Fremdenfeindlichkeit und Konservativismus – Vielfalt und “diversity”

Landschaft & Oekologie

Diejenigen, die den Zuzug von Fremden, insbesondere von Flüchtlingen, nicht be- oder verhindern wollen, sondern eher begrüßen, bringen zwar oft nur ökonomische oder humanitäre Argumente vor. Meist aber begrüßen sie ihn wegen der Steigerung der „Vielfalt“, also aus einem kulturellen Grund.[1] Sie nennen ihre Gegner meist „konservativ“. Diese folgten einem falschen Leitbild, dem einer homogenen Gesellschaft von Menschen, die ihrer Abstammung nach Deutsche sind. Vielfalt aber sei doch, so hält man diesen konservativen Freunden der Homogenität entgegen, ein Wert, vielleicht ein westlicher, jedenfalls ein hoher.

Daran irritiert, daß die Befürworter von mehr Vielfalt ziemlich offen einer Gesellschaft zuarbeiten, die noch viel homogener ist: der weltweit einheitlichen Gesellschaft, auf die der Kapitalismus ohnehin zusteuert. In Tokio sieht es aus wie in Berlin und in Mailand, überall sind die Menschen gleich gekleidet, alle werden auf die gleiche Weise ausgebildet (man kann den Ausbildungserfolg über ein und denselben Test, den PISA-Test, objektiv vergleichen), alle höheren Ausbildungsgänge auf der Welt führen über den „Bachelor“ zum „Master“. Und man bekommt überall dasselbe Essen, lacht über dieselben “comedians” und spricht überall dieselbe Sprache.

Gerade diejenigen, die sich für die Zunahme der Vielfalt engagieren, sind besonders eifrig, die Vielfalt der Sprachen zugunsten einer einzigen abzuschaffen. Sie engagieren sich eben nicht für die Zunahme der Vielfalt, sondern der „diversity“. Dresden sei keineswegs fremdenfeindlich, sondern „a place to be“, Gruppen, die den Flüchtlingen helfen, heißen „Multitude e.V.“ oder „Refugees Welcome“, und auch auf den Plakaten, die bei der Ankunft der Flüchtlinge hochgehalten werden, steht „welcome“, obwohl natürlich jeder, der „welcome“ versteht, „willkommen“ ebenfalls versteht. Das gilt ebenso, wenn er die Plakate irgendwo im Ausland im Fernsehen sieht, zumal wenn ihm gesagt wird, daß die Aufnahmen in Deutschland gemacht wurden. Wir verstehen ja auch, daß Djihad dasselbe bedeutet wie Dschihad. Das Argument, daß die Fernsehbilder sonst nicht international verstanden würden, sieht also ziemlich vorgeschoben aus.

Man folgt  vielmehr der gewaltigen Sogkraft einer bestimmten Kultur, jener Kultur, die nach einem schon über hundert Jahre alten Glaubensgrundsatz des deutschen Konservativismus dabei ist, jeder Kultur zugunsten der bloßen „Zivilisation“ den Garaus zu machen. Jene weltweit einheitliche Zivilisation hat aber doch ihren geographischen Schwerpunkt (ist zugleich eine regionale Kultur): Amerika. Deutsche und Chinesen, vor allem junge, schämen sich ihrer Herkunft und möchten viel lieber aus Kalifornien stammen. Durch Kleidung und überhaupt den ganzen Habitus bzw. ihren „lifestyle“ schaffen sie es auch weitgehend, so zu wirken, und sprachlich bemühen sie sich wenigstens um diesen Anschein. Mir gefällt das nicht, ich bin da konservativ.

Nun habe ich aber „konservativ“ in einem ganz anderen Sinn gebraucht als oben. Dort waren die Konservativen – denn als solche ja werden die Gegner der heutigen Zuwanderung von deren Befürwortern bezeichnet – diejenigen, die für die homogene Gesellschaft und gegen Vielfalt sind. Jetzt sind sie diejenigen, die gegen die weltweite Homogenisierung, also für Vielfalt sind. Es soll nicht überall gleich sein. In Deutschland soll es typisch deutsch aussehen, in Arabien typisch arabisch, in der Türkei typisch türkisch und in Bayern typisch bayerisch. Der Widerspruch löst sich natürlich leicht auf: Die einen sind für Vielfalt im Sinne einer geographischen Differenzierung, die anderen für „diversity“ an jedem Ort. In jeder deutschen Stadt soll es Orte geben – zumindest stört es nicht, wenn es sie gibt –, die typisch deutsch aussehen, andere, die typisch türkisch aussehen, wieder andere, die typisch afrikanisch aussehen. Es gibt da wie bei allen anderen Mischungen – die eine Speisekarte enthält italienische, serbische und arabische Gerichte, die andere asiatische und afrikanische – keinerlei Regel, es muß völlig frei zugehen, und Freiheit heißt Beliebigkeit. Jedes Individuum muß wohnen dürfen wo es will und wie es will, es muß sich auch so verhalten dürfen, wie es seiner Herkunftskultur entspricht, er muß insbesondere seine angestammte Religion praktizieren dürfen usw.

Die andere Seite ist zumindest im Extrem dafür, daß in Deutschland nur Menschen leben, die ihrer Herkunft nach Deutsche sind, daß niemand auf deutschen Straßen Kleidung trägt, die in Deutschland nicht üblich ist (die in Wirklichkeit, so wollen wir hinzufügen, keineswegs typisch deutsch, sondern wenn überhaupt für irgend etwas typisch, dann typisch amerikanisch ist; Lederhosen tragen in Bayern nur Oktoberfesttouristen und zum Zwecke der Anlockung von Touristen „typisch bayerisch“ eingekleidete Indigene), und er ist dafür, daß in deutschen Städten Minarette verboten werden. Letztlich ist er dafür, daß der andere da bleibt, wo er herkommt, also hingehört. (Ich habe zu diesem Thema schon einiges hier in diesem Blog geschrieben, z. B. die Artikel „Das problematische Glück der Heimat“ und „Was an der Liebe zur Biodiversität christlich ist“.)

Nun, wenn das die Alternative wäre, dann müßte ich mich auf die Seite der Befürworter der regellosen Buntheit an jedem Ort und damit der weltweiten Homogenisierung stellen, müßte also den Gang der Geschichte unterstützen, dessen Motor der Kapitalismus ist (bzw., auf anderer Ebene, die liberale Weltanschauung) und der über die Phase der „diversity“ letztendlich zu einer völligen Homogenisierung führt. Denn natürlich werden selbst die Türken und Araber nach einiger Zeit völlig integriert sein, so wie die Deutschen in die angloamerikanische Kultur integriert sein werden. Ich müßte also dafür sein, daß bald alle Menschen gleich aussehen, und zwar so wie Bankberater aus Werbefilmen. Das alles müßte ich in Kauf nehmen, denn die Abschottung will ich auf keinen Fall. Aber Gott sei Dank ist das nicht die Alternative.

Sehen wir uns an, wie der Konservativismus entstand. Er entstand als Reaktion auf den Fortschritt und in Gegnerschaft zu dessen Parteien, den „Liberalen“ und den „Demokraten“, und damit entstand er als Teil der Gegenaufklärung. Sicher gab es hier und da politische Extrempositionen wie die oben skizzierten, aber das war nicht der Konservativismus, es waren eher Deformationen desselben. Eine geschlossene, in sich stimmige konservative Theorie der Gesellschaft und der Geschichte wurde, wenn die einschlägige Literatur Recht hat, paradoxerweise vor allem von einem Denker entwickelt, den man gemeinhin der Aufklärung zurechnet, von Herder. Bei ihm findet man keine Ideologie der Abschottung, der homogenen Gesellschaft von Menschen gleicher Abstammung und/oder Kultur, Sprache, Religion. Nicht nur soll die Erde insgesamt vielfältig sein (bedingt zugleich durch unterschiedliche Umwelten und unterschiedliche Herkunft), sondern auch jede Gesellschaft soll in sich vielfältig sein. Denn sie schließt sich nicht ab gegen Fremdes, vielmehr nimmt sie es auf, ja sie verdankt ihm einen guten Teil dessen, was ihr eigenes Wesen ausmacht. Das Abendland ist seinem Wesen nach christlich, verdankt dieses sein Wesen also einer fremden Religion. Jedes Volk sollte in der Lage sein, Fremdes aufzunehmen und zum Eigenen zu machen. Das Fremde muß sich allerdings dazu auch eignen, nicht alles an Fremdem kann angeeignet werden, und das Fremde wird in dem Prozeß der Integration in die aufnehmende Kultur nicht bleiben, was es war – es wird dann seinem Wesen nach sowohl Teil dessen sein, was seine Herkunft ist, als auch Teil seiner neuen Heimatkultur. Jede Gemeinschaft wird also in sich vielfältig nicht nur durch Entfaltung des eigenen Wesens und Anpassung an die jeweilige Umwelt, sondern auch durch Aufnahme von Fremdem.

Wogegen sich dieser klassische Konservativismus wandte – und weshalb man hier überhaupt von Konservativismus sprechen kann –, war die Beliebigkeit. Wahre Vielfalt entsteht durch Ent-Faltung einer Ganzheit, die zunächst einfach und nicht vielfältig ist; die Knospe ist einfacher als die entfaltete Blüte, das Ei einfacher als der adulte Organismus. Der entsteht in einen Prozeß, in dem das Wesen der ursprünglichen Einheit erhalten bleibt, sich aber entfaltet, dabei realisiert. Denn was vorher nur der Möglichkeit nach existierte (nicht der <i>bloßen</i> Möglichkeit nach, sondern einer seinsollenden Möglichkeit), wird nun wirklich. Auf dem Weg, den die fortschrittlichen Parteien, die Anhänger der englischen und französischen Aufklärung der Welt aufzwingen, entsteht dagegen nicht Vielfalt, nur Vielzahl, weil dieser Prozeß nicht eine dem Wesen der ursprünglichen Einheit gemäße Ent-Faltung ist. Wenn jeder, der zuwandert, ebenso wie jeder Einheimische, ohne Rücksicht auf das Vorgefundene tut, was ihm nützt und was ihm gefällt, entsteht zwar Buntheit, aber keine Harmonie des Bunten, und letztlich ist die beliebige Buntheit eintönig, sie ist überall dieselbe; ohne daß die einzelnen Menschen gleich aussehen (was aber die Tendenz dieser Art von Gesellschaft ist, s. o.), gleicht doch ein Ort tendenziell dem anderen: überall das gleiche regel- und wesenlose Gemisch von Völkern und Kulturen.

Man sieht also, daß die Front keineswegs so einfach verläuft wie es die Parolen suggerieren: hier die Befürworter einer bunten, vielfältigen Gesellschaft, dort die Verteidiger der einheitlichen Gesellschaft derer, die „von hier sind“.

Der Artikel sollte kein Plädoyer sein für den klassischen Konservativismus (bekannter unter „konservative Kulturkritik“) als eine Weltanschauung, die die Frage der Vielfalt und insbesondere der Vielfalt durch Aufnahme des Fremden differenziert behandelt. Das verbietet sich schon deshalb, weil diese Weltanschauung immer in Gefahr ist, auf Abwege wie den skizzierten fremdenfeindlichen zu geraten. Zudem habe ich den klassischen Konservativismus oben allzu freundlich beschrieben. Ich habe z. B. nicht erwähnt, daß die Gesellschaft, die ihm die natürliche oder gottgewollte ist, patriarchalisch-hierarchisch ist und daß das nicht Eigenschaften sind, die sich ohne weiteres von jener vielen so sympathischen Haltung, die Fremdes aufnimmt und zugleich das Eigene bewahrt, ja bereichert, und die zu geographischer Vielfalt führt, trennen läßt; weshalb Studenten, die man mit diesen Theorien bekannt macht, sich meist vehement auf die Seite des Liberalismus schlagen, allerdings zähneknirschend, weil sie merken, daß das mit ihrem „ökologischen Bewußtsein“ nicht zusammenpaßt, dieses Bewußtsein vielmehr ein wesentlicher Aspekt der konservativen Kulturkritik ist – wenn auch nicht in jedem Verständnis von (politischer) Ökologie.

Der Artikel soll folgende Einsicht fördern: Ohne Kenntnis der Theorien, mit denen man in der Geschichte jene Fragen zu begreifen und zu lösen versuchte – und in der politischen Bewegung, die heute für „diversity“ kämpft, ist diese Kenntnis schlicht nicht vorhanden –, wird man nicht in der Lage sein, einen gut begründeten eigenen Weg zu finden. Zum Verständnis dessen, was insbesondere den klassischen Konservativismus ausmacht, reicht es natürlich auch nicht, wenn man einige eher feuilletonistische Artikel wie den vorliegenden liest. Man muß sich schon mit der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur befassen. Ich rate, sich auf das Werk von Ulrich Eisel einzulassen, auch wenn es alles andere als leicht zugänglich ist. Hier findet man es.

[1] Bezogen auf Ökosysteme werden zwar auch nicht-kulturelle, sondern funktionale Gründe (Vielfalt steigert Stabilität, Diversitäts-Stabilitäts-Hypothese) angeführt, manchmal zu Recht und ökologisch gut begründet, manchmal zu Unrecht und eher ideologisch motiviert. In unserem Fall handelt es sich aber nicht um Ökosysteme, sondern um Gesellschaften von Menschen.