Gehirndoping und Neuroenhancement: Fakten und Mythen

Eine Zusammenfassung nach zwanzig Jahren Forschung. Teil 1: Was ist Gehirndoping/Neuroenhancement und wie weit verbreitet ist es?

Serie in vier Teilen

  1. Was ist Gehirndoping/Neuroenhancement und wie verbreitet ist es? (28.12.2020)
  2. Um welche Substanzen geht es und wie wirken sie? (4.1.2021)
  3. Instrumenteller Substanzkonsum und Werte (11.1.2021)
  4. Beantwortung häufiger Fragen und Literaturverzeichnis (18.1.2021)

Erster Teil

Allgemein meint man mit Gehirndoping/Neuroenhancement die Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit durch direkte Eingriffe ins Gehirn von gesunden Menschen, beispielsweise mit pharmakologischen Substanzen (Drogen/Medikamente) oder elektrischer Stimulation. Die Bezeichnung “Gehirndoping” zieht den Vergleich zum institutionalisierten Sport, wo bestimmte leistungssteigernde Mittel verboten sind. “Neuroenhancement” (oder auch: “Cognitive Enhancement”) wird eher in der wissenschaftlichen Diskussion verwendet. Weiter unten werde ich erklären, warum ich “instrumentellen Substanzkonsum” für die bessere Bezeichnung halte.

In der Diskussion in Wissenschaft wie Medien wurde oft der Eindruck erweckt, es handle sich um einen neuen und zunehmenden Trend. Tatsächlich wurden aber Studienergebnisse zur Verbreitung oft falsch oder einseitig wiedergegeben und Ergebnisse aus den 1960er bis 1980er Jahren gänzlich ignoriert (siehe unten).

Ich verfolge die Diskussion seit über 15 Jahren und veröffentlichte 2005 möglicherweise den ersten deutschsprachigen Artikel zum Thema. Als junger, leistungsorientierter Philosoph und Wissenschaftler sah ich den Trend erst sehr positiv. Aufgrund der vielen Ungereimtheiten in der Berichterstattung und nach einer ersten Sichtung der pharmakologischen Studien (Schleim & Walter, 2007) wurde ich aber skeptisch. Wird hier den Menschen nicht viel zu viel versprochen?

Wie verbreitet ist es?

Zu dieser Frage gab es schon 2011 eine zusammenfassende Arbeit von 28 Einzelstudien (Smith & Farah, 2011). Allerdings streuten deren Ergebnisse zwischen 1,7% und 55%. Das ist ein deutlicher Hinweis auf uneinheitliches Vorgehen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Wie definiert man das Phänomen und wie misst man es anschließend in der Praxis? Darauf scheint jede Forschungsgruppe andere Antworten zu geben.

Erst vor Kurzem erschien eine neue Arbeit, die inzwischen schon 111 Studien zusammenfasst (Faraone et al., 2020). Deren Ergebnisse streuen sogar noch etwas mehr, nämlich zwischen 2,1% und 58,7%. Die Autorinnen und Autoren kritisieren dann auch, dass sie aufgrund der großen Unterschiede der Einzelstudien keine formale Meta-Analyse vornehmen konnten, mit der sich die wissenschaftlichen Resultate auf standardisierte Weise zusammenfassen ließen. 2020 hat sich die Studienlage gegenüber 2011 also nicht wesentlich verbessert.

Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der Verbreitung ist daher: Es lässt sich nicht genau sagen.

Wichtige Anhaltspunkte zur Verbreitung

Es gibt aber Anhaltspunkte. So liegen die Ergebnisse der methodisch hochwertigeren Studien, bei denen beispielsweise deutlich mehr Personen (N > 10.000), idealerweise an verschiedenen Orten befragt wurden, meist im einstelligen Prozentbereich. Umgekehrt stammte etwa der Extremwert von 55% von einer nichtrepräsentativen Befragung weniger (N = 307) männlicher Mitglieder von Studentenverbindungen an nur einer nordamerikanischen Universität (DeSantis, Noar & Webb, 2009). Dabei sind gerade junge Männer und Mitglieder solcher Verbindungen für ihren ausufernden Substanzkonsum bekannt.

Das landesweite und repräsentative (N = 102.000) US-amerikanische National Survey on Drug Use and Health 2015-2016 kam demgegenüber zum Ergebnis, dass nur 2,1% der Befragten verschreibungspflichtige Stimulanzien wie Amphetamin (“Speed”) oder Methylphenidat (“Ritalin”) ohne Rezept verwendet hatten (Compton et al., 2018). Eine groß angelegte, ländervergleichende Studie fand zudem heraus, dass der Konsum in englischsprachigen Ländern (z.B. Kanada, USA, Vereinigtes Königreich) höher ist als in deutschsprachigen (Deutschland, Österreich, Schweiz; Maier et al., 2018).

In vielen dieser Studien geht es nicht spezifisch um Gehirndoping/Neuroenhancement, sondern um “nichtmedizinischen Konsum” von Stimulanzien und anderen Mitteln. Unter nichtmedizinischen Konsum fallen auch Motivationen wie länger auf Partys feiern, soziale Ängste bzw. Schüchternheit überwinden, abnehmen – einige Mittel reduzieren Hunger – oder schlicht ein “High-Gefühl” zu erleben. Diese wesentlichen Unterschiede werden in vielen Berichten, sowohl in wissenschaftlichen als auch in allgemeinen Medien, aber oft nicht berücksichtigt.

Passend zur Vorstellung von Gehirndoping/Neuroenhancement wurden zwar bessere Konzentration beim Lernen oder länger wach bleiben, um zu studieren, häufig als Gründe für den Konsum genannt. Das könnte aber schlicht die Tatsache widerspiegeln, dass die meisten Befragungen mit Studierenden durchgeführt wurden. Die Studien, die sich ausschließlich mit dem Steigern der geistigen Leistungsfähigkeit beschäftigen, anstatt allgemein nach “nichtmedizinischem Konsum” zu fragen, finden übrigens deutlich geringere Zahlen zur Häufigkeit.

Den besten Hinweis darauf, dass es überhaupt einen Anstieg gab, fanden Forscherinnen und Forscher der amerikanischen Universität von Michigan (McCabe et al., 2014). Sie wiederholten von 2003 bis 2013 sechsmal eine nicht-repräsentative Befragung an derselben Universität. Das brachte für den genannten Zeitraum eine Zunahme des nichtmedizinischen Konsums verschreibungspflichtiger Stimulanzien von 5,4% auf 9,3% zutage. Das bezieht sich, wohlgemerkt, auf minimal einmaligen Konsum im Vorjahr.

Auf Nachfrage verwies mich der Studienleiter auf eine andere Arbeit der Forschungsgruppe, in der die Häufigkeit dieses Verhaltens näher untersucht worden war (Teter et al., 2010). Demnach hatten 82,1% der Konsumenten die Stimulanzien insgesamt weniger als zehnmal genommen.

Fazit zur Verbreitung

Diese und viele weitere Befunde lassen meiner Meinung nach nur den Schluss zu, dass Gehirndoping/Neuroenhancement nie ein Massenphänomen war und noch nicht einmal klar ist, ob es in den letzten 20 Jahren zugenommen hat. Die heutigen Zahlen könnten sogar niedriger zu sein als die von Befragungen aus den 1960er bis 1980er Jahren, die ich an anderer Stelle zusammengefasst habe (Schleim, 2020a; Schleim & Quednow, 2017; 2018).

Beispielhaft sei hier eine Überblicksarbeit von 21 Einzelstudien aus den Jahren 1966 bis 1980 genannt (McAuliffe et al., 1984). In diesen gaben 11% bis 54% der Personen an, schon einmal Amphetamin genommen zu haben, überwiegend mit dem Ziel, länger wach zu bleiben oder besser bei einem Test oder im Sport abzuschneiden. (Methylphenidat/Ritalin war damals noch nicht sehr bekannt.)

Kurz darauf veröffentlichte dieselbe Forschungsgruppe eine detaillierte, jedoch nichtrepräsentative Befragung von (N = 1308) Fachleuten und Studierenden aus den Gesundheitswissenschaften (McAuliffe et al., 1986). Um länger wach zu bleiben, besser zu arbeiten oder besser im Sport zu sein, hatten 16% der befragten Ärztinnen und Ärzte sowie 17% der Medizinstudierenden schon einmal Drogen oder Medikamente genommen. Die Fachleute schätzten, das im Mittel rund 44-mal getan zu haben. Die Studierenden nannten durchschnittlich rund 66 Konsumgelegenheiten.

Das ist deutlich mehr als die genannten Zahlen der amerikanischen Forscher aus dem Jahr 2010 (Teter et al., 2010). Gehirndoping/Neuroenhancement war früher also möglicherweise sogar noch verbreiteter als heute, auch wenn man es noch nicht so nannte.

Abbildung 1: Stimulanzien (vor allem Amphetamin) waren von den 1930ern bis in die frühen 1970er populär. Hier sehen wir die Ergebnisse von Befragungen an High Schools des Bezirks San Mateo in Kalifornien. Bis zu einem Viertel der Schülerinnen und Schüler der 10. (rot) bzw. 12. Klasse (blau; gestrichelte Linien) hatte schon einmal Stimulanzien konsumiert. Wöchentlichen Konsum (durchgezogene Linien) gaben bis zu rund 5% an. Quelle: Ferrence & Whitehead, 1980
Abbildung 2: Beruhigungsmittel (v.a. Librium und Valium) kamen Ende der 1950er richtig in Mode. Um 1960 wurden davon in den USA jährlich schon fast 500.000 kg produziert. Die Anzahl der Erwachsenen, die mindestens einmal so ein Mittel genommen hatten, stieg von 7% im Jahr 1957 auf 27% im Jahr 1967. Quelle: Parry, 1968; es handelt sich jeweils um Durchschnittswerte für 1957-59, 1960-62 und 1963-65; Zwischenwerte der Linie wurden ergänzt
Abbildung 3: In den 1990ern wurden in den USA wieder Stimulanzien – jetzt vor allem Methylphenidat (“Ritalin”, blaue Balken) – vermehrt produziert. Doch auch Amphetamin (“Speed”, rot) erlebte ein Comeback. 2014 wurde mit zusammen über 140.000 kg der bisherige Höchstwert erreicht. Im selben Zeitraum wurden auch immer mehr Antidepressiva verschrieben. Die gelbe Linie zeigt die Anzahl der Patienten in den USA in Millionen, die jährlich solche Medikamente verschrieben bekam. 2015 waren es schon knapp 18 Millionen. Quelle: Schleim & Quednow, 2018; Luo et al., 2020

Übertreibungen in Medien und Wissenschaft

Mit Sicherheit lässt sich indes sagen, dass die Zahlen zur Verbreitung sowohl in den Medien als auch in einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen regelmäßig übertrieben dargestellt wurden (Partridge et al., 2011; Quednow, 2010a; Schleim, 2010).

Beispielsweise wurde schon am Anfang der Diskussion immer wieder eine Studie zitiert, der zufolge 16% der Studierenden Gehirndoping/Neuroenhancement betreiben würden (Babcock & Byrne, 2000). Abgesehen von der niedrigen Qualität der nicht-repräsentativen Befragung, wurde darin ausdrücklich nicht nach einer geistigen Leistungssteigerung gefragt, sondern nach der Verwendung verschiedener Drogen/Medikamente “zum Spaß”.

Ein anderer Trick bestand im Verweis auf eine an sich sehr gute, landesweit angelegte Studie an verschiedenen Colleges in den USA mit einer großen Teilnehmerzahl (N = 10.904; McCabe et al., 2005). Unter den 119 untersuchten Bildungseinrichtungen fand sich eine einzige, an der 25% der Studierenden die Frage, ob sie im letzten Jahr mindestens einmal nichtmedizinisch verschreibungspflichtige Stimulanzien konsumiert hätten, mit “ja” beantwortet hatten. Im Vergleich dazu lag der Wert an ganzen 21 Colleges bei 0%. Der Mittelwert aller Befragten betrug 4,1% (für Konsum im letzten Monat übrigens nur 2,1%).

Dennoch berichteten führende Medien und auch führende Persönlichkeiten aus der Forschung immer wieder die 25%, als ob das für alle (amerikanischen) Studierenden gälte. Das ist eine grobe Verzerrung der wissenschaftlichen Evidenzen. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass auch diese Studie nicht speziell das Gehirndoping/Neuroenhancement untersuchte, sondern den breiter gefassten “nichtmedizinischen Konsum”. Und damit habe ich nur zwei frappierende Beispiele dafür aufgeführt, wie das Phänomen zu einem dringenden Problem aufgebauscht wurde und immer noch wird.

Die Medien haben freilich ein Interesse an viel Aufmerksamkeit. Aber auch Forscherinnen und Forscher befinden sich in einem Wettbewerb um Forschungsmittel. Wer seine Adressaten davon überzeugen kann, dass sein Problem dringend und gesellschaftlich relevant ist, hat einen Vorsprung vor der Konkurrenz. Dieses strategische Vorgehen birgt meines Erachtens aber das Risiko, dass die Bevölkerung der Wissenschaft nicht mehr glaubt, wenn es um wirklich wichtige Themen geht (man denke an Klimawandel oder Infektionskrankheiten).

Im zweiten Teil der Serie über Gehirndoping/Neuroenhancement machen wir weiter mit den Substanzen: Um welche Mittel geht es und wie wirken sie?

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur. Titelgrafik: GDJ auf Pixabay.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen. Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

23 Kommentare

  1. Das nenne ich mal einen Wissenschaftlichen Text! Informativ und alles durch Quellen belegt.
    Zeitungen brauchen mehr davon. Danke dafür

  2. @Übertreibungen aus Eigeninteresse

    Wo es Wissenschaftlern nützt, kann es passieren, dass hier auch mal ganz schön übertrieben wird. Klar schafft das Misstrauen, und die Wissenschaft schadet sich selbst damit langfristig am meisten. Wenn es irgendwann um Fördergelder geht, dann finden sich womöglich keine demokratischen Mehrheiten mehr dafür.

    In der Klimaforschung gibt es diese Organisation, die den Sachstand festzuhalten versucht, und die vermutlich eher noch vertrauenswürdig ist. Allerdings bekommen hier auch Einzelstudien mehr Aufmerksamkeit, wenn sie noch mehr Erderwärmung entdecken. Das macht die Erderwärmung nicht zum Fake, aber alles Glauben ist auch nicht angebracht.

    Oder hier die Aussage im Nachbarblog, dass das RKI im Oktober irreführenderweise behauptet hat, dass die meisten Infektionen im privatem Raum stattfänden, obwohl die Datenlage das überhaupt nicht hergibt.

    Gerade Ärzte sind ja nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Menschen, die mit der Behandlung von Krankheiten ihren ganzen Lebensunterhalt verdienen. Das bringt natürlich Spezialinteressen mit sich, die Folgen haben können. Die Menschen, die an Corona sterben sind größtenteils welche, die innerhalb des nächsten Jahres sowieso sterben würden. Nun ist das so, dass die Krankenkassen die Hälfte ihres Geldes für Maßnahmen im letzten Lebensjahr des Versicherten ausgeben. Wohl jeder kennt das, dass alte Menschen noch ein halbes Jahr eine Krankenhaustour mitmachen dürfen, bevor sie endlich abtreten können.

    Nun ja, so ist ein Coronaopfer für die Ärzte auch ein finanzieller Verlust. Corona tötet vergleichsweise zügig, teure Operationen helfen da nicht. Dazu kommt verständlicherweise, dass die Ärzte persönlich betroffen sind, wenn die Krankenhäuser überlastet sind, und auch eine Triage machen zu müssen, ist natürlich wirklich eine Zumutung. Aber man sollte vielleicht bedenken, welche elementaren Spezialinteressen hinter den Empfehlungen der Mediziner stecken können, und man sollte deren Vorschläge nicht ungeprüft zu Verordnungen und Gesetzen machen.

  3. Wie steht es mit dem Kaffeekonsum ? Nach einer Tasse Espresso ist man hellwach.
    Wie steht es mit Tee? Nach einer Tasse Tee ist man ruhig und kann ruhig denken.
    Wie steht es mit Sport. Nach sportlichen Höchstleistungen (Runner´s High) kann man klarer denken.
    Wie steht es mit Lüften ? Gemeint ist damit die bessere Sauerstoffversorgung des Gehirns.
    Eine Kopfmassage soll auch wirken.

  4. @Goss: Gerne. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass das Literaturverzeichnis erst mit dem vierten Teil mitgeliefert wird. Die geneigte Leserin kann die entsprechenden Studien aber wahrscheinlich auch anhand der Namen und Jahreszahlen herausfinden.

  5. @Jeckenburger: Trends & Moden

    Ich kann ja noch nachvollziehen, dass es in der Gesellschaft solche Trends und Moden gibt und dass in der Leistungsgesellschaft anfang des 21. Jahrhunderts Gehirndoping eben ein heißes Thema war…

    …aber dass so viele aus Wissenschaft und Ethik dem hinterherlaufen, das wundert mich doch. Ich denke besser nicht an die ganzen Doktorarbeiten und Publikationen, die so getan haben, als wäre Gehirndoping etwas Neues.

  6. @hwied: Kaffee & Co

    Diese Effekte von Koffein gibt es – aber sie sind doch auch eher begrenzt.

    Ich nehme Teil 4 vorweg, wenn ich Ihnen nun die Antwort aus der “FAQ” zitiere; ich fürchte, sie ist ohne Teil 3 über die Werte noch nicht ganz nachvollziehbar. Doch auch die Frage an Sie: Was verraten uns diese Beispiele? Und vergessen wir nicht den lieben Zucker!

    Wo fängt Neuroenhancement eigentlich an? Ist Schokolade essen oder Kaffee trinken dann nicht auch schon Enhancement?

    Warum ist die Antwort hierauf wichtig? Ich plädiere ja erst einmal dafür, besser vom instrumentellen Substanzkonsum als vom Gehirndoping/Neuroenhancement zu sprechen. Gemäß den neun Kategorien Prof. Müllers oder den von mir unterschiedenen vier Bedürfnissen fällt in der Tat sehr viel unter instrumentellen Konsum.

    Darin sehe ich aber erst einmal einen Vorteil: Es geht dann nämlich nicht mehr um einen prinzipiellen, sondern einen fließenden Unterschied. Mit Blick darauf, dass viele Menschen (und wohl sogar manche Tiere) Substanzen instrumentell verwenden, vermeiden wir so eine Stigmatisierung oder gar Kriminalisierung gewöhnlichen Verhaltens.

    Wenn Sie sich dennoch daran stören, womöglich selbst Gehirndoping/Neuroenhancement bzw. instrumentellen Konsum zu betreiben, dann können Sie sich fragen, an welchen Ihrer Werte das liegt. Wie verhalten Sie sich beispielsweise zu den Werten, die von den Professoren Klerman oder Veatch beschrieben wurden? Woher stammen Ihre Überzeugungen?

  7. @Doping

    Ich dachte auch, dass in den USA unter Studenten Ritalin eine so große Rolle spielt, dass man ohne dem Schwierigkeiten hat, mitzukommen. War wohl nur schlechte Statistik, mal wieder.

    Dann ist das also doch ein Randproblem. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass andere Maßnahmen zur Leistungssteigerung durchaus geeigneter sind. Also wie von @hwied vorgeschlagen Kaffee, Tee, Sport und frische Luft, dazu dann noch Tabak und Cola, oder auch mal eine halbe Packung Gummibären. Und nur wenig Alkohol, und auf keinen Fall Cannabis, das ist der Leistungskiller Nr. 1.

    Was aber noch viel wirksamer ist, dass wären die richtigen Studieninhalte. Die sollten den Studenten wirklich interessieren, das wirkt besser als Ritalin intravenös.

    Und überhaupt einfach mal einen Gang zurückschalten, und weniger Stoff pro Semester verlangen. Ich glaube nicht, dass es in modernen Zeiten irgendwo an Leistungsfähigkeit mangelt, dafür werden aber auch unendliche Mengen Zeitverschwenderisches erst gepaukt, und hinterher in der Produktion an sinnlosen Produkten produziert, verkauft und verkonsumiert.

    Dieser Stress ist relevant und macht krank, und auch seine Wirkung auf die Geburtenzahlen zeigt recht deutlich, dass wir hier auf keinem guten Weg sind. Und die sozialen und ökölogischen Schäden, die diese Leistungsunkultur verursacht, kommen noch dazu. Im sinnlosen Wettbewerb missbraucht sich der eigentlich auf Kooperation angelegte Mensch in großen Teilen selbst.

  8. Stephan Schleim,
    wo fängt die Abhängigkeit an ?
    Sie fängt ganz unbemerkt an, beim Schkoladenkonsum, weil man ja den Zusammenhang von Wohlbefinden und Genuss und leistungsstärkender Wirkung nicht beabsichtigt.

    So gesehen betreiben alle Genusssüchtigen ein Gehirndoping, allerdings ein unbeabsichtigtes.
    Bei den Studenten ist es eher die Neugier, die sie Wachmacher benutzen lässt. Für Parties z.B..

    Bei den Selbständigen, die unter Erfolgsdruck stehen, die nehmen morgens Muntermacher und müssen abends zu Schlafmitteln greifen. Das ist dann das bewusste Beinflussen des Gehirnes.

    Sportler, Leistungssportler, die nehmen vor dem Wettkampf Aufputschmittel, aber nur vor dem Wettkampf. Im jährlichen Training kann man den Körper nicht jahrelang aufputschen, das funktioniert nicht.

    Es gibt aber auch die asketischen Typen, die bewusst auf Genuss verzichten, keine Medikamente nehmen, aus Überzeugung. Die sind langfristig am Erfolgreichsten.

    Ich hoffe , ich habe ihre Frage damit beantwortet.

  9. @Jeckenburger: USA

    Tatsächlich haben das zahlreiche Medien immer wieder so dargestellt, als würden viele Studierende schon zum Frühstück Ritalin u.ä. einschmeißen.

    Vereinzelt mag das so sein, an bestimmten Colleges und dort in bestimmten Gruppen etwas mehr als anderswo; und es gibt natürlich den Umweg über eine ADHS-Diagnose, dann wird das in den meisten Studien nicht mehr gezählt.

    Falls Sie jemanden mit Netflix-Zugang kennen, dann kann ich die Dokumentation “Take Your Pills” sehr empfehlen.

  10. @hwied: Abhängigkeit

    Die interessantere Frage als die, wo Abhängigkeit anfängt, ist vielleicht die, wann Abhängigkeit zum Problem wird…

    …und das ist meiner Meinung nach auch individuell unterschiedlich und hängt von der Situation ab.

    P.S. Ob man Asketen als erfolgreich ansieht, hängt auch davon ab, wie man Erfolg definiert.

  11. @ Stephan Schleim 29.12.2020, 20:11 Uhr:

    Ob man Asketen als erfolgreich ansieht, hängt auch davon ab, wie man Erfolg definiert.

    … es hängt überhaupt sehr viel davon ab wie man was definiert … 😉

  12. Stephan Schleim,
    was ist ein Problem , könnte man jetzt weiter machen un d für wen ?
    Aber, so scheint mir, dass ist ihre Absicht mit diesem blog.
    Sie wollen wissen, was ist dran mit der Behauptung, dass Amphetamine und Co. zu einem Problem geworden sind, übertreibt da die Presse ?
    Ich habe von der ganzen Problematik eigentlich keine Ahnung,
    Ganz allgemein, ein Problem ist eine Störung des Sozialgetriebes, wenn es nicht mehr bezahlbar ist. Moralisch will ich da gar nicht argumentieren.
    Der Asket ist jedenfalls eine Vorzeigelösung, weil der wenig Ressourcen verbraucht und die Sozialkassen nicht belastet. Andererseits werden solche Leute älter ……..

  13. @hwied: Sozialkassen

    Wenn es der Sinn des Lebens wäre, die Sozialkassen so wenig wie möglich zu “belasten”, dann könnten wir jetzt ja alle aus dem Fenster springen.

    Fur konstruktivere Vorschläge verweise ich auf die Kategorie Gutes Leben hier im Blog.

  14. Stephan Schleim,
    jenseits von jeder Polemik, mir geht es darum erstens zu erfahren, warum ein Thema gebloggt wird.
    Das betrifft fast alle blogs. Man erfährt nicht, wer ist der Auftraggeber, und zu welchem Zweck wird gebloggt.
    Bei ihrem Thema , wer hat Interesse daran ? Eine Privatversicherung, die eine neue Risikoabschätzung macht, ein Pharmakonzern, der eine neue Zielgruppe sucht, eine Fachzeitschrift, die über dieses Thema berichten will und neue Gesichtspunkte und Anknüpfungspunkte sucht oder ist es nur pure Wissenschaft für Wissenschaftler ?

    Betrifft aus dem Fenster springen. Wo denken Sie hin . Wir bezahlen bei 30 % Kostenerstattung 700 € im Monat für die private Krankenkasse. Da wird doch die Bezahlbarkeit unseres Sozialstaates eine Frage wert sein .

  15. @hwied: Themenauswahl

    Ich entscheide selbst, über welche Themen ich schreibe, und werde dafür nicht bezahlt. In sehr seltenen Ausnahmen gab es hinterher vom Verlag ein Taschengeld, wenn ein Artikel von denen übernommen wurde. Mit anderen Worten: Ich schreibe über ein Thema, weil ich das interessant finde und Lust darauf habe.

    Das gilt, denke ich, für die allermeisten Bloggerinnen und Blogger hier. Hinter ein paar Blogs steht allerdings eine Institution. Das sollte dann aber in “über diesen Blog” erklärt werden.

    Unterm Strich denke ich übrigens, dass dieses Portal den Verlag mehr kostet als dass es einbringt; es ist eher ein Prestigeprojekt, auf das man jetzt, wo man es schon hat, nicht einfach so verzichten will. (Das ist meine rein persönliche Meinung als jemand, der hier seit rund 13 Jahren schreibt, und keine Wiedergabe der Verlagspolitik.)

  16. Stephan Schleim,
    Danke für die offene Antwort. So viele Idealisten, das ist doch lobenswert.
    Ein gesundes und erfülltes Neues Jahr wünscht hwied !

  17. @hwied: Schreiben

    Vielleicht kann ich es auch einfach nicht lassen. Tatsächlich erfahre ich es manchmal als Zwang und es ist nicht immer angenehm.

  18. Behauptung: Hirndoping mit neumodischen Substanzen wie Ritalin, Modafinil, Amphetamin etc ist so selten, weil die Wirkung dieser Substanzen zu wenig berechenbar ist, zu wenig echt leistungssteigernd ist oder/und weil die Suchtgefahr zu gross ist.
    Dass es aber ein Bedürfniss nach Gehirndoping gibt beweist der Kafeekonsum.

    Der NZZ-Artikel Doping fürs Gehirn? So einfach ist das nicht bringt es auf den Punkt:

    Im Gegensatz etwa zu Steroiden, die definitiv das Muskelwachstum ankurbeln, macht kein einziges der als Neuro-Enhancer angepriesenen Mittel wirklich intelligenter oder steigert kognitive Fähigkeiten.

  19. Stephan Schleim,
    es ist ein nützlicher Zwang, betrachten Sie sich als Rädchen im Weltgetriebe und schon geht es ihnen besser.

    Martin Holzherr,
    Wir haben zwei ganz wichtige Muntermacher vergessen. Cola und schöne Frauen.
    Die Kriege und Morde im antiken Griechenland sind wegen schöner Frauen verursacht worden. Und Cola erst, wer jeden Tag Cola trinkt ist wahrscheinlich im Dauerdopingzustand. Ich trinke nie Cola. Und wenn, dann in der Menge eines Schnapsglases. Sie glauben gar nicht, wie Cola wirkt. Das ist ein Zaubermittel. (Hoffentlich liest das jetzt nicht ein Werbefachmann)
    Gutes Neues Jahr.

  20. Unzählige Videos auf YouTube und viele Texte auf Gehirn&Geist wie etwa Das optimierte Gehirn kommen im Endeffekt immer wieder zum gleichen Schluss (hier ein Zitat aus dem eben verlinkten Artikel: Um es gleich zu sagen: Die hier beschriebene Wunderpille gibt es nicht.
    Das gleiche ist auch im Artikel Neuromythos Nr. 5: Gehirndoping zu lesen (Zitat):

    In den populären Medien wird häufig der Eindruck erweckt, als wäre die „Lernpille“ schon erfunden und ein regelmäßiges Gehirndoping beispielsweise bei Schülern, ..Bislang gibt es keine wissenschaftlich belegte pharmakologische oder elektrische Intervention, die sich als „cognitive enhancer“ eignen würde. Denn es ist eine Sache, unter Laborbedingungen zu zeigen, dass eine einmalige Intervention zu kognitiven Leistungssteigerungen führt.

    Dass dieses Thema dennoch seit Jahren in den gängigen wissenschaftsaffinen Zeitschriften und Medien immer wieder durchgekäut wird, zeigt aber, wie gross das Bedürfnis danach ist, wie stark der insgeheime Wunsch nach Gehirndoping ist.

    Tatsächlich gibt es aber einige Stoffe, die etwa die Vigilanz, den Grad der Wachheit also, erhöhen. Koffein sicher, Ritalin und Modafinil bedingt.
    Doch Studien etwa an Studenten oder Chirurgen zeigen, dass selbst Koffein/Kaffee seine Grenzen hat. Kaffee verbessert die Wachheit von Chirurgen, die schon eine ganze Nacht durchgemacht haben. Doch es senkt nicht die Fehlerhäufigkeit. Das heisst, ein müder und ein aufgeputschter Chirurg begehen gleich viele Fehler beim (simulierten) Operieren. Nur fühlt sich der mit Kaffee aufgeputschte Chirurg wacher und fitter und arbeitet auch schneller.
    Einzig Modafinil scheint bei Chirurgen mehr als nur die Wachheit zu erhöhen. In Studien mindestens zeigen sie unter Modafinil mehr Gelassenheit, einen klareren Kopf und bessere Fähigkeit zum Planen.
    Doch auch bei Modafinil, einem Medikament für Narkoleptiker, halten sich die Effekte in Grenzen. Wunder sind keine zu erwarten.

    Fazit: Das Thema Neuroenhancement begleitet uns schon seit mehr als 10 Jahren und es wird uns wohl weitere 10 Jahre begleiten wie uns viele Mythen täglich begleiten.

  21. Frage: Sind die Begriffe Neuroenhancement und Hirndoping das Katzengold der Wissenschaftskommunikatoren, also das Ding über das man immer schreiben kann, die Verheissung, die niemals nachlässt, das gesellschaftsrelevante Thema par excellence??

  22. @Holzherr: Hirndoping in den Medien

    Gute Frage! Ich denke, das verrät uns eher etwas über die Besessenheit in unserer Zeit mit der geistigen Leistungsfähigkeit.

    Vor ein paar Jahren haben ein Kollege und ich einer großen deutschen Tageszeitung, in der ich damals ein paar Artikel untergebracht hatte, so einen kritischen Artikel zum “Mythos Gehirndoping” angeboten. Prompt kam die Ablehnung: Dass es ein großer Trend sei, könne man nicht bestreiten.

    Interessante Serie übrigens, die Sie bei der ETH Zürich gefunden haben. Die zitieren sogar meine Arbeit aus dem Jahr 2007, nennen mich aber einen “Psychiater”. Schade, dass die Beiträge nicht mit einem Datum versehen sind. Aber ja, viele der dort entlarvten “Mythen” waren wahrscheinlich nie mehr als das.

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