Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – warum eigentlich?

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Am Sonntag, dem 1. Dezember 2013, ist nicht nur der erste Advent und die demokratisch-parlamentarische Synodalwahl der evangelischen Landeskirche Württemberg – sondern auch (um 9.20 Uhr) ein weiteres Interview bei den Freunden von Radio RBB eins. Diesmal soll es, so wurde mir gesagt, um das Thema “Licht” in den Religionen gehen.

Da traf es sich gut, dass ich just diese Woche beim Entzünden des ersten Chanukka-Lichtes in 2013 auf dem Schlossplatz Stuttgart dabei war – und ein Bild schießen konnte, in dem sich der jüdische Chanukkia-Leuchter mit der Adventsbeleuchtung des Stuttgarter Weihnachtsmarktes verband. Religion und Licht – ein sichtbarer Zusammenhang…

Chanukkia vor Weihnachtsmarkt, Schlossplatz Stuttgart, 27.11.2013
Credit: Michael Blume Chanukkia vor Weihnachtsmarkt, Schlossplatz Stuttgart, 27.11.2013

Die emotionale Macht des Lichtes…

…ist nicht schwer zu verstehen, wenn wir uns erinnern, wie bedrohlich und tief die “unbeleuchtete” Dunkelheit für abertausende Generationen unserer Vorfahren gewesen sein muss! Tatsächlich ist v.a. elektrisches Licht erst heute so allgegenwärtig geworden, dass sich Engagierte wie der geschätzte scienceblogger Christian Reinboth gegen Lichtverschmutzung engagieren.

Die kulturelle Beherrschung des Feuers spendete anfangs jedoch nicht nur Licht und Wärme, sondern nahm auch tiefgreifenden Einfluss auf unsere Evolution: Gekochtes Essen konnte leichter verdaut werden, entsprechend konnten bei Darm, Kiefer & Co. vieles “eingespart” und in ein größeres, energiehungriges Gehirn investiert werden. Ohne Feuerglanz kein Homo sapiens und erst Recht kein Homo religiosus!

Kein Wunder, dass das Feuer schon seit Urzeiten zu einem machtvollen religiösen Symbol heranreifte!

Im Judentum wurde es schließlich zum Symbol des Überlebens, der Befreiung und der Religionsfreiheit. Das Chanukka-Fest erinnert an den erfolglosen Versuch der hellenistischen Seleukiden, die Israeliten im 2. Jahrhundert vor Christus per Zwang zu assimilieren und beispielsweise die Beschneidung von Knaben bei Todesstrafe zu verbieten. Wie heute scheiterten auch damals die Antisemiten und wurden von den Makkabäern gestürzt, wobei – so der Mythos – das ewige Licht im Tempel wundersamerweise nie erlosch. Es brennt auch heute in den Synagogen und vielen christlichen (v.a. katholischen) Kirchen weiter.

Das Christentum verkündete den Juden Jesus als “Licht der Welt” (Johannes 8) und verschmolz schließlich das Geburtsfest mit der Wintersonnenwende (dem jährlich erlebbaren und früher lebens-entscheidenden Sieg des Lichts über die Dunkelheit) zum Weihnachtsfest, aus beschwörend-grünen Zweigen entwickelte sich über Jahrhunderte der beleuchtete Weihnachtsbaum. Entsprechend wurden auch alte Sonnenkulte wie Sol Invictus in das Christentum aufgenommen, der Auferstehungstag als Sonn-tag trat in den meisten Traditionen an die Stelle des jüdischen Schabbat.

Der zum Weihnachtsfest führende Monat Advent (lateinisch “Ankunft”) wurde damit auch zum Beginn des Kirchenjahres und auf der nördlichen Hemisphäre zunehmend zu einer Beschwörung des Lichtes gegen Kälte und Dunkelheit. Um 1839 bastelte der Theologe Johann Hinrich Wichern (1808 – 1881) für die ihm anvertrauten Waisenkinder im “Rauen Haus” den ersten Adventskranz – der sich seitdem um den Globus ausbreitet.

Auch der Islam steckt voller Lichtmetaphern, aufgrund des “wandernden” Kalenders bewegen sich jedoch die islamischen Feiertage je durch das gesamte Jahr. Im Hinduismus gehört das Kerzenanzünden nicht nur zu Opferritualen, die Feuer-und-Licht-Gottheit Agni kann auch selbst angebetet werden.

2013 ist “Thanksgivukkah”!

Doch in diesem Jahr geschieht in den USA etwas sehr Seltenes: Der erste Tag von Chanukka und dem amerikanisch-christlich-zivilreligiösen “Thanksgiving” (Erntedank, in Erinnerung an ein Freundschaftsmahl zwischen Indianern und Pilgervätern um 1621) fallen zusammen. Und selten ist hier selten – der Quantenphysiker Jonathan Mizrahi (New Mexico) hat errechnet, dass diese Überschneidung erst in 79.811 Jahren wieder auftreten wird (wenn die Kalender nicht immer mal wieder reformiert werden).

Eine jüdisch-amerikanische Acapella-Gruppe hat daher zu “Thanksgivukkah” ein Medley aus dem Lied “Simple Gifts” der christlichen Shaker und dem jüdischen Chanukkah-Song “Hava Narimah” gefertigt, deren Melodie wiederum auf alte Adventslieder und biblische Verse zurück geht. Und natürlich gibt es dazu jede Menge Kerzen…

Das Radioninterview

Und hier ist es also, das RBBeins-Radio-Interview zum Thema Licht und Kerzen:

RBBeins_Lichter_Blume

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

7 Kommentare

  1. Wurde in Berlin Kreuzberg das öffentliche Feiern von Wehnachten verboten ?
    Angeblich um die religiösen Gefühle der inzwischen mehrheitlichen Moslems nicht zu verletzen .
    Wie beurteilen Sie diese Entwicklung ?

    • Als Fake – mit Forderungen von Muslimen hatten die religionsfeindlichen Vorgänge in Berlin-Kreuzberg schlicht überhaupt nichts zu tun, sondern wandten sich ebenso auch gegen islamische Traditionen. Ich denke, Sie wissen das auch und versuchen nur, an allen möglichen Stellen im Netz rechtsextremen Hass gegen Minderheiten zu schüren. Es ist wohl klar, dass ich mir vorbehalte, solchen Spam auch einfach zu löschen.

  2. Ach Herr Blume immer die alte Leier.
    Na gut als da sie eine halbmoslemische Familie haben is es nachvollziehbar.
    Die Intoleranz des Islams haben Sie bereits gut inhaliert.
    Leider

    • Euch Rassisten die Stirn zu bieten wird mir immer eine Ehre sein. Und wenn Ihr Rechtsextremen über “Intoleranz” klagt, klingt das nur komisch. Als ob ich Euch in Euren Blogs belästigen, von der Abschaffung Eurer Freiheiten träumen und über Eure Familienverhältnisse urteilen würde… Schämt Euch!

      Nein, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit egal welcher Variante verdient keine “Toleranz” – völlig egal, ob sie unter religiöser oder nationalistischer Flagge segelt. Unseren demokratischen Rechtsstaat kriegt Ihr nicht klein – wie das “bombastische Wahlergebnis” der FREIHEIT, Republikaner, NPD & Co. ja unlängst wieder gezeigt hat! Und die AfD zerlegt Ihr mit Eurem destruktiven Hass ja gerade auch noch… 😀

  3. Herr Dr. Blume wann werden Sie in Ihrem angesehenen Blog auch einmal die weltweite Christenverfolgung diskutieren ?
    Auch das ist die Natur des Glaubens (leider aber Realität), das Andersgläubige verfolgt und getötet werden.
    Dies hat nichts mit rechts, links oder Rassismus zu tun, sonder kann man in Zeitung und Fernsehen erfahren.
    Wie steht ein Mann der Religion dazu?

    • Lieber Dr. Arda,

      nett, dass Sie mich für einen “Mann der Religion“ halten – ich bin Religionswissenschaftler und bemühe mich um eine faire Erforschung und Darstellung der Religionen. Und, ja, auch das Christentum (dem ich auch selbst angehöre) hat da immer wieder seinen Platz, zum Beispiel auch in obigem Post. Dass auch Christinnen und Christen die vollen Menschenrechte wie allen anderen Menschen zustehen sollten, halte ich für selbstverständlich.

      Gerne mache ich Ihnen aber einen Vorschlag: Sie lassen sich wegen Ihrer Ängste und Verschwörungstheorien gegen Muslime therapieren und dürfen sich dafür das Thema eines Blogposts wünschen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist heilbar und Sie hätten dann auch wieder mehr Zeit für ein echtes Leben ohne Hass! Dann könnten wir uns auch gerne gemeinsam für Menschenrechte engagieren. Das wäre doch was.

      Geben Sie sich einen Ruck. Ihre Therapeutin kann mich jederzeit erreichen und bestätigen, dass Sie sich helfen lassen. 😉

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