Asbestzement im Boden – ein ernstzunehmendes Problem?

Asbestzement war das mit Abstand häufigste Asbestprodukt. Und es wurde sehr vielfältig eingesetzt, auch nach seiner eigentlichen Verwendung. Denn mancherorts wurden die Reste ehemaliger Dächer und Fassadenplatten zur Wegbefestigung verwendet. Das war ja billig, für beide Seiten. Der eine wurde es schnell los, der andere konnte seine Feldwege befestigen oder Beete einfassen. Oder die Platten wurden einfach in die Natur entsorgt. Wie auch immer. Im Boden ist Asbestzement durchaus ein Problem, dem man einige Aufmerksamkeit widmen sollte.

Asbestzement

Asbestzement ist eines der nach wie vor am häufigsten anzutreffenden Asbestprodukte. Das verwundert eigentlich nicht, wenn man bedenkt, dass im Zeitraum zwischen 1950 und 1990 rund 5,7 Mio. Tonnen Asbest nach Deutschland (zusammen) importiert wurde. Davon wurde der weit überwiegende Anteil, nämlich rund 75%, zu Asbestzement verarbeitet. Unter der Annahme, dass der durchschnittliche Asbestzement einen Asbestgehalt von rund 10 Massen% aufweist, wären das gut 43 Mio. Tonnen Asbestzement.

Das spiegelt auch die enorme Verwendungsbreite des Produktes wieder. Asbestzement konnte sehr vielfältig eingesetzt werden. Man findet ihn vorwiegend als Dachdeckung, aber eben auch als Fassadenplatten, Rohre oder Blumenkübeln wieder. Die mit Asbestzement gedeckte Dachfläche wird auf rund 1400 km2 geschätzt, von der sicher noch der überwiegende Teil existiert. Rechnet man die gesamte Menge des für Asbestzement verwendeten Asbestes auf die typische Wellasbestplatte um, so reichen die diese für eine Fläche von rund 2500 km², was ziemlich genau der Fläche des Saarlandes entspricht (2570 km²).

Asbestzement als Bodenschadstoff

Auch wenn sich nach wie vor ein großer Anteil des produzierten Asbestzements wohl noch in Funktion befindet, ist Asbestzement auch als Bodenbelastung recht verbreitet. Dabei sind es wieder hauptsächlich die Dachbedeckungen und Fassadenplatten, die hier den Löwenanteil haben. Aufgrund ihres Bruchverhaltens sind diese meist dünnwandigen Asbestprodukte auch deutlich problematischer als beispielsweise die massiveren Produkte wie etwa Fensterbänke oder Rohre.

Ein besonders großes Problem stellt dies an den Standorten der Asbestzementwerke dar, da hier in teilweise großen Mengen Abfälle wie Scherben, Bruchstücke aber auch Schlämme abgelagert wurden. Hinzu kommt, dass bis 1990 Bruchstücke aus Asbestzement nicht als Gefahrstoff, sondern als Bauschutt galten. Entsprechend wurden die Abfälle aus der Produktion und Rückbau auch wiederverwendet. Oft galten sie als kostengünstiges Material z.B. zur Befestigung von Wegen, Einfassungen und ähnlichem.

Besonders von den mit Asbestzementbruchstücken befestigten Wegen erfolgte eine starke Verschleppung in angrenzende Bereiche beispielsweise in Äcker. Auch wenn Asbestzement generell als festgebundenes Asbestprodukt gilt, kann es durch die mechanische Belastung und bzw. oder Verwitterungsprozesse bei dieser „Verwendung“ zu einer verstärkten Freisetzung von Asbestfasern an die Umgebungsluft kommen, die z.T. deutlich über der normalen Hintergrundbelastung liegen können.

Hintergrundbelastung

Die Hintergrundbelastung liegt in der normalen Umwelt bei rund 100 bis 150 Fasern pro Kubikmeter Atemluft. Hierzu tragen neben der örtlichen Geologie auch technische Asbestprodukte bei, indem sie Fasern an die Atemluft abgeben. Vom Bundesgesundheitsamt wurde 1990 eine in der Außenluft tolerierbare Konzentration von Asbestfasern von deutlich unter 1000 Fasern /m³ angegeben. Das ist interessanterweise auch der Wert, Abluft aus Sanierungsbereichen bei Gebäudesanierung nach den Vorgaben der TRGS 519 erreichen muss. Die Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft für Immissionschutz hat 2004 einen Wert von 220 Asbestfasern / m³ als Ziel und Beurteilungswert vorgeschlagen.

Um diese Werte mal etwas einzuordnen, sollte man einen Blick auf Langzeitmittelwerte werfen. So kann die Asbestfaserkonzentration in der Luft in der Nähe von Asbestzementflächen 55 bis 139 Fasern/m³ betragen. In der Nähe von industriellen Anlagen als Asbestquellen liegt der Wert bei 87 bis 333 Fasern/m³. Aber schon Ballungsgebiete mit erhöhter Verkehrsdichte zeigen Werte von 53 bis 94 Fasern / m³. Allgemein in Ballungsgebieten kann die Asbestfaserkonzentration zwischen 57 und 150 Fasern/m³ liegen[1].

Verwitterung von Asbestzement

Nach der aktuellen Fassung der Chemikalienverbotsverordnung ist lediglich eine Wiederverwendung sowie ein neu in Verkehr bringen von asbesthaltigen Produkten (mit einem Asbestgehalt über 0,1 Massen%) verboten. Es gibt, zumindest zurzeit, keine Verpflichtung zum Rückbau vorhandener Asbestzementprodukte. Dies und die Zeit seit dem absoluten Asbestverbot bedeuten, dass besonders die Asbestzemente im Außenbereich seit langer Zeit der Verwitterung ausgesetzt sind.

Da auch Zement als Bindemittel der Verwitterung unterliegt, sowie durch thermische und mechanische Belastung können Asbestfasern freigesetzt werden. Untersuchungen in der Schweiz an über 60 Messstellen haben gezeigt, dass die gefundenen Fasermengen in der Nähe der Nachweisgrenzen Nachweisgrenze des Verfahrens von ca. 100 – 200 Fasern / m³ liegen[2].

Das zeigt, dass Asbestzementprodukte auch durch Verwitterung keine allgemeine Gefahr für die Gesundheit darstellen. Die oben gemessenen Belastungen entsprechen ziemlich genau der Hintergrundbelastung im freien Außenraum, der wir alle tagtäglich ausgesetzt sind. Diese liegt ebenfalls, ich erwähnte es ja bereits, bei rund 100 bis 150 Fasern pro m³.

Asbest im Boden

Was jetzt Asbestzementscherben im Boden angeht, so gibt es dort verschiedene Faktoren, die wirksam werden können. Einige davon führen eventuell zu einer verstärkten Faserfreisetzung. Dazu gehören etwa:

  • Mechanische Belastung, etwa beim Pflügen oder beim Befahren von Asbestzementbruchstücken als Wegbefestigung kann kurzfristig zu erhöhter Luftbelastungen führen.
  • Faserzementbruchstücke können durch wiederholtes Gefrieren und Tauen einer hohen mechanischen Belastung ausgesetzt werden. Dies schwächt den Zement und kann dadurch zu erhöhter Freisetzung führen.
  • Freigesetzte Fasern können bei Trockenheit in Abhängigkeit von den Windverhältnissen verweht werden.

Andere Prozesse wirken der Freisetzung von Fasern entgegen

  • In bindigen Böden können freigesetzte Asbestfasern von Tonmineralen adsorbiert werden.
  • Feuchtigkeit im Boden kann freie Asbestfasern im Boden recht wirksam binden.
  • Biomasse kann ebenfalls freie Asbestfasern binden.
  • Bodenpartikel können eine Schicht um Asbestzementscherben bilden und so die Bruch- und Abriebgefahr verringern. Das Verhalten von Asbestfasern im Boden hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Die vorhandene Fasermenge ist dabei nur einer. Daneben spielen auch die Bodenart und vor allem die Bodenfeuchte eine bedeutende Rolle. Überhaupt kann Feuchtigkeit im Boden eine Freisetzung sehr wirksam verhindern. Im Labor wurde schon durch 10% Bodenfeuchte eine Faserfreisetzung auf 10 bis 0,01% gegenüber trockenen Böden beobachtet.

Freisetzung oder nicht?

Über die Freisetzung von Asbestfasern aus Asbestzementbruchstücken in Böden gibt es recht wenig Untersuchungen. Man kann eventuell davon ausgehen, dass für einzelne Asbestzementbruchstücke im Boden diejenigen Faktoren eine größere Rolle spielen, welche zumindest kurzfristig zu erhöhter Freisetzung führen können. Für einzelne, bereits freigesetzte Fasern im Boden scheinen hauptsächlich Faktoren zu dominieren, welche die Abgabe an die Luft verringern.

Im Rahmen der Untersuchung zu den Hinterlassenschaften des ehemaligen Fulguritwerks bei Hannover gibt es einige Luftmessungen. Ein Messpunkt im Randbereich zeigte dabei nur eine geringe Faserkonzentration. Untersuchungen an mit Asbestzementbruchstücken belasteten Ackerböden im Raum Wunstorf legen Nahe, dass zumindest bei bindigen Böden eine Freisetzung wirksam unterbunden wird. Dazu hatte man Böden, die sich im Labor als asbesthaltig zeigten, getrocknet und einem Luftstrom ausgesetzt. Hierbei wurden keine Faser freigesetzt[3].

Vermutlich ist die Freisetzung aus Böden, die mit Asbestzementscherben belastet sind, nicht viel höher als die von intakten und an ihren vorgesehenen Plätzen befindlichen Asbestzementen. Zumindest solange die Anzahl der im Boden befindlichen Asbestzementscherben nicht zu hoch ist.

Was jetzt genau eine „hohe“ Belastung an Scherben im Boden ist, das ist nicht ganz so einfach zu klären. Wenn man sich die Untersuchungen im Umfeld der ehemaligen Fulguritwerke ansieht, so scheint eine Grenze bei rund 10 Scherben pro Quadratmeter Bodenfläche zu liegen. Das würde ungefähr einem Wert von 0,1 Massen% Asbest im Boden, allerdings eben in den Scherben gebunden, entsprechen. Wie sich die Sache bei höheren Belastungen verhält, ist aber noch nicht geklärt. Vermutlich steigt das Risiko aber nicht unbedingt gleich an[4].

Ich hab jetzt einfach mal die abfallrechtlichen und bodenschutzrechtlichen Aspekte beiseite gelassen. Die würden auch noch einige interessante Punkte einbringen, die hier aber wohl etwas zu weit führen würden.

1: Daunderer, Max, Handbuch der Umweltgifte: klinische Umwelttoxikologie für die Praxis, 1990

2: BUWAL, Messung von Asbestfasern bei Asbestzementdächern, 2005

3: Swartjes, F.A. , Tromp, P.C., Wezenbeek, J.M., RIVM rapport 711701034/2003 Beoordeling van de risico van bodemverontreiniging met asbest, 2003

4: Kaufmann, Uwe, Asbestzement im Boden – Herkunft, Beurteilung und Erfahrungen, 2019

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

2 Kommentare

  1. Asbestzement ist nachgewiesenermaßen krankheitserregend. Ein Bekannter hat mit Eternit gearbeitet. Er hat jetzt Asbestose und ist krank. Obwohl die Krankheit als Berufskrankheit anerkannt ist , weigert sich die Krankenkasse die Behandlungskosten zu übernehmen.
    Man braucht nämlich einen Arzt, der die Diagnose stellt. Und diese Ärzte findet man nicht.
    Also, das Gesetz haben wir, es fehlt am Willen zur Durchsetzung.

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Ries,

    zunächst einmal recht herzlichen Dank an die Firma CRB, für die Sie arbeiten und die wirklich ein paar Aufträge von mir, innerhalb kurzer Zeit, sehr präzise aufgearbeitet haben. Was mich sehr interessieren würde, ist; was passiert eigentlich mit den Asbestfasern im Boden? Sickern die durch den Boden bis ins Grundwasser? Wenn nein, bis wie viel Meter ins Erdreich sickern sie? Mich beschäftigt diese Frage seit Jahren. In Hamburg z.ß. wird viel Grundwasser aus Flachbrunnen gewonnen, das aus ca. 16-17 Meter tiefe gepumpt wird. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir diese beantworten können.

    Vielen Dank im Voraus und vG

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