Wenn es dann doch nicht Bumm gemacht hat. Von Impakten, die wohl doch keine waren.

Impakte, vor allem solche, die große Löcher im Boden hinterlassen, üben eine große Faszination aus (und sind auch das Thema der meistgeklickten Beiträge dieses bescheidenen Blogs). Also mehr zum Thema. Leider kann ich keinen neuen Krater bieten, Tschuldigung. Im Gegenteil, es geht hier um einen Fall, wo sich ein Impakt dann doch nicht als ein solcher herausgestellt hat. So ein ordentlicher Einschlagskrater gibt schon was her, weshalb nach wie vor fleißig nach weiteren gesucht wird. Deren Zahl ist natürlich, Erosions und Tektonik bedingt, letztendlich begrenzt – und neue entstehen, zum Glück was die Großen betrifft, eher selten.

Immer gut für einen potentiellen Krater ist das mysteriöse Tunguska-Ereignis. Ein anderer Fall, der so vor 10 Jahren durch die Medien ging, war die Chiemgau-Impakt Hypothese, die einen recht jungen Krater im Tüttensee in Südbayern postulierte. Aber in der Sache ist es recht ruhig geworden – aber das Thema ist sicherlich mal einen eigenen Eintrag wert (wenn ich nervlich dazu in der Lage bin). Und dann gab es doch das Loch im antarktischen Eis, dessen Entdeckung wie der Beginn von Das Ding aus einer anderen Welt (die 1951er-Version) anmutete. Diese kreisförmige, etwa zwei Kilometer durchmessende Ringstruktur wurde 2014 von einer Gruppe des Alfred-Wegener-Institutes (die haben auch einen schönen Blog) zufällig beim Überflug im King Baudouin Schelfeis gesichtet. Leider stellte es sich dann als eine Eisdoline heraus, eine Struktur ähnlich einer Gletschermühle, die durch Schmelzwasser entsteht.

Auf der anderen Seite der Erdkugel, in der Wüste Atacama in Chile, gab es einen anderen Kandidaten. Eine gute Bekannte und Kollegin von mir, Dr. Valenzuela von der Uni in Santiago, ist seit einigen Jahren dabei, die analytische Planetologie in Chile zu etablieren. Dazu gehören thematisch auch die Impaktkrater –  davon gibt es in Chile zumindest einen, den Monturaqui-Krater. Und da gab es plötzlich noch einen Kandidaten. Ein Abstrakt über das Ganze hier. Gefunden wurde zunächst ein dunkelgrünes, mit Bläschen durchsetztes Glas – bei Impakten wird sehr viel Hitze freigesetzt, und dabei entstandene Schmelzgläser sind ein gutes Kennzeichen für einen Impakt. In diesem Fall grünliches Glas, das in der nördlichen Atacama in bis zu 25 cm dicken Schichten gefunden wurde, verteilt über ein Gebiet von 65 Km Ausdehnung. Datierungen ergaben ein Alter von knapp 12000 Jahren. Das hörte sich dann schon recht gut an, war aber nicht genug.

Also wurden weitere Untersuchungen gemacht, und Dr.Valenzuela holte sich Verstärkung, vor allem aus Frankreich. Ergebnis war das Paper Surface vitrification caused by natural fires in Late Pleistocene wetlands of the Atacama Desert in Earth and Planetary Science Letters (ein ähnlich gelagerter, allgemein zugänglicher Abstrakt hier). Was also kam bei der Studie heraus ? Zum einen ergab eine ausführlichere Datierung, dass sich das Glas bei zwei Jahrhunderte auseinender liegenden Ereignissen gebildet hat. Das alleine ist schon ein Zeichen gegen einen Impakt – zwei Impakte in der gleichen Ecke, eher unwahrscheinlich. Vulkanismus konnte aus geologischen Gründen von vorneherein ausgeschlossen werden, ebenso Industrieschlacke (die gerne überall herumliegt, aber nicht in solchen Mengen). Ebenso Fulgurite, die bei Blitzeinschlägen entstehen und tiefer in den Boden reichen als das Glas in Frage. Die magnetischen Eigenschaften – sowohl Intensität wie auch Ausrichtung – ergaben dann auch noch zwei verschiedene, räumlich getrennte Felder an Glas. Alles deutet also weg von einem Impakt – in diesem Falle wäre es ohnehin en Airburst gewesen, da eben auch kein Krater oder eine Impaktstruktur in der Region vorhanden ist.

Wo also kommen die Gläser dann her? die Ursache ist wohl Pyrometamorphismus. Also Gestein oder Minerale, die durch Feuer verändert oder erzeugt werden. Die Autoren sehen Brände in Böden mit hohem Gehalt an organischem Material als wahrscheinlichste Ursache an – die Atacama war zur Entstehungszeit deutlich feuchter als heutzutage, also konnte da in den dortigen Feuchtgebieten einiges wachsen und dann vermodern.

Natürlich wäre ein richtiger Einschlag interessanter gewesen, aber es ist schön, dass eben auch ‘negative’ Ergebnisse veröffentlicht werden, das gehört eben auch zur Wissenschaft. Auch ein Beweis, dass das Wissenschaftssystem eben am Ende doch recht gut funktioniert. Außerdem könnten die Ergebnisse bedeuten, das auch einige andere Gläser mit unsicherer Herkunft vielleicht gar nicht Impakt bedingt sind – wie die Dakhleh Gläser aus Ägypten oder Gläser aus der Argentinischen Pampa.

 

 

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Lars,
      Bei den Tektiten aus der Region scheint die aerodynamische Form in der Regel auf eine Flugbahn in der Atmosphäre hinzudeuten. Ob das aber bei allen die Regel ist, müßte ich mal nachschauen – sind ja einige Gruppen. Aber ich denke mal, alleine das Ausmaß des Feldes deutet insgesamt auf einen Impakt hin, was aber nicht aussschließt, das vielleicht ein paar ‘Ausreisser’ darunter sind – wenn ich es mir so überlege, sollten solche pyrometamorphen Gläser eigentlich recht häufig sein, vielleicht werden sie auch of unter Schlacke falsch eingeordnet.
      Was Pyrometamorphose betrifft, den Begriff habe ich während des ganzen Mineralogiestudiums vielleicht einmal gehört, in der Einführung im Grundstudium.

  1. Warum fällt eigentlich allen Fachleuten bei “negativen Ergebnissen” immer ein derart gewaltiger “Stein vom Herzen”, dass man die Auswirkungen des von diesem verursachten Impacts im Institutsboden fast noch auf meinem Bildschirm erkennen kann?
    Ich dachte immer, Wissenschaftler forschen ohne Vorurteile und Ergebnisoffen.

    • Solche Ergebnisse hat man eigentlich regelmäßig – das Problem ist die Veröffentlichung. Die Journals sind halt eher an positiven Ergebnissen interessiert, da ein Paper durch zu bekommen ist im Vergleich schwieriger.

  2. Sehr geehrter Herr Morlok,

    wir schreiben nicht als Anonymus, sondern unterschreiben mit unseren vollen Namen. Wir hatten bisher Ihr Blog als Partner von immerhin ZEIT Online als wissenschaftlich seriös eingestuft. Ihr Bezug auf den Chiemgau-Impakt scheint sich aber offenbar auf einen vagen Kenntnisstand von vor 10 Jahren zu beziehen. Dass es um den Chiemgau-Impakt (mit einem grob 60 km x 30 km großen Kraterstreufeld und mittlerweile rund 100 Einzelkratern), den Sie fälschlich allein mit einem recht jungen Krater im Tüttensee in Verbindung bringen, recht ruhig geworden ist, hat einen sehr einfachen Grund. Die Hypothese ist mittlerweile sehr fundiert mit einer großen Zahl von wissenschaftlichen Beiträgen in renommierten Zeitschriften und auf renommierten Tagungen (Lunar and Planetary Science Conference, American Geophysical Union, Meteoritical Society Meeting, International Geologic Congress u.a.), und in Zusammenarbeit mit international renommierten Wissenschaftlern als sehr real eingestuft worden, zumal im Streufeld sämtliche von der wissenschaftlichen “community” geforderten Impakt-Belege beigebracht wurden. Gründlicher Recherche sind diese Beiträge ohne weiteres zugänglich. Die abfällige Überschrift und der Satz der Abwertung „… nervlich dazu in der Lage …“ sind eigentlich nur mit einem sehr oberflächlichen Kenntnisstand zu erklären, der auf unseriösen Quellen wie Wikipedia oder einschlägigen Blogs selbsternannter Experten zur Impaktforschung beruhen muss. Die Lektüre unserer erwähnten wissenschaftlichen Publikationen stellt für einen seriösen Wissenschaftsjournalisten gewiss keine nervliche Belastung dar, sondern könnte ihn zu einem gehaltvollen Beitrag über faszinierende neue Forschungsergebnisse inspirieren.

    Barbara Rappenglück M.A. Dr. Michael A. Rappenglück M.A. Prof. Dr. Kord Ernstson

    • Propaganda of Silence
      Eine auf telepolis besprochene Arbeit zur manipulativen DidaktiK von Wissenschaft könnte auch für diese Diskussion hier relevant sein. Die im telepolis Artikel besprochene Arbeit betrifft zwar die “Wissenschaft” der Ökonomie, doch könnte man eventuell auchParallellen zum naturwissenschaftlichen Bereich ziehen:

      Zitat aus:
      https://www.heise.de/tp/features/Markt-und-Eigeninteresse-positiv-Kommunismus-und-Regierung-negativ-3795004.html :

      “…….Ein beliebter Manipulationstrick ist das Weglassen. Kognitionswissenschaftler wissen: Was nicht gesagt wird, wird auch nicht gedacht. “Denn wo die Worte fehlen, da können auch die Gedanken nicht etabliert werden oder langfristig bestehen. Die Schaltkreise in unseren Gehirnen werden nicht angeworfen, sie verkümmern!”, zitiert Graupe Elisabeth Wehling. Lehrbücher wie von Mankiw und Samuelson/Nordhaus verhinderten gezielt die “plurale Aktivierung und Stärkung unterschiedlicher Frames”. Sie machten das, was man in der Beeinflussungsforschung “Propaganda of Silence” nenne. Einseitigkeit wird gefördert und Alternativen ausgeblendet.

      Die Konsequenzen sind fatal: “Der Großteil der zu erlernenden (vermeintlich wissenschaftlichen) Erkenntnisleistung rutscht gleichsam ins Unbewusste ab:” Studierende würden nicht mehr befähigt, eigenständig reflektierte Entscheidungen zu fällen, sondern sie würden indoktriniert, ihnen würden “unkritisch tiefsitzende Glaubenssätze, Weltanschauungen und Werte” vermittelt.

      In der Werbung wüssten die Konsumenten immerhin prinzipiell, dass sie beeinflusst werden sollen – auch wenn nicht alle genau wissen, wie das im Einzelnen funktioniert. In den Lehrbüchern wird die Beeinflussung verschweigen, es handele sich daher klar um Manipulation im Sinne von verdeckter Einflussnahme, “die gezielt Schwächen der Rezipient_innen, insbesondere im Hinblick auf die Fähigkeit zur kritischen Reflexion” ausnützt…………… (Zitatende)

      Quelle:

      https://www.heise.de/tp/features/Markt-und-Eigeninteresse-positiv-Kommunismus-und-Regierung-negativ-3795004.html

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +