Ein Trip nach Chile

Da bei BepiColombo alles wie geschmiert läuft, noch ein Bericht über meinen Jahresendtrip auf die Südhalbkugel, nach Chile. Mein zweiter Trip nach Südamerika, der erste war vor 14 Jahren als kleiner PostDoc für eine Woche Konferenz in und um Rio de Janeiro.

Wieso Chile? Die ursprüngliche Idee war ein Trip zum Meteoritensammeln in die Atacama, eine Tagung/Workshop und dann noch Kollaboration mit Kollegen in Santiago de Chile. Der Abstecher in die Atacama fand dann leider nicht statt (wird aber nächstes Jahr nachgeholt), ein Notfall in der Familie der Organisatorin.

Der Rest der Tour war  durchaus erfolgreich. Wieso also nochmal Chile? Da hat sich in den planetaren Wissenschaften einiges getan. Eigentlich generell in Südamerika, aber Chile scheint sich da gerade als Zentrum in der Region heraus zu kristallisieren. Ein Grund sind natürlich auch die Observatorien der Südsternwarte.

Aber eben auch die planetaren Wissenschaften im engeren Sinne blühen auf. Gründe gibt es mehrere, zum einen wird ganz einfach mehr Geld zur Verfügung gestellt. Die Geowissenschaften an sich sind natürlich traditionell in einem rohstoffreichen Land (gerade Kupfer und Lithium) sehr stark, was eine gute wissenschaftliche und akademische Basis liefert. Zusammen mit einem generell großen Interesse an Astronomie (gerade wegen der Südsternwarte) schon mal ein guter Ausgangspunkt. Der Workshop vor und die Session auf der geologischen Jahrestagung für Chile (mit reger Teilnahme aus den Nachbarländern) im etwas südlicheren Concepcion am Anfang meines Trips zeigten ein starkes Interesse an der Thematik. Und die wissenschaftliche Aktivität im Lande ist voll auf konkurrenzfähigem Niveau. Außerdem hätte ich gerne den Campus der Uni Conception,  der ist wirklich schön und sehr großzügig angelegt.

Credit: Autor Campus der Universidad Concepcion.

Hinzu kommt dann, dass sich die Atacama als prima Gebiet für die Meteoritensuche erwiesen hat. Ein Vorteil, wenn eine Meteoritensammlung aufgebaut werden soll. Und eine solche ist sehr praktisch, um gerade Forschung im Gebiet in Gang zu bringen. Man hat Material für eigenständige Forschung zur Hand, außerdem kann man mit anderen Sammlungen einfacher tauschen und so den Bestand beständig ausbauen. Außerdem sind generell schnell Kollegen an Proben interessiert, da ergeben sich schnell Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Publikationen. So eine Meteoritensammlung ist also eine Art akademischer Multiplikator. Und in der Atacama wurde schon einiges gefunden.

Allerdings enden nicht alle Meteorite in der Forschung, viele werden eingesammelt ohne den lokalen Wissenschaftlern auch nur die Möglichkeit zu geben, zumindest einen Teil für wissenschaftliche Zwecke zu bekommen (was eigentlich das Standardverfahren ist). Meine Kollegin Millarca Valenzeula, die die chilenische Meteoritenforschung (und Sammlung) zielstrebig seit über 15 Jahren vorantreibt, arbeitet sehr aktiv daran, die Situation zu verbessern. Und deshalb, wenn jemand ganz generell einen Meteoriten findet, bitte nicht das Teil gleich auf Ebay verkloppen, sondern geht bitte erst mal in das/die nächstgelegene Institut/Museum/Sammlung für Planetologie, Mineralogie oder Geologie.

Und Chile hat noch einiges mehr zu bieten – neben einer mit spektakulär nur unzureichend beschriebenen Geologie: mindestens einen (möglicherweise gar zwei Meteoritenkrater). Die Atacama selber ist für planetare Geologen sehr interessant für Analogstudien, wenn man z.B. Geländestrukturen auf dem Mars mit solchen auf der Erde verglichen will. Passenderweise hat gerade in Atacama an der dortigen Uni (ja, gibt es in der Tat) eine Arbeitsgruppe für Planetologie aufgemacht.

Credit: Autor Santiago de Chile im Smog, vom städtischen Hausberg Cerro San Cristobal

Den größeren Teil der Reise verbrachte ich dann vor allem in und um Santiago de Chile. Da ging es um eine weitere Kollaboration – die Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe an der Universidad Diego Portales. Diese Privatuni hat kürzlich ein Institut für Astronomie gegründet. Eine Arbeitsgruppe um den Prof. Lukas Cieza arbeitet an ganz jungen Sonnensystemen. Und zwar unter Verwendung der großen Observatorien der Südsternwarte und ALMA. Was ist mein Beitrag zu dem Ganzen? In einem Teil meiner früheren wissenschaftlichen Arbeit ging es um die Infrarotspektroskopie von jungen Sonnensystemen. Also in der Phase, in der ein nur wenige Millionen Jahre alter Stern noch von einer Gas- und Staubscheibe umgeben ist, in der sich die ersten Planetesimale bilden. Mittels der Spektroskopie ist es möglich, die Struktur und Zusammensetzung des feinkörnigen Materials zu bestimmen. Es wird (in meinem Falle) also die mineralogische oder petrologische Zusammensetzung dieser jungen Sonnensysteme bestimmt. Und das lässt sich dann schön mit dem Wissen über unser Sonnensystem in dieser Phase abgleichen – also der Untersuchung von Meteoriten und ähnlich gelagerten Proben. In diese zukunftsträchtige Richtung wird also in Chile verstärkt geforscht werden. Ein neues Labor wurde also an der UDP eingerichtet, und ich wurde eingeladen, um bei meinem Besuch mit den Kollegen und Kolleginnen Cecilia, Roberto und Anji die Laborprozeduren abzugleichen.

Credit: Autor Roberto, Cecillia und Anji im neuen Labor and der Universidad Diego Portales.

Santiago selber hat auch viel zu bieten, es ist ein große Metropole (über 7 Millionen Einwohner), mit einem sehr spektakulären Blick auf die Anden. Und diese sind recht schnell zu erreichen, innerhalb von nicht mal 2 Stunden (Stau in Santiago inklusive) ist man im Hochgebirge (Danke auch noch an die Daniel & Samanta für den Trip), nur ein paar Kilometer von der argentinischen Grenze entfernt. Ein Paradies gerade für Geowissenschaftler, Plattentektonik von ihrer schönsten Seite. Und Erdbeben gibt es folglich auch regelmäßig, gleich zwei um Stärke 5 (für die Chilenen nicht weiter der Rede wert). Und natürlich den Wein sollte man nicht vergessen. Und wer gerne mal in Chile forschen würde, es gibt zurzeit einige Doktorstellen im Angebot.

Credit: Autor Ein Seitental (Valle de Colina), ein paar Kilometer hoch in den Anden. Und es geht noch viel, viel höher. Mit Daniel und Samanta von der Uni de Chile.

 

 

 

 

 

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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  1. Ja, obwohl die Atacama-Wüste denkbar unwirtlich ist, ist sie geradezu ein Geschenk für Chile. Und das in vielerlei Hinsicht:
    1) Die Atacama-Wüste ist einer der trockensten Orte der Erde. Zudem gibt es in ihr hohe Berge. Ideal also für die grössten und besten Teleskope der Welt.
    2) Die Atacama-Wüste liegt nahe beim Äquator und erhält sehr viel Sonne – und das zuverlässig Tag für Tag. Ideal für die Gewinnung von Solarstrom, der dort weniger als 2 Cents pro Kilowattstunde kostet. Wegen den grossen Höhenunterschieden in der Atacama-Wüste könnte man dort sogar Wasserkraftwerke zur Speicherung von Solarstrom bauen.
    3) Die Atacama-Wüste ist quasi ein Reliquienschrank. Sie präserviert Totes und auch Meteorite, die in sie hineingefallen sind auf fast ewige Zeiten, denn es gibt kaum Niederschläge, die alles wieder weg spülen.

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