Der Bergsturz vom Eibsee – Als die Zugspitze noch über 3000 Meter hoch war –

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Bergstürze gehören zu den eindrucksvollsten und wohl auch gefährlichsten kurzfristigen Ereignissen, die der Mensch kennt. Ihre Spuren kann man, wie hier am Eibsee unterhalb der Zugspitze, auch lange Zeit nach dem Ereignis noch beobachten.

Eibsee
Der Eibsee liegt idyllisch inmitten von hohen Bergen. Neben der Zugspitze sind das auch Riffelwand und der Waxensteinkamm. Eigenes Foto, CC-Lizenz

Der gut 4,8  175 ha große Eibsee gilt als einer der schönsten deutschen Alpenseen. Mit seinem grünlichen Wasser, seiner buchtenreichen Uferlinie und direkt unterhalb der Zugspitze gelegen ist er ein beliebtes Postkartenmotiv. Wenn man auf dem Wanderweg unterwegs ist, der an seinem Ufer entlangführt, fällt einem schnell auf, wie unruhig das Relief ist. Überall liegen größere Blöcke herum und der eigentliche See weist mehrere (je nach Zählweise und Wasserstand irgendwo gegen 8 oder 9) kleinere Inseln auf.

Das eigentlich Becken des Sees entstand, als sich der Isar-Loisach-Gletscher am Ende der letzten Eiszeit zurückzog, und die von ihm ausgeschgürfte Senken mit Wasser füllte. Dieser Vorläufer des heutigen Eibsees lag in Mitten von Wäldern. Südlich des Sees erhoben sich ein (möglicherweise) mehr als 3000 m hoher Berg. Es war gegen Ende des postglazialen Klimaoptimums, als sich diese Idylle schlagartig ändern sollte. Ein gewaltiges Stück Berg zwischen der heutigen Zugspitze und der Großen Riffelwand geriet (laut Radiokarbondatierungen verschütteter Hölzer) vor rund 3400 bis 3700 Jahren in Bewegung (Hatte ich vergessen anzugeben, danke für den Hinweis @ Paul Stefan).
Das Klima spielte möglicherweise in der Auslösung des Bergsturzes eine große Rolle. Der Permafrost im Gebirge schwand und Klufteis begann aufzutauen und wieder zu gefrieren. Die Klüfte wurden dadurch erweitert und das Gestein verlor seinen halt und 350 Millionen m³ fingen an, sich zu Tal zu bewegen. Bei einer mittleren Sturzhöhe von 1400 m wurde eine Energie freigesetzt, die rund 2,9 Megatonnen TNT (oder anders gesagt 220 Hiroshima-Bomben) entspricht.

Eibsee-Bergsturz 1
Blick über den Eibsee auf die Zugspitze und das bayerische Schneekar. Die Einkerbung zwischen Zugspitze und Riffelwandspitze ist die Narbe, die der Bergsturz hinterlassen hat. Eigenes Foto, CC-Lizenz

Die Sturzmassen durchquerten das Eibseebecken hauptsächlich im mittleren und östlichen Bereich, wobei sie eine beträchtliche Flutwelle erzeugten. Das Wasser wurde ebenso wie die Seeton- und Seekreideablagerungen des Eibseevorgängers in den Massenstrom aufgenommen. Dadurch wurde die interne Reibung deutlich herabgesetzt. Nur ein kleiner Teil der Sturzmassen lagerte sich im Seebecken ab. Der Rest durchquerte das Becken und brandete an den gegenüberliegenden Hohen Seeberg. Dort lassen sich Reste des Bergsturzes bis in 1260 m nachweisen. Teilweise wurde der Höhenzug Zirmaskopf-Höhenrain überlaufen und das Loisachtal erreicht. Der Rest bewegte sich noch rund 9 Kilometer über das heutige Grainau in Richtung Garmisch-Partenkirchen.

Die mittels Georadar ermittelte Mächtigkeit der abgelagerten Massen ergab für Untergrainau noch gute 60 bis 70 m. Die Dauer des Ereignisses dürfte kaum 5 Minuten betragen haben. Danach herrschte wieder weitgehend Ruhe und statt der ehemaligen Wälder erstreckte sich eine gut 13 km² große Schuttwüste sich im Tal.

Eibsee-Bergsturz 2
Wenn man vom Zugspitzhaus Richtung Norden nach unten schaut, kann man den Eibsee im Tal gut sehen. Die Pfeile geben grob die Grenzen der Bergsturzmassen an und die Richtung, die der Sturz genommen hat. Eigenes Foto, CC-Lizenz

Das Becken des Eibsees hatte eine fundamentale Umformung erfahren. 8 größere Tomahügel und mehrere Untiefen hatten sich gebildet. Die Tomahügel aus Schutt bilden bis heute Inseln im Eibsee sowie abgeschnürte Buchten und eigene benachbarte Seen, wie z.B. den Frillensee. Der Eibsee stellt also eines der sehr seltenen Beispiele dar, in denen Untiefen und Inseln in einem See deutlich jünger sind als das eigentliche Seebecken.

Grainau
Der Felsblock vor dem Rathaus von Grainau (mit Baum darauf) stammt auch aus dem Bergsturz. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Die Korngrößen des Bergsturzes liegen zwischen der Größe von Häusern (einer dieser Blöcke befindet sich direkt neben dem Rathaus von Grainau) bis hin zur Silt und Tonfraktion. Es gibt zwar keine Hinweise, ob Menschen damals zeuge des Ereignisses waren, ich möchte es aber durchaus annehmen. Man darf ja nicht vergessen, dass die Gletschermumie von Ötzi noch wesentlich älter ist. Und die Alpenseen ebenso wie die angrenzenden Wälder dürften damals durchaus ein bevorzugter Lebensraum der Menschen gewesen sein.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

13 Kommentare

    • Hoppla, da habe ich doch glatt was vergessen einzufügen. Danke für den Hinweis. Der Bergsturz wird, wenn ich mich nicht vollkommen täusche, nach Radiokarbondatierungen verschütteter Bäume auf eine Zeit vor 3400 bis 3700 Jahren abgegangen sein.

  1. “Es war gegen Ende des postglazialen Klimaoptimums, als ich diese Idylle schlagartig ändern sollte.”

    Ach, Sie waren das also…

    (Ein geologisch interessierter Hobby-Bergsteiger bedankt sich für diesen Artikel.)

    • Auch wenn wir Geologen manchmal einen schönen Flurschadern anrichten, hier war ich doch tatsächlich mal sowas ähnliches wie unschuldig. Ich glaube, ich spendiere dem Text noch ein “s”.

  2. Gefällt mir sehr, der Artikel (wie übrigens alle von dir geschriebenen)
    Noch besser wird er mir gefallen, wenn du in der 5. Zeile unter dem 2. Bild Nur statt Dur schreibst und Teil statt teil (auch wenn es ja nur ein kleiner sein soll…)

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  5. Hallo, stimmt es, dass die Spitze der Zugspitze durch die Gletscherwanderung abgebrochen wurde und nun als großer Felbsblock an einem See in der Nähe von Benediktbeuern liegt?

  6. Erratische Blöcke können im oder auf dem Eis sehr weit reisen. Ob man aber den Ursprungsort des Blockes so genau feststellen kann, wage ich zu bezweifeln, und ob er der Gipfel des Berges war, von dem er aufs Eis gestürzt ist, erst recht.

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