Radikale Abstraktion: Die Linguistik wendet sich ab “von Welt und Sprechern”

Das Erbe von Rhetorik, Grammatik und Dialektik aus Antike und Mittelalter wurde im 19. Jahrhundert weitergeführt und zu den Prinzipien der reinen Sprachlichkeit, der Regelorientierung und der rationalistischen Idealisierung in der Sprachbetrachtung verdichtet. Im 20. Jahrhundert – in diesem Jahrhundert, das nicht nur eines der Kriege war, sondern auch der Ideologien und der unverbrüchlichen Fortschrittsgläubigkeit – gingen in der Linguistik radikale Positionen daraus hervor, die für lange Zeit den Blick auf ein alternatives Bild der Sprache versperren sollten.

Dass die Sprache ein in sich geschlossenes System darstellt, dass also die Sprache „abseits von Welt und Sprecher“[i] zu untersuchen ist, wurde mit dem Strukturalismus im 20. Jahrhundert zur herrschenden Auffassung in der Linguistik. Begründet wurde der Strukturalismus von dem Indogermanisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) mit einem Buch, das er nicht selbst verfasst hatte und in dem das Wort „Struktur“ an keiner Stelle zu finden ist. Der „Cours de linguistique générale“[ii] (1916) war nach dem frühen Tod Saussures von zwei jüngeren Kollegen herausgegeben worden, im Wesentlichen auf der Grundlage von Vorlesungsmitschriften einiger Studenten.[iii] Saussure selbst hat von diesem wohl einflussreichsten Buch in der Geschichte der modernen Linguistik keine einzige Zeile selbst geschrieben. Für die Aufnahme dieses Werks in der Sprachwissenschaft spielt seine kuriose Entstehungsgeschichte allerdings keine Rolle.[iv]

Saussure oder besser gesagt: der „Cours“ differenziert Sprache zunächst in die sprachlichen Erscheinungsformen, die parole – meist als „Sprechen“ übersetzt – und die Sprache in einem idealisierten Sinne, die langue. Die langue ist reine Form, in der jedes Element, etwa ein Wort, seine Bedeutung und Funktion nur in seinem Verhältnis zu anderen Wörtern erhält. Die zwei zentralen Relationen dabei sind die syntagmatische (im „Cours“ ursprünglich „assoziative“) und die paradigmatische Relation. Die syntagmatische Relation beschreibt ein sprachliches Element in einer Kette anderer Elemente, etwa ein Wort inmitten der anderen Wörter in einem Satz. Die paradigmatische Relation nimmt das Verhältnis eines Elements zu anderen Elementen in den Blick, die an seiner Stelle in der Kette stehen könnten, dort aber nicht realisiert wurden. In dem Satz „Antje betrachtet das Bild“ befindet sich das Verb „betrachtet“ also in syntagmatischer Relation zu „Antje“ und „das Bild“, in paradigmatischer Relation aber zu anderen Verben, die in diesem Satz an genau dieser Stelle erscheinen könnten: „beschreibt“, „bewundert“, „kauft“ und viele andere. Wenn man sich vorstellt, dass jedes Wort, jeder Wortbestandteil und jede Wortgruppe in dieser Weise beschrieben werden in einem Meer abstrakter Bezüge, dann erwächst daraus die Sprache im Sinne der langue als ein hochabstraktes System von mehreren Schichten vielfältig miteinander verknüpfter sprachlicher Zeichen.

Mit diesen wenigen Gedanken wird im „Cours“ ein Bild von Sprache entworfen, das sich für die sprachwissenschaftliche Forschung als überaus fruchtbar erweisen sollte. Es ermöglichte zum Beispiel sich von der seit dem 19. Jahrhundert vorherrschenden historischen Sprachbetrachtung zu lösen und sich auf ihre Systemeigenschaften zu einem bestimmten Zeitpunkt zu konzentrieren. Um das System der langue zu verstehen, muss man nämlich nicht seine Entstehung kennen. Vielmehr kann man Sprachforschung so ähnlich wie Mathematik betreiben, die ja auch als ein abstraktes System von Zahlen verstanden werden kann, zu dessen Erklärung man nicht wissen muss, wofür die Zahlen verwendet werden oder wie sie entstanden sind. Passend dazu beschreibt Saussure das sprachliche Zeichen als eine Einheit von Ausdruck (Form) und Inhalt, ohne dabei die Verwendung zu berücksichtigen – nicht anders würde man auch Zahlen beschreiben können.

Das Bild, das der Strukturalismus von der Sprache zeichnete, eröffnete also einen anderen, einen neuen wissenschaftlichen Zugang. Dieser neue Zugang sah nicht nur von der Geschichtlichkeit der Sprache ab, sondern auch von ihrer Verwendung, ob nun in einer realen Kommunikationssituation oder im Sinne ihrer Ausprägung in bestimmten Medien. Die Wissenschaft von der Sprache wurde dadurch zu einer Art Mathematik sprachlicher Zeichen, die ohne Blick auf die sprachliche Realität betrieben werden kann. Für die mit Saussures „Cours“ einsetzende Entwicklung der modernen Linguistik kam dies einem Konjunkturprogramm gleich, wie die immer differenziertere Ausarbeitung der strukturalistischen Grundgedanken in den folgenden Jahrzehnten zeigte.[v] Dabei kann angenommen werden, dass auch die ganz praktischen methodischen Probleme, die sich aus einer nicht-historischen Sprachforschung ergeben, eine wichtige Rolle gespielt haben. Wie soll man die Sprachverwendung untersuchen, wenn man kein Tonbandgerät oder keine Video-Aufzeichnung zur Verfügung hat? Wie Gesetzmäßigkeiten in großen Textbeständen auffinden, ohne dafür einen Computer nutzen zu können? Der Strukturalismus kann deshalb auch als Antwort auf die Frage verstanden werden, wie Sprache ohne das zur Beobachtung realen Sprachverhaltens notwendige Instrumentarium erforscht werden kann: nämlich als eine abstrakte Strukturwissenschaft.

Saussures „Cours“ verstärkte die Tendenz zur reinen Sprachlichkeit, die in der Geschichte der Sprachwissenschaft seit der Antike angelegt war. Im Strukturalismus war dies allerdings nicht mehr nur eine Folge überlieferter Betrachtungsweisen, sondern wurde zu einem wissenschaftlichen Grundprinzip. Die Abkehr der Linguistik von der Welt – von der Geschichte und dem Gebrauch von Sprache, von den Sprechern – wurde zum Höhepunkt der reinen Sprachlichkeit, die ausschließliche Betrachtung der Sprache als ein abstraktes System bei Ausblendung aller Modalitäten, in denen sich die Sprachverwendung vollzieht: gesprochen, geschrieben, in Kombination mit anderen Zeichensystem, als Ergebnis menschlicher Interaktion. So wurde das in so vielem radikale 20. Jahrhundert auch in der Sprachwissenschaft durch eine Sprachauffassung geprägt, die auf die radikale Fokussierung und Überhöhung der einen abstrakten sprachlichen Modalität setzt: die radikale Monomodalität.

Anmerkungen:

[i] So der Titel eines Aufsatzes zur modernen Linguistik von Tibor Kiss, vgl. Kiss, Tibor (2006). Abseits von Welt und Sprache – die moderne Linguistik. In Die Sieben Freien Künste in Antike und Gegenwart. Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium. Band 72, Reinhold Glei (Hg.), 193–215. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag.

[ii] Die die Rezeption im deutschsprachigen Raum bestimmende Ausgabe ist Saussure (1931), eine neue – und genauere – Übersetzung bietet Peter Wunderli mit Saussure (2013). – Saussure, Ferdinand de (1931). Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Herausgegeben von Charles Bally und Albert Sechehaye unter Mitwirkung von Albert Riedlinger, übersetzt von Herman Lommel. Berlin: Walter de Gruyter, 2. Auflage 1967; Wunderli, Peter (Hrsg.); Saussure, Ferdinand de (2013). Cours de linguistique générale. Zweisprachige Ausgabe französisch-deutsch mit Einleitung, Anmerkungen und Kommentar. Tübingen: Narr.

[iii] Vgl. dazu Wunderli, Peter (2013b). Der CLG und seine Quellen. In Cours de linguistique générale. Zweisprachige Ausgabe französisch-deutsch mit Einleitung, Anmerkungen und Kommentar, Peter Wunderli (Hg.), 26–37. Tübingen: Narr, eine kurze Biografie Ferdinand des Saussures enthält Wunderli, Peter (2013a). Biographische Skizze. In Cours de linguistique générale. Zweisprachige Ausgabe französisch-deutsch mit Einleitung, Anmerkungen und Kommentar, Peter Wunderli (Hg.), 11–26. Tübingen: Narr.

[iv] Vgl. Wunderli, Peter (2013c). Zur Rezeption des CLG. In Cours de linguistique générale. Zweisprachige Ausgabe französisch-deutsch mit Einleitung, Anmerkungen und Kommentar, Peter Wunderli (Hg.), 37–42. Tübingen: Narr.

[v] Zur Entwicklung der modernen Linguistik seit Saussure vgl. Helbig, Gerhard (1989). Geschichte der neueren Sprachwissenschaft. WV-Studium. Band 48. Opladen: Westdt. Verl., 8. Aufl., 1. Auflage 1971.

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Henning Lobin ist seit 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim und des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungiert.e Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014).

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Opi W hat sich’s jetzt mehrfach durchgelesen, womöglich geht es um die sinnhafte Trennung von Syntax und Semantik (die gerne etymologisch bearbeitet werden darf, abär auch Moden zu berücksichtigen hat) und Darstellung (schließt u.a. auch die Rhetorik ein, meint aber generell die Verlautbarung und Publikation, woll?!

    Dieses “Denken in Schichten” ist substanziell für den sprachlichen Austausch wie auch für die Bearbeitung von Daten und Inhalt (“Information”) durch Systeme der Informationstechnologie.

    Selbstverständlich kann jede Sprache, frei von Bedeutung, erst einmal formalisiert werden, als Regelmenge im Sinne einer Formalwissenschaft.

    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

  2. der Strukturalismus – so mein Eindruck – will Sprachelemente immer im Bezug zu anderen Sprachelementen und zum Ganzen sehen. Es scheint, dass dieser Ansatz kaum Einzug in die Computerlinguistik genommen hat. Die Computerlinguistik scheint vielmehr mit dem bereits von den Programmiersprachen her bekannten Parsing von Texten begonnen zu haben. Das ist ein viel pragmatischerer Ansatz, weil er nämlich auf bekannten Algorithmen aufsetzt und diese für den Einsatz in der Analyse von natürlichen Sprachen anpassen will.

    • Vgl. :

      Vielmehr kann man Sprachforschung so ähnlich wie Mathematik betreiben, die ja auch als ein abstraktes System von Zahlen verstanden werden kann, zu dessen Erklärung man nicht wissen muss, wofür die Zahlen verwendet werden oder wie sie entstanden sind. [Artikeltext]

      Selbstverständlich muss der oder das “Parsende” genau so wie zitiert vorgehen, strukturalistisch sozusagen.
      Was nicht leicht fällt, wegen der Mehrdeutigkeiten, die dann nur mit Hilfe der Semantik aufgelöst werden könnten, aber auch dies hat unsicher zu bleiben.
      Genau deshalb klingen bspw. Chat-Bots oder auch der IBM Watson so hohl,

      Einen Gegensatz (vgl. mit ‘viel pragmatischerer Ansatz’) sieht der Schreiber dieser Zeilen nicht,
      MFG
      Dr. Webbaer

      • Ja, man muss bei der maschinellen Sprachverarbeitung so vorgehen, man sollte allerdings nicht so tun, als ob sich die Sprache in einem leeren Raum befinden würde, in dem es nichts anderes gibt. Davon hat sich die Sprachtechnologie mittlerweile gelöst, da sie gezwungen ist, die Abhängigkeiten, die sich aus dem Text- und Dokumentzusammenhang sowie dem Kommunikationsverlauf und den aktiven Wissensbeständen ergeben, zu berücksichtigen, wenn es man vernünftige Ergebnisse bei der Verarbeitung erzielen will.

    • Der Strukturalismus hat seinem ganzen Inventar von Methoden geführt, die auch in der Computerlinguistik Anwendung fanden und finden. Chomskys Grammatiktheorie wäre ohne Saussure nicht möglich gewesen. Insofern sehe ich hier keinen Gegensatz, da die strukturalistische Sprachauffassung auch die der Computerlinguistik wurde. Allerdings ist die Computerlinguistik bzw. Sprachtechnologie tatsächlich pragmatisch ausgerichtet und versucht Unzulänglichkeiten der Verarbeitung so in den Griff zu bekommen, dass Theoriegrenzen überschritten werden. Übrigens geht das Parsing von Programmiersprachen (kontextfreien Sprachen) auf die frühen Arbeiten (vor allem 1955 und 1956) von Noam Chomsky zurück, der diese als Linguist in der Auseinandersetzung mit der natürlichen Sprache entwickelt hatte. Insofern gibt es in der Frühzeit des Compilerbaus (als Subdisziplin der Informatik) einen Transfer aus der Linguistik, nicht umgekehrt.

      • Übrigens geht das Parsing von Programmiersprachen (kontextfreien Sprachen) auf die frühen Arbeiten (vor allem 1955 und 1956) von Noam Chomsky zurück, der diese als Linguist in der Auseinandersetzung mit der natürlichen Sprache entwickelt hatte.

        Hier wären einige, insbesondere Dr. W vorsichtig, vgl. bspw. hiermit :
        -> https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_programming_languages

        Ansonsten darf natürlich gerne gegenteilig belegend beigebracht werden.

        Ansonsten könnte bis müsste hier auch gegenseitige Befruchtung stattgefunden haben, wobei an dieser Stelle Noam Chomsky auch gerne zu Hause bleiben bzw. am Rande erwähnt werden darf.

        MFG
        Dr. Webbaer

          • @ Chrys :

            Opi W hier gerne anders oder konkreter beigeholfen werden.
            Chomsky wird hier in seiner Wirkmächtigkeit falsch eingeschätzt, oder?

            MFG
            Dr. Webbaer (der insofern auf Direkt-Verweise hofft, nicht vermehrt Klickie machen will)

          • @Dr. Webbaer / 7. November 2016 @ 18:10

            Auf der zuvor verlinkten Seite zum CL Buch ist ein clickbares Inhaltsverzeichnis, von wo aus man mit der Mouse u.a. direkt zum Abschnitt Initial contribution of Chomsky und dort womöglich zu neuen Einsichten gelangen kann. Auch Ferdinand de Saussure ist den Autoren wahrlich kein Unbekannter, wie sich noch leicht herausfinden lässt.

          • @ Chrys :

            Überzeugt hier nicht im Rahmen der hier zitierten Behauptung, Kommentar #1975.

            Aber vermutlich hätten Sie recht, wenn Sie vermuten würden, dass Dr. W in Bezug auf Noam Chomsky schlecht anzusprechen ist.

            MFG
            Dr. Webbaer (der Ihnen für Ihre Mühe dankt)

  3. Wenn man über Strukturalismus in der Linguistik referiert, darf selbstverständlich Roman Jakobson nicht unerwähnt bleiben, der den Strukturalismus besonders auf die Phonetik angewendet und damit zu einem Höhepunkt gebracht hat. Sein Forschungsgebiet war der Sprachvergleich von Kindern und Aphasikern.

    Bezüglich der Computerlinguistik ist das Anwendungsgebiet der Genetik in der Bioinformatik zu betonen. Die Erfolge in der Genetik und auch der davon betroffenen Medizin wären ohne die Algorithmen der Textverarbeitung wie auch der Suchmaschinen nicht möglich. Maschinelle Spracherkennung und maschinelle Übersetzungen sind nur weitere Beispiele.

    Der theoretische Strukturalismus in der Linguistik hat somit weitreichende Auswirkungen auf die praktische Wissenschaft, auf die modernen Technologien der Kommunikation und Informationsverarbeitung und weiter auf das individuelle Leben. Der Strukturalismus beschränkt sich auf die Syntax der Sprache, also auf die regelgeleitete Anordnung der Sprachelemente. Davon zu trennen ist die Bedeutung oder Semantik von Begriffen und schließlich der Sinn von Sätzen. Man sieht es daran, dass man als Ergebnis von Suchen im Computer auch Ergebnisse angezeigt bekommt, die mit der Bedeutung des gesuchten Begriffes nichts zu tun haben. So weit reicht die Intelligenz des Computers noch nicht, obwohl natürlich auch daran geforscht wird, besonders auf dem Gebiet maschineller Übersetzungen.

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