Von Flomp Sticking, Raumgeschwadern und Eisenvulkanismus: Vorschau auf die 50te LPSC in Houston

BLOG: Exo-Planetar

Meteorite, Planeten, Sternenstaub (und was sonst so runterfällt)
Exo-Planetar

Auch ein beliebtes regelmäßiges Thema auf diesem Blog ist eine der wichtigen Tagungen auf dem Gebiete der Planetologie, die Lunar and Planetary Science Conference (LPSC) in Houston/Texas. Die 50te dieses Mal, und passend dazu ein sehr pralles Programm. Für mich die 17te (Kreisch!)

Der Shutdown in den USA hatte durchaus Einfluss auf die LSPC, viele in den USA sind mit Bundesmitteln finanziert und konnten keine Beiträge einreichen. Die Tagung an sich ist aber finanziell in trockenen Tüchern, auch ein weiterer Shutdown hätte da keinen unmittelbaren Impakt.

Was fällt auf? Jetzt gibt es schon 5 parallele Sessions. Wird kompliziert werden. Was also erwartet uns denn dieses Mal? Wie üblich eine ganz auf meinen ersten Eindrücken basierende, nicht unbedingt repräsentative Vorschau. Das Programm findet sich hier.

Twitter Hashtag ist #LPSC2019.

Passend zum 50ten Jubiläum der ersten Mondlandung (der Grund für die Tagung), eine sehr missionslastige LPSC (es ist aus Gründen nicht mehr möglich, die ganzen Sessions zu verlinken, nur noch die einzelnen Abstrakts).

Montag früh gleich eine SPECIAL SESSION: NEW HORIZONS AT KBO 2014 MU69 (ULTIMA THULE). Da dürften die ersten durchgekauten Ergebnisse präsentiert werden, wohl auch in KUIPER BELT OBJECTS:  FROM PLUTO TO ERIS AND ULTIMA THULE. Am Mittag geht es gnadenlos weiter mit Mars: SPECIAL SESSION: GOING INSIDE WITH INSIGHT. Dienstag dann die volle Ladung Sample Return: Morgens SPECIAL SESSION: OSIRIS-REX AT ASTEROID BENNU, dann SPECIAL SESSION: HAYABUSA2 UNVEILING ASTEROID RYUGU am Mittag. Und dann noch eine ganze Session zur weiteren Vertiefung: RYUGU AND BENNU: DIAMOND ASTEROIDS ARE FOREVER. (Lufthol) Und das alles natürlich mit den entsprechenden Postersessions.

In den Abstrakts erwarte ich jetzt mal noch keine spektakulären Enthüllungen, die dürften wohl erst bei der Tagung kommen.

Mittwoch ist dann ganz im Zeichen des Jubiläums: SPECIAL SESSION: 50 YEARS OF LUNAR SCIENCE: THE LEGACY OF “ONE SMALL STEP” und SPECIAL SESSION: 50 YEARS OF PLANETARY SCIENCE: “ONE GIANT LEAP FOR MANKIND”.

Auch die ‘normalen’ Sessions sind wie üblich gehaltvoll. Ein paar potentiell interessante Beiträge  (ist echt viel zum Durcharbeiten).

Was ich nicht wusste: Der Mond hat eine Exosphäre (aus Na). Dazu ein paar Poster, unter anderem Baumgardner et al. mit 20 YEARS OF OBSERVATIONS OF THE LUNAR SODIUM TAIL.

Ein Poster, das prima zum kürzlich entdeckten (möglichen) Fragments eines irdischen Gesteins auf dem Mond (bald Beitrag hier) passt: Halim et al. mit SURVIVAL OF TERRESTRIAL MATERIAL IMPACTING THE LUNAR SURFACE. Ein Thema mit Riesenpotential, der Mond als eine Art Archiv alten irdischen Gesteins (und gar mehr ?)

Planetarer Vulkanismus ist auch ein heißes Thema (tschuldigung) in PLANETARY VOLCANISM:  A SONG OF FIRE AND ICE. Da fiel mir ein Vortrag mit wohl was ganz neuem auf: Ferrovulkanismus. Also keine Silikat/Karbonat/Wasserbrühe, sondern Metall. Abrahams & Nimmo gehen in FERROVOLCANISM: IRON VOLCANISM ON METALLIC ASTEROIDS dieser Möglichkeit auf Asteroiden wie Psyche (Ziel einer Mission) nach.

Trotz aller Vorbehalte gegenüber der Disziplin im Generellen, ein paar gute Beiträge zur Astrobiologie in HABITABILITY:  TOO HOT! TOO COLD! AH, JUST RIGHT!  Da wären die üblichen Verdächtigen Abramov et al. mit COMPREHENSIVE MODELING OF LATE ACCRETION IMPACTS ON EARTH: Modelle darüber, wann Leben auf der Erde  nicht mehr regelmäßig von großen Impakten plattgemacht wurde.

Ein generelles Modell, wie man die mageren Daten über Exoplaneten für deren Bewohnbarkeit verwenden kann, von A.Méndez (Arecibo!) THE DIVERSITY AND DISTRIBUTION OF HABITABLE WORLDS.

PROCESSES ON MODERN MARS: unser roter Nachbarplanet wird inzwischen lange genug ausführlich beobachtet, so dass es möglich ist, Oberflächenprozesse zu verfolgen, anstatt nur gelegentlicher Momentaufnahmen. Ein Gebiet, auf dem gerade Kollegen aus Münster sehr aktiv sind: Heyer et al. über Staublawinen in SLOPE STREAKS ON MARS: SEASONAL DEPENDENCE OF FORMATION RATES und Raack et al. über aktive Gullies (Erosionsrinnen) mit CONTEMPORARY GULLY ACTIVITY IN SISYPHI CAVI, MARS.

Unser Schwesterplanet Venus war zwar nicht gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit die letzten Jahre, aber auch hier ein interessanter Vortrag von Mills et al. aus Canberra: ATMOSPHERIC CHEMISTRY ON VENUS: AN OVERVIEW OF UNRESOLVED ISSUES. Wenn wir schon bei planetaren Atmosphären sind: Diverse Exoplaneten sind so nah am Zentralgestirn, dass ihre Atmosphäre aus Gesteinsdampf besteht. Experiment hierzu von Kohler et al. mit MEASURING THE PROPERTIES OF FORSTERITE FOR EXOPLANET CLOUD FORMATION AND IDENTIFICATION.

Und, wie schon öfters erwähnt, die Impakt-Sessions. Da kracht es so ordentlich, immer gut. Stewart et al. lassen zum Beispiel ganz Planeten verdampfen in IMPACT VAPOR PLUME EXPANSION AND HYDRODYNAMIC COLLAPSE IN THE SOLAR NEBULA. Forscherherz, was willst du mehr.

Zum Beispiel noch mehr Modellierungen von kollidierenden Planetesimalen. Gabriel et al. sind schon so weit, auch dieAuswirkungen verschiedenen aufgebauter Körper zu modellieren, in GIANT IMPACT OUTCOMES ARE DEPENDENT ON SCALE AND DENSITY STRATIFICATION.

Wir bleiben bei den Impakten mit IMPACTS:  TARGET EARTH I. Schultz et al. haben neues zur Impakt-Saga in der Atacama zu vermelden. In LATE PLEISTOCENE FIREBALLS OVER THE ATACAMA DESERT, CHILE geht es um die mysteriösen Schmelzgläser welche möglicherweise von einem Airburst stammen, oder aber auch bei irdischen Großbränden entstanden sein könnten. Unter anderem kleine Meteoritentrümmer in den Gläsern deuten jetzt wohl doch auf ein Impaktereignis (genauer Airburst) hin.

Und Kohout et al., in Spherical Shock Experiments with Chelyabinsk Meteorite: Reflectance Spectra Changes with Increasing Shock wird eine eigentlich eher militärisch verwendetet Technik für Schock-Experimente eingespannt.

Wenn wir schon bei Schockexperimenten sind, ein neuer Quasikristall wurde gefunden, von Hu et al. in FIRST SHOCK SYNTHESIS OF KHATYRKITE, STOLPERITE AND A NEWLY-FOUND NATURAL QUASICRYSTAL: IMPLICATIONS FOR THE IMPACT ORIGIN OF QUASICRYSTALS FROM THE KHATYRKA METEORITE. Die Saga geht also weiter, auch da ist wohl bald ein eigener Beitrag fällig.</d

Izenberg et al. dann noch in der KBO-Postersession mit einem interessanten Poster zum Thema Terminologie – immer wichtig, man muss ja eine Basis haben, wenn man miteinander kommuniziert. In COLLISIONAL TERMINOLOGY FOR COLD CLASSICAL KBOs geht um Blorp Smooshing oder gar Flomp Sticking. Don Martin hätte seien Freude dran gehabt.

Eine neue Datenbank über irdische Impakte gibt es auch: Osinski et al. haben ein Poster drüber: IMPACT EARTH–NEW INSIGHTS IN TO THE TERRESTRIAL IMPACT RECORD AND CRATERING PROCESSES.

Dann mal das Big Picture: Isella et al. (ziemlich viele) gehen ins Detail von ALMA-Beobachtungen junger Sonnensysteme, in der Form von Circumstellar Disks. Wunderschöne Bilder aus dem mm-Bereich in The Disk Substructures at High Angular Resolution Project: What observations of protoplanetary disks tell us about planet formation. Ein ganzer Zoo an verschiedenen Strukturen ganz junger Systeme ist inzwischen vorhanden. Und das dürfte uns wohl einiges auch über unser frühes Sonnensystem sagen.

Die Posterssession zu den Exoplaneten ist auch gehaltvoll – eben das Big Picture, die Verbindung der Labordaten mit astronomischer Fernerkundung. Zum Beispiel in POSTER SESSION I: EXTRASOLAR PLANETS (THOSE OTHER WORLDS — PROMISING UNTOLD OPPORTUNITIES — BECKON). Nur so als Idee, was inzwischen möglich ist – Doyle et al. nutzen die Spektroskopie planetarer Trümmer in Weißen Zwergen für genauere Rückschlüsse (OXYGEN FUGACITIES OF ROCKY EXOPLANETS FROM POLLUTED WHITE DWARF STARS) um was für Körper es sich da gehandelt hat. Hört sich abgefahren an, ist es aber nicht.

Auch interessant, wenn auch spekulativ, die Veteranen Sanders und Scott (Dublin und Hawaii) mit WHENCE CAIs? FROM BEYOND JUPITER, FROM THE YOUNG SUN, OR FROM A SIBLING STAR?  Das ganz, ganz junge Sonnensystem war wohl in einer Umgebung mit sehr vielen nahen Sternen – könnte das Auswirkungen gehabt haben?

Auch interessant was über die Lebenszeit der Saturnringe: noch 50-500 Millionen Jahre nach Modellen von Estrada et al. (INWARD RADIAL DRIFT OF MATERIAL FROM ANGULAR MOMENTUM LOSS DUE TO BALLISTIC TRANSPORT IN SATURN’S RINGS: IMPLICATIONS FOR OBSERVED MASS LOSS RATES AND REMAINING RING LIFETIME.)

Die Gerätetechnik macht auch gewaltige Fortschritte. Die meisten Präsentationen sind wohl zu speziell, aber nur so als Beispiel Reto Trappitsch (der glaube ich einzige Liechtensteiner in der Planetologie) et al. aus Chicago mit TOWARDS THE 1000 ATOM DETECTION LIMIT FOR 244 PU.

Missionen ? Ihr wollt noch mehr Missionen ? Kein Problem, da gibt es mehr als genug Poster und Vorträge über ganze Raumgeschwader zu in Houston.

So Vorschläge für neue NASA New Frontier Missionen, Dragonfly zum Titan oder CAESAR, hin & zurück zu einem Kometen.

Aber wieso in die Ferne schweifen, wenn die Venus gleich um die Ecke auf etwas mehr Aufmerksamkeit hofft. Kann sie haben, wie wäre es mit dem Konzept für Venera-D. Längerfristiger Aufenthalt heißt hier 2-3 Stunden. Auch NASA und ESA sind zumindest an Orbitern interessiert (EnVision und VERITAS). Noch näher ist der Mond, und da gibt es zahllose Konzepte in diversen Stadien. Und China ist fleissig dabei. Auch bei den Asteroiden und Kometen: Zhang et al. mit der ZHENGHE-A Mission.

Auch kleinere Missionen kommen zunehmend ins Spiel, nochmal Kohout et al. mit einem tschechisch-skandinavischen CubeSat, dem Asteroid Prospection Explorer (APEX) als Teil der AIDA Mission.

Etwas weiter draußen wäre dann Triton. Trident ist ein Konzept für eine NASA Discovery Mission vom JPL, die auf New Horizon aufzubauen scheint. 2026 gibt es nämlich ein günstiges Startfenster Richtung Neptun.

Auch für die bemannte Raumfahrt gibt es diverse Konzepte, wie z.B. ESA IGLUNA, ein Analog-Habitat für eine Basis im Eis der lunaren Pole.

Und dann noch was von einer am Pluto arbeitenden Kollegin, die zeigt wie man Dinge auch visuell schön darstellen kann: Gabasova et al. mit SKETCHING THE NEW HORIZONS 2014 MU69 FLYBY EVENT. Ähnlich wie Keane et al. mit THE ILLUSTRATED GUIDE TO THE NEW HORIZONS FLYBY OF 2014 MU69.

Und dann die Frage, die alle umtreibt: was genau mache ich eigentlich auf der Tagung. Kurz & Schmerzlos: als Erstautor zwei Poster (schnüff), die dann zusammen mit weiteren am Dienstag (insgesamt 5) auf der POSTER SESSION I: MERCURY: MAGNETISM, MAGMA, AND MORE (fast) in einer Reihe hängen. Alle zum Thema BepiColombo. Hier, hier, dann hier, hier und noch hier.

(Wegtaumel)

Das war es dann doch, einfach viel zu viel zum Durchforsten. Schaut es Euch selber an, gibt einen prima Eindruck was gerade so passiert in der Branche.

Moment – es gibt natürlich noch das noble, gute, alte Brown/Vernadsky Microsymposium (auch schon Nummer 60) am Wochenende zum Aufwärmen. Thema: Forward to the Moon to Stay: Undertaking Transformative Lunar Science with Commercial Partners. Da mehr zu wenn ich auf dem Platz. Falls ich nach einer etwas längeren Anreise von einem vorhergehenden BepiColombo-Treffen in Tokio (dazu auch mehr wenn es soweit ist) noch in der Lage bin. Das Eisbrecher-Banquet werde ich mir bei den Tagungsgebühren nicht entgehen lassen (Tupperboxen?)

Fazit inhaltlich: Der Fokus ist zwar eindeutig auf Mond und vor allem Mars, aber dank der beiden Sample-Return Missionen erhält die ‘klassische’ Meteoritenforschung wohl neuen Schub (hoffe ich mal). Aber insgesamt macht die Branche einen quietschlebendigen Eindruck, da besteht viel Hoffnung für die Zukunft.

Andreas Morlok

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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