine klare Fall-Definition gab, also ein striktes Schema, das festlegte, welcher Patient als Mers-Fall gemeldet wurde. Dazu gehörte zum Beispiel, dass der Patient eine Lungenentzündung hat, bei der beide Lungenflügel betroffen sind. Als in Dschidda Ende März diesen Jahres aber plötzlich eine ganze Reihe von Mers-Fällen auftauchten, entschieden die dortigen Ärzte, alle Patienten und das komplette Krankenhauspersonal auf den Erreger zu testen. Und dazu wählten sie eine hochempfindliche Methode aus, die Polymerase-Kettenreaktion (PCR).“

    Klingt modern und zeitgemäß.“ [WirtschaftsWoche]

    Ja, aber die Methode ist so empfindlich, dass sie ein einzelnes Erbmolekül dieses Virus nachweisen kann. Wenn ein solcher Erreger zum Beispiel bei einer Krankenschwester mal eben einen Tag lang über die Nasenschleimhaut huscht, ohne dass sie erkrankt oder sonst irgend etwas davon bemerkt, dann ist sie plötzlich ein Mers-Fall. Wo zuvor Todkranke gemeldet wurden, sind nun plötzlich milde Fälle und Menschen, die eigentlich kerngesund sind, in der Meldestatistik enthalten. Auch so ließe sich die Explosion der Fallzahlen in Saudi-Arabien erklären. Dazu kommt, dass die Medien vor Ort die Sache unglaublich hoch gekocht haben.“…

    Quelle: Virologe Drosten im Gespräch 2014 „Der Körper wird ständig von Viren angegriffen

    Wirtschaftswoche Interview von Susanne Kutter 16. Mai 2014

    Jetzt ersetzen wir in unserem Gedankenexperiment Mers Tests durch Covid-19 Tests und erhalten einerseits eine plausible Erklärung für ein teils starkes Ansteigen von Covid-19-Infizierten und andererseits ein sehr ungutes Gefühl, daß wir bezüglich der davon ausgehenden Gefahr gewaltig von Politikern, Mainstream-Medien und willfährigen Virologen mittels unbegründeter Angst- und Panikmache täglich irregeführt werden.

    Die permanente Konfrontation mit Viren und Bakterien hält das Immunsystem fit. Desinfektion, Kontaktsperren und Quarantäne sind für Menschen mit intaktem Immunsystem kontraindiziert. „Alltagsmasken“ und der Umgang damit schützen niemanden vor Viren, auch nicht vor Coronaviren.

    Analytisch gesehen wäre ein effektiver Schutz der Risikogruppen die einzig sinnvolle Maßnahme (gewesen).

    Alle anderen mussten und müssen nicht vor Covid-19 geschützt werden. Da kaum jemand mit signifikanten Symptomen erkrankt, wenige ausserhalb der Risikgruppe (multmorbide, immungeschwächte, überwiegend (sehr) alte Menschen am Ende ihres Lebens) starben.

    Von den bisherigen Todesfällen in Deutschland waren 85% der Personen 70 Jahre und älter. Im Unterschied dazu beträgt der Anteil der über 70-Jährigen an der Gesamtzahl der übermittelten COVID-19-Fälle nur 13%. Bislang sind dem RKI zwei COVID-19-Todesfälle bei unter 20-Jährigen übermittelt worden (Tabelle 4). Die beiden verstorbenen Personen waren im Alter zwischen 3 und 18 Jahren, beide hatten Vorerkrankungen.

    Quelle: Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 Seite 10

    • Der Denkfehler dabei ist, dass sich Mers nicht durch Covid-19 ersetzen lässt, weil eben auch asymptomatische positiv getestete ansteckend sein können.

      Risikogruppen schützen? Was würde das bedeuten? Konzerte und Veranstaltungen erlauben, aber nur für alle unter 60 und mit Nachweis, dass sie kein Asthma o.ä. haben und sie selbst oder Haushaltsangehörige nicht im Pflegeheim oder Krankenhaus arbeiten? Verbot, Eltern/Großeltern im Familienkreis zu besuchen? Sorry, aber da nehme ich lieber die aktuellen Einschränkungen.

  13. “Warum die Fallzahlen trotz Masken so stark steigen?”

    Weil die verwendeten Masken nicht vor Viren schützen, wie es die Hersteller auch meist selbst auf der Verpackung angeben.

  14. Guter Ansätze, für mich fehlt die Theorie des Perkolationeffekt unerkannter Cluster, die dann irgendwann einen “Kipppunkt” erreichen und für den rasanten Anstieg verantwortlich sind. Auch fehlen für mich völlig Schulen/Kitas als “stille” Tauschbörsen nach den Sommerferien. Inzwischen ist klar, dass Kinder und Jugendliche sich infizieren und auch andere infizieren können. Es sitzen viele Schüler auf engem Raum, ohne Maske und zum Teil auch ohne Tests, wenn sie als K1 identifiziert wurden. Die Daten werden nicht publiziert, auch wenn Engagierte die in der Presse publizierten Fälle auf Karten sammeln (news4teacher berichtete). Seit Schulöffnung im August >5000 Schulen /Kitas mit mindestens 1 Coronafall und mindesten 120 Clusterschulen beschrieben. Auch das RKI listet inzwischen Schulen als Ausbruchsorte und hat einen Stufenplan zur Eindämmung an Schulen veröffentlich, der die 7Tagesinzidenz als Grenze nennt und der von den Entscheidungsträgern in der Politik nicht umgesetzt wird. Kinder und Jugendliche in “Gemeinschaftseinrichtungen” sind wie auch in diesem Beitrag nicht im Blick, werden von der Politik insbesondere den Kultusministern ignoriert und aus Fehlern in anderen Ländern z.B. Israel, wo Schulöffnungen inzwischen für die sog. 2. Welle als mit-verantwortlich eingestuft werden, wird auch kein Rückschluß für Deutschland gezogen.

  15. Die Fallzahlen steigen jetzt wieder, weil es keinen vernünftigen Lockdown gab, weil die Grenze nicht wirksam geschlossen wurde, weil die Wirtschaft ihr unternehmerisches Risiko über Menschlichkeit stellen kann, aber letztendlich weil Mensch immernoch dumm ist.

  16. Die Würfelmetapher ist gelungen.
    Ob die Leute im Freien Masken tragen ist unerheblich, weil dort die Ansteckungswahrscheinlichkeit nur ca. 1/20 derjenigen in Innenräumen ist.
    Die Leute kommen in Innenräumen ohne Masken zusammen. Sowohl in Lokalen als auch Wohnungen.
    Das ist Fakt und das erklärt den hohen R-Wert zwanglos.
    Was tun?
    Für mich: richtiges Verhalten praktizieren und vorleben.

  17. Ich bin beeindruckt über das hier vermittelte Wissen!
    Jetzt wäre meine Frage an die Experten:
    Die Anzahl der Tests sich im Vergleich zum Anfang der Pandemie verdreifacht, bedeutet das jetzt das jeder Mensch nicht mehr mit einem Würfel, sondern mit drei Würfeln würfelt oder wie passt diese Tatsache sonst in das Würfel-Denkmodell?

    • Es wird dich möglicherweise überraschen, aber Dinge existieren auch, wenn man sie nicht beobachtet. Infektionen entstehen nicht durch Tests, genauso wenig wie Telefone entstehen, wenn man eine Nummer nachschlägt.

  18. Vielen Dank für diesen Beitrag, er ist sehr anschaulich und gut dokumentiert. Leider spielen aber bei Corona noch weitere Themen eine wichtige Rolle. Wie z.B. Massenveranstaltungen. Diese sind meiner Meinung nach deutlich wichtiger als alles andere. Wenn auf einem Konzert, Großhochzeit oder anderer Großveranstaltung viele Menschen zusammenkommen, dann “versauen” diese Personen jegliche Bemühungen vom Rest des Volkes. Wie oft lasen wir bereits darüber, dass sich dabei 100ert Personen ansteckten und durch ihre normalen eigenen Kontakte andere Personen ansteckten (die vielleicht sonst immer eine Maske tragen….aber halt nicht zuhause…).

    Ferner behauptete man zeitweise, dass Kinder sich nicht anstecken würden. Welche schlaue Virologe das jemals in die Welt gesetzt hatte, würde ich gerne mal wissen. Fakt ist, dass auch Kinder krank werden und dann die Krankheit wie jeder normale Mensch in seinem Umfeld verbreitet.

    Da es in absehbarer Zeit erste Impfmöglichkeiten geben wird, kann ich nur jeden Bitten, auch weiter mehr Rücksicht auf sich und andere zu nehmen.

  19. Stimme Michael Kuhn zu, die Maske könnte auch gegenteilig wirken, jedenfalls durch den Umgang damit.
    Anfangs wurde noch klar kommuniziert, daß Maske zusätzlich wirkt, aber nicht das wichtigste ist, als solches macht sie auch Sinn.
    Aber es sind seitdem Teile der Politik und, weitaus schlimmer, große Teile der Medien, die einen regelrechten Kult um die Maske betreiben, daran gut gegen böse festmachen, und damit dafür verantwortlich sind, daß sie fast schon als Allheilmittel rüberkommt.
    Wichtigere Faktoren, wie Abstand, Händewaschen und der Aufenthalt im Freien, werden dadurch in den Hintergrund gedrängt, was zu einer gewissen Erosion geführt hat, gerade in Geschäften kann man das deutlich erkennen, die Abstände werden geringer oder auch mal völlig ignoriert.