Wissenschaftsratspapier „Strategien für die Lehre“: Alter Wein in neuen Strukturen oder großer Wurf?

Der Wissenschaftsrat plant, nach seiner Frühjahrssitzung ein bereits seit längerer Zeit diskutiertes Positionspapier „Strategien für die Lehre“ zu veröffentlichen. Einer der Autoren dieses Papiers ist dessen ehemaliger Vorsitzender Manfred Prenzel. Er äußerte sich dazu in einem Interview mit der ZEIT. Darin heißt es, mit dem Qualitätspakt Lehre seien zwar ein paar „schöne Pflänzchen gewachsen“, „aber einen großen Effekt in der Fläche gibt es nicht“. Prenzel fordert, sich nicht auf die Qualität der Lehrveranstaltung zu fixieren, sondern die Lehre und das Studium insgesamt in den Blick zu nehmen, u.a. mit Curricula, Prüfungsgestaltung und Studienbegleitung. Und dies müsse honoriert werden. Dies ist auch meiner Ansicht nach alles richtig – aber nicht unbedingt neu.

Idee für eine Deutsche Lehr-Gemeinschaft ist keine schlechte, aber genügt dies? 

Auch der wieder aufgenommene Vorschlag für eine Deutsche Lehr-Gemeinschaft analog der DFG ist keine schlechte Idee – wenn die hierfür auch in Deutschland vorhandenen Kompetenzen genutzt werden. Daher darf man gespannt sein auf das Papier, und ich frage mich nach dem Interview bereits: Ist dies alter Wein in neuen  Strukturen – oder ein großer Wurf?
Es ist ja keineswegs so, dass es hierzu keine Erfahrungen und Analysen gäbe, die man dafür nutzen könnte. (Auch wenn nach wie vor einzelne Professoren in relativ empirieresistenter Weise behaupten, gute Lehre könne man prinzipiell nicht erfassen und daher könne es auch keine angemessenen Anreize hierfür geben.) Es ist allerdings durchaus so, dass die vorhandenen Erfahrungen und Analysen bisher nur vergleichsweise wenig genutzt wurden. Dies liegt sicherlich auch an von Prenzel beschriebenen Gründen wie dem Reputationsgefälle zwischen Forschung und Lehre. Aber es liegt vermutlich ebenso an einer bisher teilweise mangelnden Aufbereitung von Ergebnissen der vorhandenen Hochschulforschung und der Wissenschaftsforschung für breitere Nutzerkreise. Daher dürfte eine für mich noch spannendere Frage als die Idee für eine Deutsche Lehr-Gemeinschaft sein, ob im dem Wissenschaftsrat-Positionspapier „Strategien für die Lehre“ eine solche Aufbereitung stattfindet oder zumindest angesprochen wird. Denn die praktischen Probleme im Alltag der Lehrverantwortlichen wie Studiengangsleitern, Fachstudienberatern u.ä. bzw. auch des mit der Lehre befassten Hochschul- und Wissenschaftsmanagements insgesamt sind etwas anders gelagert (als die in Forschungsprojekten). Und die die Qualität der Lehre sichern sollenden (und insbesondere unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern oft auch wollenden) Personen haben oft nicht die Zeit, auch nur ausgewählte Artikel der Hochschulforschung und Wissenschaftsforschung oder Gute-Praxis-Berichte im Original zu lesen und sich damit intensiver für die Umsetzung in ihrer Praxis auseinanderzusetzen, zumal Artikel teilweise auch relativ hohe Verständnishürden aufweisen.

Es gibt für einen solchen Transfer in den Hochschulalltag etliche geeignete Projekte, aber der Transfer ist schwer 

Es gibt aber m.E. für einen solchen Transfer in den Hochschulalltag etliche geeignete Projekte, weshalb ich hier zumindest auf einige Wenige hinweisen möchte. So befasst sich ein Team um den Leiter des ZHB der Uni Dortmund seit längerem mit den Effekten von Anreizsystemen in der Lehre, was für deren (Weiter-)Entwicklung sicher hilfreich wäre (siehe z.B. Artikel Teaching matters, too. Different ways of governing a disregarded Institution). Darüber hinaus gibt es am INCHER der Uni Kassel ein aktuelles Forschungsprojekt zu diesem Themenbereich, dies befasst sich mit den Wirkungen der Qualitätssicherung von Studium und Lehre durch Akkreditierungs- und Evaluationsverfahren. Und vor einigen Jahren befasste sich ein Projekt am Institut für Hochschulforschung an der Uni Halle-Wittenberg mit der Frage, wie man die Leistungen von Hochschulen und Studiengängen in der Lehre erfassen kann und daraus folgend Leistungsanreize dafür gestalten kann (Studienqualität und StudienerfolgLeistungsbewertung, Leistungsanreize und die Qualität der Hochschullehre). Dies sind nur einige Beispiele, es extisteren noch viele mehr. Leider gibt es keinen vollständigen Überblick über alle Projekte (oder zumindest die staatlich geförderten), erste lobenswerte Ansätze wie das Portal der BMBF-Förderung zur Wissenschafts- und Hochschulforschung enthalten leider auch nicht alle einschlägigen BMBF-gefördeten Projekte.

Fazit: Was fehlt?

1.) Personen die (Zeit dafür haben), vorhandene Projekte und Forschungen zum Thema systematisch und kontinuierlich zu sichten und (auch über einzelne Förderer hinaus) aufzubereiten, z.B. in Form von (allgemeinverständlichen) Überblicksartikeln,
2.) eine darüber hinausgehende Förderung der regelmäßigen Kommunikation zwischen den im Hochschulalltag für Lehre Verantwortlichen, Hochschul- und Wissenschaftsmanagement, Hochschulforschung und Wissenschaftsforschung, z.B. organisiert über eine weiterentwickelten Form der in anderen Staaten an den Hochschulen vorhandenen Institutional Research-Einrichtungen,
3.) eine politische Prioritätensetzung mit deutlich spürbaren sowohl ideellen als auch materiellen Anreizen für die Lehre, z.B. hochrangige Wissenschaftspreise auch für vorbildliche Studienprogramme und Preise für wissenschaftliche Nachwuchsförderung, sowie finanzielle Mittelverteilung nicht nur überwiegend nach „Stückzahlen“ von Studienanfängern oder Studierenden in der Regelstudienzeit, sondern auch nach erfolgreichen Absolventen.

Längerfristig sollten auch Systeme entwickelt werden, die noch stärker Absolventenstudien als „outcome evaluation“ nutzen und dabei auch die unterschiedlichen (Ausgangs-)Bedingungen der Hochschulen bzw. Studiengänge berücksichtigen.

Diese Liste und auch die Liste erwähnenswerter Beispiele ist sicherlich unvollständig und kann gern z.B. in Kommentaren fortgesetzt werden. Ich wäre auch erfreut über Kommentare zum WR-Positionspapier (veröffentlicht am 2.5.2017).

Veröffentlicht von

Dr. René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium arbeitete er von 1998 bis 2006 im Bereich Lehrevaluation und Absolventenstudien an der Technischen Universität Dresden und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Darüber hinaus beriet er Hochschulen zur Leistungsbewertung und Qualitätssicherung. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsysteme an Hochschulen arbeitete er 2006-2008 am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit (v.a. Darstellung der verfügbaren empirischen Studien zum Thema und quantitative Analysen). Von 2008-2009 war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Berlin das Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen). Von 2013 bis 2015 arbeitete er am FiBS Berlin in Forschungsprojekten zur Hochschul- und Bildungsforschung und der Beratung von Hochschulen und Ministerien. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und koordiniert im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Neben seinen Projekten arbeitet er bereits seit über 15 Jahren als Berater von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Forschung zu Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsystemen an Hochschulen; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Akademische Karrieren; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wichtiger Artikel wie ich finde. Die Lehre an den Unis wird zunehmend stiefmütterlich behandelt. Dies liegt unter anderem daran, dass viele Mitarbeiter auf halben Stellen sitzen und die Lehre neben der Promotion verständlicherweise zu kurz kommt. Es müssen Stellen geschaffen werden, die nachhaltig gute Lehre sichern.

  2. Wo klemmt der Schuh? Das wird in dem obigen Artikel nicht ganz klar. Ich kann nur den Zustand beschreiben, wie er vor 50 Jahren war. Da hielt der Professor selbst seine Vorlesung, da konnte jeder Student mit ihm in Kontakt treten und sich über den Studienverlauf Klarheit verschaffen. Der Professor war weiterhin mit seinen Studien beschäftigt und veröffentlichte seine Ergebnisse in Büchern, die dann selbst als Grundlage für die Vorlesungen genommen wurden.

    • Ein Aspekt ist, dass die Situation nicht mehr so ist wie vor 50 Jahren. Daher genügt es nicht mehr, Lehre wie vor 50 Jahren zu organisieren. Wie sie besser organisiert werden kann, dazu wird derzeit viel immer wieder neu ausprobiert, aber trotz begrüßenswerter Ansätze noch zu wenig systematisch reflektiert. Dies stärker zu tun, und dafür die vorhandenen Ansätze der Forschung über (die Organisation von) Lehre, Hochschulen und Wissenschaft zu nutzen, dafür plädiert der Beitrag.

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  4. Kremkow,
    der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Mit welchen Problemen sich die Verwaltung jetzt herumschlagen muss, da habe ich keinen Einblick mehr. Aber eines ist sicher, je mehr organisiert wird (auch in guter und berechtigter Absicht), desto mehr Zeit wird für die Verwaltung benötigt und fehlt für die Forschung und auch bei der Lehre.
    Das ist meine langjährige Erfahrung.

    • In klassischen Verwaltungsstrukturen habe ich diese Erfahrung auch schon gemacht. Teilweise wurden sogar erst die Arbeitsverträge mit Lehrenden (wiss. Mitarbeitern) im Laufe der Jahre immer kürzer befristet abgeschlossen. Anschließend wurde dann mit der Begründung, dass die Personalabteilung so belastet ist aufgrund der vielen Vertragsabschlüsse, dafür mehr Personalressourcen gefordert. Ein Schelm, der Arges dabei denkt… 😉

      Um die klassische Verwaltung ging es mir in meinem Beitrag aber gerade nicht vorrangig, sondern um diejenigen, die näher an der Lehre sind und diese organisieren (müssen). Dort gibt es weniger das Problem, dass einzelne Lehrveranstaltungen oder Module schlecht durchgeführt werden (obwohl das natürlich auch vorkommt). Vielmehr gibt es häufiger das Problem, dass Lehrveranstaltungen nicht gut (genug) aufeinander abgestimmt sind, bzw. auch mit im Rahmen des „Qualitätspakt Lehre“ geschaffenen studienbegleitenden Maßnahmen. Die systematische Reflektion guter und nicht so guter Erfahrungen damit könnte ein Lernen daraus und Weiterentwicklungen dieser Maßnahmen befördern bzw. teilweise erst ermöglichen. Und dies wiederum könnte eine Menge Zeit und finanzielle Ressourcen sparen. Ich wüsste da so einige konkrete Beispiele an Hochschulen, möchte aber hier kein Hochschul-Bashing betreiben.

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