“Wenn sich ein Fußballer als schwul outet, sinkt sein Marktwert.”

Selbst in den liberalen Niederlanden bleibt homosexuelle Orientierung ein Problem. Welches Männer- und Menschenbild transportiert der Profifußball?

Die Niederlande ermöglichten 2001 als erstes Land der Welt die “Homo-Ehe”. Seit 1998 konnten gleichgeschlechtliche Paare eine registrierte Partnerschaft abschließen.

Für viele Niederländerinnen und Niederländer ist Toleranz gegenüber Menschen mit homosexuellen Neigungen wichtig. So wurde in Amsterdam schon seit den späten 1970ern ein Denkmal geplant und 1987 schließlich am Westermarkt das berühmte Homomonument eingeweiht.

Dessen rosafarbene Dreiecke erinnern an die Verfolgung bi- und homosexueller Menschen im Nationalsozialismus, die in Deutschland lange tabuisiert blieb. Solche Dreiecke mussten sich die Gefangenen in Konzentrationslagern auf die Kleidung nähen.

Inzwischen sind mehrere Städte auf der ganzen Welt mit ähnlichen Denkmälern nachgezogen: zum Beispiel Köln 1995, Sydney 2001, San Francisco 2003 oder Barcelona 2011.

Doch auch die vergleichsweise frühe Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bedeutet nicht automatisch, dass es in allen gesellschaftlichen Bereichen eine große Toleranz gibt. So kam 2015 ein Forschungsbericht des Sozial- und Kulturwissenschaftlichen Büros zu einem geteilten Ergebnis:

Zwar würden Homosexualität (und Bi- und Transsexualität) weitgehend akzeptiert, doch manchmal eher auf abstrakter Ebene. So ergaben Befragungen von Schülerinnen und Schülern im Alter von 11 bis 16 Jahren noch 2013, dass rund ein Drittel es “eklig” fand, wenn zwei Männer sich küssen.

Zum Vergleich: Bei zwei Frauen fanden das rund 20 Prozent und bei Frau und Mann 4 Prozent. Nur vier Jahre vorher hatte das bei zwei Männern aber noch fast die Hälfte gefunden und bei zwei einander küssenden Frauen rund 30 Prozent.

Die Wissenschaftler verglichen auch internationale Ergebnisse. Bei einer Art der Untersuchung wurden Menschen gefragt, wen sie gerne nicht als Nachbarn hätten. Unter den zehn tolerantesten Ländern gaben in Schweden 4, in Spanien 5, in den Niederlanden 7, in Australien 13 und in Deutschland 22 Prozent an, lieber nicht neben Homosexuellen zu wohnen. Unter den letzten zehn Nationen befinden sich Irak mit 80, Katar mit 83, die Türkei mit 85 und Marokko mit 86 Prozent. Schlusslicht ist Aserbaidschan mit 94 Prozent.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts im Auftrag der niederländischen Regierung brachten ihre Ergebnisse von 2015 zur Haltung gegenüber Homo-, Bi- und Intersexuellen so auf den Punkt: “Heiraten okay, küssen nicht.”

Man könnte solche Ergebnisse natürlich auch umgekehrt auswerten: Dann fanden es 2013 rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler nicht “eklig”, wenn sich zwei Männer küssen. Und dann hatten in den Niederlanden 96 und in Deutschland 78 Prozent kein Problem mit homosexuellen Nachbarn.

Intoleranz im Topsport

Im für den niederländischen öffentlichen Rundfunk produzierten Podcast “De Schaduwspits” (wörtlich: der Schattenstürmer; sinngemäß: hängende Spitze im Fußball) fühlte ein Team von Journalistinnen und Journalisten der Toleranz im Topfußball auf den Zahn. Oder vielleicht eher der Intoleranz?

In sieben Folgen vom Mai bis Dezember 2021 machten sie sich auf die Suche nach einem niederländischen Spitzenfußballer, der offen zu seiner Homosexualität steht. In Teil drei gingen sie beispielsweise der Frage nach, warum gleichgeschlechtliche Beziehungen im Frauenfußball kein Problem sind. In Folgen vier und sechs wurde untersucht, welche Rolle Gespräche in der Kleiderkammer unter Fußballern haben und wie die Vereine zur Homosexualität stehen.

Das Fazit fällt nach der siebten und vorerst letzten Folge ernüchternd aus: Selbst in den toleranten Niederlanden wollte sich kein Profifußballer als schwul outen. Dabei wisse jeder, dass es ein paar homosexuelle Spieler gibt. Diese würden ihre Identität aber verbergen. Warum?

In einem nächsten Schritt versuchte das Journalisten-Team, wenigstens einen heterosexuellen Profifußballer zu finden, der sich für das Outing eines schwulen Kollegen aussprechen würde. Wieder Fehlanzeige.

Der langjährige Sportmanager Rob Jansen – 1978 bekam er als erster Niederländer eine UEFA-Lizenz – liefert im Interview Hinweise auf eine Erklärung: Die Zurückhaltung unter den Fußballern zu diesem Thema könne er nachvollziehen, auch wenn er sie nicht gutheiße.

Er persönlich kenne homosexuelle Profifußballer und meint, für deren Karriere hätte ein Coming-Out dramatische Folgen. “Wenn sich ein Fußballer als schwul outet, sinkt sein Marktwert.” Der Spieler würde sich damit zur Zielscheibe von Beleidigungen machen.

Jansen geht aber davon aus, dass die Toleranz gegenüber Homosexualität auch im Profifußball nach und nach zunehmen werde. Er stellt sich sogar ein Szenario vor, in dem ein Spieler von einem Coming-Out profitieren könne: Diese hätten heute sowieso alle ihre eigenen Instagram-Accounts und würden mit so einer Aktion wahrscheinlich viel Aufmerksamkeit bekommen.

Der Journalist Winfried Baijens aus dem Podcast-Team ärgert sich aber über die Haltung im Profifußball. Beispielsweise sollte gegen Sprechchöre gegen Homosexualität im Fußballstadion stärker vorgegangen werden – in erster Linie von den Fußballern selbst.

Mit dem Verteidiger Bart Vriends vom Erstligisten Sparta Rotterdam fanden sie dann wenigstens einen Profifußballer, der sich zum Thema äußert, wenn auch nur indirekt. Vriends verweist auf den immensen Druck, dem vor allem junge Spieler ausgesetzt seien.

Um als aufstrebendes Talent im Wettbewerb zu bestehen, dürfe man neben dem Fußball keinen anderen Aktivitäten nachgehen. Es gebe großen Druck, nicht negativ aufzufallen und alles dafür zu tun, nicht aus der Reihe zu tanzen. Wenn ein Spieler sich für Toleranz gegenüber Homosexuellen einsetze und dann schlecht spiele, würde man ihm sein Engagement zum Vorwurf machen.

Mit anderen Worten: Im Profifußball herrsche ein hoher Leistungs- und Konformitätsdruck. Im Endeffekt läuft das aber darauf hinaus, dass man heterosexuellen Spielern ihre Sexualität und Partnerschaft – alles natürliche Bedürfnisse – zugesteht, ihren schwulen Mitstreitern allerdings nicht. Dass sich ein homosexueller Fußballer öffentlich zu seiner Identität äußert heißt ja nicht gleich, dass er Aktivist werden müsste und darum seine Fußballerkarriere vernachlässigt.

Männerbild im 21. Jahrhundert

Dieses Ergebnis befriedigt das Journalisten-Team nicht. Trotz monatelanger Suche konnten sie keinen Profifußballer finden, der öffentlich zu seiner Homosexualität steht.

Sie schließen ihre Serie mit einem Zwischenschritt: Zur Unterstützung schwuler Fußballer, die sich outen möchten, haben sie ein “Star-Team” zusammengestellt. Dieses besteht unter anderem aus der Fußballnationalspielerin Merel van Dongen und dem Olympiasieger Johan Kenkhuis, die offen über ihre Bi- oder Homosexualität sprechen. Dazu kommen bekannte Personen aus der LGBTI+-Szene.

Man könnte aber auch kritisch hinterfragen, wie zeitgemäß das Männerbild des Profifußballs noch ist. Dass man in einem Bereich, in dem sechs- bis siebenstellige Jahresgehälter winken, hohe Leistung und Stressresistenz erwartet, ist das Eine. Aber warum sollen Fußballspieler nicht offen zu ihrer Sexualität stehen dürfen?

Eine international vielbeachtete Studie in Science ergab, dass gleichgeschlechtliche Sexualkontakte mit der Zeit normaler wurden. Je später jemand geboren war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit für intime Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht. Das deutet auf zunehmende Toleranz hin.

Die Ergebnisse einer 2020 veröffentlichten Befragung von 463 US-amerikanischen Männern ergab jedenfalls, dass in deren Bild von Männlichkeit Heterosexualität keine zentrale Rolle spielte. Mit rund 55 Prozent gab die Mehrheit emotionale Zähheit als wesentliche Eigenschaft an, gefolgt von rund 50 Prozent für Versorgung der Familie.

Zwar nannten im Vergleich dazu mit 11 Prozent nur wenige Heterosexualität. Auf dem dritten Platz landete mit rund 40 Prozent allerdings Vermeidung von Weiblichkeit. Und Homosexualität gilt vielen vielleicht als irgendwie unmännlich.

Für wen ist “toxische Männlichkeit” toxisch?

In feministischen Kreisen wird oft von “toxischer Männlichkeit” gesprochen. Es ist zwar richtig, dass die meisten Straftaten von Männern begangen werden. Die richten sich meistens aber gegen andere Männer, insbesondere jüngere Männer. Diese stehen also nicht nur auf der Täter-, sondern auch der Opferseite auf Platz 1.

In der Öffentlichkeit wird das aber kaum wahrgenommen. So wird über die sehr häufigen Körperverletzungen und schweren Körperverletzungen, die für viele Männer leider zum Leben dazugehören, kaum gesprochen. Die sehr viel selteneren Sexualstraftaten, die einzige Gruppe von Gewaltverbrechen, bei denen Frauen häufiger Opfer sind, erhalten demgegenüber sehr viel Aufmerksamkeit in den Medien.

Auch mit dem Schlagwort “Femizid” werden Morde an Frauen besonders hervorgehoben, obwohl tatsächlich sehr viel mehr Männer ermordet werden. Auch Selbsttötungen sind bei Männern sehr viel häufiger und in so gut wie allen Ländern sterben sie Jahre früher als Frauen. Dabei ist der Unterschied in patriarchaleren Kulturen besonders groß, also für Männer besonders nachteilig.

Die “toxische Männlichkeit”, sofern es sie denn gibt, richtet sich in erster Linie gegen das eigene Geschlecht. Dass auch am Anfang des 21. Jahrhunderts schwulen Fußballern ihre Sexualität weniger gegönnt wird als ihren heterosexuellen Kollegen und lesbischen Kolleginnen, ist ein deutliches Zeichen.

Toleranz von gleichgeschlechtlichen Kontakten und Beziehungen unter Männern wären ein wichtiger Schritt zur Abkehr von der Gewalt, unter der die Männer selbst am häufigsten leiden. Vom Fußball könnte hier eine wichtige Signalwirkung ausgehen. Bei Großveranstaltungen Regenbogenflaggen zu zeigen, scheint bisher nicht auszureichen.

Warum sollten sexuelle Vorlieben etwas über die Qualität eines Fußballspielers aussagen? Dessen Leistung zeigt sich doch auf dem Platz und nicht im Bett.

Bi- und Homosexualität – medizinische Begriffe aus dem späten 19. Jahrhundert – wurde in verschiedenen Phasen immer wieder religiös stigmatisiert, kriminalisiert oder pathologisiert. Auch anthropologische Studien zeigen aber, dass sie in so gut wie allen menschlichen Gesellschaften vorkommen. Sie sind in diesem Sinne völlig normal.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis. Titelgrafik: blende12 auf Pixabay.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Bei Zuwiderhandlung können Kommentare gekürzt, gelöscht und/oder die Diskussion gesperrt werden. Nähere Details finden Sie in "Über das Blog". Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie.

53 Kommentare

  1. Die einfachste Erklärung für den sinkenden Marktwert von homosexuellen Fussballern ist doch einfach die, dass sich alle Fussballer ans Publikum verkaufen und da das Publikum zu mehr als 90% heterosexuell ist, sinkt der Wert des sich outenden Fussballers, denn heterosexuelle Männer können sich nicht mehr mit ihm identifizieren und heterosexuelle Frauen nicht mehr davon träumen ihn zum Freund zu haben und mit ihm ins Bett zu gehen.

  2. Hier wurden schon alle Argumente angesprochen. Ein Jugendlicher, der verunsichert ist, der wird sich nicht outen. Ein Vereinsspieler wird sich nicht outen, wenn er Nachteile erwartet.

    Solchen Menschen Ratschläge zu erteilen kann nur jemand der selbst betroffen ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Gesellschaft als ganzes in Richtung Toleranz geht.

  3. @Martin Holzherr
    Wie banal: Klar, Frauen gucken nur Fußball, weil sie permanent an “das Eine” denken. Anstatt sich für mehr Medienpräsenz und damit finanzielle Gleichberechtigung des Frauenfussballs zu engagieren, werden lieber wieder Alte-weiße-Männer-Feuchttraum-Klischees bedient, die mit der Realität nichts zu tun haben.

    Danke, @Stephan Schleim, für den interessanten Beitrag – auch den vorangegangenen. Es wird Zeit, die Freiheit des Individuums i.S. dessen gedanklicher und emotionaler Identität zu akzeptieren und zu tolerieren und nicht nach physischen oder materiellen Voraussetzungen zu determinieren.

    Ihnen allen ein gutes, vor allem gesundes neues Jahr!

  4. @Sandy (Zitat): „ werden lieber wieder Alte-weiße-Männer-Feuchttraum-Klischees bedient, die mit der Realität nichts zu tun haben.“
    Die Aussage, (sinngemässes Zitat) Frauen interessierten sich mehr für Frauenfussball als für Männerfussball hat mit der Realität meiner Meinung nach wenig zu tun.

  5. @Stephan Schleim
    Nicht ganz nachvollziehen kann ich Ihre Einschätzung, wonach Frauen angeblich als Opfer mehr wahrgenommen werden als Männer.
    Die Realität spricht eine andere Sprache:

    https://www.ndr.de/kultur/Incel-Subkultur-Frauen-nichts-anderes-als-Sexobjekte,incels104.html

    Auch die Täter von Halle und Hanau waren Frauen dehumanisierende Incels. Dieser Aspekt wird aber in der öffentlichen Berichterstattung weitgehend ausgeblendet. Auch Pick-Up-Artists und häusliche Gewalt gegen Frauen haben in Zeiten wie diesen wieder Hochkonjunktur.

    Und dass die CDU mit einem neu gewählten Vorsitzenden, dessen Position zur strafrechtlichen Privilegierung sexueller Gewalt gegen Frauen im familiären Bereich oder homophobe (Ent-)Äußerungen hinlänglich bekannt sind, in den Umfragen zulegt, wirkt auf mich alles andere als beruhigend.

  6. Vielleicht sollte man sich mal die Showszene anschauen in der auch viele Homosexuelle präsent sind . Die haben oft ihre diesbezüglichen Neigungen verheimlicht weil sie mit Schlagern über die Liebe und anderen Schmalz etc. Millionenumsätze hatten.(Hier war die Liebe zwischen Mann und Frau gemeint).
    Sogar Scheinehen mit Frauen wurden getätigt um dem “Publikumsgechmack ” und dem Umsatz gerecht zu werden. “Man” hat sich also den Normen des Marktes /der Gesellschaft angepasst wie viele Menschen sich diesen Normen unterordnen, sich also verbiegen , sich die erforderliche Fassade zulegen. Fußballfans sind eine bunte Mischung aller Gesellschaftsschichten. Dumme Sprüche hat es in Stadien immer gegeben, letztlich aber ist wohl für wirkliche Fans der Sieg entscheidend. Denen ist auch egal ob dann einer homosexuell veranlagt ist.

  7. Der Marktwert hängt im Sport von der Leistung im Sportlichen, vom Aussehen, von der Größe der Abnehmerschaft und vom generell Normalen ab.
    Davon abweichend kann er sinken.

  8. Die Norm meint ein Maß, bei Formulierungen mit bspw. ‘völlig normal’ gilt es festzustellen, was gemeint ist.

  9. @Golzower, hwied, Holzherr: Können wir uns darauf einigen, dass die sexuelle Orientierung eines Fußballspielers völlig irrelevant sein sollte? Jedenfalls in dem Sinne, dass er sie nicht verheimlichen muss.

  10. @Sandy: Opfer

    Wie bezeichnend, dass Sie Anschläge, bei denen rund 90% der Mordopfer Männer waren (z.B. Hanau 2020), darauf reduzieren, dass sich die Täter auch mal frauenfeindlich geäußert haben. Wie dehumanisierend mögen das wohl die Angehörigen der Ermordeten finden?

    Was für ein interessanter Spin, mit dem Sie gerade das Problem veranschaulichen.

    P.S. Und bevor wir die Fairness der Gehälter von Fußballspielerinnen und Fußballspieler diskutieren, wollen wir uns mal darüber unterhalten, wie viele Kassiererinnen und Kassierer, Pflegerinnen und Pfleger oder Paketboten trotz ebenfalls harter Arbeit kaum genug für den Lebenserhalt verdienen? Insbesondere dann, wenn wir das Wort “Gleichberechtigung” in den Mund nehmen?

  11. @Beckhuber: Normal

    Im Satz vor dem Schlusssatz war doch gerade ausformuliert, was hier mit “normal” gemeint ist: “Auch anthropologische Studien zeigen aber, dass sie in so gut wie allen menschlichen Gesellschaften vorkommen.”

    P.S. Wie viele Menschen zumindest gelegentlich mal “am eigenen Ufer fischen” würden, wenn die Gesellschaft in diesem Sinne vollständig tolerant wäre, wissen wir noch gar nicht, weil es so eine Gesellschaft noch nicht gibt. Insofern kann man hier ohne Weiteres auch keinen statistischen Normbegriff anwenden, da dieser die Vorurteile gegen Bi- und Homosexuelle voraussetzt.

  12. @Stephan Schleim
    Sie wollen aber nicht behaupten, dass die Delikte in Halle und Hanau primär aus einer männerfeindlichen Gesinnung heraus geschahen. Genauso wenig wollte ich die Motivation dieser Männer auf Misogynie reduzieren, sondern nur auf einen Aspekt hinweisen, der immer wieder unterschlagen wird. Tatsächlich ist es doch so, dass Antisemitisten, Rassisten, Antiziganisten und Verschwörungsgläubige aller Art auch gleichzeitig und gerne einmal antifeministisch drauf sind und auf dem Zettel ihrer rechtsideologischen Hasskultur neben “jüdischen Kulturbolschewisten”, “N…..” und “Z……..”, also Andersaussehenden, Andersdenkenden und Andersliebenden auch immer wieder Frauen listen. So war im kruden Manifest – sowohl des Hallenser als auch des Hanauer Täters – der Übergang vom Antisemitismus zum Hass auf Frauen, Linke, Migranten und Homosexuellen fließend.
    Und natürlich kann man jetzt die Männer zu einer größeren Opfergruppe stilisieren und nach Milchmädchenart rechnen, indem man Männer als größere Opfergruppe männlicher Taten exponiert. Aber – und das ist ein kriminalstatistischer Fakt- wenn es um geschlechterbezogene Gewalttaten geht, sind Frauen mit mehr als 80 Prozent nun mal eher in der Opfer- als in der TäterInnen-Rolle. So versucht allein in Deutschland jeden Tag ein ehemaliger oder aktueller Partner, seine Frau umzubringen, und an jedem dritten Tag gelingt ihm dies auch.
    Diesen Fakt sollte man – bei allem Verständnis natürlich auch für die männlichen Opfer von Straftaten – nicht unterschlagen, bevor man in maskulinistischen Krokodilstränen ersäuft.

    https://taz.de/Verbrechen-und-Gender/!5632054/

  13. @Sandy. Ja, Männer begehen mehr gewaltsame Verbrechen. Vielleicht hängt daran noch viel mehr, zum Beispiel könnte es einen Zusammenhang damit geben, dass Männer auch öfter ganz oben auf der Karriereleiter ankommen. Weil sie nämlich auch beim Klettern in der Hierarchie aggressiver vorgehen.

    Im übrigen könnte der Unterschied im männlichen und weiblichen Aggressivitätslevel auch auf einen biologischen Unterschied hinweisen.

  14. @Sandy: Anschläge & Zahlen

    Die Anschläge richteten sich in erster Linie gegen Juden und Ausländer.

    Mit Ihrem Vorwurf der “Milchmädchenrechnung” würde ich aufpassen: im Falle Halles acht ermordete ausländische Männer auf eine ausländische Frau (bzw. Personen mit Migrationshintergrund).

    Die Kriminalstatistiken sprechen auch eine deutliche Sprache. Jahr für Jahr. An der Tatsache, dass sich “toxische Männlichkeit” vor allem gegen Männer richtet, kommen Sie mit Ihren Spins nicht herum.

    Im Übrigen geht es hier in erster Linie um Homosexualität im Profifußball.

    [Gemeint war der Anschlag in Hanau 2020, S. Schleim]

  15. @Holzherr: Gewalt und Biologie

    Damit wäre ich vorsichtig: Menschen werden nicht als Mörder oder Mörderinnen geboren. Um die gescheiterte Suche nach Kriminalitäts- oder Aggressions-Genen ging es hier im Laufe der Jahre immer wieder (z.B. MAOA: Strafminderung wegen Aggressionsgen).

    Auch im internationalen Vergleich können Sie sehen, dass es trotz ähnlichen Männeranteils zum Teil starke Schwankungen bei der Häufigkeit von Gewaltverbrechen gibt. Wen die Ursachen interessieren, der muss sich anschauen, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie sie sich Frauen und Männern darstellt.

  16. @Stephan Schleim
    Naja, so ganz off-topic war ich ja nun nicht; bezog ich mich doch auf eine leicht tendenziöse und pseudostatistische Bewertung im Haupttext, die eigentlich gar nicht zu Ihren Beiträgen passt, die ich immer mit Interesse und viel Zustimmung lese.

    “Hoes suck my dick while I run over pedestrians” – diese Lyrics dienten dem Hallenser Attentäter als aufputschende Begleitmusik für seine Taten. Und eben dieses Lied ist eine Art “Hommage” an einen rechten Frauenfeind, der im April 2018 mit dem Kleinbus 10 Menschen, davon 8 Frauen, in Toronto überfuhr. Dass übrigens Rassismus im Allgemeinen und Antisemitismus im Besonderen in den kruden Denkmustern dieser Täter immer wieder mit Frauenhass einhergehen, beweist nachfolgender Beitrag:

    https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2019/Rechte-Terroristen-Hass-auf-Frauen,frauenhass100.html

    Auch Homophobie passt und gehört natürlich immer wieder in die Denkmuster solcher Täter.
    Man sollte deren Motivation komplex beleuchten. Nicht mehr und nicht weniger habe ich mit meinen Diskussionsbeiträgen reklamieren wollen.

  17. Stefan Schleim,
    die sexuelle Orientierung sollte keine Rolle spielen, das ist das Ziel. Dahin sollten wir kommen.
    Das vorrangige Ziel ist, wie kommen wir dahin . So verstehe ich den blog.

  18. @hwied
    Unbedingte Zustimmung. Und dabei sollte die sexuelle Orientierung nicht immer nur aus der Perspektive der Männer “eine Rolle spielen”.

  19. @hwied und in Ergänzung meiner Antwort 10.55 bzgl. der zu spielenden Rolle:

    …..oder eben “keine”.
    Besonders Frauen sehe ich sowohl in den Hauptbeiträgen als auch in den Diskussionsrunden eher marginal repräsentiert. Auch mir fehlt eigentlich die Zeit und wenn ich sie mir nehme, wird mir häufig genug nahelegelegt “vorsichtig zu sein” oder “den Mund zu halten” bzw. nur dann zu öffnen, wenn ich etwas “Gescheites” zu sagen habe. Und mit dieser Erfahrung bin ich leider nicht allein.
    Aber “so what”… .

  20. @Sandy: Bilanz

    Dass in meinem Text etwas “tendenziös und pseudostatistisch” sei haben Sie bisher nur behauptet nicht belegt; einen Blick auf die Polizeistatistiken zur Gewaltkriminalität haben Sie scheinbar noch nie geworfen, denn sonst hätten Sie Ihre Pseudostatistik vielleicht schon fehlerbereinigt. Ihr eigenes Beispiel ging nach hinten los (weil z.B. in Halle achtmal so viele Männer ermordet wurden wie Frauen). Statistische Belege für Ihre Gegenposition können Sie keine liefern.

    Also was soll ich da noch sagen? Wenn es belastbare Fakten für die Position gäbe, dass Frauen häufiger Opfer von Gewaltverbrechen werden als Männer, dann würde ich meine Position natürlich anpassen; die gib es eben aber nicht.

    P.S. Und dass Rechtsradikale alles Mögliche hassen, im Endergebnis vielleicht schlicht Menschen, könnte man mal versuchen, psychologisch zu verstehen. Hätte jemand den Männern unter ihnen einen Weg in die gesellschaftliche Mitte gezeigt, dann hätten sie wahrscheinlich andere Ansichten, einschließlich weniger frauenfeindliche Ansichten.

    [Gemeint war der Anschlag in Hanau 2020, S. Schleim]

  21. @Sandy: Ich würde mir hier auch mehr Beteiligung von Frauen wünschen; wo ist da jetzt genau die Hürde, einen Kommentar zu formulieren und “absenden” zu klicken?

    Es scheint aber so zu sein, dass Frauen bestimmte Medien stärker bevorzugen als andere, z.B. in den sogenannten “sozialen Medien” aktiver sind.

    P.S. Als ich noch fast jährlich eine wissenschaftliche Tagung/Meetings organisierte, gab ich mir immer besonders viel Mühe, mehr Frauen zu beteiligen. Die meisten sagten ab, zum Teil auch erst kurz vor der Veranstaltung, was für die Organisation unangenehm war. Um es mal positiv zu formulieren, hatten einige dieser Professorinnen meinem Eindruck nach ein besseres Gespür dafür, was wichtig ist, während ich früher zum Beispiel zu fast allen Einladungen “ja” sagte und hinterher dann den Arbeitsdruck bereute.

  22. @Stephan Schleim, 11.29 Uhr
    Zum Attentat in Halle sind Ihre Angaben schlichtweg unzutreffend. Im Übrigen war – soweit ich den Überblick noch habe – ich es, die statistisches Faktenmaterial verlinkt hat.
    Aber danke, ich bin ja schon wieder weg. Hatte gehofft, hier sachlich diskutieren zu können. Immerhin versuchen Sie ja, die Täter zu verstehen; und sicherlich hätten diese, ganz klar, weniger “frauenfeindliche Ansichten”, wenn man (quatsch, ich meine natürlich “frau”) sich nur mehr bemüht hätte, sie auf den richtigen Weg zu führen. Etwa durch angemessenere Kleidung. Oder durch eine “tiefgründigere” Auswahl “sozialer Medien”.

  23. @Sandy: Wenn Sie lieber Ideologien als Fakten verbreiten, haben wir uns tatsächlich nur wenig zu sagen. Sie brachten das Beispiel Halle. Dazu habe ich die Fakten über die Opfer kontrolliert (auf Wikipedia; siehe oben, mit Link). Die sind jetzt Ihrer Meinung nach falsch.

    Mit Leuten, die “fühlen”, was die wirkliche Wahrheit ist, kann ich schwer diskutieren; das ist irgendwie zu hoch für mich. Alles Gute! Aber danke für die anschauliche Darstellung des Problems.

    [Gemeint war der Anschlag in Hanau 2020, S. Schleim]

  24. @Stephan Schleim
    Und wenn Sie mir unterstellen, ich hätte behauptet, es gäbe mehr weibliche Opfer von Gewaltkriminalität als Männer, so “beweisen” Sie mir erst einmal, wo genau dies passiert sein sollte.
    In diesem Beitrag geht`s um Homosexualität. Und wenn dann behauptet wird, Männer würden nicht vergleichbar als Opfer entsprechender Gewaltdelikte wahrgenommen, dann darf ich mir schon einen Verweis auf die Opferstatistik zur sexualisierten Gewalt erlauben (und allein dies tat ich, um das Thema zu halten). Und wenn Sie sich die PKS Jahrbuch 2017 angucken, dann erscheint eben eine Opferrate von Frauen i.H.v. 92.8 %.

  25. In Halle gab es nach meiner Info zwei Tote, die – mangels erfolgreichem Zugriff auf die Synagoge – zufällig waren: eine Frau und ein Mann. Doch um diese Zufallsopfer geht`s nicht, sondern um das Motiv. Und jetzt wird`s mir zu “sachlich” für meinen höchst ideologischen Geschmack.

  26. @Stephan Schleim
    Und nein, mir ging es auch nicht nur um die “einzige Ausnahme” und somit die aus Sicht vieler Männer offensichtlich als hysterisch übersteigerte Marginalie gesehene sexualisierten Gewalt.
    Dass Frauenhass als Motiv auch vieler anderer Straftaten gegen Frauen ist, wird in den Kriminalstatistiken eben nicht hinreichend erfasst.
    Aber ich will den gepflegten Opferneid nicht weiter stören, vielleicht, da ich mich offensichtlich nicht verständlich machen kann, ein erschütterndes Buch empfehlen, das ich aktuell gerade gelesen habe, und welches den Zusammenhang von Rassismus und Frauenhass in einer zivilisierten Gesellschaft wie der unseren deutlich aufzeigt:
    Jasmina Kuhnke: Schwarzes Herz, Rowohlt Buchverlag, 2021.

    https://headtopics.com/de/die-ignorierte-wut-gegen-frauen-5712133

    (s. auch meine Ausführungen oben)

  27. Herr Schleim,
    nicht ablenken, der Profifußball ist nur ein Beispiel.
    Und jetzt die Männer zu Opfern hochzustilisieren, das funktioniert nicht.
    92 % aller Strafgefangenen in deutschen Gefängnissen sind Männer. Ohne weiteren Kommentar.
    Gehen Sie einmal auf einen Kindergeburtstag. Da sitzen in der einen Ecke die Mädchen und ziehen ihre Puppen an, in der anderen Ecke wird gestochen, gehackt und gekämpft, das sind die Jungen.
    In Spanien hat man eine Umfrage unter 10jährigen gemacht. Man hat sie gefragt, was ihr Traumberuf ist. 70 % der Mädchen haben geantwortet, Prinzessin oder Model. 75 % der Jungen haben geantwortet , Stierkämpfer.

    Sandy, bleiben sie im blog, dann können wir auch mal über die Giftmorde und ihre Ursachen reden.

  28. @Stephan Schleim
    Sie hatten das Thema (Homo-)Sexualität ja zuerst verlassen, indem Sie bspw. Raubmorde an und Selbsttötungen von Männern oder gar ihre häufig auf ungesunde Lebensweise zurückzuführende frühere Sterblichkeit mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen in die Waagschale warfen und damit teilweise Äpfel mit Birnen verglichen.
    Aber ich will nun nicht weiter nerven, bestehe jedoch darauf, nicht permanent falsch wiedergegeben zu werden.
    Im Übrigen teilte ich ja Ihren Beitrag, mir ist jede Ausprägung von Homophobie zuwider. Und gerade im Fußball ist sie bedauerlicherweise neben den immer wieder in die Schlagzeilen geratendem Rassismus besonders oft auf der Tagesordnung.

  29. @hwied: Gefängnisse

    Ja – in den USA sind es überwiegend schwarze Männer.

    Wenn bei Ihnen immer noch nicht der Groschen fällt, kann ich es auch nicht ändern.

  30. @Sandy: Ich habe geschrieben, was den Tatsachen entspricht, dass die meisten Opfer von Gewaltverbrechen männlichen Geschlechts sind und die einzige Ausnahme davon die Sexualverbrechen sind.

    Wie Sie das subjektiv verstehen und werten, darauf habe ich wenig Einfluss.

  31. @hwied: P.S. Gefängnisse

    Es ist übrigens noch nicht so lange her, dass die deutsche Polizei Lockvögel einsetzte, um Schwule aus der Reserve zu locken. Die wurden dann auch verurteilt und einige landeten im Gefängnis. Die Rehabilitierung ließ lange auf sich warten. Manche starben vorher.

    Informieren Sie sich. Z.B. “Der Schwulen Paragraf” Darin beichtet auch ein Richter die Gewissensbisse, die ihn ein Leben lang plagten, nachdem er Homosexuelle verurteilte.

  32. Wie schon im letzten Artikel fehlt mir auch hier eigentlich ein konkreter Gesprächsansatz. Es gibt keinen echten Standpunkt, keine echte These… Nichts dem man wirklich zustimmen oder widersprechen könnte. Wenn sich die Leser dann auf (echte oder vermeintliche) Ungenauigkeiten konzentrieren, und dabei auch die eigene Agenda stärker einfliesst, kann ich das gut verstehen.

    Man könnte natürlich auch einfach nichts schreiben. Mach ich dann vielleicht nächstes Mal. Dieses Mal schreibe ich noch über vermeintliche oder echte Ungenauigkeiten.

    Der Begriff “Femizid” wird für Morde an Mädchen und Frauen verwendet, bei denen deren Geschlecht der Grund für den Mord war. Darauf zu reagieren mit “Es sterben aber viel mehr Männer durch Gewaltverbrechen als Frauen” ist nicht falsch – es ist einfach nicht sachbezogen. Und eine typische Abwehrreaktion, üblicherweise vorgebracht von Männern. Meines Wissens nach gibt es keine vergleichbare Anzahl Morde an Männern, bei denen das Geschlecht des Opfers der unmittelbare Anlass ist.

    “Toxische Männlichkeit” beschreibt nicht ein Verhalten gegenüber oder eine Auswirkung auf Frauen. Diesen Bezug herzustellen scheint mir ebenfalls nicht sachbezogen zu sein. Toxische Männlichkeit beschreibt das destruktive Wirken von Männern bzw. Männlichkeit allgemein und in Bezug auf die gesellschaftliche Auswirkungen. Hier ist es sehr wohl möglich zu sagen, dass eine Vielzahl der Morde auf “toxische Männlichkeit” zurückgehen, und zwar sowohl auf Seiten der Mörder als auf auf Seiten der Gemordeten. Auch das Männer nicht rechtzeitig zum Arzt gehen, nicht mit ihren Gefühlen umgehen werden, weniger Selbstfürsorge zeigen etc. und dadurch dann eine kürzere Lebenserwartung haben, lässt sich auf toxische Männlichkeit zurückführen. Auch die Tatsache, dass in einer patriachalen Welt Kriege geeignet gefunden werden, um Probleme zu lösen. Auch die Tatsache, dass Frauen regelmäßig Angst haben, wenn sie den letzten Bus nehmen. Auch die Tatsache, dass Frauen regelmäßig schlechtere berufliche Aufstiegschancen haben. Praktisch alles lässt sich auf toxische Männlichkeit zurückführen. Auch beispielsweise die Tatsache, dass ein homosexueller Fussballspielerprofi sich selber schaden würde, wenn er sich öffentlich outet. Die Existenz von “toxischer Männlichkeit” in Frage zu stellen finde ich schwer nachvollziehbar. Hier gehts ja nicht um eine physikalische Größe oder um etwas, was sich mit einem Skalpell und/oder bildgebenden Verfahren im Gehirn von Männern finden lässt. Sondern es beschreibt den Zustand der Welt allgemein. Und der scheint mir eindeutig zu sein. (Das dieser Begriff nicht genau definiert ist und von unterschiedlichen Interessengruppen auch unterschiedlich angewendet wird ist klar, aber meiner Meinung lässt sich die Existenz an sich damit nicht bezweifeln.)

    Wenn es in diesem Artikel übrigens um Homosexualität im Fussball gehen soll, dann verstehe ich den Exkurs zu Sexualstraftaten gegen Frauen nicht. Der Zusammenhang kommt mir konstruiert vor.

    Wenn Podcaster (oder schlimmer noch: Journalisten) losziehen und versuchen, im Prekariatssport Nr. 1 Homophobie zu finden, dann gewinne ich den Eindruck, dass hier ein Ergebnis vorher schon feststand. Und nur bestätigt werden sollte. Wenn die sich hätten nützlich machen wollen, hätten sie ja mal unter Fans fragen können, was denn nun so schlimm an einem schwulen Fussballprofi ist. Das hätte dann vielleicht wenigstens mal entlarvende Antworten ergeben. Was kommt als nächstes, eine siebenteilige Podcast-Reihe mit der Fragestellung “gibt es Homophobie in der BILD-Zeitung”?

    Ich finde, Fussballprofis haben das Recht, ihre sexuelle Orientierung nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Und das tun sie auch regelmäßig. Klar, es gibt auch ein paar Promi-Paare. Und drittklassige Medien scheinen gern jede neue Frau auf den entsprechenden Sitzplätzen am Spielfeldrand zu sezieren. Aber abgesehen davon finde ich nicht, dass man viel über die sexuellen Beziehungen von Profifussballern erfährt. Deshalb finde ich, dass man über diejenigen reden könnte, die sich geoutet haben. Aber nicht über diejenigen, die das nicht tun. Nicht über deren Motive. Und erstrecht sollte man nicht versuchen, sowas zu erzwingen. Das Spieler in einem weniger öffentlichen Rahmen durchaus zu ihrer Sexualität stehen kann man ja daran sehen, dass “jeder [wisse], dass es ein paar homosexuelle Spieler gibt”.

    Mir ist auch nicht klar, wie ein Spieler sich outen sollte, ohne dadurch zum Aktivisten (gemacht) zu werden.

    Und was ich ebenfalls nicht nachvollziehen kann ist die Idee, dass ausgerechnet Spieler sich persönlich mehr gegen diese Situation engagieren sollten. Ich glaube, so ziemlich jeder andere wäre da eher gefragt. DFB, Vereine, Fans…

    Andererseits gab es grade einen Vorfall in der dritten Liga. Wo es zwar immer noch ewig gedauert hat, bis das Spiel nach einem rassistischen Vorfall abgesagt wurde. Wo aber offenbar tatsächlich die Spieler beider Mannschaften fanden, dass sie das Spiel jetzt nicht fortsetzten können. (Link zu einem rb online Artikel dazu.)

    Letztlich kommt dieser Artikel hier zu dem Ergebnis, dass mehr Toleranz wünschenswert wäre. Dem kann man schlecht widersprechen. Andererseits ist das eine triviale Aussage. Für mich bleibt die Frage, warum hier gegen Gewaltverbrechen gegen Frauen gekeilt wird.

  33. @Marco: Homosexualität im Fußball

    Erst einmal willkommen bei MENSCHEN-BILDER.

    Dafür, dass Sie bei mir das Fehlen einer These kritisieren, vermisse ich bei Ihnen aber auch eine starke These.

    Ich verstehe Ihren Kommentar so, dass Sie die Homosexualität von Profifußballern zur Privatsache erklären wollen. Sorry, das wirkt auf mich wie ein Verdrängungsmechanismus.

    Sie können wahrscheinlich kein Niederländisch verstehen, sonst würde ich Ihnen jetzt mal Teil 4 der Serie empfehlen. Darin berichtet ein anonymer, schwuler Profifußballer nämlich nicht nur, dass es ihn selbst betrübt, seine sexuelle Vorliebe nicht öffentlich machen zu können. Vielmehr würden auch die Partner schwuler Fußballer darunter leiden, bei bestimmten öffentlichen Gelegenheiten nur als “ein Freund” und nicht als “mein Freund” vorgestellt werden zu können.

    Das Leben ist eben nicht nur privat, sondern auch öffentlich; bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, noch viel mehr.

  34. @Marco: Männlichkeit

    Und ob man es “Patriarchat” oder “toxische Männlichkeit” oder wie auch immer nennt – das sind sprachliche Konventionen.

    Was ich bei Ihnen (wie bei den Anderen) vermisse ist eine Offenheit dafür, nach den Ursachen zu fragen.

    Zum Beispiel gehen Männer seltener zum Arzt, seltener zum Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter, töten sich häufiger selbst. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das damit zu tun hat, dass Männern in vielen Gesellschaften vermittelt wird: Du musst deine Probleme selbst lösen; Hilfe suchen ist unmännlich. Wie toxisch ist das?

    Und auch wenn sich das allmählich ändert: Insgesamt dürfen Männer auch weniger Gefühle zeigen. Auch das gilt eher als unmännlich, unprofessionell, vielleicht sogar irgendwie “homo”. Beschäftigen Sie sich doch einmal mit Entwicklungspsychologie und der Sozialisierung der Geschlechter, wenn Ihnen das Thema wirklich am Herzen liegt.

    Zur Kompensation greifen sie dann eher zu Drogen oder wählen sie Gewalt als Lösung. Beides kann sie ins Gefängnis bringen (winke @hwied). Das sind nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern eben auch gesellschaftlich vermittelte Geschlechtsrollen.

  35. @Marco: Man kann es nicht allen recht machen

    Und zum Schluss der “Bezug zu Sexualstraftaten”, an dem Sie sich stören. In meinem Artikel steht:

    So wird über die sehr häufigen Körperverletzungen und schweren Körperverletzungen, die für viele Männer leider zum Leben dazugehören, kaum gesprochen. Die sehr viel selteneren Sexualstraftaten, die einzige Gruppe von Gewaltverbrechen, bei denen Frauen häufiger Opfer sind, erhalten demgegenüber sehr viel Aufmerksamkeit in den Medien.

    Hätte ich jetzt nicht darauf hingewiesen, dann hätten Leserinnen wie @Sandy mir vorwerfen können, dass ich die weiblichen Opfer von Sexualstraftaten ausblende. Tue ich es doch, werfen Sie mir vor, ich würde einen unpassenden Bezug zu Sexualstraftaten herstellen.

    Die These(!) an dieser Stelle ist doch, dass sich “toxische Männlichkeit” in erster Linie gegen Männer selbst richtet, wenn man sie z.B. in der Lebenserwartung, in den Suiziden, in den Opfer- oder Gefängniszahlen darstellt. Das sind alles Fakten, die über viele Jahre hinweg und in vielen Gesellschaften belegt sind. Der Vollständigkeit halber sollte eben erwähnt werden, dass die Sexualstraftaten eine (und: die einzige) Ausnahme sind. Genau das steht im Text. Wenn Vollständigkeit für Sie ein Problem ist, kann ich das auch nicht ändern.

    Das ist eben ein Anspruch von MENSCHEN-BILDER, beide Seiten der Medaille aufzuzeigen. Dass das für manche Leute ein Problem ist, zeigt sich hier in der Diskussion sehr deutlich. Dafür muss sich eben jede und jeder selbst entscheiden, bloß die Seite der Geschichte zu sehen, die einem gefällt, oder alles.

  36. @hwied: Giftmorde
    Ja, darüber können wir uns gerne unterhalten; vielleicht passt es ein andermal besser zum Thema. Nur kurz: Stellen Sie sich einen Mann und eine Frau vor. Der Mann prügelt und misshandelt die Frau über Jahre hinweg. Irgendwann schlägt er sie tot. Hier kommt nach dem Gesetz i.d.R. Totschlag (§ 212 StGB) mit einer zeitigen Freiheitsstrafe (1 Monat bis max. 15 Jahre) in Betracht.
    Wenn aber die physisch schwächere Frau, die in einer offenen körperlichen Auseinandersetzung mit dem Mann keine Chance hätte, den Mann im Schlaf oder mittels Gift tötet, handelt es sich um eine “heimtückische” Begehungsweise und damit um Mord gem. § 211 StGB. Die hier zwingend folgende Strafe ist lebenslänglich. Und jetzt entscheiden Sie, welches Geschlecht auch hier wieder benachteiligt ist.

  37. @Sandy: Off Topic

    Wie Sie selbst schon richtig feststellen, haben Ihre jüngsten Kommentare nichts mehr mit dem Thema zu tun; aber mir war klar, dass auch dieses (schon lang bekannte) Argument noch kommen würde.

    Dass man sich inzwischen den Kopf darüber zerbricht, was Gleichberechtigung bei Mörderinnen und Mördern bedeutet, anstatt etwas gegen die Ursachen von Gewalt zu unternehmen, diese noch nicht einmal diskutiert, so eine Diskussion sogar aktiv unterdrückt, zeigt für mich sehr deutlich, in was für eine Einbahnstraße sich manche begeben haben.

  38. Stephan Schleim
    Kriminalität bei Frauen
    „Weil Frauen weniger und leichtere Straftaten begehen als Männer, werden Frauen nur relativ selten zu Gefängnisstrafen verurteilt. Bedeutsam ist auch, dass straffällig gewordene Frauen ein geringeres Rückfallrisiko und eine günstigere Sozialprognose als Männer aufweisen. Von den 60 800 Personen, die sich am 31. März 2000 im deutschen Strafvollzug befanden, waren nur 4% (knapp 2400) Frauen.“
    Diese Angaben beziehen sich auf Deutschland. !!

    Also bitte etwas mehr Respekt vor Frauen .

  39. Sandy,
    wir sind seelenverwandt. Genau diese Logik und Schlussfolgerung wollte ich beschreiben.
    Die Frauen sind die Underdogs in den Kulturen. Sie müssen am meisten arbeiten und werden am schlechtesten entlohnt.

    Unter den Reichsten dieser befinden sich keine Frauen.

  40. @hwied: Kriminalität

    Ich kann mich nur darüber wundern, wie Sie meinen Hinweis auf die Kriminalstatistik als “mangelnden Respekt gegenüber Frauen” interpretieren. Auch Sie weichen der Frage nach den Ursachen von Kriminalität immer wieder aus. Langsam wird es langweilig. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Respekt gegenüber Opfern von Gewaltverbrechen?

    Unter den Reichsten dieser befinden sich keine Frauen.

    Auch das ist wieder faktisch falsch. Aber ich sehe schon, dass man bei Ihnen mit Fakten nicht weiterkommt.

  41. @hwied
    Dankeschön, das muntert auf, zumal ich gar nicht weiß, weshalb sich Herr Schleim hier derart aggro auf mich eingeschossen hat. Zum Thema Giftmord wurde ich ja direkt angesprochen und habe die Reaktion auch so kurz wie möglich gestaltet. Und so ganz abwegig ist das Thema ja auch nicht, geht`s hier doch um “toxische Gewalt” im eigentlichen Sinne des Wortes 😉 (meinen Humor lass ich mir halt nicht nehmen).

    @Stefan Schleim
    Ne, der Mann in meinem beschriebenen Fall wird eben – im Gegensatz zur Frau – nicht als Mörder, sondern als “Totschläger” behandelt. Der entscheidende Unterschied ist das Strafmaß (s.o.).
    Aber egal: Wie und wo ich die Diskussion zu den Ursachen von Gewalt unterdrückt haben soll, ist mir nicht bewusst. Um diesen auf den Grund zu gehen, fragt man doch notwendig nach dem Motiv. Und im Gegensatz zu Ihnen habe ich die von Ihnen angesprochenen beiden Seiten der Medaille gerade bei den Morden in Hanau, insbesondere in Halle zu beleuchten versucht. Und ne, gerade der Letztere war eben nicht lediglich antisemitisch motiviert (s.o.). Und dass, wer einmal an Verschwörerinnen und Verschwörer glaubt (seien es nun Jüdinnen und Juden oder feministische Hexen), häufig der ganzen Bandbreite solcher ineinander verschwurbelten Mythen verfällt, kann man im Nachbarblog bei Herrn Blume nachlesen.

    [Interessant, dass Sie Hinweise auf eine amtliche Statistik als “Aggressivität” erleben. Bei anhaltenden Falschbehauptungen und themenfremden Beiträgen wird dieser Kommentarbereich geschlossen. S. Schleim]

  42. Zurück zu…

    Aurel Kolnoi hat Ekel,Hochmut und Hass als Kriterien feindlicher Gefühle ausgemacht. Slavoj Zizek hat das nochmal in ‘Disparität’ aufgenommen und Phillip Hübl in ‘Die Aufgeregte Gesellschaft’. Ekel und Abscheu gehören zum Diskurs über Ästhetik.
    Stellt sich die Frage,warum sich Ekel einstellt. Ekel scheint ja mehr ein Reflex zu sein,sich nicht gerade mit Reflexion zu verbinden.
    Phillip Hübl führt explizit Ekel vor Sex und Sperma auf. Möglicherweise sind toxische Männlichkeit,verbunden mit intuitiven heterogenemHeldentum, mit evolutionärer Konkurrenz assoziiert,Vernichtung.
    Scheint,Ekel und Marktwert haben eine negative Korrelation.

  43. @Sandy
    Wie denkt der Feminismus zum Motiv Ekel?
    Ist das in der Debatte zu Misogynie relevant?

  44. Hier ein interessanter Link zum Thema Homosexualität im Sport. Zitat: „Am Beispiel Fußball lässt sich die herausfordernde Beziehung zwischen Sport und (männlicher) Homosexualität anschaulich darstellen, wobei der Fußball aufgrund der dominanten Stellung hinsichtlich Teilhabe und medialer Aufmerksamkeit sowie der Stereotypisierung als Domäne „echter Männer“ gleichsam auch einen Sonderfall darstellt. Die konträren Grundannahmen hinsichtlich der sexuellen Orientierung von Fußballerinnen und Fußballern bringt die Aussage, dass kein Spieler schwul, aber alle Spielerinnen lesbisch seien, prägnant auf den Punkt und spiegelt damit eine in der Gesellschaft verbreitete Vorannahme wider. Beim Umgang mit schwulen Fußballspielern reichen die Perspektiven je nach Kontext also von einer völligen Leugnung im Sinne von „Schwule Kicker – gibt es nicht“ bis zu offener Ausgrenzung und Diskriminierung. Homosexualität stellt im Fußball der Männer einen Tabubruch dar; die männliche Identität wird hinterfragt, bedroht und abgesprochen. Die Erklärungen für die Nicht-Sichtbarkeit von Homosexuellen im Männerfußball verlaufen entlang von zwei Strängen. Einerseits geht man bei der These der Selbstselektion aufgrund der schwierigen Situation im System Fußball davon aus, dass Homosexuelle sich nicht in diesem Handlungsfeld halten können bzw. wollen und sich als Folge dessen bewusst aus diesem System zurückziehen. Andererseits gibt es eine Erklärungslinie, welche die Nicht-Sichtbarkeit von schwulen Spielern mit der Aufrechterhaltung von öffentlichen, heterosexuellen Scheinidentitäten, also einer Geheimhaltung der homosexuellen Identität, argumentiert.“

  45. @ Stephan Schleim

    In diesem wie im letzten Artikel von ihnen fehlt einfach eine Aussage…

    [Gekürzt. Aus Ihrem Kommentar, den ich in voller Länge bewahrt habe, insbesondere aus Ihren Verweisen auf einen vorherigen Austausch im TELEPOLIS-Forum, die thematisch überhaupt nicht hierhin gehören, erschließt sich mir, dass es Ihnen eher um eine “Abrechnung” zu gehen scheint als um eine ernsthafte Diskussion des Themas. Jetzt ergeben auch ein paar der anderen feindlichen Kommentare Sinn, zum Teil einschließlich Beleidigungen (z.B. “Sie sind Scheiße” um 19:54 Uhr). Sie und Ihre mutmaßlichen Freunde sind willkommen, wenn Sie sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen wollen. Andernfalls würde ich Ihnen empfehlen, Ihre Zeit sinnvoller zu gestalten. MfG S. Schleim]

  46. @Mona: Männlichkeit im Fußball

    Danke für den Hinweis! Dazu passt der Teil des (niederländischen) Podcasts, bei dem die Journalistinnen und Journalisten Fußballerinnen besucht haben. Dort herrschte eine offene Haltung gegenüber Homosexualität und mitunter sogar das Vorurteil, Lesben seien die besseren Fußballerinnen.

  47. @all: Das Gegenüber ernst nehmen

    Ich gebe Ihnen mal ein Zitat der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin und Feministin bell hooks mit auf den Weg. Was Sie daraus machen, ist Ihre Sache:

    “And we [women] urged men to be true to themselves, to express themselves. Then when men began to share their thoughts and feelings, some women could not cope. They wanted the old lies and pretences to be back in place. […] At times women find it difficult to hear what many men have to say when what they tell us does not conform to our fantasies of who they are or who we want them to be.” (all about love, pp. 48-49)

    Deutsch: “Und wir [Frauen] drängten Männer dazu, ehrlich zu sich selbst zu sein, sich selbst auszudrücken. Und als Männer anfingen, ihre Gedanken und Gefühle zu teilen, konnten manche Frauen das nicht ertragen. Sie wollten die alten Lügen und den alten Schein zurück. […] Manchmal finden Frauen es schwierig zu hören, was viele Männer zu sagen haben, wenn das, was sie uns erzählen, nicht mit unseren Fantasien davon übereinstimmt, wer sie sind und wie wir sie haben wollen.”

    bell hooks hat u.a. auch die Ursachen v.a. männlicher Gewalttaten untersucht; ihre Bücher sind sehr lesenswert.

    P.S. Oh, ich sehe gerade, dass bell hooks am 15. Dezember 2021 im Alter von nur 69 Jahren gestorben ist. Was für ein tragischer Verlust!

  48. Wegen anhaltender Störungen war dieser Diskussionsbereich vorübergehend geschlossen. Bitte halten Sie sich an die Diskussionsregeln.

    Die amtlichen Zahlen zur Gewaltkriminalität berichtet das Bundeskriminalamt: Laut offizieller Statistik wurden 2020 in Deutschland 211.216 Menschen Opfer von Gewaltkriminalität, davon 146.982 Männer (rund 70%) und 64.234 Frauen (rund 30%). Männer waren also rund 2,3-mal so häufig Opfer von Gewaltverbrechen wie Frauen.

    Die Daten aus den vorhergehenden Jahren zeichnen ein ähnliches Bild. Diese Fakten kann jeder mit nur ein paar Klicks überprüfen.

  49. Aktuelles vom neuen Queer-Beauftragten der Bundesregierung:

    Außerdem seien Vorbilder wichtig. Mit dem DFB möchte der Queer-Beauftragte darüber sprechen, wie Outings auch im Fußball selbstverständlich werden können.

    Na, wenn der mal nicht bei MENSCHEN-BILDER gelesen hat. 😉

Schreibe einen Kommentar