Nun singet und seid froh… nicht nur zu Weihnachten!

Alle Jahre wieder– zu keiner Zeit wird so viel musiziert wie zur Weihnachtszeit. Dabei sollten wir eigentlich das ganze Jahr über musizieren – am besten mit unserem körpereigenen Instrument, der Stimme. Ein Plädoyer für das Singen.

Das Fest der Liebe

Weihnachten – idealerweise das Fest der Liebe und Harmonie. Zeit für gemütliches Beisammensein, reichliches Essen und Geschenke, den (jährlichen) Besuch bei den Schwiegereltern und in der Kirche. Dort “singen” dann selbst die “Unbegabtesten”. Dabei ist es bei den allermeisten die Übung und nicht die Begabung, die fehlt.

“Das Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen: denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können,”

wusste der weltberühmte Geiger Sir Yehudi Menuhin (1916-1999).

Singen macht glücklich und gesund

Singen ist gesund und verbindet wie nichts anderes. Singen kann uns friedlich stimmen und unsere Glückshormonproduktion ankurbeln. Stresshormone werden abgebaut. Wenn wir singen, setzen wir die Ausschüttung des “Kuschelhormons” Oxytocin in Gang.

Gemeinsames Singen verbindet uns also wie kaum etwas anderes mit anderen Menschen. Sogar mit solchen, die ansonsten eher die Stresshormone Adrenalin und Cortisol auf den Plan rufen oder mit aggressivem Verhalten einhergehen.

So wirkt bereits eine halbe Stunde gemeinsamen Singens mit einem ansonsten cholerischen Chef(arzt) wahre Wunder – bei allen Beteiligten. Ich habe dies selbst schon mehrfach und immer wieder mit Stauen beobachten können.

Vermutlich würden viele Kliniken davon profitieren, wenn nicht nur einmal im Jahr die Weihnachtsfeier, sondern auch regelmäßig die (Chefarzt)visiten singend abgehalten würden. Das wäre vielleicht auch ein gutes Thema für eine Studie; fragt sich nur, ob sich ein entsprechender Sponsor fände. Vielleicht ein Weihnachtsgebäckhersteller?

Süßer die Kekse nie schmeckten

Weihnachtszeit ist Familienzeit. Gerade für Kinder ist gemeinsames Singen wichtiger als der bloße Austausch von Geschenken und Süßigkeiten. Spiele und Lieder zählen zu den Schlüsselinstrumenten des menschlichen Lernens und zwar lebenslang.

Kinder, die ihre natürliche Fähigkeiten zu singen nicht entwickeln können, sind meist auch im späteren Leben benachteiligt. Der Neurowissenschaftler und Bestsellerautor Gerald Hüther beschreibt Singen als “Kraftfutter für das Gehirn von Kindern”. Dieser Nährstoff ist vermutlich besser als die “alljährliche Weihnachtsgans”. Von dem Gipfel der Zucker-Exzesse zur kürzesten Jahreszeit ganz zu schweigen.

Der KiGGS-Studie zufolge (Welle 2, 2014-2017) hat sich der Anteil der dicken Kinder im Vergleich zu den 1980er und 1990er Jahren um 50% erhöht. 15,4% der 3- bis 17-Jährigen in Deutschland sind übergewichtig und 5,9% adipös. Die süßen Pummelchen von heute sind die chronisch Kranken von morgen.

Kinder haben keine Lobby. Sie müssen das essen, was ihnen vorgesetzt wird. Außerdem wollen und müssen (nicht nur) Kinder sich bewegen – im Freien und nicht überwiegend mit den Fingern auf dem Smartphone oder Tablet. Selbst wenn Letzteres für die gestressten Eltern oft zunächst einmal bequemer ist. Kids begreifen durch Nachahmen. Doch wenn sie es dann endlich selbst verstehen und bestimmen können, ist es oft schon zu spät.

Wir sind also offensichtlich gerade dabei, einen riesigen Markt zukünftiger Patienten heranzuziehen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Nun singet und seid froh

Gemeinsam spielen und singen ist das Beste, was wir uns gegenseitig schenken können – egal wie alt wir sind. Übrigens nicht nur zu Weihnachten. Zu Risiken und Nebenwirkungen ist allerdings auch zu beachten, dass eine große Gruppe von (untrainierten) Menschen, die im Winter in einem unbeheizten Raum singt, atmet und hustet, auch ein erhebliches Infektionsrisiko darstellt. Da können dann selbst die in der katholischen Kirche traditionell heraufbeschworenen antiinflammatorischen Kräfte des Weihrauchs (Boswellia serrata) oft nicht mehr helfen.

Bevor man sich im Kirchenchor für das nächste Jahr bewirbt, ist das gemeinsame Singen unter dem heimischen Weihnachtsbaum “im Kreise der Lieben” vielleicht etwas sicherer. Und ganz nebenbei sogar eine gute Methode, Befindlichkeiten und alte Kriegsbeile zu begraben – selbst mit den “problematischeren” Exemplaren in der Verwandtschaft.

Sogar die an Demenz leidende Oma kann durch das Singen unverhofft wieder aufblühen. Denn auch Demenzkranke profitieren durch musikalische Beschäftigung. Therapeutisch kann und sollte dies viel mehr gezielt zum Erkennen und Bewahren verborgener Fähigkeiten genutzt werden.

Singen kann (fast) jeder!

Nur zwei Prozent der Menschen können genetisch bedingt die verschiedenen Tonhöhen nicht wahrnehmen. Die restlichen 98 Prozent können Klangfarben und Melodien erkennen. Auch Menschen, die nichts hören, können die Musik spüren. Sie fühlen den Rhythmus und können auch dazu tanzen.

Vertrauen statt Bewertung

Doch was, wenn man sich für seine ungeübte Stimme schämt? Stardirigent Benjamin Zander (Boston Philharmonic Youth Orchestra) löst das Problem der Angst vor dem Versagen auf brillante Art: In seinen Meisterklassen bekommt jeder seiner Schüler am Anfang des Semesters die Bestnote. Im Gegenzug erwartet er lediglich einen Brief, in dem sich die Studierenden aus der Perspektive in der Zukunft in einem Jahr beschreiben sollen.

Die Studierenden schreiben nieder, was sie in dem Jahr alles gelernt und getan haben, dass zu ihrer sehr guten Leistung geführt hat. Von nun an muss die Angst vor dem Versagen nicht mehr die Handlungen bestimmen, denn die gute Note ist ihnen am Ende des Jahres sicher. Die Studierenden werden dadurch frei, auch mit ihrer Seele zu spielen und Risiken einzugehen, die sie sonst nie wagen würden. Gleichzeitig verpflichtet das Niederschreiben der konkreten Handlungsweise, sich auch tatsächlich bestmöglich zu entwickeln.

Zander bevorzugt Respekt statt Bewertung. Die Vergabe der Höchstnote sieht er für die Menschen als eine

“Möglichkeit, in die sie hineinwachsen können, nicht eine Erwartung, die sie erfüllen müssen.”

Passiert dann doch mal ein Fehler, was völlig normal ist und zum Lernen dazugehört, wird dieser auch tatsächlich als Chance zelebriert. Anstatt des Vertuschens, der Suche nach einem Sündenbock oder anderen Ausreden lernen die Studierenden bei einem Fehler auszurufen: “Wie interessant!” Ich mag mir kaum vorstellen, wie viele begeisterte, positive Vorbilder es in der Welt gäbe, wenn Unterricht immer und überall so ablaufen würde…

Musik wirkt transformativ

Benjamin Zander ist nicht nur ein großartiger Dirigent und Lehrer, sondern auch ein hervorragender Redner. Sein TED-Talk über “Die transformative Kraft der klassischen Musik” ist einer der Klassiker, den jeder gehört haben sollte:

Wie viele glänzende Augen versammeln sich dieses Jahr unter den Weihnachtsbäumen dieser Welt? Ein jeder von uns kann mehr dazu tun, als er / sie vielleicht denkt.

Frohe Weihnachten und viel Spaß beim Musizieren.🎄🎼🤶🏼🎅✨👶😇

Quellen und mehr:

  • Wolfgang Bossinger: Die heilende Kraft des Singens: Von den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale und gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang. Traumzeit Verlag; Auflage: 2., kompl. überarb. u. erw. A. (1. November 2006). ISBN 9783933825612
  • Gunter Kreutz: Warum Singen glücklich macht. Psychosozial-Verlag (22. Oktober 2014). ISBN: 9783837923957
  • maybebop – Ein neues Weihnachtslied (YouTube): https://www.youtube.com/watch?v=dGCGJtv4cFE
  • Last but not least:  Y-Titty – #FestDerLiebe

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

4 Kommentare

  1. Danke für die Anregung. Als Indienheimkehrer hatte ich tatsächlich schon zwei Chorbesuche für Januar auf dem Plan.

    Etwas getrübt wird die Freude dann aber doch: Singen sei zwar gut, doch bitte nicht in einer “hochinfektiösen” Umgebung (sprich: mit zu vielen anderen Menschen). Ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass ich das überlebe.

    • Wow, Stephan, dann wird 2020 ja ein musikalisches Jahr. Ich freu mich schon auf dein erstes Konzert! 🙂 Keine Sorge – als Indienheimkehrer und Yogalehrer hast du vermutlich einen Neti-Pot, um die Zahl schädlicher Keime in deinen Atemwegen bei Bedarf verringern zu können… Ansonsten sind ein paar Mikroben – ab und an – ein gutes Training für die körpereigene Abwehr. 😉 Und Singen stimuliert ja auch das Immunsystem.*
      Schöne Feiertage und ein gutes und gesundes Jahr 2020!

      *J Kang et al. (2018): A Review of the Physiological Effects and Mechanisms of Singing.DOI: https://doi.org/10.1016/j.jvoice.2017.07.008

  2. Singen, aber auch Tanzen sind Gemeinschaftsaktivitäten und sprechen als eine der wenigen Aktivitäten Erwachsene und Kindern gleich stark an. Zitat:

    “In meiner Praxis mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Kinder regelrecht nach Bewegung und Gesang dürsten! Sie wollen sich bewegen! Sie wollen singen! Und am besten gemeinsam mit anderen. Kinder reagieren sehr unmittelbar auf Musik und es ist deutlich spürbar, wie froh sie sind, wenn sie die Gelegenheit haben, miteinander zu tanzen und zu singen.”

    Sogar die engsten Verwandten von uns Menschen, die Schimpansen, reagieren auf Tanzmusik mit rhythmischen Bewegungen ( Chimpanzees spontaneously dance to music ).
    Beim Tanzen kommt neben der Musik auch noch die Bewegungslust dazu, die wir Menschen wohl mit anderen Tieren- auch mit Schimpansen – gemein haben. Gemeinsam singen allerdings können Schimpansen wohl grundsätzlich nicht, denn sie sind von Natur aus Egoisten und damit für Chöre völlig ungeeignet.

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