Der Nörtener Steinhagel – ein Air Burst in der niedersächsischen Provinz?

Mente et Malleo

Am 27. Mai 1580 kam es im Gebiet um die niedersächsische Kleinstadt Nörten möglicherweise zu einem größeren Meteoritenschauer. Mehrere Chronisten berichten von dem Ereignis, allerdings sind bislang keine Funde von Meteoriten bekannt.

Air Bursts

Burg Hardenberg, vermutlich die einzige Burg Deutschlands, die von einem (mutmaßlichen) Meteoriten beschädigt wurde. Eigenes Foto.

Wenn kleinere Asteroiden mit mehreren Metern Durchmesser in die Atmosphäre unserer Erde eindringen, werden sie dabei enormen Belastungen ausgesetzt. In den tieferen und dichteren Bereichen kann es dann Aufgrund von Luftreibung und -kompression zu einem Explosion, einem so genannten Air Burst kommen.

Der Superbolide von Tscheljabinsk

Vielleicht erinnern wir uns alle noch an den 15. Februar 2013, als ein rund 20 Meter durchmessender Asteroid in der Luft nahe der russischen Stadt Tscheljabinsk explodierte. Die Explosion erfolgte in einer geschätzten Höhe von 30 bis vielleicht 50 Kilometern und entsprach einer Gesamtenergie von rund 500 Kilotonnen. Die Abschätzungen der Explosionsenergie ist in dieser Höhe allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet.

Laut der Russischen Geographischen Gesellschaft erfolgten insgesamt drei Explosionen, von denen die erste die stärkste war. Die Druckwelle der Explosion erreichte die Stadt nach 2,5 bis 3 Minuten. Sie hatte eine unregelmäßig elliptische Form mit einer Breite von rund 100 Kilometern und einer Länge von mehreren zehner Kilometern.

Noch am Boden hatte die Druckwelle genug Kraft, um Fensterscheiben und Türen einzudrücken, teilweise sogar mitsamt den dazugehörigen Rahmen. In einem Fall wurde das Dach eines Lagerhauses zerstört. Menschen wurden umgeworfen und durch herumfliegende Splitter verletzt. Allerdings wurden auch Verletzungen gemeldet, die allem Anschein nach durch den Lichtblitz ausgelöst wurden. Darunter viele Augenverletzungen, aber auch Fälle von Sonnenbrand oder ähnlichem. Es wurden in 6 Städten der Region gut 7200 Gebäude beschädigt und 1500 Menschen verletzt.

Insgesamt gut 5000 kg Meteoritenmaterial konnten nach dem Ereignis geborgen werden. Berechnungen zufolge war der ursprüngliche Asteroid knappe 20 Meter im Durchmesser groß und wog ca. 10 000 Tonnen.

Rauchspur des Superboliden von Tscheljabinsk mit der Explosionswolke, die in etwa der pilzförmigen Wolke bei erdnahen Explosionen entspricht, Entfernung hier ca. 200 km.
Alex Alishevskikh (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_Chelyabinsk_meteor_trace.jpg), „2013 Chelyabinsk meteor trace“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

Wie oft?

Wie oft passiert so etwas? Der Superbolide von Tscheljabinsk war das größte Ereignis seit dem Tunguska-Event, bei dem ein mutmaßlicher Air Burst eine große Fläche in der Steinigen Tunguska in Russland verwüstete. Seit der Verbreitung von Atomwaffen und der entsprechenden Instrumentarisierung um deren Tests zu überwachen, bekommt man einen einigermaßen guten Einblick in die Häufigkeit derartiger Ereignisse. So sollen Asteroiden wie der von Tscheljabinsk mit einem Durchmesser von gut 20 Metern durchschnittlich rund alle 60 Jahre vorkommen. Kleinere entsprechend häufiger, größere seltener.

Das Ch’ing-yang Ereignis

Der Beobachtungszeitraum ist relativ kurz. Vor dem 20. Jahrhundert werden die Berichte, wenn sie denn zuverlässig sind, seltener. So soll es im März respektive im April 1490 zu dem so genannten Ch’ing-yang Ereignis gekommen sein, bei dem ein mutmaßlicher Air Burst laut chinesischer Chroniken gut 10 000 Menschen tötete. Die Zahl der Opfer wird aber stark angezweifelt. Fest steht allerdings, dass ein Air Burst von der Größe des Tunguska Ereignisses in einer dicht besiedelten Gegend starke Verwüstungen anrichten und sehr viele Opfer fordern würde.

Ich hege ja auch den leichten verdacht, dass so manche Schilderung in alten Texten, in denen Götter ganze Städte oder Armeen strafen, auf vergleichbare Ereignisse zurückzuführen sein könnten. Das scheint mir jedenfalls weit wahrscheinlicher als irgendwelche marodierenden Aliens, die nichts besseres zu tun haben, als auf bronzezeitliche Menschen Atomwaffen zu schmeißen.

Der Nörtener Steinhagel

Nörten-Hardenberg im 16. Jahrhundert

Kommen wir zurück in die niedersächsische Provinz im 16. Jahrhundert. Nun, um genau zu sein, zum 27. Mai 1580 in das Gebiet zwischen Nörten-Hardenberg und Hardegsen. Heute fährt man meist mit dem Auto auf der A 7 oder mit dem Zug daran vorbei, von Süden aus kurz hinter Göttingen.

Im ausgehenden 16. Jahrhundert lebte man hier von der Landwirtschaft. Die Landbevölkerung war arm, der Grund und Boden gehörte meist den Adligen oder der Kirche. Das Leben war hart, die Strafen selbst bei kleineren Delikten drakonisch.

Die Reformation spaltete die Gesellschaft zusätzlich. Während die Gemeinden um Nörten sich der Reformation anschlossen, blieb Nörten selber noch katholisch, ein Umstand, der die Interpretation des Meteoritenfalls als Strafe Gottes noch zusätzlich befeuerte.

zeitgenössische Chroniken

Ein so beeindruckendes Ereignis schlägt sich auch in den zeitgenössischen Chroniken nieder, von denen ich hier drei gerne zitieren möchte.

Der Weender Pfarrer Joachim Kettler, der, wie es der damalige Brauch bei geistlichen Leuten war, seinen Namen zu Joachimum Kettler latinisiert hatte, berichtet in seiner bereits am 14. Juni erschienenen Schrift „Newe Wahrhafftige und erste Straffe Gottes“ von dem Ereignis. Er sieht darin in erster Linie eine göttliche Strafe für die reformunwilligen Katholiken Nörtens sowie einen Vorboten des Jüngsten Gerichts.

Newe/ Warhafftige/ und ernste Straffe Gottes

Druckschrift von Joachimum Kettler, Pfarrherr zu Wene bei Göttingen

Wene, 1580

Von einem sehr schrecklichen Wetter/ darin es Steine geregnet/ und an Heusern/ Früchten des Felds/ Vihe/ und sonsten vielfeltigen grossen Schaden gethan/ in dem Flecken Nörten/ eine Meyl von Göttingen/ und auff den Dörffern umbher/ den 27. Maij/ dieses itzigen Achtzigsten Jhars/ […] Da man schreibt nach der Geburt unsers einigen erlösers Jhesu Christi/ funffzehen Hundert/ und Achtzig/ den 27 tag Maij/ nach Mittage umb 2. uhr/ Da es dann vor Mittag zuvor/ und sonsten/ ein fein lieblich warm Wetter gewesen/ sich plötzlich ein grausamer hefftiger Wind erhoben/ darauff es dunckel/ sonderlich in dem flecken Nörten/ und des orts fast finster schier geworden/ hefftig hart geregnet/ schrecklich geblitzet/ vil gedonnert/ das ein jeder Mensch darüber hefftig und sehr erschrocken/ in welchem/ drey Wetter gegen einander gewesen/ und Steine geregnet/ welche die Fenster an einer seiten in dem Flecken/ und Ofen in den Stuben ausgeschlagen/ Wie im gleichen auff dem Schloß Hardenbergk/ auff welchen Steinen Angesicht nach der gestalt eins verstorbenen Menschen/eigentlich gesehen/ und vielen leuten im Lande vorher zugeschickt/ […] Dazu hats auff dem Felde/ Winter und Sommer früchte/ sehr verderbet/ sonderlich die Winter früchte für Wolbrechtshausen/ Lüttkenroda/ ohne andere gar verdorben/ das nichts uberblieben/ das Graß aus der Erden weggeschlagen/ allein ist noch zu der Sommer früchte/ eine kleine hoffnung. Die Leute so auff dem Felde gewesen/ hat es etzlichen die Haar von den Köpffen geschlagen/ das sie todtkranck heimgetragen worden sein. Das arme Vihe/ Kühe/ Schafe/ Gense/ denen hat es das Eingeweide/ gar aus dem Leibe geschlagen/ Das die Schlossen hauffen weis/ wie dicker schne gelegen/ dazu löcher in die Erde geschlagen/ so schrecklich/ wie nicht alles mag gesetzt werden. Die Winter früchte müssen die armen Leut gar umb Pflügen/ und was sie können widereinseen/ des zwar die armen leut/ wie arme irrige Schefflein nicht wissen/ wo sie aus oder ein sollen/ Was nun dieses für eine schreckliche Rutte Gottes sey/ kan ein ider Christ wol behertzigen/ und das es mehr war/ denn es leider gut/ sein der zeugnisse mehr dieser örter/ denn zu viel.

Bericht in den Göttinger Annalen

Von den Anfängen bis zum Jahr 1588

Chronist: Franciscus Lubecus

Den 27. Maii ist ein hart ungwitter aufkommen zwischen zweien und dreien nach mittage, so auch sehr und merklichen schaden gethan mit schloten und hagelsteinen; ist von Hardegesen, Bernsen, Hefensen, Steine, Northen, Levershusen, Rudolfs- und Geueldighusen, Lyndaw, den steech sonders vor Northen all vorhagellt, in Northen, do der westwint auf die fenster gedroffen, bienach all aus-geslagen, die jungen gosselen vill gedothet, den junkern von Hardenberg furnehmlcih vil schaden.

Bericht in Bangen´s Thüringischer Chronik

Mühlhausen und Erfurt, 1599

Denselbigen Tag/ 27. May 1580/ ungefehr umb 2. uhr nach Mittage/ ist ein erschröcklich Wetter im Flecken Nörten/ zwischen Göttingen unnd Nörtheim gelegen/ gewesen/ darauß drey grosse Wetter worden/ hat grosse Steine/ als die Feuste und Hünereyer geworffen/ an Häusern/ Früchten deß Feldes/ Vieh und sonsten grossen merklichen schaden gethan/ hat in etlichen umbligende Dörffern die Ofen in Stuben und Fenster zerschagen/ Deßgleichen auch auff dem Schlos Hardenberg/ und sind auff denselbigen Steinen (welcher die Leute viele auffgehaben/ und noch heutiges Tages zeigen können( Menschen Angesichte gewesen/ mit dicken Krollen umb den Hals/ etliche wie Türcken Köpffe mit Türckischen Bünden oder Hüten gesehen. Dieser Steinhagel hat die Winterfrüchte vor Walbrichtshausen und Lutkenroda ganz und gar verderbet/ daß die Leute dieselbige alle umbpflügen müssen: Dem Viehe/ Kühen/ Schaffen/ Gensen/ hat es das Eyngeweide aus dem Leibe geschlagen: und sind solche Steine/ wunders halben an andere frömbde örter geholet und verschickt worden/ in massen der Druck davon außgangen/ unnd durch Er Joachim Kettler Pfarherrn zu Wene bey Göttingen erkleret und außweiset.

Interpretation aus heutiger Sicht

Auch wenn aus den Chroniken der Wunderglaube der damaligen Zeit unschwer herauszulesen ist, kann man sicher einige interessante Dinge daraus ableiten.

Zum einen sind mit einiger Sicherheit unter der betroffenen Bevölkerung Verletzte und möglicherweise sogar Todesopfer zu beklagen gewesen. Der Explosionsblitz, der Donner und die Druckwelle, die wir auch von dem Ereignis von Tscheljabinsk her kennen, wurde von den zeitgenössischen Chronisten als Gewitter interpretiert.

Kettler und auch die Thüringer Chronik berichten von Steinen, die vom Himmel fielen. Der Thüringer Chronik zufolge, wurden diese auch noch gut 19 Jahre nach dem Ereignis herumgezeigt. Es besteht durchaus die Hoffnung, dass einige dieser als Kuriositäten bewahrten Steine vielleicht bis in die heutige Zeit irgendwo überdauert haben, denn bislang fehlt der harte Beweis für eine Meteoritenbeteiligung an dem Ereignis.

Die Schmelzkruste, die sich zumindest bei einigen Meteoriten um ein heller gefärbtes Inneres bildet, kann von abergläubischen Personen leicht als menschliches Gesicht gesehen werden. Auch diese Schilderungen könnten also zu einem Meteoriten durchaus passen.

Den Berichten zufolge sollen im Westen des Streufeldes die Steine „hauffen weis wie dicker schne“ gelegen haben. Im Osten sind dagegen weniger, aber wohl dickere zu beobachten gewesen. Hier wurden neben anderen Gebäuden auch die hoch über dem Ort thronende Burg Hardenberg sowie das Schloss schwer getroffen.

Vermutlich sind die Schäden an den Gebäuden in der Hauptsache von der Druckwelle ausgelöst worden. Diese kann, wie wir im Falle von Tscheljabinsk gesehen haben, durchaus Dächer und Mauern beschädigen.

Interessant finde ich die Schilderung des Weender Pfarrers über die Verletzungen von Menschen, die sich während des Ereignisses im Freien aufgehalten haben.

Die Leute so auff dem Felde gewesen/ hat es etzlichen die Haar von den Köpffen geschlagen/ das sie todtkranck heimgetragen worden sein.

Das klingt für mich nicht unbedingt wie eine Folge des Meteoritenhagels. Vielmehr scheint es sich um Verbrennungen oder ähnliches zu handeln. Möglicherweise erfolgte die Explosion in deutlich geringerer Höhe als im Falle von Tscheljabinsk. Auch dort, ich erwähnte es eingangs, kam es zu leichten, sonnenbrandähnlichen Verletzungen. Vielleicht ist das Verderben der Feldfrüchte ebenfalls auf Hitze zurückzuführen.

Wie Kettler ausführt, habe sich „sich plötzlich ein grausamer hefftiger Wind erhoben/“. Das scheint die Druckwelle der Explosion gewesen zu sein. Sie hat Türen und Fenster der Gebäude eingedrückt und die in den Gebäuden stehenden Öfen beschädigt zu haben. Eventuell sind auch die geschilderten Verletzungen des Weideviehs Auswirkungen der Druckwelle.

Die geschilderte Dunkelheit könnte durch aufgewirbelten Staub der Explosionswolke und möglicherweise von den durch die Hitzewelle ausgelösten Bränden und dem von der Druckwelle aufgewirbelten Staub.

Betroffene Orte

Ungefähr von den direkten Folgen betroffenes Gebiet, nach den Angaben bei Kettler und Lubecus. Google maps

Das von der Druck- und Hitzewelle sowie vom Meteoritenfall betroffene Gebiet lässt sich durch die Orte aus der Beschreibung des Joachimum Kettler und Franciscus Lubecus eingrenzen. Allerdings hat sich die Schreibweise im laufe der Jahrhunderte ein wenig verändert. Erkennbar sind aber soweit Hardegsen (Hardegesen), Behrensen (Bernsen), Hevensen (Hefensen) Wohlbrechtshausen (Wolbrigshausen), Lütgenrode (Lütkenrode) Nörten-Hardenberg (Northen), Levershausen (heute ein Teil Nörten-Hardenbergs) (Levershusen), Rollshausen (Rudolfshusen) und Gieboldshausen (Geueldighusen), Lindau (Lyndaw). Bei Steine handelt es sichvermutlich um das ehemalige Kloster Marienstein zwischen Nörten und Lütgenrode.

Es scheint, als wenn das betroffene Gebiet einerseits deutlich kleiner als zum Beispiel bei Tscheljabinsk ist. Zum anderen werden die Folgen deutlich drastischer dargestellt und waren wohl auch schwerer. Dies könnte bedeuten, dass der Bolide in tieferen Schichten der Atmosphäre explodiert ist. Es ist aber auch anzunehmen, dass die Folgen und Schäden möglicherweise nicht alleine auf die genannten Orte beschränkt blieben.

Fehlende Metoriten

Bislang stützt sich die Interpretation der Ereignisse alleine auf den Schilderungen der Zeitgenossen. Meteoriten, die sich eindeutig dem Nörtener Steinhagel zuordnen lassen, sind unbekannt. Allerdings berichtet Bangens Chronik noch 19 Jahre nach dem Ereignis von Steinen, welche als zu dem Steinhagel gehörig vorgezeigt werden. Es besteht also immer noch eine, wenn auch geringe Möglichkeit, dass einige dieser Steine als Kuriositäten ihr Dasein in irgendwelchen Kellern, Dachböden oder anderswo fristen. Einige größere Exemplare könnten, günstige Bedingungen vorausgesetzt, auch noch in der Erde verborgen sein. Der Nörtener Geschichtsverein ist zumindest auf der Suche nach harten Belegen für den Nörtener Steinhagel.

Zusammenfassung

Auch wenn Überbleibsel des Boliden bislang fehlen, so zeichnet ein deutliches Bild. Am 27b Mai 1580, gegen 14°° ist ein kleiner Himmelskörper von Osten her in die Erdatmosphäre eingedrungen und über dem Gebiet des heutigen Nörten-Hardenberg und den umliegenden Dörfern explodiert.

Ich danke Herrn Rudolf Auth, der mich auf die Spur des Steinhagels gebracht und mit Lektüre hierzu versorgt hat.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

4 Kommentare

  1. Lieber Herr Ries, herzlichen Dank für Ihren anschaulichen Bericht über das Ereignis von 1580. – Allerdings beschreiben die Chroniken hier keinen Meteoritenschauer, sondern ein extremes Hagelunwetter, das sich zu dieser Zeit in Südniedersachsen entlud.

    Die Wortwahl in diesen Berichten stimmt dabei en detail mit anderen zeitgenössischen Berichten weiterer historischer Ereignisse überein, die uns aus den letzten Jahrhunderten vorliegen. Als “Steine” werden dabei in den Chroniken in der Regel extrem große Hagelkörner oberhalb etwa 5cm Durchmesser bezeichnet, wobei diese meist als “hühnereigroß” (>5cm) bzw. “faustgroß” (ganz extrem große Hagelsteine oberhalb etwa 7-8 cm Durchmesser) benannt werden. Das Ereignis ist hier lebhaft dargestellt als Durchzug einer Superzelle von WNW nach OSO, wie sie in dieser Region in dieser Ausprägung in den letzten Jahrhunderten mehrfach erlebt wurde. Der Vorüberzug der Böenwalze wird als Dunklerwerden bezeichnet, damit verbunden ist der abrupt einsetzende Sturm innerhalb des Gewitters und der beginnende Niederschlag (Regen/Hagel). Der Hagelschlag fällt derart intensiv aus, dass es in der Schadensspur Regionen gibt, die wie im tiefsten Winter aussehen (“haufen weis”, wie “dicker Schnee”) bzw. wie nach einem Kriegsbombardement. Der Hagel schlägt bei solchen Gelegenheiten häufig Löcher in den Erdboden: Bei dem berüchtigten Extremhagel in Österreich Anfang Juli 1897 drangen die bis über 1kg schweren Hagelsteine ca. einen halben Meter tief in die Erde ein(!).

    Es gibt zahlreiche weitere zeitgenössische Berichte aus anderen, benachbarten Regionen, in denen von derart intensiven Hagelschlägen berichtet wird. Nicht selten wurden durch die großen Hagelsteine Menschen auf den Feldern verletzt wie hier und Tiere getötet. In Deutschland kam dies regelmäßig bis etwa vor dem 1. WK vor.

    Dass die Augenzeugen solcher Extremereignisse in den auf dem Boden zusammengehäuften Hagelmassen irgendwelche Gesichter sahen, ist ebenfalls kein Wunder. Denn zu dieser Zeit hatte man keine Ahnung von naturwissenschaftlichen Zusammenhängen.
    Im übrigen dürfte Bange hier direkt aus Wene abgeschrieben haben, darauf deutet die regelmäßige Übernahme einzelner Bezeichnungen aus Wene hin. Damit dürfte auch klar sein, dass 1599 keine “Steine” mehr vorhanden waren, sondern dass sich dies lediglich auf den Umstand in Wenes Beschreibung bezieht, dass direkt nach dem Ereignis die riesigen Hagelsteine herumgezeigt wurden.

    Also: Es handelt sich hier nicht um ein überirdisches, sondern um ein meteorologisches Ereignis extremen Ausmaßes.

    Viele Grüße
    Dr. Martin Gudd

  2. Edit, der guten Ordnung halber, letzter Absatz: Bange = J. Banges Thüringische Chronik und Wene = J. Kettlers Druckschrift.

  3. Zu Tscheljabinsk:
    Welche physikalisch plausible Eigenschaft/Reaktion kann da stattgefunden haben, wenn von geschätzten 10000 Tonnen Material nur 5 Tonnen übrig bleiben?

    Was ist mit dem Rest passiert?

    “Zu Staub pulverisiert”… so kann man allenortes lesen.

    Mir erschliesst sich nicht der Zusammenhang zwischen einem Meteoriten, Gesteinsbrocken auf der Erde, und dieser fehlenden Masse, die zu Staub bei einer durch Reibung verursachten “Explosion” geworden sein soll.

    Jede Explosion hat die Grundeigenschaft, dass etwas von Innen nach Aussen schlagartig expandiert.
    Diese Grundeigenschaft passt so gar nicht zu der Ursache “Reibung” an der Atmosphäre. Reibung würde nur ein Abbrennen der Schichten verursachen. Aber keine schnell expandierende Kraft bewirken, sodass dabei Sprengkräfte, wie bei modernen Atombomben, herrauskommen würden.

    Deshalb muß es eine andere Erklärung geben, die solche Explosionen ermöglicht.

    Wenn sie von Menschen mit Sonnenbrand berichten, möge das ein Hinweis auf die physikalischen Prozesse sein, denn auf solche Energie aufgeladene Teilchen, die Strahlung im UV-Bereich aussenden, erfordern fundamentale, hochenergetische physikalische Prozesse, die nicht allein durch Reibung an der Atmosphäre entstehen können.

    Ein in der Atmosphäre verglühender Satelit, oder andere technische Objekte, explodiert auch nicht.

    Und nur Masse (also Menge der Materie) führt auch nicht zu Explosionen. Wenn man also bedenkt, dass Sateliten nur wenige Tonnen maximal wiegen, aber Meteoriten, wie Tscheljabinsk, etwa 10000 Tonnen.
    Mehr von nicht explosiven Materialien führt nicht zu explosiven Material. Auch nicht, wenn die Reibungskräfte exorbitant sind.

    Die Ursache der Explosionen steckt also woanders.

    Interessant ist immer auch, wenn man die einschlagenden Objekte klassifiziert un ihnen dann anhand der Funde auf der Erdoberfkäche beurteilt, was im einschlagenden Objekt enthalten gewesen sei.

    Diese auf der Erde im Stück gefundenen Objekte sind ja nur gefunden worden, weil sie im Stück sind. Wenn man aber die Dichte der Objekte schätzt, kommen Angaben raus, die nicht dazu passen, was man auf der Erde findet.

    Das meint hier nur, dass man aus Fellsbrocken, die man findet, nicht darauf schliessen kann, was im einschlagendem Ojekt ehemals enthalten war. Denn angenommen, es befanden sich darin ehemals Zusammensetzungen, wie sie dazu nötig wären, eine Atombombe zu zünden, dann sind all diese Bestandteile ja in der atomaren kettenreaktion physikalisch umgewandelt oder vollkommen zersetzt worden. Die Steine wären hier nur zusätzlich enthaltene Bestandteile, die von der Explosionsreaktion nicht betroffen waren.

    Und das auf der Erde nur wenige Zerfallsreihen bekannt sind, wäre auch kein Argument, weil man keine dieser Zerfallsreihe zugehörigen Elemente in den Rückständen findet. Was, wenn es sich um eine Zerfallskette handelt, die auf der Erde nicht bekannt sein kann, weil die Bedingungen hier im Sonnensystem und speiziel auf der Erde eben so sind, dass man sie in Natura nicht beobachten kann, da die dazu nötigen Elemente (Isotope oder stabile Schwerstelemente) eben auf der Erde nicht stabil existieren können.

    Oft findet man Iridium in solchen Objekteinschlägen zugeordneten Rückständen.

  4. Aus was könnte man zumindest aus der Chemie herraus berechnen, würde Iridium entstehen können, wenn man schwerere Elemente vorraussetzt, die zu Iridium zerfallen?

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