Ariadne does´n´t live here any more: Ruth Zenhäusern zum Gedächtnis (1946-2016)

Ja, so will ich meinen Nachruf für dich im Labyrinth-Blog betiteln: “Ariadne doesn´t live here anymore”. Denn eine Ariadne warst du, die mir immer wieder den Roten Faden durch das Labyrinth des Lebens gegeben hat, wenn er mal verlorengegangen war.

Ist dieser englische Titel nicht etwas prätentiös?
Nein: Ist er nicht. Denn zum einen warst du des Englischen genauso mächtig wie der französischen Sprache und der spanischen und des Hochdeutschen wie des Schweizerdeutschen (im Dialekt des geliebten Berndütsch). Nicht nur beim Hören von Bluesmusik haben wir beide diese englische Sprache immer wieder gemeinsam erlebt: Mit “Sitting on the Dock of the Bay” von Otis Redding und “With a little Help from my friends” von Joe Cocker hat unsere Beziehung im Winter in Basel 1976 begonnen – und englische Songs waren sicher auch beim Kennenlernen in Malente zwei Monate davor beim Tanz-Flirt im Spiel. “This is Hip” von John Lee Hooker und viele Songs von Tina Turner und Peter Gabriel waren später starke gemeinsame Musikgenüsse, am intensivsten vielleicht am 22. Mai 2010 in Schloss Elmau das Konzert von Anoushka Shankar, der ebenfalls Sitar spielenden Tochter von Ravi Shankar.

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Abb.1: Ruth Zenhäusern (Foto © 2009: J. vom Scheidt)


“Erst wenn die Menschen von uns gegangen sind,
beginnen wir zu begreifen, wie sie gelebt haben.”
(Estelle Rodriguez)

In diesem Blog habe ich schon einige Nachrufe veröffentlicht, denen gemeinsam ist, dass sie sowohl für das Labyrinth-Thema wie für das Schreiben von Bedeutung sind, darunter ein Memorial für Hermann Kern, der so wichtig war für die Labyrinth-Forschung. Dazu die Nekrologe für Jesco von Puttkamer, Hansruedi Gehring und Wolfgang Jeschke, die für mich als Autoren hilfreiche Begleiter waren.
Nun ist es meine eigene Frau, die ich betrauere.

Was hat ein Nachruf auf meine eigene Frau, ihr Leben und ihr Tod, in dieser Umgebung eines Blogs, also eine öffentlichen Internet-Tagebuchs, zu suchen? Ist das nicht viel zu privat?
Nein, ganz im Gegenteil: Niemand in meinem Leben ist für beide Themen meines Blogs (die Labyrinthe, das Schreiben) jemals wichtiger gewesen als Ruth Zenhäusern, die am 21. Februar nach langem Leiden gestorben ist. Ich wage sogar zu behaupten, dass ich ohne sie diesen Blog nie entwickelt hätte – lebt er doch in hohem Maß von ihren Anregungen.
Ohne Ruth hätte ich nie den Ort Bürchen im Schweizer Wallis entdeckt, wo ich 2002 auf einer – buchstäblich – schrägen Wiese ein richtiges kretisches Labyrinth gestalten konnte, das man begehen kann. Dies war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens: Von der Idee zur Wirklichkeit, oder wie man heute sagt: Von der (gedachten) Virtualität zur (gestalteten) Realität.
Ohne Ruth hätte ich auch viele Ideen zum Schreiben und zu Schreib-Seminaren nicht realisiert – war sie doch die ideale Partnerin beim Entwickeln und Leiten unserer “Münchner Schreib-Werkstatt” seit 1979. Ohne sie wäre nie das dreijährige Minotauros-Projekt zum Romanschreiben möglich gewesen, das wir einige Male durchgeführt haben – und das schon im Namen die intensive Querverbindung zum Labyrinth-Thema andeutet. Es sei hier auch angemerkt, dass sie, die Kunsttherapeutin, selbst nicht nur eindrucksvolle Bilder gemalt hat, sondern auch hinreißende Texte schrieb, ernste wie zum Lachen komische (wie ihre “Lucy”-Geschichten aus der Sicht eines altklugen kleinen Mädchens).

Im Labyrinth meines eigenen Lebens war sie so etwas wie die Ariadne, die den hilfreichen roten Faden bot, um mich darin besser zurechtzufinden – diesen rätselhaften Faden, der ursprünglich wohl gar nicht rot war, aber es für mich immer gewesen ist.

Zufall Rote Zora
Der Jugendroman Die rote Zora war ihr Lieblingsbuch gewesen. Es war Zufall, dass ich es, quasi aus dem Augenwinkel, in ihrem Bücherregal entdeckte und mir die Idee kam, ihr am Krankenbett daraus vorzulesen. Wir waren etwa in der Mitte der Geschichte angekommen, als meine Frau am 21. Februar dieses Jahres starb.
Was für ein seltsamer zusätzlicher Zufall, zu entdecken, dass dieser Roman die Geschichte eines 14jährigen Mädchens erzählt, dem erst der Vater in einer Blutrachefehde ermordet wird und dann bald darauf die Mutter stirbt. Tapfer schlägt sie sich ohne Eltern durchs Leben. Ruths Eltern blieben ihr zwar lange erhalten – aber diese Zora war so etwas wie ein Modell für Ruth und wie sie selbst sich wacker durch ihr Leben kämpfte, mit großem Fleiß und großer Kreativität. Das erste Kapitel des Romans handelt sogar davon (was mich erst sehr irritierte und beinahe davon abhielt, weiter zu lesen), dass die Mutter eines Jungen stirbt und beerdigt wird. Und im Kapitel, das ich am Tag vor Ruths Tod las, wird ein Mädchen erwähnt, dessen Vater kurz zuvor gestorben ist. Eine Nebenrolle nur im Roman – aber wieder so ein Zufall.
Nun ist meine Frau selbst aus dieser Welt gegangen. Ich kannte den Roman vorher nicht. Aber ich bin froh, dass ich ihn entdeckt habe. Das Vorlesen war noch einmal etwas Gemeinsames, etwas vom „Leben teilen“, so wie wir fast vierzig Jahre lang unser Leben geteilt haben.
Und wie viele Filme haben wir gemeinsam genossen, im Kino oder zuhause als Blu-ray? Der gestiefelte Kater, dieser köstliche Animationsfilm (mit Antonio Banderas als amerikanischem Sprecher der Hauptfigur) – was haben wir darüber gelacht! Ruth hatte so manche Seite ihres Wesens mit diesem Kater gemeinsam, nicht zuletzt den Sinn für Humor.
Oder Der Duft der Frauen mit dem eindrucksvollen Al Pacino in der Rolle eines blinden Offizier, der es noch einmal so richtig krachen lassen will, bevor er sich umbringt (was er dann doch nicht tut). Ob Ruth aus diesem Film, in dem als ein berührender Höhepunkt ein wunderbarer Tango zelebrieret wird, die Anregung zu ihrem Bild mit der Sambatänzerin bekam?

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Abb.2: Die Sambatänzerin (Akrylbild: © Ruth Zenhäusern 2008)

Viele Gemeinsamkeiten – viele Verschiedenheiten – ein gemeinsames Leben
Gemeinsam war auch unser Interesse am Yoga (den wir beide schon praktizierten, lange bevor wir uns kennenlernten). Gemeinsam war unser Liebe zum Blues. Gemeinsam war die Gruppenleiterausbildung in Themenzentrierter Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn, die uns später ermöglichte, an die tausend Schreib-Seminare durchzuführen, viele davon in Ko-Leitung. Die Idee für diese unsere Münchner Schreib-Werkstatt entwickelten wir ab 1979 gemeinsam – den Firmennamen fand Ruth.
Wir kannten uns erst kurze Zeit, als ich Ruth in Zürich besuchte und dort überredete, den allerersten Film von Krieg der Sterne mit mir anzuschauen. Science-Fiction war nicht so “ihr Ding”. Dafür musste ich mit ihr einen Kongress der kurz zuvor in der Schweiz gegründeten “Organisation für die Sache der Frau (OFRA)” besuchen, wo ich mich als einer der wenigen Männer unter Hunderten engagierter junger Frauen etwas seltsam fühlt – fast wie auf einem fremden Planeten (naja). Die Rechte der Frauen und ihre Gleichberechtigung waren Ruth lebenslang ein Anliegen; in unseren Seminaren hat sie sich immer sehr nachhaltig dafür eingesetzt und in ihren speziellen Frauengruppen mit Malen und Schreiben ganz besonders intensiv. Mir half das, diesen “fremden Planeten” immer besser kennenzulernen.
Nicht nur mit diesem Engagement war Ruth so etwas wie “die rote Zora in Aktion”. Von ihrem Gespür für Sprache zeugen viele ihrer eigenen Kurzgeschichten, die sie leider nie veröffentlichte, aber in den Workshops, in denen sie entstanden, gerne zum Besten gab. Ihre Lucy-Geschichten waren hinreißend in ihrem schrägen Blick durch die Augen eines altklugen kleinen Mädchens, das man ruhig autobiographisch als Ruths Alter Ego verstehen kann.
Sie war ein Doppeltalent, nein ein dreifaches: Denn außer dem Schreiben und dem Gruppenleiten war sie noch sehr begabt im Malen, machte auch hier eine komplette Ausbildung zur Kunsttherapeutin und nützte ihre theoretischen wie praktischen Erfahrungen nicht nur in den Gruppen, sondern in vielen starken eigenen Bildern.

Das Wallis mit seinen Viertausendern
Schon bald nach unserem Kennenlernen machte sie mir eines der größten Geschenke: Sie zeigte mir die Heimat ihres Vaters, das Oberwallis mit seinen imposanten Viertausendern, das wir uns auf vielen Wanderungen entlang der berühmten Wasserleitungen (Suonen) und auf den berühmten Höhenwegen kreuz und quer, Tal für Tal erwandert haben. Wie passend, dass der Ortsteil von Bürchen-Zenhäusern ein Weiler war, der den Namen ihrer Familie auf der Vaterseite trägt (und abgeleitet ist von “Zu den Häusern”). Dort führten wir später jedes Jahr einen Workshop “Wandern und Schreiben” durch, der sehr begehrt war.

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Abb.3: Auf dem Höhenweg von Bürchen zur Brandalp – entlang der Wasserleitung – mit Blick aufs Rhonetal (Foto:  © 2002 J. vom Scheidt)

Auf einer Bergwiese legten wir zusammen mit einer Schulklasse ein buchstäblich “schräges” kretisches Labyrinth mit gut tausend Steinen aus, das seitdem Teil des Ortes ist. “Schräg”, weil diese Wiese in der Tat recht schräg am Hang liegt.

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Abb.4: Das Birkenlabyrinth von Bürchen – einmal “leer”… (Foto: © 2002 J. vom Scheidt)

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Abb.5: … und ein andermal “voll”, in diesem Fall mit den Schulkindern anlässlich der Einweihung am 13. September 2002 (Foto: © 2002 J. vom Scheidt)

Während man dem hin und her mäandernden Gang des Labyrinths folgt, wechselt der Anblick ständig, mit immer neuen imposanten Eindrücken wie dem auf den Fast-Viertausender des Bietschhorns.
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Abb.6: Blick vom Birkenlabyrinth auf das Bietschhorn (Foto: © 2002 J. vom Scheidt)

Dieses Labyrinth war zwar “mein Ding” – aber ohne Ruth wäre es nie entstanden. Wie oft sind wir durch dieses Birken-Labyrinth von Bürchen gegangen, du und ich gemeinsam, du und ich allein, immer wieder mit dem Blick auf das grandiose Bietschhorn.

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Abb.7: Ruth 2002, schreibend vor dem Bietschhorn (Foto: © 2002 J. vom Scheidt)

Unser gemeinsames Leben war im Grunde auch so ein Labyrinth. Erst ein Irrgarten, in dem wir uns immer wieder verlaufen haben. Dann zunehmend das eingängige Labyrinth, in dem man sich gar nicht verlaufen kann. Du warst dabei für mich so etwas wie diese minoische Prinzessin Ariadne, die über einen wundersamen roten Faden verfügte, der den Weg immer wieder finden ließ. Der Überlieferung nach hat dieser Faden keine Farbe – für mich war er immer rot, weil er für die Liebesbeziehung zweier Menschen stand – aber auch für das Gefährliche, das mörderisch Minotaurische im Leben (das dann zum Schluss so heimtückisch zugeschlagen hat).
Noch so ein seltsamer Zufall: Gleich der nächste Ort, auf der selben Hochebene, ist Unterbäch. Und was findet man über diesen Ort in der Wikipedia vermerkt?


Unterbäch wird auch das „Rütli der Schweizer Frau“ genannt, weil dort am 3. März 1957 die erste Schweizer Abstimmung mit Frauenbeteiligung stattfand. Der damalige Gemeinderat hatte beschlossen, die Frauen an einer eidgenössischen Urnenabstimmung über die Ausdehnung der Zivilschutzpflicht auf die Frauen teilnehmen zu lassen (die Vorlage wurde gesamtschweizerisch mit 52 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt).
Katharina Zenhäusern (1919–2014) war die erste Schweizerin überhaupt, die eine Stimmkarte in eine helvetische Abstimmungsurne legte. Ihr Ehemann, Gemeindepräsident und Großrat Paul Zenhäusern (1917–2002), und der Walliser Nationalrat Peter von Roten (1916–1991) waren die Initiatoren der Frauenbeteiligung. Der Medienaufmarsch war riesig, auch Reporter der New York Times berichteten vom Ort des Geschehens…

Wie diese Katharina Zenhäusern mit meiner Frau Ruth Zenhäusern verwandt war, weiß ich nicht – aber in beiden wehte sicher der selbe selbstbewusste Geist.

Das andere Geschenk von Ruth, das auch viel mit dem Wallis zu tun hat, war unser Sohn Jonas, dem ich unter anderem die Idee und manches Detail zu meinem Buch Das Drama der Hochbegabten verdanke.

Viele interessante Reisen 
Wir machten viele interessante Reisen: nach Israel, nach Irland, nach Tunesien. Und machten wir nicht auch unzählige, vielleicht noch interessantere Reisen in die Innenwelten der vielen Seminarteilnehmern, wie sie in unzähligen Texten sichtbar wurden – auch in unseren eigenen?
2009 dann unsere letzte große Fernreise: Nach Kreta, der Insel, die du so geliebt hast. Damals wurde die sich anschleichende Krankheit erstmals richtig sichtbar. Dieser mörderische Morbus Parkinson ist doppelt tückisch, weil er nicht nur den Körper zunehmend lahmlegt, sondern auch den Geist. Was er nicht zerstört, ist die Seele: Bis zuletzt war Ruth die Person, die mir so lange vertraut gewesen war.
Der Kabarettist Otti Fischer, ein prominentes Parkinson-Opfer, sagte einmal wörtlich, dass er seine öffentlichen Auftritte beenden musste, weil es ihm zunehmend schwerfiel, den “roten Faden” beim Denken und Sprechen zu finden. So ging es auch Ruth – weshalb sie sich vor etwa zwei Jahren aus der Seminararbeit zurückziehen musste.

Icara und Mick Jagger
Eine Phase im Leben meiner Frau, die kaum jemand kennt: Sie war einige Jahre Stewardess bei der Swissair. Die Ausbildung machte sie etwa 1965. Eine Episode aus jener Zeit, die viel über sie aussagt (und mit der sie mich mächtig beeindruckt hat:) Einmal war einem Passagier die Brieftasche heruntergefallen, auf den Mittelgang. Ruth sah sie liegen und hob sie auf. Dieser Passagier war Mick Jagger von den Rolling Stones – und er war nicht sehr freundlich zu ihr. Grummelig bestellte er einen “Salat mit Garnelen”.
Gut geschult wie sie als Stewardess war, ging Ruth in die Kombüse und holte den Salat. Aber bevor sie ihn servierte “fraß ich rasch die Garnelen herunter” (O-Ton Ruth). Sie servierte den Teller mit der Bemerkung, die Garnelen seinen leider aus.

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Abb. 8: Die Ausbildungsklasse bei der Swissair 1971: Vorne in der Mitte Ruth Zenhäusern (Foto: © Archiv J. vom Scheidt)

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Abb. 9: : Warum wohl hat man diese Frau genau in die Mitte und ganz vorne hin gestellt? (Ausschnittvergrößerung – Foto: © Archiv J. vom Scheidt)

Spielplatz für blühende Phantasie und großartige Kreativität
Ruth hat von ihren Talenten nie groß etwas hergemacht – der “Spielplatz” für ihre blühende Phantasie und großartige Kreativität waren die kleinen Gruppen der Seminare und die Malfrauen (wie sie diese Projektgruppe nannte, bei der sie viele Monate mitmachte).
Sind ihre Lucy-Geschichten der verschmitzte Ausdruck ihrer mehr kindlichen (und gleichzeitig dadurch überaus erwachsenen) sprachlichen Phantasie – so kann man in ihren Aklrylbildern eine ganz andere, wildere und zugleich düstere Seite ihrer Persönlichkeit kennenlernen und ihre sprühende Lebenslust – für mich am deutlichsten in ihrer Sambatänzerin und ihrem Wilden Vogel (s. unten)
Was für ein Jammer, dass sie nie den Ehrgeiz hatte, diese Bilder auszustellen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen!
Was für ein reiches, buntes Leben, das nun zu Ende gegangen ist.

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Abb. 10: Katzengesicht (Akrylbild: © 2013 Ruth Zenhäusern)

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Abb.11: Wiedehopf (Akrylbild: © Juli 2014 Ruth Zenhäusern)

“Sieht doch gut aus”
Am letzten Tag ihres Lebens, wieder so ein Zufall, wollte ich Ruth gar nicht im Pflegeheim besuchen, wo sie der Umstände halber ihre letzten anderthalb Jahren verbringen musste. Ich wusste, dass sie am Nachmittag Besuch von einer Freundin bekommen und danach, wie meistens in diesen schweren Monaten, sehr erschöpft sein würde. Außerdem war ich mit einem befreundeten Ehepaar verabredet, das nur wenige Tage zu Besuch in München war. Aber dann raffte ich mich doch auf, Ruth zu besuchen. Ich wollte ihr noch ein wenig aus der Roten Zora vorlesen. Aus dem Vorlesen wurde dann nichts mehr. Sie war gerade mit dem Essen fertig, als ich kam. Es gab einem kleinen Dialog mit nur drei Sätzen. Das war unser letztes Gespräch:
“Schau mal, mein Kopf”, sagte sie.
“Ah, Birgitta hat dir die Haare geschnitten!”
“Ja, mit der Nagelschere – sieht doch gut aus.”
Dann wollte sie, dass ich ihr half, sich aufs Bett zu legen. Sie war sehr erschöpft. Sie wollte noch etwas sagen – aber ihr Mund konnte die Worte nicht mehr formen. Eine Viertelstunde später hörte ihr Herz zu schlagen auf. Ganz friedlich glitt sie aus dem Leben.
Im Nachhinein kommt mir dieser letzte Satz wie eine Überschrift über ihr ganzes Leben vor:
“Sieht doch gut aus”

Das Wilde und das Düstere
Das folgende Bild malte Ruth in Zusammenhang mit dem Tod ihres Vaters im September 2002. Vater und Tochter hatten, wenn auch gut versteckt, eine wilde Seite ihres Wesens, die hier eindrucksvoll zum Ausdruck kommt.

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Abb.12: Wilder Vogel (Akrylbild: © 2002 Ruth Zenhäusern )

Gemeinsam alt werden
Bald nach unserem Kennenlernen machte sie mir 1977 bei einem Abendessen das schönste Kompliment und die großartigste Liebeserklärung, die man sich wünschen kann. Sie sagte spontan: “Ich möchte mit dir zusammen alt werden.” Sie stellte sich dabei vor, dass wir dann mit vielen Fältchen und Runzeln wie geschrumpfte Äpfel aussehen würden. Dass eine tückische Krankheit ein ganz anders Alt-Werden für sie (und damit auch für mich) bereithalten könnte – das haben wir damals nicht bedacht. Aber es tröstet, dass es bis zum Durchbruch der Krankheit ein überaus reiches und erfülltes Leben war. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen:
Sie wurde am 29. November 1946 in Erlenbach im Simmental im Berner Oberland geboren.
Sie lebte fast siebzig Jahre in London, Barcelona, Paris, Basel, Zürich und zum größeren Teil, fast vier Jahrzehnte, in München. Geistig war sie überall in der Welt zuhause.
Sie starb am 21. Februar 2016 um 19.10 Uhr in München-Schwabing.

Bei der Trauerfeier am 18. März 2016 in der Aussegnungshalle des Münchner Nordfriedhofs wurden diese drei Musikstücke gespielt:
“Sitting on the Dock of the Bay” von Otis Redding,
“Orgäl 4” (Orgelmeditation Ruth zum Gedenken) von Jonas Zenhäusern,
mp3-Version zum Abspielen demnächst
“This is hip” von John Lee Hooker.
Die Idee dabei war, das Traurige des Anlasses (das sehr treffend von Otis Redding besungen wird) mit dem optimistischen Schwung von John Lee Hooker zu verbinden, der den Trauergästen (und mir) den Abschied erleichtern sollte – ähnlich wie in der wunderbaren “New Orleans Function” von Louis Armstrong, die so todtraurig getragen beginnt – um dann in einen schwungvollen Marsch überzugehen.
Die Verbindung zwischen den beiden Blues stellt ein meditatives Stück unseres Sohnes Jonas dar:

Das sonnige Wetter dieses Tages passte wunderbar zu allem und nahm dem Gang zur Urnenhalle ein wenig die Schwere dieses Tages.

Gute Reise, Ruth, wohin auch immer die nun führt!
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Abb.13: In der Aussegnungshalle des Nordfriedhof München – anlässlich der Trauerfeier für Ruth Zenhäusern am 18. März 2016 (Foto: © 2016 Lilo Mayr)
(Im nächsten Beitrag erzähle ich von der Entstehung und Entwicklung unserer Münchner Schreib-Werkstatt, die es ohne Ruth so nie gegeben hätte.)

Quellen:
Brest, Martin (Regie): Der Duft der Frauen. USA 1992 (Universal Pictures).
Hooker, John Lee: “This is Hip”. Enthalten in der CD Mr. Lucky. Deutschland 1991 (Blue Rose Productions).
Held, Kurt: Die rote Zora. (1941) 24. Aufl. Aarau 1982 (Sauerländer).
Redding, Otis: “Sitting on the Dock of the Bay”. Enthalten in der CD Sitting on the Dock of the Bay. New York 1968 (Atlantic Records).
Miller, Chris (Regie): Der gestiefelte Kater (Puss in Boots). USA 2012 (Dreamworks).
Scheidt, Jürgen vom und Ruth Zenhäusern: Alleinsein als Chance. München 1990 (Mosaik).
Scheidt, Jürgen vom und Ruth Zenhäusern: Wege aus der Einsamkeit. München 1984 (Heyne TB)
Shankar, Anoushka: Live at Carnegie Hall. New York 2011 (Angel Records)
Zenhäusern, Ruth: Kunsttherapie und Kreatives Schreiben (Abschlussarbeit als Kunsttherapeutin bei der APAKT). München 2000 (Selbstverlag)

Post 297 / JvS #1057 / SciLogs #1412 / Aktualisiert: 14. April 2016/17:26 (28. Februar 2016) / v 1.4

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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